Unerwartetes Wunder im Heiligen Land

Clifford May, The Washington Times, 2. Dezember 2015

Vor dreißig Jahren warnte Boutros Boutros-Ghali, ägyptischer Politiker und Diplomat, der 1992 UNO-Generalsekretär werden sollte, vor kommenden Kriegen im Nahen Osten. Seine Vorhersage war korrekt, aber bei der Ursache lag er falsch. Was ihm hätte Sorge bereiten sollen, war der Aufstieg extremistischer Bewegungen innerhalb der islamischen Welt. Was ihm stattdessen Sorge macht, war Wasser.

Das war ein Thema, zu dem er und andere Persönlichkeiten globaler Autorität regelmäßig zurückkehren würden. Ihre Lösung? Vor zehn Jahren drängte Herr Boutros-Ghali in einem Interview mit der BBC „die internationale Gemeinschaft eine faire Teilung des Wassers zwischen den Staaten sicherzustellen“.

Glücklicherweise gab es Leute, die das anders sahen. Sie stimmten zu, dass ohne sauberes und reichlich vorhandenes Wasser arme Menschen arm bleiben und wachsende Staaten zu wachsen aufhören würden. Sie glaubten aber nicht, dass die Antwort darin bestand transnationale Bürokraten zu ermächtigen eine knappe Ressource entsprechend der eigenen Vorstellung von Fairness aufteilen. Die Alternative: die Ressource weniger knapp machen. Macht sie reichlich vorhanden.

Unmöglich, sagen Sie? Es gibt nur eine bestimmte Menge Wasser? Das ist ein Nachfrageproblem, also kann es keine Vorsorgelösung geben? Unter denen, die solch konventionelles Denken nicht schlucken, waren innovative israelische politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler und Ingenieure. Die Ergebnisse ihrer andersdenkenden Bemühungen sind heute klar zu sehen. Gehen Sie an einen beliebigen Ort in Israel – das zum Großteil aus Wüste besteht und dessen Rest halbtrocken ist – und drehen Sie einen Wasserhahn auf: Es wird sauberes Wasser, das ohne Probleme getrunken werden kann, herausfließen.

Das ist ein Wunder – auf einer Stufe damit Wasser in Wein zu verwandeln. Die vollständigste Erklärung dafür, wie das Wunder erreicht wurde und was es für die Welt bedeuten könnte, ist Thema eines neuen Buchs von Seth Siegel: Let There Be Water: Israel’s Solution for a Water-Starved World (Lasst Wasser da sein: Israels Lösung für eine nach Wasser dürstenden Welt).

Er berichtet, wie israelische Führungspersönlichkeiten seit den frühesten Tagen des modernen jüdischen Staats Wasser zur höchsten Priorität gemacht haben, die nur hinter der Verteidigung des eigenen Volks vor denen, die geschworen haben es ins Meer zu treiben, auf Platz zwei steht. Das führte zu Innovationen, von denen einige sehr bekannt sind, so die Tröpfchenbewässerung, mit der man die Wüste mit relativ geringen Mengen Wasser erblühen lässt; außerdem einige profane, aber notwendige Maßnahmen wie Einsparung, umfangreiche Aufbereitung und Recycling. Und in den letzten Jahren sind dank der Entwicklung kosteneffektiver Methoden Meerwasser – dasselbe Meerwasser, in dem die Feinde der Israelis sie zu ertränken hofften – in Süßwasser zu verwandeln enorme Schritte zustande gekommen.

Teil der entscheidenden Durchbrüche: „Umkehrosmose“, insbesondere die Entwicklung einer „Membran, die Löcher in Nanogröße hat, die groß genug waren reines Wasser durchzulassen, aber klein genug, um Salzpartikel und andere gelöste Minerale zu blockieren“.

Ilan Cohen, ehemaliger Top-Berater zweier israelischer Premierminister, betrachtet dies als einen historischen Paradigmenwechsel: „Heute leben wir in einer Zeit wie am Beginn der Landwirtschaft“, sagte er Siegel. „Der prähistorische Mensch musste dahin gehen, wo Lebensmittel waren. Heute ist die Landwirtschaft eine Industrie. Bis vor kurzem mussten wir dahin gehen, wo das Wasser war. Das ist nicht länger nötig.“

In einer rationaleren Welt wäre Israel in der Lage seine Hydro-Alchemie zur Wiederbelebung des todgeweihten Friedensprozesses zu nutzen. Von 1948 bis 1967 herrschte Jordanien in der Westbank. Dann schloss sich Jordanien arabischen Ländern in einem Krieg an, der Israel von der Landkarte wischen sollte. Israel siegte und eine Folge war Israels Besetzung der Westbank. An diesem Punkt, notiert Siegel, „hatten nur vier der 708 Städte der Westbank fließendes Wasser“. Heute haben 96 Prozent der wachsenden Bevölkerung der Westbank „sauberes, sicheres Wasser, das ihnen ins Haus geliefert wird“ – und mehr als die Hälfte dieses Wassers kommt „aus Israels System“.

Was den Gazastreifen angeht, den Ägypten in demselben Krieg an Israel verlor, so wird er seit 2007 von der Hamas regiert. Nach Angaben von Siegel ist der Gazastreifen heute „nur ein paar Jahre von einer Wasserkrise unvorstellbaren Ausmaßes entfernt“.

Zu den Gründen gehören: übermäßige Abhängigkeit und übermäßiges Pumpen aus einer flachen Wasserschicht, in die Meerwasser einsickert; Tausende schlecht gebauter und illegaler städtischer Brunnen, die zulassen, dass Schadstoffe in diese Wasserschicht eindringen; umweltschädliche Landwirtschaftspraktiken, die 65 Prozent des Wassers der Enklave verbraucht; und fehlende Abwasserklärung. „Jeden Tag werden etwa 91 Millionen Liter Abwasser entweder in wachsenden Teichen menschlichen Abfalls gespeichert oder unbehandelt ins Mittelmeer verfrachtet.“

Israel liefert Wasser in den Gazastreifen, wenn auch nicht so viel wie die wachsende Bevölkerung benötigt. Es könnte mehr liefern – ebenso moderne Kläranlagen und Entsalzungsanlagen, die israelische Technologie nutzen. Sollte das geschehen, würde die Wirtschaft des Gazastreifens – und der Lebensstandard der Durchschnittsgazaner – verwandelt. Aber die Hamas ist gegen jegliche „Normalisierung“ mit Israel und zieht es vor ihre Energien in die Herstellung von Raketen und Terrortunneln zu stecken, um ihr erklärtes Ziel zu verfolgen: die Vernichtung Israels.

Blut, heißt es, ist dicker als Wasser. Statt der Herstellung des Zweiten ziehen zu viele Palästinenser das Erste vor – neuerdings unter Verwendung von Küchenmessern. Gibt es in anderen durstigen Teilen der islamischen Welt eine Chance, dass Israel, das es niemals geschafft hat „Land für Frieden“ einzutauschen, jetzt „Wasser für Frieden“ tauscht? Die Hoffnung fließt ewig.