Pro-jüdisch bei einer deutschen Tageszeitung – eine persönliche Geschichte

Manfred Gerstenfeld interviewt Daniel Killy, 7 Januar 2016

Am 15. Januar 2014 wurde ich Chef vom Dienst beim WESER-KURIER, der größten unabhängigen Tageszeitung im Bundesland Bremen. Ich war verantwortlich für die Inhalte und die Erscheinungsform der täglichen Ausgabe. Ein Hauptaugenmerk meiner Arbeit lag darin, den sehr auf die Printausgabe ausgerichteten Publikations-Modus in eine trimediale Erscheinungsform umzubauen, in der die Webausgabe, Apps und die Druckversion der täglichen Zeitung gleichermaßen wichtig sind.

Daniel Killy, ehemaliger leitender Redakteur bei Europas größter Zeitung BILD, die von der Axel Springer SE verlegt wird, ist ein jüdisch-deutsch-amerikanischer Publizist, der sich auf jüdische Themen und antisemitische Phänomene in den Medien spezialisiert hat.

Bremen ist seit vielen Jahren ein Hochburg der Palästinenserfreunde. Seit Deutschland vor 70 Jahren zur Demokratie zurückkehrte, sind die Stadt und das Bundesland von den Sozialdemokraten regiert worden. Die sozialdemokratische Linke hat in der jüngeren Vergangenheit meist eine sehr schroffe Haltung gegen Israel eingenommen; es gab eine Ausnahme: Jens Böhrnsen, der von 2005 bis Mai 2015 Senatspräsident und Bürgermeister war.

Normalerweise wird der Hass auf Israel –und die Juden – notdürftig hinter politischen Argumenten verborgen: Man sei gegen die „Unterdrückung“ und „Kolonisierung“ der Palästinenser. Bremen ist eine Bastion der BDS-Bewegung (Boykott, De-Investition und Sanktionen). Das macht es einer Zeitung praktisch unmöglich, für Israel das Wort zu ergreifen. Ich versuchte das zu ändern, indem ich eine Reihe proisraelischer Kommentare und Leitartikel schrieb. Es dauerte nicht lange, bis sich ein Proteststurm erhob. Ich erhielt anonyme Drohungen und mir wurde zugetragen, unter den Bremer Politikern sei ein Dossier herumgereicht worden, das mein Leben und meine Arbeit in Misskredit brachte. Später fand ich heraus, dass der Autor dieser naziartigen Denunziation ein ehemaliger Redakteur des WESER-KURIER war, selbst Sohn eines berüchtigten Nazi-Redakteurs.

Das war mein Willkommensgeschenk. Die Zeitung unterstützte mich anfangs sehr, und besonders der ehemalige Chefredakteur, den ich vertrat. Es wurde aber bald klar, dass mich viele beim WESER-KURIER für parteiisch hielten.

Im Juli 2014, während der Gaza-Kampagne, erreichte der Hass auf Israel auf Deutschlands Straßen seinen Höhepunkt. Ich schrieb einen sehr persönlichen Essay mit dem Titel „Wankende Werte“, in dem ich beschrieb, wie ich mich in diesen Zeiten als deutscher Jude fühlte. Ich erhielt einige positive Rückmeldungen von Kollegen. Das obere Management jedoch reagierte mit der Anweisung, ich solle vorläufig nicht mehr über jüdische Themen und Israel schreiben, weil ich nicht neutral sei.

Mir wurde erst nach einiger Zeit klar, dass diese Anweisung Deutschlands offizieller Staatsdoktrin zuwider lief. Deutschland ist ein treuer Freund Israels und Beschützer der eigenen jüdischen Bevölkerung. Wenn einem als Journalist eine klare Positionierung zu jüdischen Themen verboten wird, ist das Ausdruck eines unverblümten Antisemitismus und kein Nachweis mediale Unabhängigkeit. Oder wäre es denkbar,, dass ein Redakteur christlichen Glaubens jemals daran gehindert würde, sich mit Deutschlands christlichen Werten zu identifizieren? Ich ignorierte die Anweisung. Zumeist leitete ich die Zeitung allein und äußerte auch weiterhin meine politischen und ethischen Ansichten zum Nahen Osten, der wachsenden Zahl der Migranten und dem klassischen Antisemitismus.

Im Dezember 2014 wurde es schlimmer. Ich hatte das erste Interview einer deutschen Tageszeitung mit Josef Schuster, dem neu gewählten Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland geführt. Ein paar Tage später traf ich zum ersten Mal den designierten neuen Chefredakteur des WESER-KURIER. Danach erhielt ich eine Email, in der er behauptete, meine Fragen stellten eher meine Position als Sprecher der jüdischen Gemeinde Hamburg denn die eines unabhängigen Journalisten. Er ließ mich wissen, dass derlei künftig nicht mehr vorkäme, sobald er Chefredakteur sei.

Ich antwortete, dass ich seine E-Mail als Beleidigung meiner journalistischen Unabhängigkeit betrachte. Am nächsten Tag erhielt ich einen offiziellen Brief des Vorstandsvorsitzenden der Bremer Tageszeitungen AG. Er und der mitunterzeichnete Personalchef, untersagten mir offiziell jegliche ehrenamtliche Arbeit als Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, da dies meine Unabhängigkeit als Journalist gefährde.

Im Januar 2015 sprach ich den Geschäftsführer auf dieses Thema an. Ich sagte ihm, dass das Schuster-Interview nach allen Medienstandards korrekt gewesen sei. Ihm war die Situation unangenehm. Gegen Ende des Gesprächs sagte er: „Herr Killy, Sie müssen verstehen, dass wir es uns als Bremens Monopol-Zeitung nicht leisten können, als pro-jüdisch wahrgenommen zu werden.“ Ich merkte an, dass diese Erklärung vielleicht siebzig Jahre zu spät komme. Er antwortete: „Nein, nein, natürlich meinte ich das nicht so.“Wie denn sonst? Er bat um Entschuldigung, falls er mich gekränkt haben sollte und sagte mir, er würde mit dem neuen Chefredakteur über das Thema reden. Es gäbe absolut kein Problem mehr, sagte er.

Sechs Wochen später wurde ich gefeuert.