Wie Obama die Realität sieht

Die Menschen in Syrien, dem Irak, Libyen, Iran und sogar Europa würden sich wohl erlauben anderer Meinung zu sein als US-Präsident Barack Obama in seine Bewertung, wir hätten großes Glück im Hier und Jetzt zu leben, in der „friedlichsten Ära der Menschheitsgeschichte“.

Boaz Bismuth, Israel HaYom, 26. April 2016

US-Präsident Barack Obama (Foto: AP)

Offensichtlich würden wir, kehrten wir ins 14. Jahrhundert zurück, in dem die Beulenpest den Globus verheerte, oder im frühen 20. Jahrhundert, als die Farbe der eigenen Haut ausreichte, um das eigenen Schicksal festzulegen, könnten wir vielleicht zu dem Schluss kommen, dass wir sehr viel Glück haben im Hier und Jetzt zu leben, in der „friedlichsten Ära der Menschheitsgeschichte“, wie US-Präsident Barack Obama sie Montag beschrieb.

Es ist jedoch völlig ungewiss, ob die Menschen in Syrien, dem Irak, dem Jemen, Libyen, Nigeria, Nordkorea und selbst auf den Straßen des Iran glauben, dass Obama recht hat. Selbst die Hauptstädte Europas wie Paris und Brüsse, die Obama so hoch schätzen, stehen derzeit unter der doppelten Bedrohung durch den Terror des Islamischen Staats und den Aufstieg der radikalen Rechten. Wir mögen den Menschen dort verzeihen, dass sie der vom amerikanischen Präsidenten zum Ausdruck gebrachten Euphorie skeptisch gegenüber stehen, der offenbar weiter der Präsident des nie da gewesenen Wunschdenkens bleiben will, bis seine Amtszeit endet. Mancher könnte sogar behaupten, dass Obamas optimistische Sichtweise von der Brille der virtuellen Realität beeinflusst sei, die er in Deutschland auf der Hannovermesse aufsetzte, der weltgrößten Industrietechnologie-Messe. Unter uns gesagt: Ich würde auch gerne eine solche Brille haben.

Obama ist nicht für alle Missstände unserer Welt verantwortlich. Eine große Anzahl der Konflikte in der heutigen Welt hat er geerbt. Es kann aber kaum gesagt werden, dass er viele davon gelöst hätte. Es ist auch schwer zu argumentieren, dass er die Entstehung neuer Konflikte verhindert hätte, wie denen hier im Nahen Osten und dem zwischen der Ukraine und den Russen, trotz des „Reboots“ der Beziehungen zwischen Moskau und Washington im Jahr 2009. Diese neue Ärea hätte bereits da sein sollen. In Wirklichkeit können die Beziehungen zwischen den beiden Ländern bestenfalls als die Vierte Eiszeit beschrieben werden. So ist das mit Obama. So war es auch mit seinen Prognosen zum Islamischen Staat (der „Schulmannschaft“): hochgeschraubte Hoffnungen, die zu harten Schlägen führten.

Obama ist ein Präsident mit vielen guten Absichten (möchte ich hoffen), aber da lief für ihn irgendwann etwas falsch. Der „Messias“-Präsident, der 2009 in Prag eine Reduzierung der Atomwaffenarsenale der Welt auf ein Minimum forderte, bis sie eines Tages ganz verschwinden würden, reagierte nicht, als der Führer eines Landes (Syriens Bashar Assad) bei mindestens 14 Gelegenheiten Chemiewaffen gegen ein eigenes Volk einsetzte. Er unterschrieb sogar einen Atomdeal mit dem Iran, Assads Verbrecher-Komplizen. Der in Wien unterzeichnete Deal heißt den Iran sogar im Club der Atomstaaten willkommen, dem er sich anschließen wird, bevor der kleine Prinz George, der süße Hosenmatz, den er am Wochenende in London traf, 18 Jahre alt wird. Der Iran ändert sich nicht; er wird nur stärker. Aber die Nachbarn der Islamischen Republik sollten nachts gut schlafen, denn dies ist „die friedlichste, wirtschaftlich erfolgreichste, fortschrittlichste Ära der Menschheitsgeschichte“ und es ging uns nie besser.

Ehrlich gesagt lebt Obama in einem Film, in dem wir alle mitspielen. In diesem, seinem Film ist jeder der Gute, jeder liebt jeden und am wichtigsten: Jeder hat eine richtig gute Krankenversicherung. Obamas Wirklichkeit ist genauso wie die Krankenversicherungsreform, die er den Amerikanern aufzwang: in der Theorie wunderbar, aber im realen Leben alles andere als toll. Vielleicht ist das der Grund, dass 83 Senatoren ihn aufforderten die Verteidigungshilfe für Israel zu erhöhen – weil die Welt kein sichererer Ort wird, auch wenn der Hunne Attila nicht mehr auf ihr weilt.

Obama hat die Tendenz große Hoffnungen aufzubauen. Erinnern Sie sich an das Affenspektakel seiner Rede von Kairo? Erinnern Sie sich, was danach passierte? Es ist möglich, dass Obamas Worte in Hannover am Montag es schafften sogar Hosni Mubarak auf die Füße zu schnipsen. Mehr als 80 Millionen Ägypter können sich nicht an solche Ruhe erinnern.

Die Wahrheit sieht so aus, dass Obama ein Präsident mit außergewöhnlichen Fähigkeiten ist. Er hat es sogar geschafft die mythisch unerschütterlichen Briten zu irritieren. Die Intervention des amerikanischen Präsidenten in die Innenpolitik des Landes, indem er die britischen Bürger aufforderte gegen den Austritt aus der EU zu stimmen, hat nicht nur die Briten erbost, sondern nach laut Umfragen die Zahl derer erhöht, die einen solchen Austritt befürworten.

Rund 400.000 Syrer sind in ihrem eigenen Land abgeschlachtet worden. Seit dem Zweiten Weltkrieg ist Europa nicht mehr von so vielen Flüchtlingen und Migranten überflutet worden. Ebenfalls seit dem Krieg hat die radikale Rechte in Europa keine solche Herausforderung mehr dargestellt. Die Bedrohung durch Terror ist nie so greifbar gewesen wie die heute durch den Islamischen Staat bestehenden Bedrohung. Und die Stagnation, die derzeit die europäischen Märkte bedroht, ist nie so übel gewesen.

Aber keine Sorge, obwohl wir an vielen Orten des Globus am Abgrund der Hölle stehen dürften, könnte wir nächstes Jahr – Gott behüte – einen großen Schritt nach vorne tun – unter anderem wegen Obamas Hinterlassenschaft.

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