Wer bin ich?

Paula R. Stern, A Soldier’s Mother, 6. Mail 2016

Die Sache mit Kommentaren auf einem Blog ist die, dass der Blogeigner eine Reihe an Auswahlmöglichkeiten hat. Die erste ist die, ob er Kommentare unmoderiert zulässt. Als Israelin kann ich sagen, dass kein israelischer Blog und wenige jüdische Blogs frei von Störmanövern sind und für die meisten deshalb die erste Wahl offensichtlich ist – wir moderieren alle Kommentare.

Die zweite Wahl ist: Wie geht man mit Kommentaren um, die weniger als schmeichelhaft sind, entweder zu den Kernthemen, die man vorlegt oder gegenüber eine Haltung, die man einnimmt. Mehr als einmal habe ich Leute gehabt, die mich wütend fragte, warum ich ihre Kommentare nicht durchlasse – und die Antwort ist immer dieselbe: Wie ich es nicht muss, das ist mein Blog, mein Leben und ich präsentiere ihn, wie ich lebe. Nehmt ihn so, lasst ihn, liebt ihn, hasst ihn – es ist meiner.

Manchmal lasse ich Kommentare zu und dann antworte ich darauf; manchmal überlasse ich es anderen darauf zu antworten. Manchmal entscheide ich mich, sie gar nicht freizuschalte – das ist mein Recht.

Manchmal poste ich sie, wie diesen: Mahmood Says…

Manchmal lege ich sie alle zusammen… wie hier: Comments on Comments…

Vor ein paar Tagen postete ich Six Million Tears. Heute schickte mir Anonymus #478 (oder ist es #479?) dies:

Als freiwillig in Deutschland lebender Jude frage ich Sie: Wer sind Sie, dass Sie ein ganzes Volk verurteilen? Wer sind Sie, dass Sie ihnen Vergebung absprechen, sie für immer verdammen? Meine Familie blutete und litt und starb hier; und doch sind wir immer noch hier. Und wir haben uns entschieden niemals zu vergessen, sondern Zukunft und Hoffnung zu finden. Wer sind Sie ein Urteil fällen? Sie sind nicht G-tt!

Ich schaltete den Kommentar frei und fand, ich bräuchte mehr Platz um zu antworten, also mache ich das hier.

Sie sagen, Sie sein ein freiwillig in Deutschland lebender Jude. Ich gebe zu, dass das eine Wahl ist, die ich nicht verstehe und ich möchten Ihnen dort alles Gute wünschen. Ich werde für Ihre Sicherheit beten, den ich habe viele Zweifel und Bedenken zu Juden, die in Europa leben.

Sie fragen mich, warum ich ein ganzes Volk verurteile. Ich werde ehrlich sein und sagen, dass es nicht so ist, dass ich sie alle verurteilt habe, im Gegenteil; es sind ihr Tun, ihre Entscheidungen. Wenn sie für alle Zeit verurteilt sind, dann bezweifle ich, dass ich die Macht habe diejenige zu sein, die das tut.

Wer ich bin, sie zu ohne Vergebung zu erklären, für immer verdammt? Nun, das Judentum ist anders als andere Religionen. Während andere Religionen Einzelnen die Möglichkeit einräumen Gottes Vergebung zu erklären, tun wir das nicht. Wir glauben, dass es für Vergebung zwei Elemente gibt. Das erste ist Gott – wer sind wir zu glauben, dass wir Gottes Vergebung gewähren können? Ich mache das bestimmt nicht. Das zweite ist die Person oder das Volk, denen Unrecht zugefügt wurde. Ich kann den Nazis für die von ihnen begangenen Morde nicht vergeben. Die einzigen, die vergeben können, sind die Toten. Sie ermordeten die, die ihnen Vergebung hätten gewähren können. Außerdem brauchen die Vergebung derer, denen sie Unrecht angetan haben, aber nicht töteten.

Ich kann ihnen sagen, dass mein Großvater den Deutschen bis heute nicht vergab … leider vergab er sich selbst nie, dass er nicht in der Lage war in Amerika genügend Geld zu verdienen, um seine Mutter und Schwestern in Sicherheit zu bringen. Meine Schweigermutter vergab den Deutschen auch nie; schlimmer ist, dass sie ihr gesamtes Leben lang unter dem Schatten dessen lebte, was sie überlebte.

Sie sagen, Ihre Familie blutete und litt und starb dort und doch leben Sie noch dort. Würde ich sagen, was mir durch den Kopf geht, würde ich Sie einen Narren nennen. Aber mein Herz sagt mir ich sollte diplomatischer sein, verständnisvoller. Ich weiß nicht, was Sie in Deutschland hält – ist es Geld? Ist es Loyalität Deutschland gegenüber? Was immer es ist, mir ist es ein Rätsel.

Meine Familie und die meines Mannes blutete, verhungerte, wurde vergast und eingeäschert. Diejenigen, die überlebten, sammelten sich und suchten nach den am weitesten entfernten Orten, die sie erreichen konnten – Australien, Palästina, die Vereinigten Staaten. Sie wollten nach Palästina, aber die Briten blockierten das; sie bekamen einige Visa für Australien, waren aber nicht bereit sich von ihren Geschwistern zu trennen und so logen sie und sagten auch sie seien abgelehnt worden. Und als die Visa schließlich kamen, flohen sie aus Europa nach Amerika.

Sie sagen Sie werden nie vergessen, sondern entscheiden sich Zukunft und Hoffnung zu finden und ich möchte Sie dafür logen. Ich hoffe, Sie werden hart daran arbeiten Ihre Freunde und Nachbarn bilden, damit auch sie nie vergessen. Was die Zukunft und Hoffnung betrifft – ich leben ein einem Land mit beidem; wir haben sie für immer in unserem Geist und unseren Herzen.

Und schließlich fragen Sie, warum ich ein Urteil spreche – und ich sagen Ihnen, dass ich das nicht gemacht habe. Ich habe einfach gesagt, was ich denke, was ich fühlte, als ich in Deutschland war. Es war ein Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Ich empfand die Deutschen als wunderbare, interessierte, fürsorgliche Menschen. Das war für mich etwas Wunderbares. Ich ging dort in der Erwartung hin herausgefordert zu werden, mich bedroht zu fühlen. Das erste Mal, als ich einen Deutschen die Augen senken und meinen jüdischen Stern anblicken sah, fragte ich mich, was ich falsch gemacht hätte, so überaus stolz ich war ihn zu tragen. Als er seine Augen wieder hob und mich neugierig fragte: „Israel?“, fühlte ich meinen Körper sich verkrampfen, lehnte es aber in meinem Innern ab zu kneifen und antwortete trotzig: „Ja!“

Ich erwartete nicht, dass er lächelt, aber er tat es. Ich erwartete auch nicht, dass andere Deutsche neben ihm lächeln würden, aber sie taten es. Einer wandte sich mir zu und sagte „Hava nagila“ und jemand anderes sagte „Schalom aleichem“ – und auch ich lächelte.

Und so war nach Deutschland zu kommen eine Offenbarung. Es war ein langer Weg von dort, wo ich vor ein paar Jahren stand, als ich „Sie steckten sie in eine Gaskammer“ schrieb. Ich kann Ihnen heute sagen, dass ich niemals dort ankommen werde, wo Sie sind.

Und schließlich sagten Sie ich sei nicht Gott. Ich bin mir dessen sehr bewusst und behauptete nie es zu sein. Alles, was ich bin, ist eine Person mit einer Stimme und einer Meinung. Sie müssen das nicht mögen und für mich ist das in Ordnung. Aber ich werden Ihnen sagen, wer ich bin…

Ich bin die Enkelin eines Mannes, der Jahrzehnte lang litt; ich bin die Frau  eines Mannes, der seine Eltern sah, wie sie damit kämpften, was ihnen angetan wurde und was sie erlitten. Ich war gerade etwas mehr als zehn Jahre lang eine Schwiegertochter und hörte wie meine Schwiegermutter, zum ersten Mal, über den Holocaust zu sprechen begann, das Leben in den Lagern beschrieb und das Leben, dass sie davor hatten. Ich bin die Mutter von fünf erstaunlichen Israelis, von denen zwei gedient haben, von denen jetzt einer in der Armee Israels dient. Ich habe zwei Söhne und eine Tochter nach Polen geschickt, um sich dem Albtraum zu stellen in eine Gaskammer zu gehen.

Ich bin Jüdin. Ich habe in den Gaskammern von Maidanek und Auschwitz gestanden; ich habe die Öfen und die Asche gesehen. Ich bin an den Orten gewesen, an denen sie ermordet wurden; ich habe geweint, wo einige immer noch in Massengräbern beerdigt sind.

Ich in Israelin, mir für immer bewusst, dass es unsere Aufgabe ist wachsam zu sein; zu wissen, damit, sollte der Tag kommen, wie er in der Vergangenheit nur allzu oft kam, dass die Juden in Europa werden fliehen müssen, wir hier in Israel stehen, bereit unsere Türen und mehr zu öffnen, bereit unsere Söhne zu schicken. Wir sind in den Jemen und nach Äthiopien geflogen, wir haben Juden aus Russland, dem Iran, dem Irak herausgeschmuggelt… wir werden dasselbe in Frankreich und Deutschland und England tun und sogar in den USA, sollten wir es tun müssen.

Das ist es, was ich bin; das gibt mir das Recht meine Meinung zu haben. Ich wünsche den Deutschen alles Gute. Aber ich habe mit dem Holocaust gelebt und werde mit ihm leben … und folglich werden es auch die Deutschen tun.

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