Antisemitismus ist Antzionismus, ca. 1946

Norman Goda, The Times of Israel, 28. April 2016

Diesen Monat vor siebzig Jahren (Mai 1946) schloss ein Komitee aus 12 Wissenschaftlern einen 80-seitigen Bericht ab, der heute fast vergessen ist. Das Anglo-American Comittee of Inquiry Regarding the Problems of European Jewry and Palestine[1] bestand aus sechs britischen und sechs amerikanischen Mitgliedern und war ein britische Idee.

Unter dem Druck von Präsident Harry Truman, 100.000 jüdische Überlebende in Europas Vertriebenenlagern ins britische Mandat emigrieren zu lassen, schlug Außenminister Ernest Bevin ein gemeinsames Komitee vor, das das Weiße Haus umgehen sollte. Von Januar bis März 1946 hörte das Komitee in Washington, London, zahlreichen Orten in Europa, den arabischen Hauptstädten und Jerusalem Zeugenaussagen an. Bevin war sicher, dass ein Gespür für Britanniens strategische Realitäten im Nahen Osten – z.B. seine Abhängigkeit von Militärbasen und Öl – die US-Mitglieder dazu bringen würde davor zurückzuschrecken die arabische Welt zu verärgern. Um das gewünschte Ergebnis sicherzustellen halfen die Briten allerding sein globales antizionistisches Narrativ zu schaffen, das in Antisemitismus abfiel, alles im Schatten der größten Katastrophe der jüdischen Welt.

Jüdische Zeugen in Washington, London, Europa und Jerusalem wurden aggressiven Kreuzverhören durch die britischen Mitglieder des Komitees unterzogen. Es war sinnlose, argumentierten die Biten, dass die Juden die jüngste Geschichte der Pogrome oder der Schoah aufwärmen. Diese seien irrelevant. Stattdessen mussten jüdische Sprecher zeigen, wie mehr Juden nach Palästina gebracht werden könnten, ohne einen Aufruhr zu verursachen und warum die meisten von ihnen nicht einfach nach Polen, Rumänien und so weiter zurückkehren konnten. So konterte der britische Vorsitzende des Komitees, Sir John Singleton lakonisch, als Joseph Schwartz vom American Jewish Joint Distribution Committee das jüngste Pogrom in Krakau erörterte, um zu demonstrieren, dass die Juden keinen Platz mehr in Polen hatten: „Seine Geschichte zeigt, nicht wahr, dass in jedem Land, in dem es Verfolgung gegeben hat, die Menschen zurückgekommen sind.“ Selbst in Polen, fragte, nachdem er mit Adolf Bergman, einem ehemaligen Anführer des Warschauer Ghettos sprach, ein britisches Mitglied des Komitees, „ob die Spannungen durch die zurückkehrenden Juden verursacht wurden, die Rückgabe ihres Eigentums forderten“.

Ähnlich verloren britische Komitee-Mitglieder die Geduld mit Juden, die darauf bestanden, dass Palästina den Raum und das wirtschaftliche Potenzial habe, so dass Araber und Juden in Frieden leben könnten. Der Wirtschaftswissenschaftler Robert Nathan argumentierte, dass eine sachgemäß entwickelte Wirtschaft in Palästina bis zu einer Million Juden aufnehmen könnte, womit der Lebensstandard für alle gehoben würde. „Sind Sie der Ansicht“, fragte Singleton, „dass der Erwerb von mehr Land durch Juden die Freundschaft zwischen Arabern und Juden verbessern würde? … Es scheint nicht so zu sein, dass das auf eine Lösung abzielen würde.“

Mit britischen Juden war Singleton besonders hart. Er belehrte den britischen Zionistenleiter Sir Simon Marks, dass weitere jüdische Entwicklung in Palästina zu einem weiteren Krieg führen würde „und wenn das in Problemen resultiert, würde der auf Antrag der Juden eingeschlagene Kurs gefahren, glauben Sie nicht, dass … das Los der Juden ein besseres sein würde, als im letzten Krieg?“ Marks antwortete: „Es könnte nicht schlechter sein.“

Um sicherzustellen, dass die arabische Welt geeignet gehört wird, forderte das Komitee arabische Zeugenaussagen in Washington, London, Kairo, Jerusalem, Beirut, Damaskus, Bagdad und Riyadh an. Arabische Sprecher versuchten eine moralische Grenze zu überbrücken. Offenkundiger Antisemitismus musste vermieden werden. Immerhin hatten die Nazis gerade erst Rassismus diskreditiert. Stattdessen versuchten sie den Spieß umzudrehen und griffen den Zionismus als imperialistische und rassistisch-politische Doktrin an, sehr dem Nationalsozialismus sehr ähnlich sei. Die Juden aus Palästina fernzuhalten wurde damit als edle Tat der Toleranz in einer postimperialen Welt beschrieben.

Doch die imaginäre Linie zwischen Antizionismus und antisemitischen Redewendungen konnte nicht beibehalten werden. Repräsentanten des Institute for Arab American Affairs, einer 1944 in den USA gegründeten Organisation, um der dortigen sogenannten jüdischen Propaganda entgegenzuwirken, sagte in Washington aus. Princeton-Professor Philip Hitti bekundete: „Der politische Zionismus ist die widerlichste Art des Imperialismus.“ Der Direktor des Instituts, Khalil Totah, fügte hinzu, dass vom Zionismus verursachte Probleme „sich wie eine Seuche verbreitet haben, ganz so wie die Masern und wie jede andere Krankheit“. Die Anhörungen in Kairo im März 1946 wurden sorgfältiger choreografiert. Richard Crossman, ein britisches Mitglied des Komitess, erinnerte daran, dass „die Araber entschlossen waren sich nicht dem detaillierten Kreuzverhör zu unterwerfen, das wir im Umgang mit den Sprecher der Zionisten angewandt hatten. Sie wollten dem Komitee als rituellen Akt ein Statement zur arabischen Haltung geben und uns klarmachen, dass dieses Statement nicht geändert werden konnte…“ So bestand Habib Bourguiba aus Tunesien – ein Land, in dem die Nazis Juden nur drei Jahre zuvor  erfolgt und ermordet hatten – darauf, dass „es nicht an den Juden ist selbst zu entscheiden, bestimmte Argumente zu verändern, die sie innehaben, was sie manchmal für die Örtlichkeit, in der sie leben, beleidigend macht“.

Doch der Höhepunkt der Arbeit des Komitees kam in Jerusalem. Einen Großteil des März 1946 hörten die Mitglieder des Komitees Zeugenaussagen, während es durch jüdische Siedlungen und arabische Städte tourte. Sie hörten Zionistenführern wir Chaim Weizmann, David Ben-Gurion, Mosche Scharett und Golda Meir an, die alle auf eine Liberalisierung der Immigration drängten und die alle voraussagten, dass Juden und Araber in einem jüdischen Staat zusammenleben würden, während politische und wirtschaftliche Standards im gesamten Nahen Osten gehoben würden. Ebenfalls vor Ort – spirituell sowieso – war der Großmufti von Jerusalem, Haddsch Amin al-Husseini, der während des Krieges mit den Nazis kollaborierte und er jetzt in Paris im Exil lebte. Sein Cousin Jamal sagte an seiner Stelle aus. „Antisemitismus“, darauf beharrte Jamal, „ist unser tatsächliches Unheil…, denn hätte es keinen Antisemitismus gegeben … wären die Juden nicht nach Palästina gekommen.“ Er verglich Ben-Gurions Aussage damit „Hitler aus dem Jenseits zu hören“. Gefragt, was geschehen würde, sollten die Briten das Mandat aufgeben, antwortete Jamal indirekt: „Die gesamte Situation wird zu dem zurückkehren, wie sie vor dem Ersten Weltkrieg gewesen war.“ Andere arabische Sprecher spielten ihre Rolle. Ahmad al-Schuqayri, später der erste Vorsitzende der PLO, beklagte die jüdische Kontrolle der Weltmedien und -wirtschaft: „Wir haben nicht die gigantischen finanziellen Unternehmen der Wall Street in New York und der City of London, um Gewissen und Gemüter zu ködern.“ Albert Hourani, später ein angesehener Historiker, sagte, es könne keinen Kompromiss mit den Juden geben. Es dürften keine mehr kommen; die verbliebenen müssten sich als fügsame Minderheit benehmen oder das Land verlassen.

Nach drei Monaten der Reisen und Zeugenaussagen zog sich das Komitee nach Lausanne zurück, wo sie im April drei Wochen lang ihren Bericht ausarbeiteten. Er wurde am 1. Mai 1946 offiziell veröffentlicht, aber die Umrisse sickerten früher durch. Die britischen Miglieder hatten gemeinsame Empfehlungen für fortgesetzte Einschränkungen der Immigrations und die Auflösung der Jewish Agency und der Haganah erwartet. Doch die US-Mitglieder – beeindruckt von der Eindringlichkeit der jüdischen Überlebenden, jüdischer Entwicklung in Palästina und arabischer Unnachgiebigkeit – bestanden darauf, dass Trumans Aufruf zu 100.000 Immigrationszertifikate für Palästina eingelöst werden und sie drohten die Sitzungen zu verlassen und ihren eigenen Bericht zu schreiben, wenn die Empfehlung nicht gegeben würde. Um die anglo-amerikanische Einheit zu wahren stimmten die Briten wütend zu, womit sie die strikten Einschränkungen, die das Weißbuch von 1939 auferlegt hatte, beendet wurden. London verzögerte die Umsetzung mit einem Sturm der Verschiebungen, prozeduralen Anforderungen und imaginärer politischer Lösungen. Illegale Immigration und jüdischer Aufstand in Palästina intensivierten sich. Während ihr Griff auf Palästina im Verlauf der nächsten Monate bis ins Jahr 1947 geschwächt wurde, übergab London Palästina an die UNO.

Derweil ist die Arbeit des Komitees wert sich daran zu erinnern. Drei Monate lang lieferte fast jeder, der etwas mit Palästina zu tun hatte, ausführliche schriftliche und mündliche Meinungen zur jüdischen Notlage in Europa, dem zionistischen Projekt und Großmachtpolitik im Nahen Osten. Das sind in der Tat aufschlussreiche Zeugenaussagen dafür zu erahnen, wie Juden, Araber und strategisch Denkende sich den Zusammenschluss der jüdischen Frage und der Politik des Nahen Ostens im Gefolge des Holocaust selbst vorstellten. Doch der Furor, mit dem die arabische Welt den Bericht empfingen, ist ebenfalls aufschlussreich. Bei der Veröffentlichung des Berichts erhielt die GEsandschaft der USA in Damaskus anonyme Morddrohungen. Der syrische Präsident Shukri al-Quwatle entschuldigte seine Landsleute bei US-Außenminister George Wadsworth: „Wir fürchten“, erklärte er, „den großen Einfluss, der von Juden überall ausgeübt wird, besonders in den Vereinigten Staaten. Können Sie nicht sehen, dass zwar Muslime und Christen zusammenarbeiten können, es aber anormal ist, dass einer von ihnen gemeinsame Sache mit Juden machen sollte? Sie sind immer Unruhestifter gewesen; unser Koran eifert besonders gegen sie.“

Noch während gegen in Nürnberg Adolf Hitlers Untergebene verhandelt wurde, machte sich andernorts ein neuer Verschnitt aus Antizionismus und Antisemitismus breit. Alle, die ihn übernahmen, hatten ihre Gründe. Für London war die Fusion eine pragmatische Reaktion auf eine unlösbare und frustrierende politische Konstellation; für die arabische Welt erklärte er alles – oder schien alles zu erklären – von jüdischem Elen in Europa bis zu dem, was in der Rückschau, bescheidene Veränderungen im Nahen Osten waren. Dennoch hat der Zusammenfluss von Holocaust-Verniedlichung (und inzwischen -Leugnung), die Schuldzuweisungen selbst für den Antisemitismus an die Juden und die Verkleidung von antisemitischer Rhetorik in das edle Gewand des Antikolonialismus und Antinationalismus wahrhaftig tiefe Wurzeln.

[1] Anglo-Amerikanisches Komitee zur Untersuchung bezüglich der Probleme des europäischen Judentums und Palästinas

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