Offener Brief an Frau Shami Chakrabarti

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)ManfredGerstenfeld

Sehr geehrte Frau Chakrabarti,

seit inzwischen fünfzehn Jahren habe ich den Antisemitismus in seinem drei Hauptpermutationen erforscht: klassisch-religiösen und ethnischen Antisemitismus sowie das viel neuere Verbreiten von antiisraelischem Hass. Einen Teil meiner Forschungsergebnisse habe ich in zehn Büchern in englischer Sprache publiziert. Einige davon sind auch in anderen Sprachen veröffentlicht worden. In den Jahren 2000 bis 2012 bin ich der Vorsitzende des führenden Think Tanks Israels gewesen. Mein Hauptfokus liegt auf den antisemitischen Ausbrüchen im Westeuropa des 21. Jahrhunderts.

Ich nehme mir die Freiheit Ihre Aufmerksamkeit auf eine Reihe von Problemen angesichts der anstehenden Untersuchung von Antisemitismus, Rassismus und Islamophobie in der britischen Labour Party zu lenken, die von Ihnen geleitet wird. Ich richte diesen offenen Brief an Sie persönlich, da Sie gesagt haben, Sie würden die Verantwortung für den Bericht übernehmen.[1]

1. Ein Großteil der Ergebnisse einer Untersuchung von Antisemitismus hängt von der Definition ab, die genutzt wird, um diese Verbreitung von Hass zu beschreiben.

Der Bericht der britischen parlamentarischen Allparteien-Untersuchung von Antisemitismus[2] aus dem Jahr 2006 empfahl, dass „die EUMC-Definition von der [britischen] Regierung und den Strafvollzugsbehörden übernommen und unterstützt wird“. Diese Untersuchung wurde von einem Parlamentsabgeordneten der Labour Party initiiert und von einem weiteren Labour-MP geleitet. Sechs der 14 Mitglieder waren Labour-Abgeordnete.[3]

Vor kurzem übernahm die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA – Internationale Allianz für das Holocaust-Gedenken) eine identische Antisemitismus-Definition. Um das zu tun war die Zustimmung aller 31 Mitgliedsstaaten dieses zwischenstaatlichen Gremiums nötig, dessen Zweck die Förderung von Holocaust-Bildung, Erinnerung und Forschung ist.[4] Das Vereinte Königreich gehört zu diesen Mitgliedern.

2. Man kann das Thema des klassischen Antisemitismus und Antiisraelismus in der Labour Party nicht erforschen, ohne die britische Geschichte und Kultur zu erwähnen. Anfang diesen Jahres erklärte der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, dass Antisemitismus in der britischen Kultur eingebettet ist.[5] 2015 hatte er bereits festgestellt, dass Antisemitismus ein komplexes und schwieriges Thema ist; er fügte hinzu, dass er tief „in unsere Geschichte und Kultur in Westeuropa“ eingebettet ist.[6] Der – inzwischen verstorbene – führende akademische Antisemitismus-Experte unserer Genration, Robert Wistrich sprach mit mir in einem Interview ausführlich darüber, wie tief der Antisemitismus in der britischen Kultur eingebettet ist.[7]

Eine Studie der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2011 stellte fest, dass 42% der britischen Bürger im Alter über 16 Jahren glauben, Israel führe einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser.[8] Das ist eine extreme und weit verbreitete falsche Anschuldigung. Wäre das tatsächlich der Fall, dann müsste man erwarten, dass die palästinensische Bevölkerung im Lauf der Zeit fast verschwunden wäre. Die starke Zunahme der palästinensischen Bevölkerung über die Jahre ist die offensichtliche Widerlegung dieser Lüge.

3. Antisemitismus, insbesondere seine antiisraelische Version, hat eine lange, breit gefächerte Geschichte in einer Reihe europäischer sozialdemokratischer Parteien. Bereits vor mehreren Jahrzehnten beschuldigten führende sozialdemokratische Politiker Europas Israel fälschlich, es wende Nazi-Praktiken an, eine antisemitische Verleumdung. Zu diesen Politikern gehörten der französische Präsident François Mitterand,[9] der schwedische Premierminister Olof Palme[10] und der griechische Premierminister Andreas Papandeou.[11] Der Trend setzt sich heute mit viel antiisraelischer Aufstachelung – und bewusster Missachtung des Werbens für völkermörderischen Hass von Palästinensern gegenüber Juden – in sozialdemokratischen Parteien , um nur einige wenige zu nennen, in Schweden, Norwegen[12] und den Niederlanden fort.[13] Viele Experten betrachten die drittgrößte Stadt Schwedens, Malmö, als die europäische Hauptstadt des Antisemitismus. Ihr ehemaliger sozialdemokratischer Bürgermeister Ilmar Reepalu trägt einen Großteil der Verantwortung für diese Entwicklung.[14]

Ich möchte vorschlagen, dass Sie in Ihrem Bericht die Frage thematisieren, was speziell die Verbreitung von antisemitischem Hass in sozialdemokratischen und Arbeitsparteien hervorbringt.

4. Wie gesagt ist das Problem des Antisemitismus in seinen klassischen Formen und des Antiisraelismus in nicht wenigen westeuropäischen sozialdemokratischen und Arbeitsparteien habituell. Allerdings habe ich nie zuvor ein solches Ausmaß und eine solche Bandbreite an veröffentlichten Verleumdungen gesehen, wie sie gewählten Repräsentanten der britischen Labour Party zugeschrieben werden. Es ist angedeutet worden, dass Juden hinter dem 9/11 und ISIS stecken, dazu Behauptungen, dass orthodoxe Juden in Russland in Sex-Frauenhandel involviert sind. Zu „mächtigen“ Juden in den Vereinigten Staaten wurde Abscheu zum Ausdruck gebracht. Auffällig kommt zudem der Name Hitler in den Verleumdungen vor, in Äußerungen, die dafür halten, dass Hitler der Größte Mann der Geschichte sei, dass Hitler der zionistische Gott sei und dass Hitler die Zionisten unterstützte. Wegen ihre großen Zahl werde ich in diesem Brief keine vollständige Liste der Verleumdungen vorlegen.[15]

5. Es gibt starke Hinweise darauf, dass der Antisemitismus in der Labour Party nicht nur ein paar Einzelne betrifft, sondern ein viel weiter verbreitetes Phänomen ist. Gewählte Repräsentanten der Labour Party würden solch extreme antisemitische und antiisraelische Äußerungen nicht tätigen, wenn sie aus ihrer Wählerschaft erheblichen Widerstand dagegen zu spüren bekämen. Ihre in sozialen Medienplattformen geposteten Hass-Verunglimpfungen sind ihren Wählern leicht zugänglich und die Zahl solcher Posts deutet darauf hin, dass es wenig bis keinen Widerstand ihnen gegenüber gibt.

Die jüdische Abgeordnete Luciana Berger hat in Reaktion auf ihre Kritik an der Verweigerung der Verurteilung von Antisemitismus in der Labour Party tausende extremer Hass-Mails bekommen; einige davon drohten ihr mit Vergewaltigung und Mord.[16] Es scheint logisch, dass diese alle oder hauptsächlich Mitglieder und Unterstützer der Labour Party sind. Warum sollten auch Menschen, die die Labour Party nicht unterstützen, sich für MP Bergers Kritik an dieser Partei interessieren?

Eine Meinungsumfrage der Tageszeitung Times stellte fest, dass nur eines von zehn Labour-Parteimitgliedern Antisemitismus als ein Problem der Partei betrachtet.[17]

6. Da Sie die von Ihnen geführte Untersuchung auf Islamophobie erweitert haben, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass eine unverhältnismäßig große Zahl der wegen Antisemitismus Suspendierten und Beschuldigten in der Labour Party Muslime sind. Darüber hinaus scheint die extremste Verleumdung Israels, eine über Völkermord, von einer lokalen muslimischen Stadträtin getätigt worden zu sein. Es wird ihr vorgeworfen, sie twitterte, sie hoffe der Iran werde eine Atomwaffe einsetzen, um „Israel von der Landkarte zu wischen“.[18]

Es muss ebenfalls angeführt werden, dass verschiedene suspendierte Repräsentanten der Labour Party aus Bereichen mit einem hohen muslimischen Bevölkerungsanteil kommen, zum Beispiel aus der Region Bradford, in der etwa ein Viertel der Bevölkerung muslimisch ist.

Eine Reihe Studien in verschiedenen westeuropäischen Staaten zeigt, dass Antisemitismus bei Muslimen beträchtlich stärker verbreitet ist als unter der einheimischen Bevölkerung; zudem ist er oft weit extremer.

Zusätzlich sind die meisten gewalttätigen Ausdrucksformen von Antisemitismus in Westeuropa regelmäßig unter Muslimen entstanden. Alle antisemitischen Morde an Juden in Westeuropa seit dem Jahr 2000 sind von Muslimen begangen worden (Paris 2003, Paris 2006, Toulouse 2012, Brüssel 2014, Paris 2015, Kopenhagen 2015).

Es wäre eine enorme Verdrehung, sollte Ihre Untersuchung Recherchen zu Islamophobie anstellen und zu charakteristischem muslimischem Antisemitismus schweigen.

7. Ein Thema, das in den Medien kaum angesprochen wird, ist, dass es Taten gibt, die in keine formelle Definition von Antisemitismus passen, aber eindeutig in seine Peripherie gehören. Dazu gehören zum Beispiel die Legitimierung von antiisraelischen – einschließlich völkermörderischen – Terrororganisationen, Treffen mit Holocaustleugnern, politische Ernennungen von Personen, die antisemitische Verleumdungen bekunden, Antisemitismus bagatellisieren, ignorieren oder den antisemitischen Charakter von Tatsachen bestreiten, die Unterdrückung von Berichten zu Antisemitismus und so weiter. Angesichts einer Reihe von Handlungen Jeremy Corbyns ist das ein Thema, das Ihr Komitee angehen sollte.[19] Er hat in der Vergangenheit israelische Führungspolitiker als Kriminelle bezeichnet.[20] Er hat außerdem die Völkermord anstrebenden Bewegungen Hamas und Hisbollah als seine Freunde bezeichnet und es in einer Debatte mit Premierminister David Cameron im Parlament abgelehnt sich namentlich von ihnen zu distanzieren.

Die Hamas-Chartaerklärt seine völkermörderische Haltung gegenüber den Juden: „Der Prophet, Allah segne ihn und gewähre ihm Errettung, hat gesagt: ‚Der Tag des Gerichts wird nicht kommen, bis Muslime die Juden bekämpfen (die Juden töten); dann wird ein Jude sich hinter Felsen und Bäumen verstecken. Die Felsen und Bäume werden sagen: ‚Oh Muslime, oh Abdullah, da ist ein Jude hinter mir, komm und töte ihn.‘“[21]

8. Da sich Ihre Untersuchung auch mit Rassismus beschäftigt, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit auf eine selten erwähnte Form des Rassismus lenken, für den ich vor einigen Jahren den Begriff „humanitärer Rassismus“ prägte.[22] Dem rechtsradikalen Rassismus eines, sagen wir, Ku-Klux-Klan ähnlich, gründet der humanitäre Rassismus zum Beispiel darauf farbige Menschen als minderwertig zu betrachten. Die Schlüsse der beiden Typen Rassisten sind jedoch sehr unterschiedlich. Der Ku-Klux-Klan diskriminiert einen farbigen Menschen, weil er ihn als minderwertig betrachtet. Der humanitäre Rassist überlegt, dass eine farbige Person nicht voll und manchmal nicht einmal zum Teil für sein oder ihr Tun verantwortlich gemacht werden kann, was impliziert, dass er/sie minderwertig ist. In der Universalen Erklärung der Menschenrechte heißt es jedoch: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“[23] Gleiche Würde bedeutet auch, dass Menschen gleichermaßen für ihr Tun verantwortlich sind.

Ich stehe Ihnen für alle Rückfragen Ihrerseits zur Verfügung.

Hochachtungsvoll

Manfred Gerstenfeld

[1] http://www.thejc.com/news/uk-news/158247/head-inquiry-labour-antisemitism-shami-chakrabarti-reveals-she-has-joined-party

[2] Report of the British All-Party Parliamentary Inquiry into Antisemitism (London: Stationery Office Ltd, September 2006)

[3] Report of the British All-Party Parliamentary Inquiry into Antisemitism (London: Stationery Office Ltd, September 2006), Abs. 26.

[4] http://www.holocaustremembrance.com/sites/default/files/press_release_document_antisemitism.pdf

[5] religionnews.com/2016/05/20/archbishop-anti-semitism-embedded-in-british-culture/

[6] http://www.archbishopofcanterbury.org/articles.php/5492/archbishops-remarks-at-appg-antisemitism-report-launch

[7] http://jcpa.org/article/antisemitism-embedded-in-british-culture/

[8] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf

[9] http://www.nytimes.com/1982/08/11/world/begin-hints-that-mitterrand-remark-paved-way-for-terrorists-attack.html

[10] Per Ahlmark, “Palme’s Legacy 15 Years On,” Project Syndicate, February 2001.

[11] Moses Altsech (Daniel Perdurant, pseud.), “Anti-Semitism in Contemporary Greek Society,” Analysis of Current Trends in Anti-Semitism, 7 (Jerusalem: Hebrew University, 1995), 10.

[12] Manfred Gerstenfeld and Orna Orvell, “The Norwegian Government: Antisemitism and Anti-Israel Policies (2005–2013).” The Vidal Sassoon Center, Acta 37, 2015

[13] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/16474

[14] http://www.jta.org/2013/01/09/news-opinion/world/in-malmo-record-number-of-hate-crimes-complaints-but-no-convictions

[15] www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18841; http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18921

[16] www.dailymail.co.uk/news/article-3566667/Jewish-Labour-MP-speaks-vile-anti-semitic-abuse-subjected-online-bullies.html; http://www.timesofisrael.com/jewish-labour-mp-posts-anti-semitic-abuse-she-received-online/

[17] http://www.thejc.com/news/uk-news/158299/only-one-10-labour-members-believes-party-has-antisemitism-problem-poll-reveals

[18] http://www.dailymail.co.uk/news/article-3531852/Labour-councillor-20-suspended-claims-called-Hitler-greatest-man-history-latest-anti-Semitic-scandal-hit-Corbyn-s-party.html

[19] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/18910

[20] http://jewishnews.timesofisrael.com/corbyn-letter/

[21] http://avalon.law.yale.edu/20th_century/hamas.asp

[22] http://www.ynetnews.com/articles/0,7340,L-4179427,00.html

[23] http://www.un.org/en/universal-declaration-human-rights/

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