Was denken die Palästinenser?

This Ongoing War, 15. Juni 2016

Palästinensische Araber im Gazastreifen tanzen vor Freude, als sie die Nachricht vom terroristischen Massaker in einer Synagoge in Jerusalem erreicht. 18. November 2014 [Bildquelle: AP]
Außer man bemüht sich Experte dazu zu sein, kann es verwirrend erscheinen die Ansichten zu begreifen, die die palästinensischen Araber haben. Aber eigentlich ist es gar nicht so schwer das zu verstehen.

Die Schwierigkeit entstammt nicht dem Fehlen von glaubwürdigen, unparteiischen Daten. Davon gibt es eine ganze Menge und seit Jahren gründet das auf von professionellen arabischen Organisationen durchgeführten Meinungsumfragen, die solide Umfragetechniken du seriöse Wissenschaft nutzen.

Die Probleme – und davon gibt es viele – beginnen mit der Tatsache, dass Analysten dazu tendieren den palästinensischen Arabern Ansichten aufgrund der Reden prominenter Personen, Interview mit Offiziellen und (vergeben Sie uns) einem Grad an Wunsch- oder gar böswilligem Denken zuzuschreiben. Sie enden damit gewisse Dinge zu sein, die verdächtig nicht unterstützt wirken. Und diese gebündelten Äußerungen an Stimmungen neigen dazu in der Gesamtheit übernommen zu werden.

Unserer Ansicht nach ist es besser Daten zu prüfen. Wir haben in der Vergangenheit mehrere Male Umfragedaten gepostet und trotz all der wehenden politischen Korrektheit glauben wir, dass es schwer ist konkrete, auf Fakten gründende Schlussfolgerungen zu ziehen. Siehe:

Für diejenigen unter uns, die auf friedliche Beziehungen und besseres Leben für alle hoffen, die vom Konflikt betroffen sind, ist das, was die Daten zeigen, bedrückend, frustrierend, sogar abschreckend. Vielleicht ist das der Grund, dass sie so selten angeführt und so wenige beachtet werden. Aber das ist kontraproduktiv.

Hier ist die jüngste Folge.

Die aktuellen Ansichten palästinensischer Araber wurden in einer Studie erfasst, die erst vor ein paar Tagen von einer respektierten Quelle veröffentlicht wurde. Ihre Palestinian Public Opinion Poll No. 60 (Öffentliche palästinensische Meinungsumfrage Nr. 60) wurde letzte Woche vom Palestinian Center for Policy and Survey Research (PSR) veröffentlicht, dessen Leiter Dr. Khalil Shikaki ist. (PSRs frühere Befunde nehmen in diesen oben aufgeführten früheren Posts eine zentrale Rolle ein).

Diese jüngste Umfrage wurde vom 2. Bis 4. Juni 2016 in direkter persönlicher Befragung (nicht per Telefon) mit 1.2u70 erwachsenen Arabern in der Westbank und dem Gazastreifen an 127 stichprobenartig ausgewählten Orten durchgeführt. (Die Fehlertoleranz liegt bei 3%.)

Shikaki [Bildquelle]
Abgesehen von den Zahlen werden diese Ergebnisse manchmal auf eine Weise ausgedrückt, die eher verschleiern als klarzustellen. Wenn zum Beispiel die Zusammenfassung am Anfang des Berichts lautet, dass die Umfragedaten „besonders in der Westbank eine fortgesetzte und beträchtliche Abnahme der Unterstützung für Messeranschläge…“, zeigen dann viele werden ein Aufflackern des Optimismus in der Brust verspüren. Wenn man sich dann aber die Zahlen ansieht, verpasst einem die Realität einen Schlag auf den Kopf. Die Demoskopen messen etwas, das sie umständlich „Unterstützung für den Gebrauch von Messern in der aktuellen Konfrontation mit Israel“ nennen. Dazu hat es in der Tat in den letzten 90 Tagen einen Rückgang gegeben. Sie stürzte von bei den Westbank-Arabern von 44% auf 36% ab, im Gazastreifen von 82% auf 75%.

Ja, technisch ist das ein Nachlassen. Aber es herrscht weiter eine solide Mehrheit. 56% der Araber auf der anderen Seite des Zauns befürworten es Juden zu erstechen (dieser Begriff ist unverblümter – aber offen gesagt ein genauerer).

Die Ernsthaftigkeit der Ergebenheit der palästinensischen Araber an Mord unterstreicht die Unterstützung, die ein bestimmter Terroranschlag – der feige Bombenanschlag auf einen Linienbus in Jerusalem  im Hauptstadtviertel Talpiot, bei der rund 20 gewöhnliche Israelis verletzt wurden – die Unterstützung von 65% der palästinensisch-arabischen Befragten erhielt. Übersetzt in die Realitäten unseres Alltagslebens heißt das: Zwei von drei Arabern, die wir in israelischen Krankenhäusern du in der Straßenbahn treffen, stehen auf der Seite der Bomber.

Staunenswert. Erschreckend.

Wenn es irgendeine Logik dafür gibt Bombenanschläge Messeranschlägen vorzuziehen, dann gingen die Demoskopen dem nicht nach oder sie verraten nicht, was sie erfuhren. (Wir werden auf die Unterscheidung zwischen allgemeiner Unterstützung und Begeisterung für ein bestimmte Gewalttat in ein paar Absätzen zurückkommen.)

Den Israelis wird regelmäßig erzählt, dass Mahmud Abbas, der extrem lange im Amt befindliche Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, ein Friedenspartner ist, DER Friedenspartner. Das geschieht, obwohl es nie auch nur das kleinste Fitzelchen an Beweisen dafür gegeben hat, dass er eine Kompromissregelung mit den Israelis erzielen will oder angesichts der Kriegslust unter dem vom ihm regierten Volk überhaupt in der Lage ist das zu tun. Die Israelis sind sich überaus bewusst, dass Abbas im zwölften Jahr seiner vierjährigen Amtszeit ist und es kein Zeichen dafür gibt, dass irgendjemand in der Lage ist ihn loszuwerden; sie betrachten ihn als einen Mann, dem Unterstützung aus den eigenen Reihen gewaltig fehlt.

Im Einklang mit einer anderen Umfrage der Vergangenheit zeigen die jüngsten Umfrageergebnisse, dass

zwei Drittel Abbas‘ Rücktritt fordern, die Fatah während der letzten drei Monate keine weitere Unterstützung gewonnen hat und eine Mehrheit der Palästinenser glaubt, die PA sei für das palästinensische Volk eine Last geworden… Die Zufriedenheit mit der Leistung von Präsident Abbas steht bei 34%…

Unzufriedenheit steht in Verbindung mit dem Gefühl, dass palästinensische Araber im Sumpf der offiziellen Korruption versunken leben: 80% sagen, sie glauben, dass die PA-Institutionen korrupt sind. Die Zeichen zeigen, dass sie aufgeweckt genug sind um zu verstehen, dass Pressefreiheit die Dinge nicht besser machen wird. Nur 17% sagen, es gebe in der Westbank Pressefreiheit. Im Gazastreifen steht die Überzeugung, dass die örtliche Presse frei ist, bei 16%.

Abbas: Stabile zwei Drittel seiner Wählerschaft wollen sehen, dass er aufhört und geht und die Korruption mitnimmt. [Bildquelle]
Wer wird Abbas ersetzen, wenn er – wie er muss – irgendwann geht? Hier das aktuelle Feld:

  1. Marwan Barghouti – 30%
  2. Ismail Haniyeh (Hamas) – 22%
  3. Rami al-Hamdallah – 6%
  4. Khaled Meschaal – 5%
  5. Mustafa Barghouti – 5%
  6. Mohammed Dahlan – 5%
  7. Saeb Erekat – 2%
  8. Salam Fayyad – 2 %

Jede israelische Regierung, die einer derart verachteten und nicht beachteten politischen Gestalt wie Abbas gegenüber Zugeständnisse macht, würde – in unseren Augen zurecht – der unverantwortlichen Fehlsteuerung des Wählerauftrags beschuldigt.

Die Demoskopen untersuchten, wie palästinensische Araber ihre nächsten Schritte betrachten; dazu gingen sie von der nachweislich sicheren Annahm eines „Ausbleibens von Friedensverhandlungen“ aus. Die „Rückkehr zu einer bewaffneten Intifada“ bekommt 54%, vor drei Monaten waren es 56%. Sind wir näher daran, dass die Dinge schlechter werden oder weiter davon entfernt?

Mehr als die Hälfte (56%) wollen, dass die PA noch heute die Oslo-Vereinbarung aufgibt (63% meinten das vor 90 Tagen). Die Oslo-Vereinbarung hinter sich zu lassen bekommt von Westbank-Arabern (57%) knapp mehr Unterstützung als von Gaza-Arabern (55%).

(Und dann ist noch das Randthema: Welcher US-Präsidentschaftskandidat wird als besser für die palästinensischen Araber gesehen? 12% sagen Clinton. 7% sind für Trump.)

Wir zitierten Dr. Daniel Polisar, als wir das letzte Mal über Umfragezahlen von PSR schrieben [siehe: „03-Nov-15: What do they mean when the Palestinian Arabs say they oppose terror?“]. Wir hatten das Gefühl, seine Ansichten trugen eine Menge zu unserem Verständnis bei, also sahen wir jetzt wieder nach, wie seine aktuelle Analyse aussieht.

In der Folge des Terroranschlags auf den Sarona-Marktkomplex im Zentrum von Tel Aviv in der letzten Woche schrieb Dr. Polisar einige scharfe Beobachtungen dazu, wie die palästinensisch-arabische öffentliche Meinung sich in den letzten Jahre entwickelt hat. Wir fassen seine Ansichten mit unseren Worten zusammen:

  • Es gibt ein klares Muster dessen, was er „Verständnis und sogar Bewunderung“ für gegen Juden gerichtete Anschläge bei gewöhnlichen palästinensischen Arabern nennt. Wie das läuft – auf der „prinzipiellen“ Ebene und wenn gerade terroristische Gewalttaten verübt werden – ist wahrhaft verstörend.
  • In der PSR-Umfrage vom September 2004 stand die prinzipielle Unterstützung bewaffneter Anschläge auf israelische Zivilisten bei 54%. Gefragt, was sie bei einem bestimmten Bombenanschlag empfanden, der ein paar Wochen vor der Umfrage in Beer Sheva verübt wurde und bei dem 16 Israelis ermordet wurden, schoss die Unterstützung für diese spezifische Gewalttat auf 77% hoch.
  • Eine PSR-Umfrage vom Juni 2006 stellte einen leicht erhöhten Grad allgemeiner Unterstützung für Terroranschläge gegen israelische Zivilisten fest: 56%. Wieder auf die Frage nach einem bestimmten Terror-Bombenanschlag in Tel Aviv zwei Monate zuvor mit einer Zahl von 11 toten Israelis, schnellte sie auf 69% hoch.
  • Die PSR-Umfrage vom März 2008 stellte fest, dass die allgemeine Unterstützung für Terroranschläge auf Zivilisten ein Allzeithoch von 67% erreichte. Es hatte direkt vor der Umfrage zwei Terroranschläge von Arabern auf Israel gegeben. Einer war ein Bombenanschlag auf Israelis in Dimona im Februar gewesen: 78% sagten, sie seien dafür. Dann gab es einen tödlicheren Terroranschlag auf eine Oberschule für religiöse Jungen in Jerusalem: acht israelische Kinder wurden ermordet. Die Unterstützung für diesen bestimmte Gräueltat (unbewaffnete Kinder! in ihrer Schule!) wurde mit stratosphärischen 84% gemessen.
  • PSR hört danach auf nach spezifischen Terroranschlägen zu fragen. (Vielleicht war es ihnen zu peinlich. Vielleicht generierten sie ein negatives Feedback.)
  • Seit August 2014 hat PSR acht weitere Umfragen durchgeführt, von denen jede eine Frage zur palästinensisch-arabischen Haltung zu „Angriffen gegen israelische Zivilisten innerhalb Israels“ enthielt. Jedes Mal äußerte die Mehrheit Unterstützung.

In einer Umfrage im März 2016, dem letzten Mal, dass diese Frage gestellt wurde, stützten 60% Terroranschläge von Arabern auf israelische Zivilsten. Dr. Polisar vermerkt – und die meisten von uns würden vermutlich zustimmen – dass dies gute Gründe sind

Zu erwarten oder zumindest zu hoffen, dass die Unterstützung für einen konkreten Fall von Gewalt niedriger sein würde als für Anschläge auf Zivilisten im Allgemeinen. Immerhin ist es eine Sache, prinzipiell für den Einsatz von Bomben oder Schusswaffen gegen israelische Zivilisten zu sein und etwas anderes seine Unterstützung zu verkünden, nachdem man die Berichterstattung über die grausigen Resultate eines bestimmten Selbstmord-Bombenanschlag gesehen hat. Aber in der Praxis ist das Gegenteil zu beobachten… Es ist bestürzend, dass dieses Muster während der letzten eineinhalb Jahrzehnte beständig gewesen ist; es gab nur eine kurze Ausnahme: Während hohe Anteile der Palästinenser Terroranschläge auf israelische Zivilisten im Allgemeinen unterstützt haben, haben noch höhere Prozentzahlen bestimmte Bomben- und Schießanschläge unterstützt, mit denen Israelis getötet oder verletzt wurden.

Hier ist das, was wir sagten, als wir uns die Umfrageergebnisse das letzte Mal ansahen. Wir glauben – und die Umfragedaten unterstützen das im Verlauf der Jahre durchgehend – wenn Kolumnisten und Analysten vom Wunsch der palästinensischen Araber in Frieden zu leben sprechen, mit gewöhnlichem, stillen, konstruktiven Leben vorankommen zu wollen: So verlockend diese Interpretation auch ist, die Daten stützen das nicht. Um es freundlich auszudrücken: Es ist Wunschdenken, das von keinen Beweisen gestützt wird und dem widerspricht, was auf Grundlage arabischer Demoskopen gemessen werden kann.

Jeden, der der aufgekratzten Hetze Aufmerksamkeit schenkt, die Generation um Generation in die Gemeinschaften und Köpfe gepumpt wurde, wird das nicht überraschen. Was die Leute, die auf der anderen Seite des Zauns leben, sagen, ist klar, glaubwürdig und messbar. Bezüglich der Aussichten auf die Art schmerzlicher Zugeständnisse, die zu friedlichen Beziehungen führen, optimistisch zu sein, widerspricht den Fakten und ist dumm, so sehr wir auch den Wunsch hegen, es möge anders sein.

Es ist eine Botschaft, von der wir uns wünschen, dass die öffentlichen Personen der Öffentlichkeit, die ihre buchstäblich hoffnungslosen „Friedenspläne“ puschen, sie verinnerlichen würden. (Und nein: Wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass etwas Besseres vor uns liegt, aber erst müssen bestimmte Dinge geschehen, die alle damit verbunden sind, wie palästinensisch-arabische Kinder großgezogen werden.)

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