In Memoriam: Elie Wiesel

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Elie Wiesels Leben hat für unterschiedliche Menschen unterschiedliche Bedeutung. Um nur ein paar zu nennen: US-Präsident Barack Obama sagte: „Elie Wiesel war eine der großen moralischen Stimmen unserer Zeit und auf viele Weisen das Gewissen der Welt. Er erhob seine Stimme nicht nur gegen Antisemitismus, sondern gegen Hass, Bigotterie und Intoleranz in all ihren Formen.“[1]

Der ehemalige israelische Präsident Shimon Peres sagte in seinen Memoiren: „Wiesel hinterließ bei der Menschheit seine Spuren durch die Bewahrung und das Aufrechterhalten des Vermächtnisses des Holocaust und dadurch, dass er weltweit eine Botschaft des Friedens und Respekts zwischen den Völkern vermittelte. Er erlitt die schlimmste Gräueltat der Menschheit – überlebte sie und widmete sein Leben der Vermittlung der Botschaft des ‚Nie wieder!‘“[2]

Meine wenigen Begegnungen mit Wiesel waren sehr kurz. Bevor wir uns trafen, war er so freundlich mir einen sehr positiven Klappentext zu meinem Buch „The Abuse of Holocaust Memory. Distortions and Responses“[3] zu schreiben. Zwischen Wiesel und mir gab es allerdings auch eine weitere, wenn auch schwache Verbindung, einen gemeinsamen Freund: Ted Comet. Dieser ist mit seinen über 90 Jahren immer noch im jüdischen Leben der USA aktiv. Es war Comet, ein amerikanischer Freiwilliger der Nachkriegszeit, der Überlebenden des Holocaust half, der Wiesel in einem Waisenhaus in Paris fand. Dieser außergewöhnliche Mensch war für Wiesel eine wichtige Inspiration dafür sein Leben dem jüdischen Volk zu widmen.[4]

Einige Persönlichkeiten wurden während ihres Lebens zu Symbolen, sowohl dadurch, wie sie lebten, als auch wegen dessen, was sie taten. Der Talmud sagt, dass es nicht der Ort ist, der einen Menschen ehrt, sondern der Mensch, der seinen Ort ehrt.[5] Das war der Fall, als Wiesel 2007 für das israelische Präsidentenamt nominiert wurde.[6] Wäre er ein guter Präsident gewesen? Ich bezweifle es. Eine repräsentative Funktion wie diese erfordert viele formelle Pflichten, tausende Hände zu schütteln, an langweiligen Essen teilzunehmen, Reden zuzuhören (die oft nicht inspirieren), was Wiesel nicht gemocht haben dürfte. Wiesel war so weise das Angebot abzulehnen, genauso wie Albert Einstein – ein weiterer Jude, der während seines Lebens zu einem Symbol wurde – es abgelehnt hatte Israels erster Präsident zu werden, als Ben-Gurion ihm das Amt anbot.

Eines der vielen Dinge, die ein Mensch tun kann, der zu einem moralischen Symbol geworden ist, liegt darin Äußerungen Gewicht zu verleihen. In Rumänien, Wiesels Geburtsland, hatte es nach dem Zweiten Weltkrieg viele Bemühungen gegeben das Land von seiner Verantwortung für den Holocaust zu distanzieren. Ein wichtiger Schritte zur Offenlegung dieses Ablenkungsprozesses bestand darin, dass die Internationale Kommission zum Holocaust in Rumänien, der Wiesel vorstand, im November 2004 einen Bericht veröffentlichte, der rumänisches Verschulden unmissverständlich aufzeigte. Er erklärt: „Unter allen Verbündeten Nazideutschlands trägt Rumänien Verantwortung für den Tod von mehr Juden als jedes andere Land außer Deutschland selbst.“[7]

Der zunehmende Missbrauch des Holocaust schmerzte Wiesel. Früher als andere konstatierte er das 1988 auf bewegende Weise: „Ich kann das Wort Holocaust nicht mehr benutzen. Erstens, weil es keine Worte gibt und auch weil es so trivialisiert worden ist, dass ich es nicht mehr verwenden kann. Was für ein Missgeschick heute auch immer passiert, sie nennen es „Holocaust“. Ich habe es selber in dem Land, in dem ich lebe, im Fernsehen gesehen. Ein Kommentator, der die Niederlage eines Sportvereins irgendwo beschrieb, nannte das einen „Holocaust“.[8] Seitdem hat sich der Missbrauch des Holocaust um viele Male vervielfältigt.

Da die Verzerrung des Holocaust und die Fälschung der Erinnerung an ihn für mich ein Thema von besonderem Interesse sind, möchte ich aus den vielen wichtigen Taten Wiesels seine Rolle bei der Bekämpfung des Skandals von Bitburg erwähnen. 1985 besuchte US-Präsident Ronald Reagan den deutschen Militärfriedhof in Bitburg. Als sein Besuch in Deutschland angekündigt wurde, wurde besonders erwähnt, dass er kein Konzentrationslager besuchen würde. Anfangs bestand der Eindruck, dass nur Soldaten und Offiziere der deutschen Wehrmacht auf dem Friedhof in Bitburg beerdigt seien. Dieser von der deutschen Regierung geplante Besuch war ein klarer Akt des Weißwaschens seiner Vergangenheit. Die Wehrmacht unterstützte allerdings die SS, die die meisten Massenmorde an Juden verübte. Erst Jahre später sollte auf breiterer Ebene bekannt werden, dass die Wehrmacht selbst eine sehr wichtige Rolle bei den Morden gespielt hatte.

Kurz nachdem der Besuch angekündigt wurde, sickerte durch, dass auch Mitglieder der Waffen-SS auf diesem Friedhof beigesetzt waren. Das führte zu Protesten gegen den Besuch. Reagan hatte zugestimmt nach Bitburg zu kommen, um zu zeigen, dass die Vereinigten Staaten jetzt normale Beziehungen zu Deutschland und seinem pro-amerikanischen Kanzler Helmut Kohl hatten. Wegen der Proteste entschied er sich später auch das Konzentrationslager Bergen-Belsen zu besuchen.

In seinen Memoiren widmete Wiesel der Bitburg-Affäre ein ganzes Kapitel. Er fasste den Kern des Weißwaschens zusammen: Die deutsche Taktik in dieser Affäre war offensichtlich – die SS reinzuwaschen. Er schrieb: „Es ist der letzte Schritt in einem sorgfältig konzipierten Plan. Erst einmal rehabilitierte Deutschland die ‚sanfte‘, ‚unschuldige‘ Wehrmacht. Und nun war, dank Kohl, die SS an der Reihe. Erst einmal die ‚Guten‘. Und dann würden die anderen an die Reihe kommen. Und war die Tür erst einmal geöffnet, würden auch die Folterer und die Mörder hereingelassen werden. Bitburg sollte die Tür öffnen… Beamte im Außenministerium sagen mir, dass Kohl die volle Verantwortung für dieses Debakel trägt; er überzeugte Reagan, wenn der Besuch abgesagt würde, wäre es seine, Kohls Niederlage und folglich auch die der Allianz zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland.“[9]

1986 erhielt Wiesel vom norwegischen Nobelpreis-Komitee den Friedensnobelpreis. Es war ein Beispiel dafür, dass Wiesel den Preis ehrte, statt dass der Preis den Mann ehrte. Als Yassir Arafat einige Jahre später einer der Empfänger desselben Preises werden sollte, entehrte er ihn. Noch Jahre lang schickte er danach weiter Mörder los, um israelische Bürger umzubringen. Im Orient-Haus in Jerusalem wurde eine von Arafat unterschriebene Liste der Zahlungen an palästinensische Terroristen und Attentäter gefunden. Dazu gehörten seine handgeschriebenen Veränderungen der Beträge, die an jeden Mörder gezahlt werden sollten.[10]

Es gibt Westler, die sich oft selbst als Progressive bezeichnen, die Verständnis für den Terror der Palästinenser zeigen, weil sie Opfer sind. Wiesel war ein Symbol der Opferrolle. Er hatte weit mehr gelitten als die meisten Palästinenser. Wiesel nutzte das nicht als Ausrede dafür zum Killer zu werden oder Mörder zu unterstützen, ganz im Gegenteil. Er nutzte es um der Menschheit zu zeigen, dass ein Mensch, so sehr er auch misshandelt worden sein mag, zu großer moralischer Höhe aufsteigen kann.

[1] http://www.theguardian.com/us-news/2016/jul/03/elie-wiesel-tributes-obama-clinton-netanyahu

[2] http://www.foxnews.com/world/2016/07/03/world-leaders-celebrities-react-to-death-holocaust-survivor-author-elie-wiesel.html

[3] Manfred Gerstenfeld: The Abuse of Holocaust Memory: Distortions and Responses. Jerusalem (Jerusalem Center for Public Affairs) 2009 – Der Missbrauch der Holocaust-Erinnerung: Verzerrungen und Reaktionen.

[4] http://www.ujafedny.org/news/power-of-resilience/

[5] Bavli Taanit 21b

[6] http://www.haaretz.com/israel-news/1.575072

[7] http://www.haaretz.com/israel-news/1.575072

[8] Elie Wiesel: Some Questions That Remain Open. In Asher Cohen/Joav Gelber/Charlotte Wardi (Hg.): Comprehending the Holocaust. Frankfurt (Peter Lang) 1988, S. 13.

[9] Elie Wiesel: And the Sea is Never Full: Memoirs. New York, 1969. New York (Alfred A. Knopf), 15. Juni 2007.

[10] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/15297

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s