Die radikal mit Fehlern behaftete Methodik von Freedom House

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der Tatsache, dass die Watchdog-Organisation Freedom House aus den USA in ihrem Bericht für 2016 die israelische Medienszene vor kurzem von „frei“ auf „teilweise frei“ herunterstufte, hat nur begrenzte internationale Medienaufmerksamkeit erregt. Gleichzeitig bleibt Israel als Land in der Kategorie „frei“. Ein für die Abwertung angegebener Grund war „wegen des zunehmenden Einflusses von Israel HaYom, deren vom Eigentümer subventioniertes Geschäftsmodell die Stabilität der anderen Medienorgane gefährde, dazu die unkontrollierte Ausweitung von bezahlten Inahlten – einige davon von der Regierung bezahlt – deren Charakter der Öffentlichkeit nicht deutlich erkennbar gemacht wurde“. Yisrael HaYom ist eine in Israel weit verbreitete kostenlose Zeitung im Besitz von Sheldon Adelson, einem reichen amerikanischen Unterstützer von Premierminister Netanyahu.

Andere von Freedom House angeführten Argumente für die Herabstufung der israelischen Medienszene schlossen die „zunehmende Nutzung ungekennzeichneter Werbung und Markeninhalt in wichtigen Medienorganen, darunter die beliebteste Nachrichtenseite Ynet. Netanyahus Entscheidung neben dem Amt des Premierministers auch das des Kommunikationsministers zu übernehmen, wurde als weiterer Grund angeführt.[1]

Freedom House wurde 1941 gegründet. Eine ihrer Hauptaktivitäten ist die Klassifizierung von Staaten aufgrund politischer und Pressefreiheit.[2] Hätte Israel eine Agentur für die Bekämpfung von Propaganda, die sich der systematischen Studie von Angriffen und Hetze gegen das Land widmet, hätte die Herabstufung durch Freedom House eine ideale Gelegenheit geboten entschlossen zu reagieren. Freedom House hätte in seine Schranken gewiesen werden können, indem man die wichtigen Schwachstellen in seiner Rankingmethode hervorhebt. Zusätzlich hätte die Herabstufung eine Gelegenheit geboten die verzerrten Medienmanipulationen in einer Reihe von als „frei“ eingestuften Ländern zu entlarven.

In Bezug auf Freedom House selbst, seine Methodik und Objektivität, so ist hinlänglich bekannt, dass gedruckte Medien in westlichen Gesellschaften nur eine von mehreren wichtigen Quellen für Nachrichten und Informationen sind. Eine Vielzahl Fernsehkanäle und sozialer Medien produziert ebenfalls Nachrichten und sind oft wichtiger als Druckmedien. Freedom Hause muss sich dessen bewusst sein. Zusätzlich muss Freedom House wissen, dass es einige selbsthassende israelische Journalisten gibt, die frei veröffentlichen, selbst in einer halbkriegsartigen Situation, wenn das von ihnen Geschriebene indirekt den Interessen der Feinde Israels dient.

Die israelische Regierung wird in wichtigen Tageszeitungen wie Ha’aretz und Yedioth Acharonot regelmäßig und heftig kritisiert. In den Druckmedien von Ländern wie Norwegen, Schweden oder den Niederlanden ist vergleichbare Kritik an den eigenen Regierungen nicht zu finden, weder regelmäßig, noch in der Schärfe.

In vielen der sogenannten „freien“ Länder gehören große Fernsehsender dem Staat. Das übersetzt sich oft in „regierungseigen“. Der staatseigene Sender NRK ist der beherrschende Fernseh- und Radiosender in Norwegen und hat hohe Einschaltquoten. Er produziert stark einseitige Nachrichten zu Israel.

Ich habe die einseitige Vorgehensweise von NRK bei Reportagen am eigenen Leib erfahren. Nachdem eine NRK-Journalistin mich für eine Radiosendung interviewte, behauptete sie, die Aufnahmen seien verloren gegangen. Sie schusterte daraufhin ein fingiertes Interview zusammen, das mit dem tatsächlichen wenig gemein hatte. Sie begann damit ein paar Sekunden dessen, was ich im Interview mit jemand anderem im Internet gesagt hatte, „auszuleihen“ und fuhr mit mehreren zitierten Äußerungen fort, die ich nie getätigt hatte; dann machte sie mit einer Analyse falscher Zitate weiter, die sie mir zuschrieb. Das brachte ihr den Dishonest Reporting Award[3] der Medienbeobachter-Organisation HonestReporting ein, vermutlich die einzige internationale Auszeichnung für norwegische Journalisten in langer Zeit. Sie arbeitet immer noch bei NRK.

Der Anwalt Tevor Asserson führte eingehende, detaillierte Untersuchungen der Berichterstattung der BBC durch. Er demonstrierte zum Beispiel, wie ähnliches militärisches Vorgehen des Vereinten Königreichs und Israels auf radikal gegenteilige Weise berichtet wird.

Freedom House hat in ein Hornissennest gestochen, das seine gesamte Methodik im Bereich Medien untergräbt. Ein weiterer Fall: Wie kann Journalismus in Ländern frei sein, wenn es eine nationale Presseagentur gibt, die den lokalen Druckmedien internationale Nachrichten zur Verfügung stellt?

Bietet die drittgrößte Presseagentur der Welt, Agence France Presse, ein öffentlich finanziertes und von der französischen Regierung aufgebautes Unternehmen, Exaktheit, Ausgewogenheit und Objektivität? Eine Studie des französischen Journalisten Claude Weill Raynal zeigt, dass AFP, soweit es den Nahen Osten angeht, diese Qualitäten nicht beweist.[4] Mit den zunehmenden Kürzungen der Medien bei Auslandskorrespondenten, auch in Frankreich, verlassen sich die Medien noch stärker auf die internationalen Nachrichten von AFP.

Und was ist mit der Selbstzensur der Medien? Das sollte doch wohl eine unverzichtbare Überlegung bei Freedom Houses Ranking-Prozess sein. Und was ist mit den überwiegend links der Mitte eingestellten Journalisten in den Medien vieler Länder?

Aus all dem oben Angeführten sollte ein detaillierter, erdrückend belastender Aufsatz gemacht werden. Freedom House hat sich selbst als Schiedsrichter dessen, was „frei“ ist und was nicht aufgebaut, gründet aber auf fehlerhafter Methodik und mit Scheuklappen versehenen Beobachtungen. Die israelische Regierung hat einmal mehr einer Institution die Möglichkeit gegeben folgenlos gegen Israel zu schießen und zudem eine ausgezeichnete Gelegenheit verpasst, die weit verbreitete, antiisraelische Einseitigkeit vieler Medien in den „freien“ Ländern zu entlarven.

[1] https://freedomhouse.org/report/freedom-press/2016/israel

[2] https://freedomhouse.org/about-us

[3] Preis für verlogene Berichterstattung

[4] Clément Will Raynal: L’Agence France Presse: le récit contre les faits. In: Le conflit israélo-palestinian: Les Médias français sont-il objectifs? Observatoire du monde Juif, Dossiers et documents, Paris.

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