Jerusalem in Vierteln

Rabbi Yakov Goldman/Ohr Somayach (1975)

Vorbemerkung heplev:
Jerusalem ist und war – besonders auch in der Altstadt – eine jüdische Stadt. Heute weiß kaum jemand, wie die „Viertelung“ nach Religionen entstanden ist und dass diese nicht wieder gibt, welche Einwohner wo wohnten. Insofern ist der folgende Text von Rabbi Yakov Goldman aus dem Jahr 1975 sehr wichtig, denn er erinnert daran, wie es früher war und welche Fehlvorstellungen heute selbst bei Israel-Kennern existieren.

Mit einigen Aussagen des Rabbi bin ich nicht einverstanden, so z.B. wenn er sagt, dass Jerusalem als Stadt Christen nicht heilig ist, sondern nur bestimmte Orte. Vielleicht hat er ja sogar Recht, was die großen Kirchen angeht. Aber für mich als Christen ist die ganze Stadt die Stadt Gottes und ein heiliger Ort. Insofern und was die christlichen heiligen Stätten angeht, ist Jerusalem auch eine „christliche“ Stadt, was ihrem jüdischen Charakter aber nichts nehmen darf; denn wenn ich als Christ an den Gott Israels glaube, dann kann ich seinem Volk nicht nehmen, was ihm zugesprochen ist.

Ein sehr wunder Punkt in Jerusalem ist für mich als Christen die Grabeskirche. Dieses Problem beschreibt Rabbi Goldman sehr treffend – und ich kann es weder ihm noch anderen Juden, Muslimen oder sonstigen verübeln, wenn sie dieses grausige Beispiel christlicher „Brüderlichkeit“ als abschreckendes gegen die Christen betrachten. Hier wäre es wirklich endlich an der Zeit, dass diese dort vertretenen Kirchen ihren Neid, ihre Missgunst und ihren Hass gegen einander endlich aufgeben würden. Aber das wird wohl nicht passieren. Traurig.

Doch darum geht es hier nicht. Es geht um die Aufarbeitung einer falschen Vorstellung von Jerusalem und seiner Altstadt als in deutlich von einander getrennte religiös-ethnische Viertel. Das ist eine sehr junge Vorstellung, die der Stadt und vor allem seiner jüdischen Bevölkerung aufgedrückt wurde. Und es ist wichtig zu wissen, dass es einmal anders war.

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Ohr Somayach: Dieser Artikel wurde vom verstorbenen Rabbi Yakov Goldman geschrieben, der viele Jahre mit dem Joint Distribution Committee in Israel diente. Er erschien erstmals in der Winterausgabe 1975 des Shma Yisrael-Magazins, das von Ohr Somayach veröffentlicht wurde. Obwohl ein Teil des Materials überholt ist, haben wir das Gefühl, dass das meiste für unsere derzeitige Lage sehr zutreffend ist und stellen es daher so ins Web, wie er es schrieb.

„Wenn ich dich vergesse, oh jüdisches Viertel Jerusalems…“

Ein genauerer Blick auf die Geschichte Jerusalems stellt die Benennungen seiner Viertel in Frage. Wie nicht jüdisch genau waren das armenische, das christliche und das muslimische Viertel? Ist das jüdische Viertel einfach Jersualems „Lower East Side“?

Viele Menschen machen sich heute Sorgen über die Zukunft der Altstadt von Jerusalem. Der Papst zum Beispiel soll die Oberhäupter dreier afrikanischer Staaten getroffen haben und sie entschieden gemeinsam, dass Jerusalem international sein sollte. Nun, als Oberhaupt einer Kirche, die sich katholisch, d.h. universal nennt, könnte man vom Papst erwarten, dass er alles sub specie universelas betrachtet. „Internationalisiert Jerusalem! Lasst jede Nation daran teilhaben!“ König Hussein, weder so allgemein noch „liberal gesinnt“, sagte, er wolle es für sich, er wolle völlige Kontrolle über das alte Jerusalem. Es gibt viele weitere Vorschläge zur Zukunft Jerusalems, aber in einem scheinen sie alle übereinzustimmen: Jerusalem sollte wieder in zwei Städte geteilt werden – die israelische, d.h. die Neustadt, und die Altstadt – die nicht länger Teil der Hauptstadt des Staates Israel sein sollte. In dieser Hinsicht scheinen der Papst und König Hussein gleichermaßen entschieden zu sein.

Ich habe weder vor die historischen Ansprüche der Juden oder Israels oder auf Jerusalem als Hauptstadt zu diskutieren, noch will ich auf die politischen Fragen eingehen oder darauf, ob es machbar ist, Jerusalem wieder zu einer geteilten oder internationalisierten Stadt zu machen. Aber ich will einen bestimmten Aspekt dieses Problems besprechen.

Viele sagen uns Juden, dass selbst in dem besten Tagen, vor der Gründung des Staates, Juden nur in einem Teil der Altstadt lebten; dieser wurde das jüdische Viertel genannt und da es vier Viertel gibt und wir nur eines haben, welchen Anspruch sollten wir auf die Souveränität über die ganze Altstadt haben? Unglücklicherweise komme ich zu dem Ergebnis, dass nicht nur Nichtjuden, sondern sogar Juden diese offenbar vernünftige „Tatsache“ akzeptieren. Wir Juden sprechen auch vom „jüdischen“ Viertel. Selbst die israelische Regierung hat besondere Regeln zum jüdischen Viertel festgelegt, was die Ansiedlung von Juden angeht, die in anderen Viertel nicht gleichermaßen Anwendung finden. Ich sehe dies als eine falsche Annahme und eine große Gefahr, wenn wir dieses Denken akzeptieren. Denn in Wirklichkeit hatte die gesamte Altstadt, alle vier Viertel, zumindest in den letzten paar Jahrhunderten jüdische Einwohner. Und die jüdische Bevölkerung ist zu verschiedenen Zeitpunkten in diesen Vierteln, wenn schon keine Mehrheit, so doch eine substanzielle Minderheit gewesen.

Die Teilungen

Stellen Sie sich Jerusalem als Rechteck vor, das von zwei Straßen durchzogen wird, die die Stadt aufteilen in Ost, West, Nord und Süd. Die erste Straße führt vom Damaskustor zum Zionstor und teilt die Stadt in Ost und West. Die Zweite Straße geht vom Jaffator aus – den Weg hinab, wie man zum Kotel (der Westmauer/“Klagemauer“) geht. Biegen Sie aber nicht rechts ab, wie sie direkt zum Kotel gehen würden, sondern gehen Sie weiter bis zum Tempelberg; diese Straße teil die Stadt in Nord und Süd. Das Ergebnis sind vier Viertel.

Diese vier Viertel sind nach den Gemeinschaften benannt, von denen sie angeblich ausschließlich bewohnt worden sind. Wenn wir durch das Jaffator hinein und die David-Straße hinunter gehen, dann liegt das christliche Viertel zur Linken; in diesem Viertel finden Sie die Grabeskirche, das Grab Jesu und die Häuser der [Kirchen-]Patriarchen. Es gibt den lateinischen, d.h. katholischen Patriarchen und den griechisch-orthodoxen Patriarchen, der auch das Oberhaupt der so genannten „Russischen“ Kirche ist. Gehen Sie dann weiter die David-Straße hinunter, dann liegt zur Rechten das Armenische Viertel. Wenn Sie zur Juden-Straße kommen (von dort aus liegt links das muslimische Vierteil), dann liegt dort der größere Teil des Tempelbereichs. Und zur Rechten liegt das vierte Viertel, von dem uns gesagt wird, dass es das jüdische Viertel ist, mit der offensichtlichen Folgerung, dass die anderen nicht „jüdisch“ sind. Zufälligerweise wird das jüdische Viertel – alles, was zur Rechten liegt – nicht strikt Jerusalem, sondern Berg Zion genannt. Nach Angaben einer Reihe von Büchern, die vor über zweihundert Jahren geschrieben wurden, gab es einen Stein, der die Grenze zwischen Zion, also dem so genannten „jüdischen“ Viertel, und dem so genannten „muslimischen Viertel“ markierte, das das Kern-Jerusalem war.

Kartographen und Beschriftungen

Dieses Arrangement Jerusalems in vier Viertel, die entsprechend der ethnischen Zugehörigkeit der Menschen, die dort lebten – christlich, armenisch, muslimisch, jüdisch – ist eine sehr künstliche und willkürliche Teilung der Stadt. Diese Klassifikationen gelten mehr für die Bequemlichkeit der Kartographen denn als tatsächliche ethnographische Beschreibung. Im armenischen Viertel zum Beispiel gibt es nur eine armenische Kirche, aber es gibt vier Kirchen anderer Konfessionen: die syrische Kirche, die maronitisch-katholische, die griechisch-orthodoxe St. Georg und die anglikanische, direkt gegenüber dem Davidsturm. Daneben gibt es die katholische Sozialstation und das Lutherische Gästehaus. Alles im armenischen Viertel. Damit ist für jeden, der durch diese Gegend geht, offensichtlich, dass es, obwohl es armenisches Viertel genannt wird, dies nicht heißt, dass nur Armenier dort leben.

Eine ähnliche Situation herrscht im muslimischen Viertel vor. Wenn man im Dezember dorthin geht, dann wird man sehen, dass es ein richtig gutes „christliches“ Viertel ist, denn der größte Teil der Via Dolorosa, eine Straße mit Bedeutung ausschließlich für Christen, liegt im muslimischen Viertel und wird auf beiden Seiten mit einer Großzahl christlicher Stätten gesäumt, darunter die Kirche St. Anna, der Konvent der Schwestern von Zion, die Ecce Homo-Kriche, das Seminar Weißer Vater, das Österreichische Hospiz und eine Reihe von Klöstern, um nur einige der Stätten anzuführen. Man kann also nur dadurch, dass man durch diese Viertel läuft, sofort sehen, dass ihre Namen, wie so viele Namen, fehl leiten, wenn man sie als exklusiv anerkennt. Das ist für jeden offensichtlich, der durch die Straßen Jerusalems geht. Was allerdings unglücklicherweise nicht länger so offensichtlich ist: dass es in den drei „nicht jüdischen“ Vierteln eine ebenso extensive jüdische Besiedlung gab.

Diese Tatsache ist nicht länger offensichtlich, denn, was vielleicht nicht bekannt ist, die Juden sind aus diesen Vierteln gedrängt worden und die Zeichen ihrer früheren Besiedlung sind nicht länger auffällig. Als ich bei meiner ersten Reise 1924 nach Jerusalem kam, war alles noch unübersehbar und man konnte das volle Ausmaß der Besiedlung durch Juden in der ganzen Altstadt sehen. Allerdings begannen sich nach dem Ersten Weltkrieg die Dinge zu ändern, als die Briten kamen und das Land übernahmen. 1920, 1929 und 1937 gab es Gewaltausbrüche des arabischen Mob – und die Briten sagten den Juden: „Warum lebt ihr in weit verstreuten Teilen der Stadt? Zieht euch ins jüdische Viertel zurück und wir werden in der Lage sein euch zu schützen.“ Als sie uns ins jüdische Viertel gekriegt hatten, sagten sie: „Ihr lebt zu nahe am Rand, zieht weiter ins Innere.“ Schließlich drängten sie uns in eine Ecke und vernichteten die Besiedlung.

Das „Armenische“ Viertel

Im armenischen Viertel ist tatsächlich nur ein Teil vom armenischen Gelände belegt. Das armenische Gelände ist von einer Mauer umgeben, die die große Kathedrale und ihre angrenzenden Gebäude umschließt. Der Rest des Viertels musste einen Namen bekommen. Er war nicht jüdisch, er war nicht muslimische, er war nicht christlichen. Also verwendete man für diesen Teil den Namen des armenischen Nachbarn – einfach eine bequeme Erfindung. Vor kurzem erstellte ein amerikanischer christlicher Forscher eine Studie über die Teilungen Jerusalems und nannte diesen Sektor zu Recht Hart el Yahud, was „Der jüdische Teil (des armenischen Viertels)“ bedeutet. So gibt ein Nichtjude zu, dass das „armenische Viertel“ eine sehr starke Konzentration an Juden hatte.

Das armenische Viertel wird im Westen und das jüdische Viertel im Osten von der Chabad-Traße (Suq El Hussor Road) geteilt. Mit anderen Worten: Die eine Hälfte der Chabad-Straße ist jüdisch, die andere Hälfte armenisch. Nun befindet sich auf der einen Seite des armenischen Viertels, direkt gegenüber der Chabad-Synagoge, eine sehr berühmte Yeschiwa der Kabbalisten, die Yeschiwa Chesed-El, die 1860 von einem Juden aus Bagdad gebaut wurde. Er stiftete der Yeschiwa eine berühmte Bibliothek mit kabbalistischen Werken. Direkt neben der Yeschiwa Chesed-El befand sich das Zentrum der aschkenasischen Besiedlung im jüdischen Viertel: die Hurva-Synagoge (die verwüstete Synagoge, obwohl die Hurva nun gar nicht verwüstet war). In ihr gab es eine Yeschiwa und zwei große Synagogen (die ältere steht noch) und sie war ein sehr belebtes Zentrum. Bevor die Hurva-Synagoge vor einem Jahrhundert gebaut wurde, befand sich das Zentrum der aschkenasischen Juden im armenischen Viertel, in einem Gelände, das Chatzer of Rebbe Schayeh – Rabbi Schayeh Bardakee – genannt wurde und auch durch den Namen seiner Synagoge Sukat Schalom bekannt war. Neben Dutzenden Wohnungen und einer Mikweh (einem rituellen Bad) und dieser schönen Synagoge war es der Sitz des Bet Din (Gerichts) des Rabbi Josef Chaim Sonnenfeld. Gebaut mit Geld, das Juden aus Amsterdam 1836 zur Verfügung stellten, war es das Zentrum der aschkenasischen Besiedlung, bis die Hurva diese Rolle übernahm.

Ein weiteres interessantes Gebäude im armenischen Viertel liegt gegenüber der Kirche St. Georg. Es wurde von einem türkischen Rabbi gekauft, der 1604 ein Testament schrieb, in dem er dieses Gebäude beschrieb, das er seinen Kindern hinterließ; damit können Sie ersehen, vor wie langer Zeit er es kaufte. Er beschrieb seine Grenzen und erwähnt die Kirche als eine davon. Das Gebäude steht noch; es wird derzeit renoviert. Seltsam ist: In seinem Testament warnt der Rabbi seine Nachfahren, sie sollten das Gebäude nicht aus dem Familienbesitz geben. „Ich kaufte dieses Gebäude“, schreibt er, „damit, wenn der Meschiach kommt und die Toten auferstehen, ich ein Heim in Jerusalem haben werde. Und deshalb verfüge ich, dass das Gebäude in unserem Besitz bleibt.“ Seine Familie hat den Besitz nicht aufgegeben, ist gehört ihr bis heute. Vor zweihundert Jahren gab es um genau diesen Besitz einen familiären Rechtsstreit und einer der Rabbiner zitierte in seiner offiziellen Antwort dieses Testament als Beleg für die Eigentümerschaft durch diese Familie seit diesem frühen Zeitpunkt.

Im armenischen Viertel gibt es ebenfalls einen ganzen Teil, der Juden gehört und Chosch (Arabisch für Pferch, eine Einfriedung für Tiere). Er wurde von einem ungarischen Juden namens Zadok Kraus gekauft. Die Alteingesessenen nennen ihn immer noch Reb Zadoks Chosch. Es wird erzählt, er habe das Gelände für einen Sack Reis gekauft. (Manche sagen es sei ein Sack Kartoffeln gewesen, aber in der damaligen Zeit hatte man keine Kartoffeln – sie waren in diesem Teil der Welt ein unbekannter Luxus, daher muss es Reis gewesen sein, den er dem arabischen Eigentümer anbot.) Land hatte in Jerusalem nicht den hohen Wert, den es jetzt hat und ein Sack Reis war damals ein fairer Preis. Im Chosch gibt es rund dreißig jüdische Häuser und zwei Synagogen, die noch stehen.

Das „christliche“ Viertel

Ich erinnere mich an die Christliche Straße als eine Straße mit Geschäften, von denen viele jüdisch waren. 1875 kam ein Deutscher namens Gott hierher und schrieb über Jerusalem. Er beschrieb es Straße um Straße. Als er in die Christliche Straße kam, sagte er, dass „unglücklicherweise“ alle Geschäfte in dieser Straße Juden gehörten und sie genauso gut „Judenstraße“ genannt werden könnte. Ich erinnere mich an ein Gebäude auf der Christlichen Straße (wer sich die Mühe machen will es zu finden, es ist die Nr. 80 – es gibt dort jetzt einen Salon, wo man sich Tätowierungen stechen lassen kann), wo es eine Synagoge gab. Vor ungefähr vierzig Jahren ging ich am Sabbat zum Kotel; ein Mann stand an der Ecke der Christlichen Straße und fragte mich, ob ich der Zehnte sein könnte (für ein Minjan). Es war die Synagoge der Juden von Yanina – Yanina ist eine Gemeinde im Norden Griechenlands; deren Juden hatten zwei Synagogen in Jerusalem, eine im Ohel Mosche-Viertel und diese in der Altstadt. Viele griechischen Juden hatten ihre Geschäfte auf der Christlichen Straße und der nahe gelegene Markt namens Aftimos war komplett jüdisch. Es gibt außerdem die Kopie einer Übertragungsurkunde aus dem Jahr 1826, mit der ein Jude sein Grundstück im christlichen Viertel an einen anderen Juden übergab. Damit hat man einen Eindruck davon, wie „christlich“ das christliche Viertel war.

Das „muslimische“ Viertel

Das muslimische Viertel wird detailliert von einem der großen Rabbiner Jerusalems beschrieben, der vor zehn Jahren starb: Ben-Zion Yadler. Rabbi Yadler ging an Tischa B’Av um Mitternacht zum Kotel, wenn er die Midrasch zu lehren begann. Vor 12 Uhr kam er nicht erscheinen – es gab zu viele „Zionisten“, die dorthin kamen. Aber um zwölf sammelten wir uns und er erzählte uns von Jerusalem. Ich erinnere mich, dass die Araber einmal anfingen uns mit Steinen zu bewerfen. Er sagte zu uns in Jiddisch: „Ärgert euch nicht. Ihr wolltet, dass sie euch Palästina zurückgeben; sie geben es euch Stein für Stein.“

Er gibt eine komplette Beschreibung dessen, was heute das muslimische Viertel genannt wird und sagt Folgendes: Es war nicht nur so, dass die Mehrheit der Juden Jerusalems im so genannten „muslimischen“ Viertel lebte, sondern auch, dass die wichtigeren Juden eher dort lebten, statt in anderen Teilen der Stadt. Und er fährt mit der Beschreibung von zweiundzwanzig Synagogen fort (ich war in der Lage praktisch alle davon zu lokalisieren), von vielen Mikwen und Yeschiwen, darunter die größte Yeschiwa in diesem Teil der Stadt, die glücklicherweise immer noch steht: Torat Chaim. Wenn man vom Damaskus-Tor kommt, liegt sie auf der linken Seite der El Wad-Straße. Sehr seltsam ist: Sie liegt direkt an dem Teil der Straße, der zur Via Dolorosa gehört. (Die Via Dolorosa macht an dieser Stelle eine Kurve und ist Teil der El Wad-Straße.)

Dann haben wir eine weitere große Yeschiwa, Chaye Olam, mit einer Talmud-Torah mit 22 Klassenräumen – jeder dieser Klassenräume ist heute eine arabische Wohnung. (Eine Talmud-Torah besteht aus 8 Jahrgängen; hier gab es drei Parallelklassen.) Ein Teil des Gebäudes ist jetzt ungenutzt. Dieser Teil wurde nie fertig gebaut, weil die Araber 1927 dagegen klagten, als die Yeschiwa einen neuen Flügel bauen wollte. Er konnte nicht beendet werden, deshalb standen gerade mal die Wände. Die Yeschiwa liegt nahe an dem, was für die Juden der heiligste Teil Jerusalems ist. Hier ist der Eingang zum Tempelbereich. Er wird Bab el-Katunin genannt, was Baumwolltor bedeutet, denn hier waren Baumwollläden. Jetzt wird er von den Muslimen repariert. Er führt direkt zur Omar-Moschee, die von den Arabern Sakra genannt wird, das bedeutet „die Moschee, die den Stein abdeckt“; für uns ist das Even Schtia, der heiligste Punkt für Juden in dieser Welt, das antike Allerheiligste, der Stein, auf dem die Bundeslade ruhte.

Es gibt ein weiteres Gebäude, sehr nahe an der Moschee mit der goldenen Kuppel, das ein ungarischer Jude es gebaut hatte, der vor etwa einhundert Jahren hierher kam. In diesem Gebäude gab es zwei Yeschiwen, die Mischmarot (die Uhren) genannt wurden, weil dort 24 Stunden täglich die Torah studiert wurde. Rabbi Yadler beschrieb, wie um Mitternacht eine Gruppe aus den am weitesten entfernten Ecken Jerusalems kam und eine andere Gruppe zu dieser späten Stunde nach Hause ging, an einen Ort namens Bab-el-Hota, in der Nähe des Löwentors. Ich war noch in der Lage ein oder zwei Juden zu finden, die dort in ihrer Jugend lebten. Es gab dort eine Synagoge, aber sie wurde vor über vierzig Jahren verlassen. Man kann das Gebäude immer noch in der Nähe von zwei türkischen Bädern sehen. Eines ist an der Ecke der Bab-el-Katunin und heißt Hamam-el-en; näher am Tempelberg, sehr nahe daran, befindet sich das zweite Badehaus. Beide Badehäuser haben gute Mikwen unter der Aufsicht von Rabbinern. Die arabischen Eigentümer wollten keine jüdischen Umsätze verlieren und trafen besondere Vorkehrungen für die Mikwen.

Erst bauen, dann fragen

Es galt ein seltsames türkisches Gesetz, als dieses Gebäude errichtet wurde. Normalerweise hat man, wenn man baut, zuerst einen Plan, der Plan wird von der Verwaltung genehmigt und dann fängt man an zu bauen. Nun, nach dem türkischen Recht baute man zuerst und dann machte man einen Plan und ließ ihn genehmigen. Aber wenn man nicht entsprechend der Regeln baute, gab es ein Gesetz: was einmal gebaut war, konnte nicht eingerissen werden. Also wurde viel des nachts gebaut, im Schutz der Dunkelheit; und obwohl das Gebäude nicht den Regeln entsprach, konnte es nicht eingerissen werden. Genau dieses Gebäude befand sich nahe des Tempelbergs und die Araber waren dagegen, dass es gebaut wurde, also wurde es in einer Nacht vollendet. Zwei Mauern wurden nachts hoch gezogen und weil sie unter Selbstaufopferung gebaut wurden, stehen sie immer noch. Die anderen zwei Mauern gibt es nicht mehr.

Lower East Side

Sie sehen, Juden lebten nicht nur im “jüdischen” Teil. Es ist so, als ob jemand heute sagen würde: „Juden in New York leben nur in der Lower East Side, nicht in Brooklyn, nicht in der Bronx, nicht in Queens – nirgendwo sonst.“ Es ist genauso lächerlich, als würde jemand sagen: „Ihr habt nur im ‚jüdischen’ Teil von Jerusalem gewohnt.“ Juden leben im armenischen Teil, im muslimischen Teil und sie hatten eine Synagoge und waren Geschäftseigentümer im christlichen Teil.

Kontrolle

Einmal mehr wird die Frage der internationalen Kontrolle Jerusalems wiederbelebt. Selbst eine Autorität wie Dr. Kissinger hat gesagt, dass Jerusalem drei Religionen heilig ist. Es gibt jedoch einen großen Unterschied: Für die Christen und die Muslime gibt es heilige Stellen in Jerusalem. Aber die Stadt ist für sie nicht als Ganzes heilig. Für die Juden aber ist die Stadt selbst heilig. Wir haben die Vorschriften in der Mischna: „Die ganze Welt ist den Juden heilig; Eretz Israel ist heiliger, Jerusalem ist noch heiliger, der Tempelberg ist das Heiligste.“ Es gibt eine besondere Heiligkeit, die Jerusalem als Stadt durchzieht (egal, ob dort gerade Synagogen oder andere heilige Stätten vorhanden sind), die im Islam und dem Christentum nicht dieselbe ist.

Die Idee der internationalen Kontrolle birgt auch eine große Gefahr. Internationale Städte funktionieren nirgendwo. Es bedeutet, die Sowjetunion wieder mit ins Bild zu bringen, die Heiligkeit Jerusalems zu kontrollieren und wir wissen, wie viel Heiligkeit der Religion das für sie bedeutet. Es ist für sie die scharfe Schneide des Keils, um mehr zu bekommen als nur die Kontrolle über die heiligen Stätten. Heilige Stätten verdienen besondere Behandlung – Konsulate z.B. sind extraterritoriales Gebiet. So, wie man die Christen ihre Grabeskirche besitzen und führen, wie sie es für richtig halten, heißt das nicht, dass man ihnen die Kontrolle über die Stadt gewähren muss… In New York gibt es die St. Patrick-Kathedrale, aber das bedeutet nicht, dass den Katholiken die Kontrolle über New York gibt. Genauso ist New York mit all seinen Sekten nicht unter internationaler Kontrolle.

Der „Messias“ und der Papst

Als Jerusalem neunzehn Jahre lang unter der ausschließlichen Kontrolle der Muslime war – der von Transjordanien – machte sich niemand Sorgen darum. Der Papst sorgte sich nicht um die Stadt. König Hussein sorgte sich schon gar nicht. Nur, wenn Juden die Kontrolle haben, befällt die Welt Sorge. Es ist interessant, dass es keinen Konflikt unter den unterschiedlichen Religionen über eine bestimmte Stätte gibt. Wir haben kein Interesse an der Grabeskirche und die Christen haben kein Interesse an der Hurva-Synagoge. Nur in Hebron haben wir einen Konflikt. Das Grab der Patriarchen ist Muslimen und Juden heilig. Aber Jerusalem ist anders, selbst bezüglich der Mauer, an der die Araber kein wirkliches Interesse zeigten. Die Christenheit aber hat einen grundsätzlichen Glauben, der für sie der Beweis ist, dass Jesus wirklich der „Messias“ war: Die Tatsache, dass die Juden, weil sie ihn nie wirklich anerkannten, 2.000 Jahre lang im Galut (Exil) sind. Sie sagen: „Dieses Volk ist der Beweis für die Wahrheit des Christentums. Dieses Volk ist verflucht und wird sein Land nicht zurückbekommen, bis es Jesus als den Messias anerkennt.“ Und plötzlich bekommen die Juden ihr Land zurück und junge Christen kommen her und sagen ihren religiösen Führern: „Was ist mit euren Theorien geschehen? Die Juden haben ihr Land zurückbekommen.“ Also fangen sie an sich Sorgen zu machen.

Ich war bei einer Diskussion auf hohem Niveau zu diesem Thema zwischen Oberrabbiner Herzog und dem Papst anwesend. Das geht bis 1940 zurück, als ich Rabbi Herzogs Privatsekretär war. Da er Ire war und ich Amerikaner, konnten wir beide Europa bereisen; unsere Landsleute konnten das nicht, das der Krieg erklärt worden war. (Ich schäme mich zu erzählen, dass ich mit einem Pass reiste, der mich als „Missionar“ auswies. Wir sollten um sechs Uhr morgens abreisen. Gegen elf Uhr in der Nacht davor informierte mich der amerikanische Konsul: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Anweisungen ausgegeben wurden, dass Sie nicht reisen können, bis Washington Ihre Reise genehmigt hat. Das wird lange dauern.“ Ich ging die Vorschriften durch und stellte fest, dass zwei Gruppen reisen konnten; die eine davon waren Missionare. Also sagte ich: „Herr Konsul, ich falle unter die Vorschriften, denn ich gehe auf eine Mission.“ Da sagte er zu mir: „Wenn das für Sie in Ordnung ist, dann soll es mir recht sein. Aber was wird der Oberrabbiner dazu sagen?“ Ich sagte: „Ich werde es ihm sagen, wenn ich zurück bin.“ Also stand in meinem Pass „Missionar“.)

Als wir nach Rom kamen und als der Rabbi mit dem Papst sprach, kam die Frage der in ihr Land zurückkehrenden Juden auf. Der Oberrabbiner sagte ihm, der Papst könne viel gewinnen, wenn er zeigen könnte, dass Prophetie erfüllt wäre, wenn die Hand der Vorsehung die Juden nach so langer Zeit in ihre Heimat zurückbrachte usw. Das würde der katholischen Jugend mehr bedeuten als alles andere. Der Papst wusste, dass, was er sagte, wahr war. Er wusste auch, dass die Juden sich dafür verrenkt hatten der christlichen Welt zu zeigen, dass ihre Interessen bei uns in guten Händen sind. Es konnte nicht anders sein, das habe ich viele Male Christen gegenüber herausgestellt. Wir haben sechs Millionen Juden in Amerika und Millionen weitere in anderen christlichen Ländern. Würden wir die christlichen Länder gegen uns aufbringen? Wozu? Und doch ist die christliche öffentliche Meinung immer noch weit gehend dafür Jerusalem zu internationalisieren.

Der Friedefürst

Seltsamerweise sind die einzigen, die sich wegen der Grabeskirche streiten, die Christen selbst. Sie ist unter einer Reihe christlicher Sekten aufgeteilt: den Griechisch-Orthodoxen, den Katholiken, den Armeniern und den Kopten; sie kämpfen ständig darum, welche Gruppe welche Rechte an der Kirche hat. Manchmal kämpfen sie sogar um das Recht einen Teil des Bodens zu putzen und das sind furchtbare Kämpfe. Um den Frieden zu wahren, gab es immer einen Araber (aus einer bestimmten arabischen Familie in der Altstadt – das war vererbbar), der den Schlüssel zur Geburtskirche hatte – her öffnete und schloss die Türen. Ein türkischer Wachmann in den Tagen der Türken und den Tagen der Briten, ein muslimischer Wachmann musste aufpassen, das die Christen nicht miteinander kämpften. Sie erzählten immer eine Geschichte von einer christlichen Familie, die aus England hierher kam und ihrer kleinen Tochter die Stätten zeigen wollten; sie sah diesen Wachmann, der den Frieden in der Grabeskirche aufrecht hielt. Sie kam nach Hause und ihr Priester fragte sie: „Hast du in Jerusalem alles gesehen?“ „Oh ja“, sagte sie. „Und hast du die Grabeskirche gesehen?“ „Oh ja, und nicht nur das, sondern ich sah auch den Friedefürst!“ „Den Friedefürst?“, fragte er. Und sie beschrieb ihm diesen arabischen Wachmann, der für den Frieden sorgte…

Was Israel seit 1967 getan hat, ist den arabischen Wächter zu entfernen und die Schlüssel den Christen selbst zu übergeben. Die Juden gingen zu den Patriarchen der Kirchen und sagten: „Ihr entscheidet untereinander, wer die Grabeskirche verwaltet.“ Ihnen wurde gesagt, sie könnten vor Gericht ziehen, sollten aber nicht miteinander kämpfen. Und heute besteht die Blamage nicht mehr, dass ihr heiliger Ort in die Zuständigkeit eines Muslim oder Juden fällt. Also sollten die Christen ziemlich glücklich mit der jüdischen Souveränität über der Altstadt von Jerusalem sein.

Dann wiederum schließen einige, die von internationaler Kontrolle sprechen, nicht nur von er Altstadt Jerusalems, sondern beziehen Bethlehem ein, einen Bereich von etwa 150 Quadratkilometern. Das schafft einen weiteren kleinen Staat. Unser armes, kleines Land ist bereits geteilt. Die Juden und die Muslime wollen jeder ihren kleinen Anteil und dann würde es zusätzlich einen „internationalen“ christlichen Staat geben. Das legt das Fundament für einen Haufen Ärger, von dem ich wirklich hoffe, dass er uns erspart bleiben wird.

Die Stadt Gottes

Nach einer alten Sage erzählte Baal Shem Tov seinem Schwager Rabbi Gerschon Kitover, als der Ohr HaChaim vor 200 Jahren aus Marokko nach Jerusalem kam, er solle sich mit ihm treffen. Als Rabbi Gerschon kam, stellte er fest, dass der Ohr HaChaim gerade verstorben war. Unter einer Reihe von Briefen, die er aus Jerusalem schrieb, fand ich einen bemerkenswerten, in dem er schreibt: „Ich kam nach Jerusalem, machte einen Spaziergang durch die Stadt und erinnerte mich an das Gebet ‚Ich will mich immer erinnern und in Staunen versetzt sein, wenn ich jede Stadt auf ihrem Hügel gebaut sehe; und die Stadt Gottes wird zutiefst gedemütigt.’ Statt ‚… die Statt Gottes’, sollte es in dem Gebet heißen: ‚die Stadt Jerusalem wird gedemütigt.’ Aber die Veränderung des Ausdrucks lehrt uns, dass, selbst wenn wir Jerusalem so aufbauen, dass es so schön ist wie jede andere großartige Stadt, das nichts bedeutet. Wenn die ‚Stadt Gottes’ nicht länger geschändet wird, dann werden wir erreicht haben, was wir erreichen wollen.“

Und wie baut man die Stadt Gottes wieder auf? Indem man ihre Synagogen und Häuser des Torah-Studiums wieder aufbaut.

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