Auf ins Getümmel: Duma – ein Jahr (und drei Bandanschläge) später

Martin Sherman, Israel National News, 29. Juli 2016

„Ich sah Sa’ad und Reham brennend auf dem Boden. Direkt neben ihnen waren ZWEI maskierte Männer, einer neben jedem von ihnen. Sie waren in Jeans und schwarze, langärmlige Hemden gekleidet… Ihre Gesichter waren von Balaclava bedeckt, man sah nur Mund und Augen. Die Straßenlaternen schienen direkt auf sie. Ich war entsetzt von dem, was ich sah. Sie sahen mich und ich hatte Angst und rannte zurück nach Hause. Ich sagte meinem Bruder Bishar, er solle Hilfe holen und ging zu Sa’ads Haus zurück, wo ich die ZWEI maskierten Männer nicht mehr sah. – Augenzeugenbericht von Ibrahim Dawabscheh, einem Verwandten der Opfer, zum Brandanschlag in Duma; Amira Hass, Ha’aretz, 31. Juli 2015

Nach Angaben des Anklageprotokolls entschied sich Ben-Uliel am Abend des Aschlags auf das Haus von Dawabscheh den Brandanschlag ALLEINE durchzuführen… Er soll nach einem Haus gesucht haben, das bewohnt war und nutzte seinen ersten Brandsatz gegen ein zweistöckiges Haus, das sich als unbewohnt herausstellte… Dann ging er zum Haus der Dawabschehs, bereitete seinen zweiten Brandsatz im Garten vor und sprühte Graffiti auf die Mauern, bevor er den Brandsatz in das Haus warf und zu Fuß floh.Chaim Levinson und Barak Ravid, Ha’aretz, 3. Januar 2015

Fast auf den Tag vor einem Jahr, am 31. Juli 2015, war das gesamte Land von Berichten entsetzt, dass drei Mitglieder der Familie Dawabscheh aus dem Dorf Duma bei einem Brandanschlag auf ihr Haus verbrannten. In Hebräisch auf die Mauern des verbrannten Wohnhauses gesprühte Graffiti führte zum überstürzten Schluss, dass die Tat von „jüdischen Terroristen“ begangen wurde. Seit diesem unseligen Anschlag sind mindestens drei weitere Häuser des Dawabscheh-Clans – wie auch zwei davor – in Brand gesetzt worden, ohne jeglichen Hinweis auf die Beteiligung von „jüdischen Extremisten“.

Aber dazu später mehr.

Fanatsich umgekehrter Rassismus?

Die grausige Tragödie entfachte hastiges, selbstgerechtes Händeringen und scheinheilige Selbstvorwürfe weiter Bereiche der israelischen Gesellschaft – und fast aller Teile der Mainstream-Medien. Mit einem Schlag verblassten alle externen Bedrohungen des Staats in Beinahe-Bedeutungslosigkeit. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich nicht länger auf das Schreckgespenst eines atomaren Iran oder die Bedrohung durch den radikalen Islam, der Druck auf die belagerten Grenzen des Landes ausübt. Plötzlich war die existenzielle Bedrohung, der Israel sich gegenüber sah, die des „jüdischen Terrors“ – der „Gefahr“ durch ein paar Dutzend marginalisierter, zottelhaariger Jugendlicher, die die öden, windgepeitschten Hügelkuppen von Judäa-Samaria bewohnen.

Ohne eine Spur an Beweisen, die ihre Anschuldigungen untermauerten, schien ein Journalist nach dem anderen um die Schärfe zu wetteifern, mit der sie die vermuteten Täter angriffen. Mit blindem Vertrauen – so unmissverständlich, wie es unbegründet war – zur kollektiven Identität der Täter und er kollektiven Schuld der israelischen Gesellschaft insgesamt für den ruchlosen Charakter der Tat begannen sie eine brutale Ekstase der Selbstgeißelung.

So lamentierte kaum zwei Tage nach dem Brandanschlag in einem erstaunlichen Umkehr-Rassismus mit der Überschrift „Wir sind nicht besser als unsere Feinde“ Sima Kadmon von Yedioth Aharonot: „…Lassen Sie niemanden sagen, dass diese ein Einzelfall ist… Jüdische Terroristen sind nur die Botschafter; es gibt ein gut geöltes System an Hetze hinter ihnen… Es ist an der Zeit die Wahrheit zu sagen, die herzzerreißende, aber unumgängliche Wahrheit: Nach einer Generation rechter Regierung haben wir eine Rasse entwickelt … nicht stolz, nicht großzügig, sondern definitiv grausam…“

„Israel ist das Gleiche wie ISIS“

Im Nu waren alle Unterschiede zwischen Israelis und ISIS ausradiert.

Sie glauben, ich übertreibe? Falsch gedacht! Hier ist eine Auswahl des „von Schmerz geplagten“ Insichgehens, das zum in Mode gekommenen journalistischen Rituals der Mainstream-Medien wurde.

Schon in der Nacht des grässlichen Verbrechens löste Ron Ben Yishai von Ynetnews den Fall. In „Wie der jüdische Jihad zu stoppen ist“ bestimmte er – endgültig: „… das ist religiös-messianischer Terrorismus, begangen von Leuten, die sich als in Übereinstimmung mit Gottes wahrem Willen betrachten. In einfacheren Worten: Das ist jüdische Jihadismus, in jedem Detail identisch mit dem des islamischen Jihadismus.“

In ihrem bereits erwähnten Text pflichtet Sima Kadmon „gequält“ zu: „Es ist vorbei. Wenn wir glaubten, es könne uns nicht passieren, dass wir nicht so sind, dass Juden so etwas nicht tun, dass nur sie Kinder ermorden können, in Häuser gehen und ein Baby aus nächster Nähe erschießen, Familien verbrennen, mörderischen Terror verüben – das war’s, es ist vorbei. Wir sind, wir können, wir tun. Kinder bei lebendigem Leib verbrennen, mörderischen, unmenschlichen, unbegreiflichen Terror begehen. Und nein, wir sind nicht besser als sie.“

Und da war dann noch der immer entsetzliche Gideon Levy, der wahr gewordene Traum aller ständig Judeophoben, der einen Tag nach der Tragäide in Ha’aretz eine kollektive Verdammung veröffentlichte; sie trug den Titel „Alles Israelis schuldig dafür palästinensische Familie anzuzünden“. Gemäß Levy: Israelis erstechen Schwule und verbrennen Kinder. Es gibt kein Stückchen Verleumdung, nicht die geringste Übertreibung in dieser trockenen Beschreibung…“

Es dauerte nicht lange, bis dieses Sperrfeuer bittere Früchte trug. Vom Medienangriff in Panik versetzt warfen die politischen höheren Ränge und die Sicherheitskräfte das Rechtskraftprinzip über Bord.

„Wenige außer Beschuldigung der Gedankenverbrechen“?

Innerhalb weniger Tage wurden administrative Verhaftungen vorgenommen. Meir Ettinger, Eviatar Slonim und Mordechai Meir wurden ohne Verfahren eingesperrt, wie verlautete wegen Verdacht der Beteiligung an der Brandstiftung in Duma.

Die Verhaftungen waren von ominösen Warnungen vor drohenden Gefahren für den Staat, die die ruchlosen Taten, sowohl die der Vergangenheit als auch geplanter, der Häftlinge zur Folge haben, die über längere Zeiten isoliert wurden, ohne dass konkrete Anklagepunkt gegen sie vorgebracht wurden. Hartnäckige Gerüchte über die Anwendung brutaler Verhörtechniken waren reichlich vorhanden – aber Anklagen wurden keine erhoben.

Einer nach dem anderen wurden die Verhafteten wieder freigelassen – Meir Anfang Januar, Slonim Anfang Februar und Ettinger im Juni diesen Jahres.

Der Fall Ettinger riecht besonders nach überflüssigem Übelwollen. Im April wurde ihm – nach Monaten in Haft – mit einer vom Obersten Gerichtshof aufrecht erhaltenen Entscheidung die Erlaubnis verweigert der Beschneidungszeremonie (brit mila) seines neugeborenen Sohnes beizuwohnen. Die Gründe für diese Verweigerung waren, dass er immer noch „eine Sicherheitsbedrohung für die Öffentlichkeit“ darstellte. Doch kaum einen Monat später wurde verkündet, dass er entlassen würde – ohne Anklage!

In einem aufwühlenden Bericht der Affäre Ettinger schrieb Liel Leibovitz vom Tablet: „Nachdem ich mich mit Regierungsvertretern sowie Freunden und Familienmitgliedern traf und ausführlich Ettingers öffentliche wie private Schriften durchsah, habe ich jede Menge gefunden, das Menschen aufbringen könnte, die seine politischen Ansichten nicht teilen, aber nichts deutet darauf hin, dass der mystisch gesinnte junge Mann  auf welche Art auch immer an der Planung oder Durchführung konkreter Anschläge gegen wen auch immer beteiligt war.“

Er fügte vernichtend hinzu: „Vielmehr ist es schwierig, sieht man sich das Beweismaterial an, nicht zu dem Schluss zu kommen, dass die Vorwürfe gegen Ettinger sich auf wenig mehr als den Vorwurf von Gedankenverbrechen belaufen.“

Dröhnendes Schweigen

Das Schicksal der Inhaftierten hat – nicht überraschend, sondern deprimierend – zu wenig oder keiner Empörung seitens der üblicherweise lautstarken Verteidiger der Menschenrechte geführt. Tatsächlich ist dem, was zunehmend wie drakonischer Machtmissbrauch, willkürliche Verletzung von Bürgerrechten und beunruhigender Inhaftierung wegen wenig mehr als „Gedankenverbrechen“ mit dröhnendem Schweigen seitens lärmender Chöre linker Stimmen begegnet worden, die immer eifrig dabei sind jeden Hinweis auf übermäßigen Einsatz von Regierungsmacht zu verurteilen.

In der Tat sind später folgende Entwicklungen nicht allzu beruhigend.

Anfang Dezember 2015 nahmen die israelischen Behörden den 21-jährigen Aviram Ben-Uliel in Administrativhaft. Nach fast 3 Wochen Schweigens wurde Ben-Uliel aus immer noch ungeklärten Gründen zur „tickenden Zeitbombe“ erklärt (d.h. eine Quelle klarer und akuter Gefahr) und Folter unterworfen, um ein Geständnis zu bekommen. Auf Grundlage dieses Geständnisses wurde (am 3. Januar 2016) Anklage gegen ihn erhoben – und gegen einen weiteren, nicht genannte Minderjährigen, dem vorgeworfen wird Ben-Uliel geholfen, die Brandstiftung aber nicht begangen zu haben.

Auf Grundlage des unter Zwang erfolgten Geständnisses – das er anschließend zurückzog – ist die Anklage gegen Ben-Uliel aus einer Reihe von Gründen beunruhigend. Denn wie Chaim Levinson von Ha’aretz zeigt, steht sie in beträchtlichen Teilen im Widerspruch zu den Augenzeugen-Aussagen dessen, was in der Nacht der tödlichen Brandstiftung stattfand.

Verstörende Diskrepanzen

All diese Berichte sprechen von mehreren Angreifern – mindestens zwei – wie es sich in dem Ausschnitt von Ibrahim Dawabscheh am Anfang spiegelt, der in dem Fall als „Schlüsselzeuge“ beschrieben wird. Doch in der auf dem Geständnis gründenden Anklage wird Ben-Uliel als allein Handelnder beschuldigt!

Darüber hinaus erwähnten die ersten Berichte, dass ein Motorfahrzeug benutzt wurde – und aufgrund dieser Berichte wurden sogar einige Festnahmen vorgenommen – s. „Jüdischer Terrorverdächtige angeklagt, aber Verurteilungen, so es sie überhaupt geben wird, werden lange Zeit brauchen“. – Ha’aretz, 4. Januar 2016.

Dementsprechend ist es schwierig zu widerstehen die beunruhigenden Frage aufzuwerfen, dass, wenn die ursprünglichen Festlegungen in dem Fall (mehrere Täter, Involvierung eines Motorfahrzeugs) sich offenbar als „unbegründet“ erwiesen haben, es nicht innerhalb der Grenzen des Möglichen ist, dass andere Aspekte der ursprünglichen Annahmen sich als gleichermaßen unbegründet erweisen könnten, einschließlich nicht nur der Zahl der Angreifer und ihrer Fortbewegungsmethode, sondern auch ihrer Identität und sogar – was der Himmel verhüten möge – ihrer Ethnie?

Ich habe mich früher schon ausführlich mit der Brandstiftung n Duma (d.h. der vom Juli 2015, nicht all den anderen davor und danach) beschäftigt. Ich warnte davor:

(a) eine Gleichwertigkeit zwischen ideopolitisch motivierten Verbrechen jüdischer Extremisten und dem arabisch-islamischen Terror zu ziehen, dem Israel heute ausgesetzt ist – und damit zwischen den Maßnahmen, die dazu eingesetzt werden, um damit fertig zu werden; und

(b) der fast pawlowsche Reflex beim Anzünden des Dawabsche-Hauses jüdische Schuld anzunehmen.[i]

Unterscheidungen treffen

Ich habe wenig Zweifel, dass die von mir angeführten Argumente heute noch gelten. Entsprechend möchte die Leser drängen meine Analysen dazu durchzusehen, warum es geboten ist eine qualitative Unterscheidung zwischen arabischem Terrorismus und terroristischen Organisationen, die ihn begehen einerseits und den Gruppen jüdischer radikalreligiöser Banditen andererseits zu treffen – ebenso die nachteiligen Konsequenzen, die solche unangebrachten Parallelen für Israel mit sich bringen.

Ähnlich argumentierte ich, dass staatliche Anwendung drakonischer außerjuristischer Kräfte – wie Administrativhaft ohne Anklage, Inhaftierte Monate lang in Einzelhaft zu halten und die Verweigerung „fairer Verfahren“ – durchaus gerechtfertigt waren, wenn man es mit Bedrohung zu tun hat, die staatliche/quasi-staatliche/staatlich gedeckter Feinde zu tun hat, die massive Budgets und internationalen Wirkungsbereich haben.

Das ist allerdings überhaupt nicht der Fall, wenn die angenommene Bedrohung von winzigsten Gruppen Jugendlicher (oder gerade eben nicht mehr Jugendlicher) ausgeht, die nicht nur in ger israelischen Gesellschaft als Ganzer marginal und marginalisiert sind, sondern auch in einem Großteil ihres sozialen Umfelds, ohne internationalen Wirkungsbereich, die nur sehr dürftige Ressourcen zur Verfügung haben.

Natürlich weiß ich nicht, ob Ben-Uliel im Sinne der Anklage schuldig ist. Aber eins ist gewiss: Er ist kein Bin Laden oder Hassan Nasrallah – und die Maßnahmen, die nötig sind, um mit ihm oder irgendeiner Gruppe, mit der er in Verbindung steht, fertig zu werden, unterscheiden sich sehr stark von denen – oder sollten es – die nötig sind, um mit Typen wie Bin Laden/Nasrallah, ihren Organisationen oder ihren Lakaien fertig zu werden.

Was Sie glauben müssen

Aber wenn man der Behauptung Glauben Glaubwürdigkeit verleihen möchte, dass Ben-Uliel schuldig im Sinne der Anklage ist, was muss man glauben?

Nun, man müsste glauben, dass: Bel-Uliel, ein Mann, der vor kurzem heiratete und Vater eines Säuglings, der keine Ausbildung als Sondereinsatzkraft hat (a) die „cojones“ und die Fähigkeiten hatte, nicht nur unbemerkt mehr als 5 Kilometer – in der Nacht – zu laufen; (b) wobei er an zahlreichen, stärker exponierten Alternativzielen in den Außenbezirken des Dorfes vorbei kam; (c) er es schaffte unbemerkt und unbewaffnet in das Zentrum des feindlichen Dorfes einzudringen; (d) ein unbewohntes Gebäude in Brand zu setzen; (e) dann, immer noch unbemerkt, ausgiebig Farbe auf zu sprühen, um das belastende hebräische Graffiti zu schreiben; (f) dann das Haus der Dawabsches anzustecken; und (g) schließlich eine phantomartige Flucht zu schaffen, bei der er das Dorf ohne eine Spur zu hinterlassen verließ, ganz zu schweigen davon aufgegriffen zu werden und keinen Hinweis zu hinterlassen, der andeutet, wohin er verschwand – und all das ganz auf sich gestellt!

Ist das wirklich glaubwürdig??

Doch das ist nicht alles. Wenn Ben-Uliel nur nach einem willkürlich ausgesuchten arabischen Ziel aus war, warum wählte er kein Haus in den Außenbezirken des Dorfes statt eines im Zentrum? Das hätte seinen Flucht einfacher gemacht. Und warum entschied er sich für Duma – ein Dorf, in dem die Häuser des Dawabsche-Clans ohnehin regelmäßig Ziel von Anschlägen sind? Konnte er vielleicht unter „verschärfter Befragung“ eine plausible Antwort geben?

Das sind beunruhigende Fragen. Ein Jahr – und drei ungelöste Brandanschläge – später sind das Fragen, denen man sich stellen muss.

[i] Texte dazu: Jewish hate crimes and vandalism are NOT terrorism (06.08.2015); Trivializing ‘terror’ (13.08.2015); Why now? The hypocritical hullabaloo over Jewish ‘terror’ (20.08.2015); Duma, ‘dirty dancing’ & deeply disturbing detention (31.12.2015); Presumption of guilt (07.01.2016); Jewish ‘terror’ – A guide for the perplexed (14.01.2016)

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