Die Knochen unserer Toten

Der Wert menschlichen Lebens ist die Krux des Nahost-Konflikts

Jonathan Tobin, Jewish World Review, 9. Februar 2004

Wenn es um Massenmord geht, dann scheint jedermann ein Pop-Psychologe zu werden. Jeder will wissen, warum einige Leute danach streben Killer zu werden, selbst wenn es sie das Leben kostet – wie es bei den Palästinensern der Fall ist.

Seit Jahren plappern die Quasselstrippen im Fernsehen und die, die für Mainstream-Organe über die Lage schreiben, immer dasselbe nach. Die Palästinenser sind von einem Gefühl der Armut und Hoffnungslosigkeit motiviert, das ihr Leben unerträglich gemacht hat. Was sonst kann man von einem verzweifelten Volk erwarten, als dass es sich unter Israelis in die Luft jagt?

Aber nach dreieinhalb Jahren palästinensischen Abnutzungskriegs gegen Israel zieht dieses Argument nicht mehr. Die Mehrzahl derer, die solche Verbrechen verübt haben, waren weder enteignet noch arm. Sie kommen eher aus den gebildeten Klassen – mit reichlich Gründen leben zu wollen. Die palästinensische Frau, die letzten Monat eine Verletzung vortäuschte, kam aus einer wohlhabenden Familie und hatte zwei Kinder, die jünger als 3 Jahre alt waren. Und die Gräueltat in einem Jerusalemer Bus letzte Woche wurde ausgerechnet von einem Mitglied der palästinensischen Polizei verübt.

Es tut nicht gut, über die Mitgefühls-Rhetorik oder die Art induktiver Argumentation, wie sie von Kommissaren in amerikanischen Fernseh-Serien wie „Law & Order“ benutzt wird, vorzugeben wir verstünden solche Leute. Statt dessen müssen wir anfangen, die Gesellschaft zu verstehen, die sie ausgebrütet hat.

Aber so etwas auch nur vorzuschlagen macht uns zum Ziel von Kritik, wir würden ein Volk verallgemeinern, statt über Einzelpersonen zu diskutieren. Uns wird gesagt, dass nur Rassisten so etwas vorzuschlagen wagten.

Wenn es aber um palästinensische Terroristen geht, bringt uns die Konzentration auf das Individuum statt die Gruppe nicht weiter. Diese Terroristen agieren in Übereinstimmung mit Werten, die in ihrer Kultur Beifall finden, und als Teil eines Krieges, die eine bestimmte Gesellschaft gegen Israel führt. Die Selbstmord-Bomber und andere Terroristen, die israelische Männer, Frauen und Kinder kaltblütig zu töten, tun das, wovon ihre staatlichen Schulen und religiösen Institutionen ihnen gesagt haben, dass es eine ehrenhafte, sogar heilige Tat sei.

Also müssen wir uns, wenn auch zögernd, fragen, welche Art von Gesellschaft denken würde, dass es eine gute Sache ist grauenhafte Morde zu begehen. Werden Juden nicht als Menschen angesehen? Sind Palästinenser wirklich Barbaren, die – wie der Historiker Benny Morris vor Kurzem andeutete – weggeschlossen gehören?

Den Feind entmenschlichen

In der Vergangenheit waren nicht einmal diejenigen, die in aufgeklärten Demokratien lebten, wegen Generalisierungen über ihre Feinde besorgt. Sehen Sie sich irgendeinen Hollywood-Film an, der während des Zweiten Weltkriegs gedreht wurde, und sie werden vergeblich nach einer menschenfreundlichen Darstellung eines deutschen oder japanischen Soldaten suchen.

Wir können verächtlich über den kruden Chauvinismus der damaligen Zeit lachen, aber was sonst sollten Amerikaner von Leuten denken, die unsagbare Gräuel in Polen, China und andernorts verübt hatten? Die Wahrheit ist, dass die Drehbuch-Autoren und die Zuschauer dieser Filme tatsächlich nicht einmal einen Bruchteil des Schreckens kannten, der von den Nazis und ihren Kollaborateuren beim Holocaust oder im Fernen Osten durch die Diener des japanischen Kaiserreichs begangen wurden.

Die Amerikaner nahmen damals an, dass die Japaner und die Nazis dem menschlichen Leben nicht den gleichen Wert zumaßen wie sie es taten. Aber bis zur Zeit des Vietnamkriegs waren die Amerikaner zu fortschrittlich, um solche Argumente zu glauben.

Gleiches gilt für die meisten Israelis, wenn es um die Darstellung ihrer arabischen Feinde geht. Fast vom Beginn der modernen zionistischen Bewegung an hat die hebräische Volksbewegung ihr Bestes getan, um die Araber respektvoll darzustellen. Die meisten in Israel produzierten Filme und Theaterstücke haben sich alle Mühe gegeben die Palästinenser menschlich abzubilden und den Schmerz wegen des Konflikts und der Verluste auf beiden Seiten aufzuzeigen.

Die Vorstellung des Opfers für die Nation ist Teil des zionistischen Wissensguts. Aber selbst ein Werk wie das klassische Gedicht „Der Silberteller“ von Nathan Altermann, in dem die toten Helden des Unabhängigkeitskriegs Israels die Nation daran erinnern, dass der jüdische Staat mit ihrem Leben erkauft wurde, preist nicht den Tod oder entmenschlicht den Feind; es erinnert uns an den schrecklichen Preis, den selbst ein gerechter Krieg fordert.

Selbst heute, in einer Zeit, in der jüdisches Blut so einfach vergossen wird, ist stupider Hass gegenüber den Arabern in der israelischen Gesellschaft immer noch ein marginaler Faktor.

Nicht so bei den Arabern. Man muss nur die Übersetzungen aus der arabischen Presse und dem Fernsehen zu lesen, die vom Middle East Media Research Institute (www.MEMRI.org) veröffentlicht werden, um zu verstehen, dass die Delegitimierung Israels und der Juden integraler Bestandteil der arabischen Mainstream-Kultur ist.

Mancher wird Israel dafür verantwortlich machen und behaupten, dass seine Weigerung den palästinensischen Forderungen nachzukommen und sein Beharren darauf den Terror zu bekämpfen den arabischen Hass schafft. Aber diese Behauptung ist ein Schlag ins Gesicht der Tatsache, dass der jetzige Krieg einer ist, für den sich die Palästinenser entschieden, als sie einen Staat hätten bekommen können. Das Ziel der palästinensischen Nationalbewegung – Israels Vernichtung – bleibt unverändert bestehen.

Mehr als eine philosophische Frage

Und doch sahen wir mitten in diesem verzweifelten Krieg letzte Woche die Bereitschaft Israels hunderte von terroristischen Gefangenen gegen einen gefangenen Israeli und die Leichen von drei getöteten Soldaten einzutauschen. Über Israel wird berichtet, dass es bereit war sogar noch mehr Terroristen freizulassen, wenn nur Hisbollah oder irgendeine andere arabische Gruppe den lange gesuchten Gefangenen Israeli Ron Arad übergeben würden – oder zumindest seine leblosen Knochen. Berichte der letzten Zeit in der israelischen Presse enthüllten, dass DNA-Tests bewiesen, dass ein kürzlich von der Hisbollah erhaltenes Knochenfragment (Vorauszahlung für einen zukünftigen Handel?) nicht Arad gehörte.

Warum sind die Israelis so sehr bereit, derart viel für ein einziges Leben einzutauschen, wenn die Palästinenser bereit sind, die ihren so unnütz zu verschwenden? Ich habe den Verdacht, dass es nicht so sehr eine Frage der Abwertung des Lebens ist, als der größere Wert, den sie dem von ihnen angestrebten ultimativen Sieg zumessen.

Das ist mehr als eine philosophische Frage, denn wenn wir glauben, dass Israels Feinde unseren Schrecken über den Konflikt teilen, dann werden wir immer versuchen, sie mit Zugeständnissen zu beschwichtigen. Wenn ihre Ziele sich aber von denen der Juden unterscheiden, dann könnte ein Wechsel der langfristigen Strategie geboten sein.

Wir mögen nicht verstehen, warum Araber Mord ehren und Juden nicht, aber zu diesem Zeitpunkt in der Geschichte sind wir gezwungen, diese Frage wenigstens zu stellen. Wenn statt eines Disputs über Territorium etwas Dunkleres innerhalb der palästinensisch Gesellschaft diesen Krieg antreibt, dann ist jede Debatte über einen Friedensprozess letztlich rein akademischer Natur. Und das ist eine Möglichkeit, die sehr wenige von uns zuzugeben bereit sind.

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