Martha Gellhorns Besuch bei palästinensischen Flüchtlingen im Westjordanland im Juni 1967

Martha Gelhorn, The Nation, Oktober 1967 (gepostet von Elder of Ziyon, 13. Januar 2011)

Wir trinken Nescafe in der überladen eingerichteten Stube eines älteren Flüchtlings-Lehrers. Eine Horde reizender, lebhafter kleiner Kinder wurde hinausgedrängt, um Raum für ernste Erwachsenen-Gespräche zu machen. Die Kinder schienen alle im selben Alter zu sein und waren – sonderbar – die Söhne und Töchter des Lehrers selbst und seine Enkelkinder. Seine Ehefrau verschwand, wie es sich gehört. Seine aufgeweckte 22-jährige Tochter, selbst bereits vierfache Mutter, kauerte vor der Tür wie eine Bettlerin, hielt ein weißes Tuch vor dem Gesicht und hörte zu.

1961 hatte ich eine lange Tour durch die UNRWA-Lager (United Nations Relief and Works Agency) für palästinensische Flüchtlinge im Libanon, dem Westjordanland und dem Gazastreifen gemacht und in diesem Lager bei Jericho war ich auch schon. Es war entmutigend. Die Welt glaubt, denn es wird ihr ständig gesagt, dass die palästinensischen Flüchtlinge 19 Jahre lang in physischer Not gelebt haben. Flüchtlinge der Mittelklasse werden vertraulich und privat mitteilen, dass ihre ärmeren Landsleute, diejenigen, die in den Lagern verbleiben, Zuhause nichts hatten und dass es ihnen nicht schlechter geht als vorher. Die Mehrheit der Flüchtlinge, gebildet, gut ausgebildet, teilweise sachkundig, leben außerhalb der Lager und führen ein Leben wie jeder andere Araber.

Die Not der Flüchtlinge ist im Kopf. Sie sind im Geist krank von der Fütterung mit Propaganda, offiziellem arabischen Dogma und hausgemachten Hirngespinsten, die sie 19 Jahre lang verschlungen haben. In Selbstmitleid geschult, ermutigt zu glauben, sie seien der Welt einzigartigsten Opfer von Ungerechtigkeit, ist ihnen nie erlaubt worden die Tagtraum-Vergangenheit zu vergessen oder sich auf eine reale Zukunft festzulegen. Da der dritte arabisch-israelische Krieg sie kaum berührte, haben sie aus ihm nichts gelernt.

Der Lehrer war es leid am Feure zu essen und vom Irrtum Nasser weg. Aber die übrigen hier, drei kräftige Hühnerfarmer, Männer Ende 20, dazu ein großer, blasser, elegant zusammengebauter Student der Universität Amman und ein großspuriger Mittelschüler, waren Nasser so ergeben wie schon immer. Obwohl alle außer dem Schuljungen (wir stimmte darüber ab) glaubten, dass ein Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel eine gute Sache sein würde, fanden die jungen Männer, dass Nasser entscheiden muss.

Sie hatten wegen des Krieges persönliche Probleme. Den Hühnerfarmern fehlten Transportmittel. Der Lehre sagte, seiner Frau gehe das Kerosin zum Kochen aus. Die Abschlussprüfungen des Mittelschülers in Ramallah waren unterbrochen worden; wann würden die Israelis dafür sorgen, dass er sie beenden kann? Der Student machte sich Sorgen, dass die Israelis ihn dazu verdonnern würden sein zweites Studienjahr zu wiederholen, statt ihn direkt ins dritte gehen zu lassen –an der Hebräischen Universität in Jerusalem, wenn sie fair sind. Ich stellte angesichts dieser Klagen immer heraus, dass das Schießen erst zehn Tage davor aufgehört hatte.

Dann, wie auf ein Stichwort, gingen wir in die Fantasie-Phase des Gesprächs über. Es besteht aus nochmaligem Erzählen davon, wie viele Morgen Land ausgezeichnete Felder und Obstplantagen sie hatten, was für prächtige Häuser sie in Palästina zurückließen und von den Juden gestohlen wurden. Da gibt es einen Konkurrenzkampf um Fantasie-Eigentümerschaft: Wenn man die verlorene, von den Einwohner eines beliebigen Lagers beanspruchten Landfläche addiert, kommt man gewöhnlich bei einer Gesamtsumme an, die größer ist als das gesamte landwirtschaftlich genutzte, wiedergewonnene Fläche des Landes Israel. Ein sehr netter Mann in einem anderen Lager sagte mir, dass ihm 44.000.000 Quadratmeter Zitrus-Haine gehört hatten: Die Legende will, dass einst dem Sultan der Türkei genau so viel Land in Palästina gehörte und es den Rothschilds verkaufte. Aber ich glaube, diese Eigentümer-Fantasie ist der wirkliche menschliche Kern des Problems der palästinensischen Flüchtlinge, anders als das irreale arabische Propagandaproblem.

Die Hälfte der Flüchtlinge ist unter 18 Jahre alt; Palästina ist ein Mythos, der in Schulen und Zuhause gelehrt wird. Ich glaube nicht, dass irgendeiner dieser Leute wirklich nach Israel zurückkehren will – nicht, wenn Israel ihnen nicht das durch Jahrzehnte Arbeit aufgewertete Land gibt und hilfsbereit ins Meer hüpft. Was die Flüchtlinge wirklich wollen, ist Geld für ihre eingebildeten verlorenen Besitztümer. Sie scheinen nicht zu wissen, dass die israelische Regierung seit 1949 wiederholt Entschädigungen angeboten hat, manchmal an Bedingungen wie einen Friedensvertrag geknüpft, manchmal ohne Gegenleistung. Auch wissen sie offensichtlich nicht, dass diese Angebote in ihrem Namen von den arabischen Regierungen immer zurückgewiesen wurden. Entschädigungen anzunehmen würde das Problem der palästinensischen Flüchtlinge beenden. Die Entschädigung ist da und wartet, aber sie wird diese Leute nie zufrieden stellen, weil sie auf Fakten gründet, nicht auf Hirngespinsten. Wenn deinem Vater eingetragene 20.000 Quadratmeter Land gehörten und du glaubst, ihm gehörten 2.000.000 Quadratmeter, dann ist es vorprogrammiert, dass du dich angesichts einer genauen Ausgleichszahlung bitter und betrogen fühlst.

„Warum können wir nicht in einen Bus steigen, um uns Israel anzusehen?“, fragte der Schuljunge. Er sprach am besten [Englisch]. „Wie sieht es aus?“ Wie sollte man das schnell sagen, angesichts unseres begrenzten beiderseitigen Wortschatzes? „Jeder arbeitet sehr hart“, sagte ich. Das ist die beste grundsätzliche Beschreibung Israels.

„Arbeitet sehr hart?“, wiederholte er entsetzt und war verärgert, als ich lachte.

„Was denkst du über die englischen und amerikanischen Flugzeuge für Israel?“, fragte er und seine schwarzen Augen glänzten.

„Eine Lüge. Es gab keine.“

„Jeder Araber glaubt, dass es sie gab. Es gab sie. Die Flugzeuge halfen den Israelis. Was ist mit dem Öl-Embargo?“

Übersetzung ins Arabische für die Hühnerfarmer und den Lehrer, die kein Englisch verstanden.

„Ich denke, das wird die Araber am meisten treffen. Wie werden sie leben, wenn sie kein Öl verkaufen?“

„Die Russen werden das Öl kaufen“, sagte der Junge stolz. „Und Indien und Vietnam. Die Araber werden nicht leiden.“

„Was wäre mit den Juden geschehen, hätten die Araber gewonnen?“ Ich unternahm hier eine kleine Gallup-Umfrage dazu. Der Student übersetzte und die sechs Männer murmelten eine Weile untereinander.

„Sehr schlimm“, fasste der Junge zusammen. „Alle tot.“

Aus heiterem Himmel wurden Ausführungen des Lehrers übersetzt. „Eshkol und Dayan sind sehr gut.“

„Warum sagt er das?“

„Weil alles friedlich ist“, sagte der Student. „Wir müssen mit den Juden in Frieden leben.“

„König Hussein ist sehr gut“, unterbrach der Junge. „Wir mögen ihn sehr, seit er nach Kairo ging und Nasser besuchte.“ Die Wiederholung auf Arabisch brachte allgemeine, nickende Zustimmung. Der Lehrer wirkte erschöpft und bot mehr Kaffee und Zigaretten an.

„Gebildete Flüchtlinge verdienen Geld und haben ein gutes Leben“, stellte der Student plötzlich fest. „In Amman gehen wir mit Mädchen in unseren Unterricht. Das ist sehr gut. Kann ich zurück an die Universität Amman, weil ich kein Hebräisch spreche?“

Die männlichen Besucher gingen der Reihe nach hinaus, was die gescheite 22-jährige Tochter aus ihrem verschleierten Exil an der Tür befreite. Sie sprach leidenschaftlich; ich fürchtete, dass ich irgendeinen mysteriösen weiblichen Kodex verletzt hatte. „Was sagt sie?“, fragte ich den Jungen, einen Freund der Familie und zu jung um verlangen zu können, dass eine Frau ihr Gesicht versteckt und schweigt. Er grinste, durch ihren Ausbruch verlegen.

„Sie sagt: Macht Nasser ein Ende. Macht Shukairy ein Ende. Macht Hussein ein Ende. Es reicht. Es reicht. Frieden. Frieden.“

Es ist enorm schade, dass arabische Frauen in der arabischen Politik nichts zu sagen haben.

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