Erinnerung an Shimon Peres

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Meine persönliche Erinnerung an Shimon Peres besteht aus ein paar Treffen und einer Reihe seiner Reden, denen ich beiwohnte. Ich traf Peres erstmals 1965. Er befand sich an einem der Tiefpunkte seiner Karriere. Peres war damals Generalsekretär der Partei Rafi, die von Ben Gurion gebildet worden war, der sich vor den Wahlen des Jahres von der Arbeitspartei abgespalten hatte. Rafi wurde schwer geschlagen und erhielt nur zehn Sitze. Sie wurde in die Opposition gezwungen.

Peres kam, um nahe Paris auf einer Konferenz der World Union of Jewish Students (WUJS) zu sprechen. Ich war damals der Vorsitzende der Organisation. Nach seiner Rede setzten sich einige der Leiter der Union mit ihm zu einem faszinierenden Gespräch zusammen. Wir erkannten, dass er sich wesentlich von den anderen israelischen Führungspersönlichkeiten seiner Generation unterschied: Er war charismatisch, intelligent und aufgeschlossen.

Doch heute bin ich bei der Erinnerung an Peres sehr ambivalent; der Grund sind seinen Einstellungen und sein Verhalten nach den Oslo-Vereinbarungen von 1993, für die er auf israelischer Seite der Hauptarchitekt war. Haben diese Vereinbarungen Israel mehr Gutes gebracht oder mehr Schaden zugefügt? Das ist schwer einzuschätzen.

War der Rabin und Peres gemeinsam mit Yassir Arafat verliehene Friedensnobelpreis gerechtfertigt? Höchstwahrscheinlich nicht, aber eine ganze Reihe anderer Friedensnobelpreise sind ungerechtfertigt gewesen. Dazu gehört der, der Barack Obama verliehen wurde. Wir wissen heute, dass Arafat persönlich Schecks zur Belohnung von Terroristen unterschrieb, die israelische Zivilisten noch nach Erhalt des Preises töteten. Legte Peres je das Verbrechertum Arafats offen? Ich bezweifle es.

Eine der vielen schockierenden Äußerungen Peres‘ nach den Oslo-Vereinbarungen wurde vom ehemaligen Leiter des israelischen Militärgeheimdienstes, General Uri Saguy, in einem Interview mit der Tageszeitung Ma’ariv festgehalten. Er sagte, als er diesen Posten bekleidete, hatte er sowohl dem damaligen Premierminister Rabin als auch Außenminister Shimon Peres gesagt, dass es klare Zeichen einer libanonartigen Entwicklung der Situation im Gazastreifen gab. Peres‘ Antwort: „Sie zerstören meinen Frieden.“ Darauf erwiderte Saguy: „Ich bringe Ihnen eine schlechte Nachricht und Sie schießen auf den Überbringer. Es ist nicht meine Aufgabe Ihren Frieden aufzubauen oder zu zerstören. Ich habe ein realistisches Bild zu zeichnen.“

Peres ist für viele wichtigen Dinge bekannt, die meisten davon positiv. Eines davon ist sein großer Beitrag zur Sicherheit Israels in den Jahren vor der Gründung des Staates und viele der folgenden Jahre. Seine Rolle bei der Einrichtung von Israels Atomreaktor in Dimona war ein gewaltiger Beitrag.

Peres war ein Visionär. Er entwickelte ein Konzept namens „der Neue Nahe Osten“. Er veröffentlichte 1993, dem Jahr der Oslo-Vereinbarungen, ein Buch mit demselben Titel, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Es stellte sich als wilde Fantasie heraus, wie ein utopischer Roman. Peres sollte regelmäßig verfechten, dass man langfristig denken müsse. Es war eine kontraproduktive Botschaft in der Realität Israels und des Nahen Ostens. Er sah das derzeitige Chaos im Nahen Osten nicht vorher.

Peres‘ Fantasien stellten die Weltgemeinschaft zufrieden. Eine große Zahl ranghoher Repräsentanten des Auslands kam zu seiner Beerdigung. Viele priesen ihn. Außer Mohammed Abbas wurden die arabischen Delegationen von zweitrangigem Personal gestellt. Das ist ein Hinweis darauf, wie wenig er die Realität des Nahen Ostens begriffen hat. Die Repräsentanten der israelisch-arabischen Parteien blieben fern.

Peres‘ Visionen dienten Israel zu einem gewissen Grad, weil er als prominente Persönlichkeit Israels in der westlichen Welt gut ankam. Das leistete Israel einen Bärendienst, denn einige der Dinge, die er sagte, waren Unsinn und ermutigten Weltführer immer unvernünftigere Zugeständnisse von Israel zu erwarten.

Präsident Peres wiederholte mehrmals eine absurde Aussage. Er sagte der New York Times im Januar 2013: „Es gibt zwei Dinge, die nicht gemacht werden können ohne die Augen zu schließen – Liebe und Frieden.“ Als Peres 2014 Norwegen besuchte, pries der das Land und wie gut die Norweger seien, wobei er die weit verbreitete antiisraelische Haltung ignorierte. Peres hätte Norwegen nicht derart hoch loben dürfen. Achtunddreißig Prozent der Norweger glauben, dass das, was Israel mit den Palästinensern macht, dasselbe ist, was die Nazis den Juden antaten. Hätte es je eine parlamentarische Untersuchungskommission gegeben, wäre er als unverantwortlich entlarvt worden.

Peres initiierte die Präsidenten-Konferenz. Diese brachte Geschäftsleute, Politiker, Denker und Wissenschaftler aus aller Welt zusammen. Ich nahm dort an einer Reihe faszinierender Sitzungen teil, hauptsächlich zu wissenschaftlichen Fortschritten. Diese Konferenz war eine großartige Initiative, die sein Nachfolger leider nicht fortgesetzt hat. Andererseits war die Auswahl jüdischer Redner oft sehr einseitig. Als Präsident Israels hätte er eine ausgewogener Gruppe einbringen müssen, zu der mehr religiösere und rechte Personen gehört hätten. Peres hätte zudem davon Abstand nehmen müssen jüdische Selbsthasser und Leute, die antisemitische Verleumdungen in die Welt setzen, einzuladen.

Viele glauben, dass Nachrufe geschönt sein sollten. Ich gehöre nicht dazu. Man kann nicht voraussehen, was von seinem Vermächtnis übrigbleiben wird, doch wenn der ambivalente Charakter seiner späten Jahrzehnte nicht bewahrt werden wird, dann wird die Geschichte nicht die Wahrheit erzählen.

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