Die Versicherungspolice des jüdischen Volks

Jedes Mal, wen wir unserer Vergangenheit als Volk begegnen, bekommen wir eine Antwort zu unserer Identität. Die palästinensische Autonomiebehörde hingegen versucht die jüdische Geschichte in diesem Land auszulöschen, als seien wir fremde Invasoren. Doch die Archäologie beweist das Gegenteil.

Dror Eydar, Israel HaYom, 23. September 2016


Forscher präsentieren die rekonstruierten Kacheln vom Boden des Zweiten Tempels
(Foto: Dudi Vaaknin)

1. Ich wurde gebeten vor in den USA lebenden jungen Israelis eine etwa 12 Minuten dauernde Rede auf der anstehenden nationalen Konferenz des Israel American Council zu halten; Thema war Archäologie und die Geschichte Israels.

Es ist etwas sehr Jüdisches, tausende Jahre in einen Tropfen Zeit zusammenzudrängen. Es gibt viele Aspekte der Archäologie. Allgemein geht es um physisch berührbares, uraltes Material: Bauwerke, Ton- und Metallscherben, Inschriften, Gräber und mehr. Die Geschichte, besonders die antike Geschichte, schweigt zumeist. Sehr wenig davon ist aufgeschrieben worden. Die Archäologie hilft die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Für uns Juden ist die Rekonstruierung der Vergangenheit kein Thema, das ein Museum behandeln sollte. Wir sitzen nicht da und sehen einem Geschichts-Schauspiel zu; wir sind Teil davon. Um das zu verstehen, lassen Sie uns über Archäologie in anderen Bereich nachdenken, wie er Archäologie der Texte unserer Sprache.

Was ist ein Wort? Ein Vorbote. Was geschieht, wenn ein Wort mehr als eine Bedeutung haben kann? Was geschieht, wenn es ein uraltes Wort ist, das seit 3.000 Jahren existiert hat? Worte wie diese sind wie Spitzen von Eisbergen – Ihre heutige Bedeutung ist nur die oberste Schichte. Wenn wir graben, entdecken wir ältere Bedeutungsschichten. Wir könnten feststellen, dass ein Wort in anderen Zeitperiode genau das Gegenteil dessen bedeutet, was es heute heißt.

Denken Sie an die hebräische Sprache. Jeder, der diese antike Sprache spricht, lässt unbewusst die Vergangenheit sprechen und weckt den immensen Schatz des Wissens und der Bedeutungen und Traditionen, der in der Sprache angesammelt ist. In einer Beit Midrasch, einem Ort jüdischen Lernens, werden wir entdecken, dass die verwendeten Verben in der Gegenwart stehen: Rabbi Akiva „sagt“ (nicht „sagte“), Raschi inerpretiert, der Prophet Jesaja sagt voraus. Für die Juden sind antike Texte nichts, das in staubigen Regalen stehen gelassen oder in Museen gesteckt wird – sie haben Juden immer umgeben, die mit ihnen sprachen und argumentierten, ihnen trotzten und sich an ihnen erfreuten. Durch den Gebrauch des Hebräischen waren sie immer zugänglich.

Auch heute sind Hebräisch Sprechende in der Lage Texte zu lesen, die 2000 Jahre alt und älter sind. Würden wir uns mehr anstrengen, könne wir uns auch mit dem Talmud vertraut machen. Und natürlich mit der Poesie des spanischen Judentum und jüdischer Philosophie, Bibelkommentaren, mystischer Literatur, dem Zohar, hassidischer und aufgeklärter Bewegungen, bis hin zur Literatur der Wiedergeburt des modernen jüdischen Volks und der Moderne. Wenn wir wollen, könnenw ir etwas über die Leben der jüdischen Gemeinschaften in Nordafrika im 10. Jahrhundert oder im Italien der Renaissance und weitere lerenn, durch das System der Fragen und Antworten (die Resonsa), das die jüdische Welt verband.

Ich sagte, dass diese Texte uns „umgeben“ und meinte damit, dass sie uns sowohl als Individuen als auch als Volk „einhüllen. Es ist eine defensive Verpackung, die uns in den vielen Diasporas schützte und erhielt und die selbst heute noch die Juden der Welt schützen soll, solange sie nicht in ihrer natürlichen Heimat, Israel, sind.

2. Die Texte, so wichtig und bewegend sie sind, bieten nur eine begrenzte archäologische Erfahrung. Vom Jerusalem der Zeit des ersten Tempel zu lesen und es zu studieren ist nicht so wie durch die Davidstadt zu gehen. Wenn man dort steht, begreift man, was der Dichter mit „Berge umgeben Jerusalem ringsumher“ (Psalm 125,1) meinte – dass der Ort, an dem Gott wohnt (im Hebräischen als „schechinah“ bekannt) zwischen den Schultern liegt – auf halber Höhe, nicht im Tal und nicht auf der höchsten Kuppe. So unterschieden unsere Vorväter zwischen ihrem Glauben und der Götzenverehrung, der „hoch aufragende Berg“ und „unter jedem üppigen Baum“ stattfand (Jesaja 57,5-7).

Vor mehreren Wochen enthüllten Archäologen, wie der dekorative Boden des Tempels aussah. Sie entdeckten ihn nach intensiver Arbeit, zu der gehörte Steinfragmente zusammenzusetzen, die im Schutt gefunden wurden, der vom Tempelberg geschafft wurde. Es handelt sich vermutlich nur um einen Boden, Farben und Steine, nicht sehr viel.

Aber die enorme Aufregung, die in den Schlagzeilen der Nachrichten über die Entdeckung zum Ausdruck kam, demonstrierte, dass der archäologische Fund einen empfindlichen Nerv traf. Jedes Mal, wenn wir einem Überbleibsel unserer Vergangenheit als Volk begegnen, erhalten wir eine Reaktion (oder vielleicht eine Antwort) auf die Identitätsfrage, die wir diskutieren, seit wir in die Geschichte zurückkehrten und noch mehr, seit wir einen unabhängigen jüdischen Staat gründeten. Wer sind wir also? Lebt der Staat Israel eine lebende Fortsetzung des antiken Königreichs Israel? Sind die Juden des 21. Jahrhunderts weiter das Volk, dessen Hohepriester über diese wunderbaren Bodenfliesen gingen? Mit den Worten des Literaturforschers und -kritikers Baruch Kurzweil: Sind wir eine Fortsetzung oder ein Revolution?

Die palästinensische Autonomie investiert Herkules-Anstrengungen, um die jüdische Geschichte des Landes Israel auszulöschen und an ihrer Stelle die Geschichte der Palästinenser einzuflößen. Ein Dozent an die Universität Bir Zeit bei Ramallah nannte unsere Verbindung zum Land Israel „einen Mythos, eine Geschichte ohne Wert, wie die Geschichten von 1001 Nacht“. Er fügte hinzu: „Nach 60 Jahren Ausgrabungen haben sie nichts gefunden, nicht einen Wasserkrug, nicht eine Münze, nicht ein Tongefäß, nicht eine Bronzewaffe, nicht ein Stück Metall: nichts aus diesem Mythos. Weil es ein Mythos und eine Lüge ist. Diese Grabungen haben nicht einen einzigen Meter unausgegraben gelassen, aber nichts hervorgebracht.“

Die Palästinenser bezeichnen den jüdischen Tempel regelmäßig als „eingebildet“ und die Geschichten der Bibel als „erfunden“ (siehe die ausgezeichnete Watchdog-Seite Palestinian Media Watch). Der Grund für ihre Bemühungen ist klar: Wenn es keine historische Verbindung zwischen dem jüdischen Volk und diesem Land gibt, dann sind wir fremde Invasoren, die die Kontrolle über ein Land übernahmen, das nicht das unsere war.

Wir leben aber nicht gemäß dem, was die Palästinenser sagen. Wie mit der hebräischen Sprache als etwas Wichtige umgegangen wird, so ist es wichtig mit den archäologischen Entdeckungen unserer Vergangenheit vertraut zu werden, um unsere Identität als Volk und unsere Verbindung zum Land Israel zu stärken. Die „eiserne Mauer“, die der Zionistenführer Ze’ev Jabotinsky zwischen uns und unseren Feinden errichten wollte, damit sie daran verzweifeln uns ständig vertreiben zu wollen, ist nicht nur eine buchstäbliche eiserne Verteidigungsmauer. Vor allen Dingen ist sie eine Eiserne Mauer des Bewusstseins.

3. Die weit überwiegende Mehrheit der Juden in Israel und weltweit sind in einem gewissen Ausmaß mit den archäologischen Funden zu unserer Vergangenheit bis zur Zeit Jerusalems vertraut, von den Königreichen Davids und Salomons im 10. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und danach. Die Ausgrabungen in der Davidstadt während der letzten 25 Jahre haben geholfen unser Wissen zu vertiefen. Doch alles, das mit der Zeit vor der Monarchie zu tu n hat – die Durchquerung des Jordan und die Ankunft der israelitischen Stämme am Ende des 13. Jahrhunderts vor unserer Zeitrechnung, die Besiedlung des Jordantals und die Ausdehnung westwärts in die Berge und südlich über Schiloh hinaus – ist für die meisten Juden ein schwarzes Loch.

Bald wird es ein Jahr her sein, dass Adam Zertal, einer der größten biblischen Archäologen des 20. Jahrhunderts, starb. Die Wochenzulage von Israel Hayom hatte die Ehre einige seiner größten Entdeckungen zu Gilgalim zu veröffentlichen, von der Bibel genannte Orte, an denen die israelitischen Stämme nach der Durchquerung des Jordan lagerten und Gott anbeteten, lange bevor es Jerusalem und Schiloh gab. Zertal fand sechs Anlagen, die ähnliche Charakteristika und Tonscherben aus der israelitischen Zeit enthielten. Auf dem Berg Ebal hatte er das Privileg den Heiligen Gral der biblischen Archäologen zu finden: einen israelitischen Opferaltear, der ins 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurückgeht und erstaunlich zu der Beschreibung des Altars auf genau diesem Berg passte, die man im Buch Josua findet (Josua 8,30-35).

Während der 35 Jahre archäologischer Studien in Samaria fanden Zertal und sein Team rund 1.500 Stellen, von denen 90% vorher nicht bekannt waren. Rund 450 davon datieren in die Eisenzeit I, also die Zeit, in der die Stämme Israels sich im Land niederließen und der Zeit des ersten Tempels. Das verändert jedes Jahre das, was die Wissenschaft über die Bibel und unsere Geschichte weiß. Israelische Studenten und Juden überall in der Welt müssen davon wissen. Es ist ein entscheidender Teil unserer Versicherungspolice.

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