Fiktive Geschichte

Israel ist kein Kolonialstaat

Dore Gold, The New Republic, 17. August 2010

Das Argument, Israel sei ein kolonialistisches Gebilde, wird oft angeführt, um die Legitimität des jüdischen Staates zu untergraben. Das Thema hat die akademische Welt des Westens fast unkritisch durchdrungen. Seit Jahrzehnten wird es in einem internationalen Forum nach dem anderen gegen Israel eingesetzt. 1973 gab die UNO-Vollversammlung dieser Idee den ersten Schub, als sie die „unheilige Allianz zwischen portugiesischem Kolonialismus, südafrikanischem Rassismus, Zionismus und israelischem Imperialismus“ verurteilte.

Die Verbindung Israels mit kolonialistischen Regimen bereitete 1975 die Bühne für die heimtückischste Resolution, die die Vollversammlung jemals gegen Israel verabschiedete – die erklärte, dass der Zionismus eine Form des Rassismus sei.. Sie half, den afrikanisch-asiatischen Block sowohl hinter der Resolution als auch der Bewegung zur Delegitimisierung Israels festzukitten. Selbst als die Vollversammlung 1991 die Resolution endlich aufhob, bestanden die Vergleiche zwischen Zionismus und Kolonialismus fort, wurden wohl eher noch schriller.

Bei einer Rede 2008 in Johannesburg erklärte Azmi Bishara, ehemaliges Knesset-Mitglied, eine weitere Möglichkeit, wie Israel zu beschuldigen ein kolonialistisches Gebilde zu sein echte politische Brauchbarkeit besitzt. Bishara, der heute keine Gelegenheit auslässt, Israels Legitimität vor Publikum im Ausland in Frage zu stellen, erklärte, dass zwei Punkte etabliert werden müssen, um zu zeigen, dass Israel ein Apartheidstaat ist: erstens, dass Israel Rassentrennung praktiziert; und zweitens, dass es ein Produkt des Kolonialismus ist.

Natürlich würde jeder sehen, der die Notaufnahme israelischer Krankenhäuser besucht oder die Seminarräume einer beliebigen israelischen Universität oder am Wahltag die Wahlkabinen, ganz zu schweigen von der Knesset selbst, dass sowohl jüdische als auch arabische Ärzte, Patienten, Professoren, Studenten, Wähler und Parlamentarier sich auf eine Art und Weise mischen, die den Vorwurf der Apartheid restlos widerlegen. Das lässt Bishara hauptsächlich den Vorwurf des Kolonialismus, um seinen Fall zu vertreten.

Anders als der Vorwurf der Rassentrennung kann das Etikett „kolonialistisch“ nicht einfach dadurch widerlegt werden, dass man sich im modernen Israel umsieht. Es handelt sich um einen geschichtlichen Vorwurf darüber, wie Israel entstand: Im Effekt läuft es auf die Behauptung hinaus, dass Israel als Außenposten einer weit entfernten Macht gegründet wurde, die sich selbst dem Territorium und seinen einheimischen Bewohnern aufzwang. Fakt ist aber, dass das moderne Israel zwar das britische Mandat für Palästina von 1922 ablöste, aber weder von den Briten noch irgendeiner anderen Besatzungsmacht geschaffen wurde.

Die Juden machten bereits ihr Recht auf Selbstbestimmung geltend, lange bevor die Briten und die Franzosen das ottomanische Reich auflösten. Das jüdische Volk hatte beispielsweise bereits 1863 die Mehrheit der Bevölkerung Jerusalems wiederhergestellt. Jahrzehnte später prüften Großbritannien und der Völkerbund die Rechte der Juden in Palästina, wobei sie über ihre Macht hinaus gingen diese zu verleihen, weil sie bereits zur Akzeptierung vorlagen. So gab der Völkerbund der „historischen Verbindung des jüdischen Volkes zu Palästina“ die Anerkennung. Mit anderen Worten: Er erkannte ein bereits bestehendes Recht an. Er forderte die „Wiederherstellung“ der nationalen Heimstatt des jüdischen Volkes. Und die vom Völkerbund 1922 anerkannten Rechte wurden von seiner Nachfolgerin, den Vereinten Nationen, aufrecht erhalten, die in Artikel 80 ihrer Charta die Rechte aller Staaten und Völker bestätigte, die vor 1945 bestanden.

Der Vorwurf, Israel habe wegen seiner Verbindung zum britischen Mandat koloniale Wurzeln, ist ironisch, denn die meisten arabischen Staaten verdanken ihre Entstehung dem Einmarsch und der Dominanz der europäischen Mächte. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es die arabischen Staaten Irak, Syrien, Libanon und Jordanien nicht, sie waren schlicht Distrikte des ottomanischen Reichs mit anderen Namen. Staaten wurden sie als Ergebnis der europäischer Intervention, wobei die Briten in zweien dieser Länder die Haschemiten-Familie an die Macht setzten.

Saudi-Arabien und die kleineren Golfstaaten kamen derweil infolge von Verträgen zustande, die ihre Führer mit Großbritannien schlossen. Über diese Verträge erkannten die Briten die Legitimität lokaler arabischer Familien an, das zu regieren, was Staaten wie Kuwait, Bahrain und Qatar wurden. Ein ähnlicher britischer Vertrag mit der Familie al-Saud im Jahr 1915 bereitete die Bühne für das spätere Entstehen Saudi-Arabiens im Jahr 1932.

Darüber hinaus profitierten die arabischen Armeen während Israels Unabhängigkeitskrieg direkt von europäischen Waffen und Training – und selbst Soldaten. Die Arabische Legion kämpfte in Jerusalem anfangs unter britischen Offizieren, während der Himmel über dem Sinai durch die Royal Air Force vor der israelischen Luftwaffe geschützt war. Tatsächlich gab es 1949 Kämpfe zwischen israelischen und britischen Flugzeugen.

William Roger Louis, einer der führenden Historiker der britischen imperialen Strategie, legte ein extrem verräterisches Dokument des britischen Außenministeriums offen, das Israels Beziehung zur Zeit seiner Geburt zur europäischen Kolonialmacht relativiert. In seinem 1984 veröffentlichten Buch The British Empire in the Middle East, 1945-1951 (Das britische Empire im Nahen Osten, 1945-1951) beschreibt er ein Treffen britischer Offiziere vom 21. Juli 1949, am Ende des israelischen Unabhängigkeitskrieges. Sir John Troutbeck, Kopf des britischen Nahost-Büros, sagte: „Wir waren in einer Position die arabischen Regierungen kontrollieren zu können, aber nicht Israel.“ Dann gab er seiner Furcht Ausdruck, „die Israelis könnten die arabischen Staaten in einen neutralen Block ziehen und sogar versuchen uns aus Ägypten zu drängen“. Das Original des Außenministeriums drückt auch die Sorge aus, dass die Briten ihre Luftwaffen-Basen im Irak verlieren würden. 1956 machte Israel kurzzeitig gemeinsame Sache mit Großbritannien und Frankreich gegen Nassers Ägypten, aber das konnte die Tatsache nicht ändern, dass Israel für die imperialen Mächte ein Hindernis war, kein Außenposten.

Dennoch sind in den letzten Jahren die Bemühungen ausgedehnt worden Israel als koloniales Gebilde hinzustellen. Für viele Sprecher, besonders der Palästinenser, wurde es wichtig die historischen Verbindungen des jüdischen Volkes zu seinem Land zu bestreiten und es als letzte kolonialistische Ankömmlinge in der Region darzustellen – im Gegensatz zu den Palästinensern, die als authentisch einheimische Bevölkerung dargestellt wird.

Diese Anstrengungen erreichten einen dreisten Höhepunkt, als Yassir Arafat Ende Juli 2000 beim Gipfeltreffen mit Präsident Clinton in Camp David leugnete, dass es den Tempel in Jerusalem jemals gab. Viele seiner Vertreter – von Saeb Erekat bis Mahmud Abbas – haben seitdem genau das aufgegriffen. Bei seiner Rede vor der UNO-Vollversammlung am 12. November 2008 zum Thema „Dialog der Religionen und Kulturen“ sprach der palästinensische Premierminister Salam Fayyad über die historischen Verbindungen von Islam und Christenheit zu Jerusalem, sagte aber auffallenderweise nicht ein einziges Wort zu den Banden des Judentums zur heiligen Stadt.

In gleicher Weise erzählte Arafat westlichem Publikum gewöhnlich, die Palästinenser seien Nachkommen der Jebusiter mit uralten Wurzeln im Land. Doch in der palästinensischen Gesellschaft schafft man sich seinen Status mit dem Anspruch ein relativ spät Gekommener zu sein, dessen Vorfahren aus arabischen Familien stammen, die den zweiten Kalifen Omar bin al-Khattab begleiteten, als dieser im 7. Jahrhundert das byzantinische Palästina eroberte und kolonisierte. Selbst damals stellten die Juden immer noch – vielleicht zusammen mit den Samaritern – die Mehrheit im Land, sechshundert Jahre nachdem die Römer ihren alten Tempel und den zweiten jüdischen Staat zerstörten. Das erfährt man in Professor Moshe Gils monumentaler, 800 Seiten starker „Geschichte Palästinas: 634 – 1099“ (A History of Palestine: 634-1099).

Die Wahrheit festzustellen ist nie das Ziel derer gewesen, die versuchen Israel mit einem kolonialistischen Pinsel zu malen. Sie sind einfach entschlossen gewesen den Schluss zu ziehen, dass die Juden als fremde Macht nach Palästina kamen, um europäische Interessen voranzubringen, statt sie als Volk zu betrachten, das seine historische Heimat wiedererlangte, in der es tiefe, indigene Wurzeln hat.

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