Seltsame Berichte – Widersprüche im Kölner Stadtanzeiger

heplev, 30. August 2002

Am 27. und 28. August 2002 machte der Kölner Stadtanzeiger etwas widersprüchliche Anmerkungen zum Nahostkonflikt. Zuerst berichtete er in einer Reuters-Meldung darüber, dass die Palästinenser die Gewalt fortsetzen wollten:

Kölner Stadtanzeiger, 27.08.2002 (nicht mehr online, aber beim österreichischen Standard noch vorhanden)

Umfrage – Palästinenser gegen Ende der Selbstmordanschläge

Ramallah, 27. Aug (Reuters) – Eine Mehrheit der Palästinenser lehnt einer Umfrage zufolge Bemühungen ab, die militanten Organisationen zu einem Ende der Selbstmordanschläge gegen Israel zu bewegen.

Wie aus einer am Montag vom Palästinensischen Zentrum für Politikforschung veröffentlichten Umfrage hervorging, begrüßten lediglich 43 Prozent der im Gaza-Streifen und im Westjordanland Befragten solche Bemühungen, 53 Prozent lehnten sie dagegen ab. Gleichzeitig sprach sich eine Mehrheit für weit reichende Reformen der Palästinenser-Regierung und die Schaffung eines Ministerpräsidenten-Amtes aus.

Mit 34 Prozent genoss Palästinenser-Präsident Jassir Arafat weiterhin die größte Zustimmung bei den Befragten. An zweiter Stelle der populärsten Palästinenser-Politiker folgte der in Israel derzeit vor Gericht stehende Chef von Arafats Fatah-Bewegung im Westjordanland, Marwan Barghuthi, mit 23 Prozent. Gestiegen ist der Umfrage zufolge die Zustimmung zu den militanten Palästinenser-Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad. Ihre Zustimmung erhöhte sich von 17 Prozent vor Beginn des jüngsten Aufstands vor zwei Jahren auf jetzt 27 Prozent.

Befragt wurden den Angaben zufolge 1320 Personen im Gaza-Streifen und im Westjordanland. Die Fehlerquote wurde mit drei Prozent angegeben

Diese Ergebnisse lassen sich durch weitere Umfragen untermauern. Dort wird klar gestellt, dass z.B. die Palästinenser das Werfen von Steinen und Molotow-Cocktails als „friedlichen Widerstand“ betrachten! Die von Reuters zitierte Umfrage brachte u.a. folgende Ergebnisse zu Tage:

Frage 1: Isarel schlägt eine schrittweise Umsetzung eines Waffenstillstands vor, der im Gazastreifen beginnt und Stück für Stück auf die Westbank-Städte ausgedehnt wird. Die israelischen Streitkräfte würden sich aus den Waffenstillstandsgebieten auf die Stellungen vom September 2000 zurückziehen. Unterstützen Sie diesen Vorschlag oder nicht?
1. starke Unterstützung 7,1%
2. Unterstützung 40,8%
3. dagegen 35,2%
4. stark dagegen 14,7%
zusammen gefasst: 48,9% dafür, 49,9% dagegen.

Frage 2: Es gibt interne palästinensische Bemühungen zur Schaffung eines Konsenses über die Mittel, mit denen die israelische Besatzung bekämpft werden soll. Diese Bemühungen rufen zu einer Beendigung der bewaffneten Anschläge gegen israelische Zivilisten innerhalb Israels auf. Unterstützen Sie diese Bemühungen oder nicht?
1. starke Unterstützung 5,8%
2. Unterstützung 37,7%
3. dagegen 38,7
4 stark dagegen 14,3%
zusammen gefasst: 43,5% dafür, 53% dagegen den Terror zu beenden.

Frage 11: Glauben Sie, dass die bewaffnete Auseinandersetzung bisher in einer Art dazu beigetragen hat, die palästinensischen Recht zu erreichen, die durch Verhandlungen nicht möglich gewesen wäre?
1. definitiv ja 24,5%
2. ja 46,0%
3. nein 20,8%
4. definitiv nicht 3,9%
zusammen gefasst: 70,5% glauben, Gewalt hat mehr erreicht.
(Man fragt sich, wie realistisch das ist, da doch inzwischen Israel praktisch die gesamte Westbank wieder „besetzt“ hält, es den Palästinensern schlechter geht als je zuvor. Das kann doch nur dann stimmen, wenn der Terror als Ziel gewollt ist!)

Frage 14 (jetzt wird’s richtig interessant): Nach Erreichung einer Friedensvereinbarung zwischen der palästinensischen Seite und Israel und der Schaffung eines palästinensischen Staates, der von Israel anerkannt ist, könnten die folgenden Schritte unternommen werden, um die Beziehungen zwischen den Staat Israel und einem palästinensischen Staat zu verbessern. Sagen Sie mir für jeden der vorgeschlagenen Schritte, ob Sie ihn unterstützen oder ablehnen:

14-1: offene Grenzen und Bewegungsfreiheit für Menschen und Waren:
1. starke Unterstützung: 20,0%
2. Unterstützung 63,6%
3. dagegen 12,1%
4. sehr dagegen 2,6%

14-2: Schaffung gemeinsamer Wirtschaftsinstitutionen und –unternehmungen:
1. starke Unterstützung 11,5%
2. Unterstützung 56,0%
3. dagegen 25,7%
4. sehr dagegen 4,2%

14-4: Rechtliches Vorgehen gegen Aufhetzung gegen Israel:
1. stark dafür 3,2%
2. dafür 29,4%
3. dagegen 47,6%
4. sehr dagegen 15,3%
zusammen gefasst: 62,9% sind für fortgesetzte Hetze gegen Israel, auch NACH einem „Friedensschluss“! Der Krieg soll also weiter geführt werden, wozu ist die Hetze sonst da?

14-5: Ein Lehrprogramm übernehmen, in dem der palästinensische Staat Israel anerkennt und Schüler lehrt, nicht die Rückgabe ganz Palästinas an die Palästinenser zu fordern:
1. stark dafür 0,8%
2. dafür 7,4%
3. dagegen 51,7%
4. sehr dagegen 36,3%
zusammen gefasst: 88% der Befragten sind dafür, dass auch die Rückgabe des Staates Israel an die Palästinenser gefordert wird! Der Krieg geht weiter!

Frage 15: Nach Erreichung einer Friedensvereinbarung zwischen der palästinensischen Seite und Israel und der Schaffung eines palästinensischen Staates, der von Israel anerkannt ist, würden Sie, unter diesen Friedensbedingungen, israelische Kollegen zu Besuchen bei sich einladen?
1. definitiv ja 6,5%
2. ja 30,5%
3. nein 37,0%
4. definitiv nicht 25,0%

Frage 16: Wie Frage 15, aber ein Besuch bei einem israelischen Kollegen:
definitiv ja + ja 37,4%
nein + definitiv nicht 63,6%

15 und 16 zusammen gefasst: zusammen gefasst: ein echtes Miteinander wird von mehrheitlich nicht gewünscht!

Frage 18: Bewaffnete Angriffe auf israelische Soldaten in der Westbank und dem Gazastreifen werden von Ihnen
1. sehr unterstützt 51,0%
2. unterstützt 40,8%
3. abgelehnt 5,2%
4. sehr abgelehnt 0,8%
zusammen gefasst: 91,8% wollen weiter morden.

Frage 19: Bewaffnete Angriffe gegen israelische Zivilisten in Israel werden von Ihnen
1. sehr unterstützt 23,1%
2. unterstützt 29,2%
3. abgelehnt 40,8%
4. sehr abgelehnt 4,7%
zusammen gefasst: den Terror gegen Zivilisten fortzusetzen wird von 52,3% befürwortet.

Allgemeiner gesagt sagt diese Umfrage über die Palästinenser aus: Wir sind für einen Friedensschluss, aber hinterher machen wir weiter wie bisher! Frieden bedeutet für die Palästinenser offensichtlich nicht nur in den Terrorgruppen und Führungskadern, dass es sich um eine Maßnahme handelt, die die Ausgangsposition verbessert, um hinterher effektiver Krieg führen und die eigenen Ziele auf Kosten der Juden durchsetzen zu können.

Vor diesem Hintergrund muss man sich den Artikel von Inge Günther auf der Zunge zergehen lassen, der am 28.08.2002 erschien (Hervorhebungen: HE)

Kölner Stadtanzeiger, 28.08.2002

Eigentlich will niemand die Gewalt

von Inge Günther, 28.08.2002, aktualisiert 20.01h

Das Potenzial für gewaltlosen Widerstand ist unter Palästinensern weit größer als bislang angenommen. Achtzig Prozent würden einer am Mittwoch in Jerusalem veröffentlichen Umfrage zufolge eine zivile Protestbewegung befürworten. Auch eine absolute Mehrheit der Israelis (78 Prozent) erkennt den Anspruch auf einen palästinensischen Staat als legitim an, wenn das Prinzip der Gewaltlosigkeit beherzigt wird.

Das ermutigende Ergebnis wird allerdings dadurch geschmälert, dass die meisten Palästinenser an einem Erfolg gewaltloser Methoden zweifeln. Zwischen 61 und 68 Prozent von ihnen glauben, eine solche Strategie werde keine wirkliche Veränderung bringen, sei an der rauen Realität in Nahost bereits gescheitert oder habe keinen Einfluss auf das Vorgehen Israels.

Letzteres allerdings widerspricht dem, was die Meinungsforscher auf jüdischer Seite herausfanden. Dort gaben immerhin 57 Prozent der befragten Israelis an, palästinensische Aktionen gegen die Besatzung wie Massendemonstrationen und Boykottaufrufe im Prinzip zu billigen. Ebenso wären sie zu weit mehr Konzessionen in Verhandlungen bereit, sollten die Palästinenser anstatt der bewaffneten Intifada sich für den Weg der Gewaltlosigkeit entscheiden.

In Auftrag gegeben wurde die repräsentative Studie vom „European Centre for Common Ground“, der weltgrößten Nichtregierungsorganisation für Konfliktlösung und Prävention. Ihr Autor, Steven Kull, wertet die ermittelten Zahlen als durchaus hoffnungsvoll. Obwohl auf beiden Seiten Skepsis überwiege, so Kull, „ist das Potenzial zum Umdenken da“.

Vor allem ein ermittelter Wert stützt diese These. 62 Prozent aller Palästinenser halten demnach einen neuen Ansatz in der Intifada für notwendig. Kull erkennt darin eine „gewisse Bereitschaft der Leute, sich gegenüber anderen Ideen zu öffnen“, [Überinterpretation – Kull meint damit, es würde friedlicher Widerstand im westlichen Sinne vermittelbar; das widerspricht den Aussagen der von Reuters zitierten und anderer Umfragen!] auch wenn das noch nicht bedeute, sie unmittelbar umzusetzen. Umso mehr komme es daher auf die politische Führung an, eine neue Strategie zu entwickeln.

Dem stehen freilich Hardliner-Positionen entgegen, die sich in dem jüngsten, seit fast zwei Jahren andauernden Gewaltkonflikt verfestigt haben. Über neunzig Prozent der Palästinenser sehen nach wie vor bewaffnete Angriffe auf israelische Soldaten als legitim an. 73 Prozent heißen sogar Selbstmordattentate in Israel gut. [Wo ist da das „Potenzial zum Umdenken?]

Ein Resultat, das sich weithin deckt mit einer anderen Umfrage eines renommierten Meinungsforschungsinstitutes in der Westbank, wonach die Palästinenser zu siebzig Prozent überzeugt sind, dass der bewaffnete Kampf effektiver als Verhandlungen sei, um nationale Ziele zu erreichen. Aufschlussreich ist in diesem Punkt auch die Kull-Studie. Nur jeder dritte Palästinenser meint demnach, dass durch Attentate internationale Sympathien verspielt worden seien.
Liebe Frau Günther, liebe Redaktion des Kölner Stadtanzeigers,

mit diesen zwei letzten Absätzen ist Ihre Überschrift vollständig widerlegt! Das Wunschdenken der Interpretatoren der Studie des „European Center for Common Ground“ erledigt sich damit.

Ich empfinde es als hochstaplerische Unverschämtheit, dass diese Überschrift gewählt wurde. Ich frage mich, was dieser Text soll. Einen Tag nach der klaren Darstellung, dass die palästinensische Bevölkerung mehrheitlich keinen Frieden will, wird dieses Ergebnis mit Hilfe eine Überschrift schnell wieder relativiert (wenn auch das im eigenen Text widerlegt wird), damit die eigenen Vorstellungen wieder bestätigt werden und man der harten Realität nicht ins Auge zu sehen braucht. Frau Günther hat es wieder einmal geschafft! So, wie sie es geschafft hat, das Kampfzentrum in Jenin mit „Ground Zero“ zu bezeichnen und damit dem Terror-Ergebnis von New York gleich zu setzen. So, wie sie es geschafft hat, von Massakern zu schreiben, die nie statt gefunden haben. So, wie sie es geschafft hat, Israels Friedensangebote an Arafat zu negieren. So, wie sie es geschafft hat, die einseitigen Waffenstillstände Sharons als nicht existent zu bezeichnen und palästinensischen Terror als harmlos im Verhältnis zu den Aktionen der israelischen Armee darzustellen. So, wie sie es geschafft hat, nicht existente palästinensische Waffenstillstände zu preisen und zu behaupten, diese seien durch israelische Aktionen zusammengebrochen. So, wie sie es schafft, israelische Reaktionen auf massiven palästinensischen Terror als aggressive und unprovozierte Maßnahmen zu bezeichnen. So, wie sie es geschafft hat, die Ermordung der TIPH-Beobachter durch einen palästinensischen Polizisten unter den Teppich zu kehren, indem angebliche israelische Verbrechen in den Vordergrund geschoben werden. So, wie sie es schafft, in einer „Chronologie“ der Gewalt neben der Ermordung der TIPH-Mitarbeiter Arafats Waffenschmuggelschiff auszulassen. So, wie sie immer wieder von Sharon fordert, Arafats Friedenswillen zu testen, aber umgekehrt nicht fordert, dass Arafat Gleiches tut. (Alle diese Vorwürfe an Frau Günther habe ich in Leserbrief-Emails von Dezember 2001 bis Mai 2002 erhoben und belegt. Diese Art von Berichterstattung hat mich dazu gebracht, mein Abonnement Ihrer Zeitung zu kündigen.)

Den Kardinalfehler macht Frau Günther (wie auch Herr Kull), wenn sie die Befürwortung einer zivilen Protestbewegung damit gleich setzt, dass diese Leute keine Gewalt wollen. „Zivil“ sind auf palästinensischer Seite alle Terroristen (zu sehen z.B. auf der Internetseite der palästinensischen „Menschenrechtsorganisation“ LAW – interessant, wer nach deren Darstellung alles Zivilist ist). Als „friedlich“ und „gewaltlos“ gelten unter den Palästinensern Mordversuche mit Steinen und Molotow-Cocktails (auch durch Umfragen belegt – bitte nachlesen bei IMRA). Die ideologische Sprachverwirrung und die fehlende Bereitschaft von Frau Günther u.a., die Begrifflichkeiten zu klären und nicht die eigene Definition als die der Palästinenser anzusehen, führt zu einer unehrlichen Berichterstattung, die mit berichten nicht mehr viel zu tun hat. Die Verbohrtheit solcher Journalisten wird mit dazu beitragen, dass wir in absehbarer Zeit wieder zu einem Volk von Antisemiten werden. (Herr Möllemann lässt grüßen, der ist genauso drauf.)

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