Beispiele für die Darstellung des Nahost-Konflikts in deutschen Medien (2)

Am Dienstag, 12. August 2003, fanden innerhalb einer Stunde zwei Selbstmord-Bombenanschläge gegen Israelis statt. Ein Selbstmord-Attentäter sprengte sich bei Tel Aviv in einem Supermarkt in die Luft; kaum eine Stunde später geschah dasselbe an einer Bushaltestelle der „Siedlerstadt“ Ariel. Die Bilanz: zwei tote Selbstmord-Attentäter, ein toter Israeli und ein Haufen Verwundete. Wie wurde in deutschen Medien über diesen Vorfall berichtet?

Leserbrief an den „Spiegel“:

Nachdem ich den unten stehenden Artikel gelesen habe, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn zu kommentieren (meine Kommentare sind gefärbt).

——

NACH SELBSTMORDANSCHLÄGEN

Israel stoppt Freilassung palästinensischer Häftlinge

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,260967,00.html
(Der Artikel wurde kurze Zeit später geändert, weil Hamas und Islamischer Jihad sich zu den Anschlägen bekannten.)

Höchste Gefahr für den Friedensprozess: Als Reaktion auf zwei palästinensische Selbstmordanschläge heute Morgen hat Israels Ministerpräsident Scharon die Freilassung von 76 palästinensischen Häftlingen verschoben. Die Freilassung war eine der Kern-Bedingungen für einen Frieden in Nahost.
Offensichtlich ist für den Spiegel die Nichtfreilassung der Palästinenser gefährlicher und negativ bedeutsamer für den Friedensprozess als die Terror-Bomben! Seid ihr noch ganz dicht? Und wieso ist die Freilassung eine Kern-Bedingung für den Frieden? Die „Roadmap“, die die Palästinenser angeblich voll anerkannt haben, sagt dazu überhaupt nichts! Wenn schon, dann ist es eine zusätzliche (!) Bedingung der Palästinenser – und damit nicht zulässig! Es ist ausschließlich eine Good Will-Geste der Israelis, mehr nicht!

Tel Aviv – Eigentlich sollten die 69 Männer am Nachmittag an einem Kontrollposten zum Westjordanland freigelassen werden. In der vergangenen Woche hatte Israel bereits 334 Gefangene entlassen. Insgesamt befinden sich noch mehr als 7000 Palästinenser in israelischer Haft. (Damit werden selbst palästinensische Angaben inflationiert, die von 6.500 Personen sprechen)

Der Freilassungs-Stopp ist eine Reaktion auf die jüngsten Bomben-Attacken palästinensischer Selbstmordattentäter. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich in Israel und im Westjordanland am Morgen zwei Palästinenser in die Luft gesprengt. In einem Supermarkt riss ein Attentäter mindestens einen Israeli mit in den Tod. Anschließend wurde am Ortseingang der israelischen Siedlerstadt Ariel ein weiterer Sprengsatz gezündet.

Der israelische Regierungssprecher Avi Pazner machte die palästinensische Führung für die neuen Gewaltakte verantwortlich. Die Autonomiebehörde habe es versäumt, die Terrororganisationen aufzulösen. (Zurecht: Die Roadmap verlangt in Schritt 1 ausdrücklich, dass die PA die Terroristen verhaftet und die Terrorstruktur beseitigt! Beim Spiegel hört sich das an, als wäre diese Forderung unverschämt und gehöre nicht da hin.)

Zu den Anschlägen bekannte sich zunächst niemand. Die radikalen Organisationen Hamas und Islamischer Dschihad bezeichneten die Anschläge jedoch als „natürliche Reaktion“. (Der Mord an Juden scheint zur Natur von Hamas und Jihad zu gehören – Gründe haben sie dafür noch nie nötig gehabt, nur den einen: die Existenz von Juden zwischen Jordan und Mittelmeer!)

Die Hamas hatte Israel am Freitag Vergeltung für den Tod zweier ihrer Mitglieder angedroht, jedoch gleichzeitig erklärt, sie wolle an der bis Ende September angekündigten Waffenruhe festhalten. (Sie haben aber inzwischen auch offen zugegeben, dass sie die Waffenruhe vor allem zur Stärkung der eigenen Bewaffnung nutzen. Wie viel Friedenswille drückt sich darin aus?) Mehrere palästinensische Splittergruppen haben die Waffenruhe abgelehnt. (Aber die rund 170 Terroranschläge der letzten Wochen wurden nach deren Bekenntnis mehrheitlich von Arafats Fatah-Gruppen ausgeführt, nicht von anonymen und undefinierten „Splittergruppen“!)

Der palästinensische Ministerpräsident Machmud Abbas brach unterdessen seine Reise durch mehrere Golfstaaten ab. Die Palästinenser-Regierung verurteilte die Tat umgehend (das machen sie praktisch immer – die Frage wäre, wie die beiden Attentäter dann in den PA-Medien und –Schulen dargestellt werden; normalerweise werden Schulen und Sommerlager dann nach ihnen benannt!). Minister Jasser Abed Rabbo fügte jedoch hinzu, Scharon habe in der letzten Zeit „keine Provokation ausgelassen“. (Die Provokation bestand wohl vor allem daraus, dass Palästinenser Terroranschläge durchführen wollten, von den Israelis aber daran gehindert wurden?)

An der Einfahrt zur Siedlung Ariel hatte sich ein Selbstmordattentäter an einer Bushaltestelle in die Luft gesprengt. Augenzeugen berichteten im israelischen Rundfunk, Israelis hätten auf den herankommenden Palästinenser geschossen, woraufhin dieser seinen Sprengsatz gezündet habe. Dabei sei er getötet worden (aha, diese Information fehlte uns bei einem Selbstmord-Attentäter!), drei Passanten hätten schwere Verletzungen erlitten.

Bei dem Attentat im Einkaufszentrum des Tel Aviver Vorortes Rosch Haajin wurden zudem mindestens elf Menschen verletzt, vier von ihnen sogar schwer. Die Bombenexplosion führte zu einem Großbrand. Rettungskräfte mit Atemschutzgerät bemühten sich, die Opfer schnell aus den Trümmern zu bergen. Der Bürgermeister von Rosch Haajin sagte dem israelischen Armee-Rundfunk: „Es war eine relativ kleine Bombe.“

Die Polizei in der Gegend war nach Warnungen vor einem bevorstehenden Anschlag in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.

Fischer warnt vor Scheitern der Friedensbemühungen

Unterdessen hat Bundesaußenminister Joschka Fischer vor einem Scheitern der Friedensbemühungen zwischen Israel und den Palästinensern gewarnt. In den vergangenen Wochen seien beide Seiten „entscheidende und mutige Schritte auf dem Weg des Friedens gegangen“, sagte Fischer (Ich frage mich, worin die „mutigen und entscheidenden Schritte“ auf Seiten der Palästinenser bestehen – sie sind noch nicht einer einzigen Forderung der Roadmap nachgekommen! Reicht es Fischer schon als „mutigen und entscheidenden Schritt“, dass Mahmud Abbas offiziell behauptet, er würde die Roadmap anerkennen? Oder ist es besonders „Mutig und entscheidend“, wenn die Terrororganisationen eine Hudna verkünden, die sie nur zu einem nutzen: der Stärkung der eigenen Kampfkraft, um hinterher um so besser zuschlagen zu können?) „Diese dürfen auf keinen Fall scheitern und müssen entschlossen fortgesetzt werden.“ Terror und Gewalt dürften nicht wieder die Oberhand gewinnen. (Dann sollte Herr Fischer bitte Herrn Abbas anrufen und ihm sagen, er solle die Terroristen von der Straße holen.)

Seit die größten palästinensischen Extremistengruppen – Hamas, Islamischer Dschihad und Al-Aksa-Märtyrerbrigaden – am 29. Juni einen vorübergehenden (eben: vorüber gehend! D.h.: sie ist bald vorbei!) Waffenstillstand ausgerufen hatten, war die Gewalt im Nahen Osten deutlich zurückgegangen. Zuletzt sprengte sich ein Selbstmordattentäter am 7. Juli im Dorf Kfar Jawetz an der Grenze zum Westjordanland in die Luft und riss eine 65-jährige Frau mit in den Tod. Zu dieser Tat bekannte sich eine Splittergruppe des Islamischen Dschihads. (Terror ist also anscheinend nach Definition des Spiegels ausschließlich dann, wenn ein Selbstmordattentäter seinen Auftrag erfolgreich ausführt – alles andere gilt nicht! Mann, seid ihr krank! Seit Ausrufung der „Hudna“ hat es 170 Anschläge gegeben, einige weitere wurden verhindert. Das ist zwar ein signifikanter Rückgang, aber von „Waffenstillstand“ kann da wirklich nicht die Rede sein!)

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