Wenn die Medien zuschlagen… (1)

Wie tagesschau.de auf eine Leserbeschwerde reagiert – 7. Januar 2005

Von: Andrea
An: redaktion@tagesschau.de
Thema: Anmerkungen zu zwei Veröffentlichungen auf Ihrer Website (07.01.2005 09:02)

„Palästinenser beklagen massive Behinderungen durch Israel“ „Die Liste der Geberländer für die Flutopfer“

Sehr geehrte Damen und Herren,
zu den o. g. Veröffentlichungen auf Ihrer Website habe ich folgende Anmerkungen:

1. Beim Artikel „Palästinenser beklagen massive Behinderungen durch Israel“ vermisse ich, dass Israel eine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben wird. Zum Beispiel wird der von Mustafa Barguti dargestellte und von Carsten Kühntopp weiter verbreitete Vorfall an einer Straßensperre von der israelischen Armee ganz anders, nämlich wie folgt dargestellt: „Er (Barguti) kam zur Straßensperre. Er wurde gebeten, sich der normalen Kontrolle zu unterziehen, was er aber nicht wollte. Schließlich hat er doch der Kontrolle zugestimmt, weil er nicht länger warten wollte. Es wurde keine Gewalt gegen ihn angewendet und er hätte sich das Ganze sparen können, wenn er sein Kommen im Voraus angekündigt hätte.“ (aus einer Stellungnahme der israelischen Botschaft in Berlin vom 6.1.05) Hier steht also Aussage gegen Aussage. Meine Frage an Sie lautet deshalb: Warum bringen Sie nicht beide Aussagen? Warum geben Sie Israel weder in diesem noch in anderen „Wahl“-Artikeln die Möglichkeit einer Stellungnahme zu dem, was angesichts der anstehenden Wahlen in den Palästinensergebieten vorgeht bzw. nicht vorgeht? Nennen Sie es seriösen Journalismus, nur die eine Seite darzustellen? Ich selbst nenne es nicht so. Mich erinnert es eher an das Vorgehen der Yellowpress. Unter seriösem Journalismus verstehe ich, dass man nicht Israel einseitig zum Sündenbock macht, sondern dass objektive Fakten geliefert werden. Und hierzu gehören angesichts der Wahlen, die doch demokratisch ablaufen sollen, auch umfassende (und nicht nur einseitige) Fakten wie z. B. die drei folgenden:
a) Taisar Khaled von der „Democratic Front for the Liberation of Palestine“ hielt am 31.12.04 seine Wahlkampagne in Jerusalem ab. Diese wurde ihm von den israelischen Behörden genehmigt, weil er -wie in parlamentarischen Demokratien üblich- die Wahlkampagne beantragt und entsprechend Antrag ausgeführt hatte. Mustafa Barguti und Bassam al-Salhi (von der kommunistischen Volkspartei) konnten ihre Wahlkampagnen nicht durchführen, weil sie sich nicht an das demokratische Gesetz, Wahlkampagnen entsprechend gestelltem Antrag durchzuführen, gehalten haben. (Quelle: http://www.haaretz.com/hasen/spages/520077.html)

b) Es gibt verstärkt Aufrufe seitens muslimischer und christlicher Kleriker im Gazastreifen, in der Westbank und in Ostjerusalem, am 9. Januar zur Wahl zu gehen. Denn es wird befürchtet, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Wahlberechtigten zur Wahl gehen wird, was dem Wahlboykott der Hamas und den Organisationsproblemen innerhalb der Fatah nach Arafats Tod zugeschrieben wird. (Quelle: http://www.haaretz.com/hasen/spages/523563.html)

c) Auf das Hauptquartier des Leiters der palästinensischen Volkspartei und Wahlkandidaten für die Präsidentschaftswahlen der PA, Bassam al-Salhi, wurden letzte Woche Schüsse abgefeuert. Es gab keine Toten oder Verletzten. Palästinensische Quellen führten den Vorfall auf interne Konflikte linker Wahlkandidaten zurück. (Quelle: http://www.haaretz.com/hasen/spages/520860.html)

Warum werden solche Fakten nicht gebracht?

2. Bei der Liste der Geberländer für die Flutopfer in Südostasien fehlt Israel!!! Warum ist es nicht auf der Liste, obwohl es auch gespendet hat??? Spenden Israels sind z. B. hier nachzulesen: http://berlin.mfa.gov.il/mfm/web/main/missionhome.asp?MissionID=88

Sehr geehrtes Redaktionsteam der Tagesschau,
von einem öffentlich-rechtlichen Sender, dem u. a. auch meine Gebühren zukommen, erwarte ich objektive, seriöse Informationen und keine Meinungsmache!

Mit freundlichen Grüßen,
Andrea L.

Die Antwort von tagesschau.de:

From: <z….@tagesschau.de>
To: andrea
Sent: Friday, January 07, 2005 1:27 PM
Subject: Re. Anmerkungen zu zwei Veröffentlichungen auf Ihrer Website

Sehr geehrte Frau L.

den Vorwurf der einseitigen Berichterstattung über die Palästinenserwahl kann ich nicht gelten lassen. Der von Ihnen monierte Bericht stammt von unserem Korrespondeten in Ramallah. Herr Kühntopp kann deshalb nicht ständig beobachten, welche Stellungnahmen die israelische Botschaft in Berlin abgibt. Im Übrigen berichteten wir auch über Äußerungen von israelischer Seite zur Palästinenserwahl. Hier zwei Beispiele:

„Israel will Truppen am Wahltag zurückziehen“ http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3876796,00.html
und „Israel billigt Erleichterungen“ http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3915670,00.html

In unserem Dossier zur Wahl am Sonntag ist auch ein Bericht der Korrespondentin Bettina Marx, in der ausführlich die israelischen Erwartungen an den künftigen Palästinenserpräsidenten dargestellt werden: http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID3949154,00.html

Die Liste der Geberländer für die Flutopfer haben wir aus Informationen verschiedener Nachrichtenagenturen zusammengestellt. Keine Agentur führte Israel darin an. Zudem erhebt unsere Aufstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Uns deswegen Meinungsmache zu unterstellen, ist – bei allem Respekt – absurd.

Mit freundlichen Grüßen
H…. Z….
tagesschau.de

Sehr schön. Halten wir die sich daraus ergebenden Richtlinien fest:

  1. Der Berichterstatter in Ramallah kann sich nicht der Quellen in Berlin bedienen (Internet gibt’s ja nicht) – aber die vor Ort (Jerusalem) sind auch tabu! (Oder hat etwa die Berichterstattung in Israel das Thema völlig ausgelassen????)
  2. Ein völlig einseitiger Bericht ohne Darstellung der Gegenseite ist völlig in Ordnung; dieser Seite wird gelegentlich ja auch ein Bericht gewidmet. Dass die Verleumdung durch den einseitigen Bericht nicht durch andere Berichte zu anderen Themen ausgeglichen werden kann, spielt dabei keine Rolle.
  3. Wenn alle anderen Israel aus der Liste der Geberländer raus lassen, hat die „tagesschau“ keinerlei Verpflichtung, diesen Fehler nicht zu machen, ganz im Gegenteil! Eine Recherche zu solchen Angaben ist grundsätzlich überflüssig bis verboten.

So kann man sich jeglicher Verantwortung entziehen und auch noch beleidigt sein, dass man Meinungsmache vorgeworfen bekommt. Gute Nacht, deutsche Medienlandschaft!

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