The Stars and Spites*

Melanie Philips, 27. April 2005 (nicht mehr online)

Der “Independent” (Abonnement nötig, vergesst es) entschied sich heute ein selbstsüchtiges und abstoßendes Interview von Robert Fisk mit Stephen Walt (vom Mearsheimer/Walt-Aufsatz über ‚Die jüdische Lobby in Amerika’) mit einem Bild der amerikanischen Flagge zu illustrieren, in dem die Sterne der Union durch Davidsterne ersetzt wurden. Die Überschrift dazu: „The United States of Israel?“

Das Bild stellt die Behauptung auf, dass Amerika von den Juden geleitet ist. Als solches ist es nur eine Variante der Theorien jüdischer Verschwörungen, die lange ein charakterisierendes Merkmal antijüdischer Vorurteilte ist. In diesen herunter gekommenen Zeiten ist diese besondere bildliche Ausdruck, der einst jede Veröffentlichung, die ihn gedruckt hätte, als rassistisch oder einen Nazi-Paria hätte behandeln lassen, ein allgemeiner Diskussionspunkt der Mainstream-Medien geworden, weil es jetzt Israel ist, das wie ein naziartiger Paria behandelt wird; und so werden boshafte Verleumdungen gegen Juden als fairer Kommentar angesehen. (Das Bild ruft das berüchtigte Titelbild „Koschere Verschwörung“ des „New Statesman“ in Erinnerung, in dem ein Davidstern eine britische Flagge durchstieß; und auch weitere Illustrationen des „Independent“, die fast identisch sind.) David T. in Harry’s Place stellt das Bild aus dem „Independent” neben fast identische von Neonazi- oder anderen rassistischen Internetseiten. So viel zu unseren antirassistischen, multikulturellen Medien.

Mit solch ungeheuerlicher Unaufrichtigkeit versucht Walt in dem Interview sich der vernichtenden und zahlreichen Auseinandernahme der wahrlich jämmerlichen Abwesenheit von Wissenschaftlichkeit seines Papiers und angesichts klarer Beweise für Vorurteile zu entziehen und vorzugeben, dass es lediglich darauf hinwies, dass es eine israelische/jüdische Lobby in Amerika gebe, genauso, wie es zahllose andere Lobbys gibt. Aber natürlich war das ganz und gar nicht die Stoßrichtung des Papiers. Wäre es so, hatte es sich nicht die jüdische/israelische Lobby für eine besonders skrupellose Untersuchung als eine ausgesucht, die außergewöhnliche Macht und Einfluss in der amerikanischen Außenpolitik hat. Die Behauptung ist nicht wahr, genauso wenig wie die vielen über Israels Verhalten gemachten Äußerungen nicht wahr sind. Amerika unterstützt Israel, weil es a) meint, dass das in Amerikas Interesse ist und b) so viele Amerikaner evangelikale Christen sind, für die Israel eine besondere (und für Juden nicht immer angenehme) Bedeutung hat.

Die Vorstellung, dass Amerikas Juden mehr Einfluss auf die Politik der USA hatten als die arabische Öl-Lobby sie hatte, ist natürlich lächerlich. Wie jeder, der vor einem Publikum amerikanischer Juden an der Ost- oder Westküste gesprochen hat, schnellstens feststellt, provoziert die Unterstützung Bushs oder des Kriegs im Irak eine feinselige Reaktion, da die amerikanischen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit demokratisch stimmen (und die Partei unterstützen, die meistens Israel gegenüber lauwarm ist), Ansichten über Bush haben, die nicht druckbar sind und nicht allgemein den Krieg im Irak unterstützten. Ja, amerikanische Juden haben eine Lobby gebildet. Aber die Vorstellung, dass sie beispiellose Macht über die US-Regierung haben und eine unheilvolle Verschwörung bilden, die sich über Jerusalem und Washington erstreckt, existiert nur in der Phantasie derer, für die die Juden eine Art Problem darstellen.

Aber es gibt noch einen Extra-Dreh. Seit der Aufsatz von Mearsheimer/Walt behauptete, Kennzeichen der jüdischen Lobby sei ihre unaufhörliche Benutzung des Vorwurfs des Antisemitismus, wann immer Israel kritisiert werde (eine Behauptung, die regelmäßig fällt, aber trotzdem eine eklatante Lüge ist) – und damit im Effekt die „Verbrechen“ Israels deckt – ist die Folge gewesen jede Identifizierung antijüdischer Vorurteile damit so zu bezeichnen, selbst da, wo dieses Vorurteil so akut und offenkundig ist wie im Mearsheimer/Walt-Papier.

Auf diese Weise wird der Jude, der die verleumderische Behauptung einer einzigartig mächtigen jüdischen Lobby bei ihrem richtigen Namen des antijüdischen Vorurteils nennt, dafür genutzt die Macht genau dieser jüdischen Lobby zu demonstrieren, womit bewiesen wird, dass die Verleumdung überhaupt keine Verleumdung ist, sondern wahr. So seufzt Walt in Fisks Artikel wegen der Unausweichlichkeit, dass seine Behauptung einzigartiger Macht der jüdischen Lobby den Vorwurf antijüdischen Vorurteils provozieren würde – womit er die Wahrheit seiner eigenen Behauptung beweise. Daraus folgt, dass kein Protest durch Juden gegen antijüdische Vorurteile erfolgen kann – wenigstens da, wo es Israel betrifft – ohne, dass dies gesagt wird, um zu demonstrieren, dass das angebliche Vorurteil in Wirklichkeit nicht mehr als die frisch offen gelegt Wahrheit ist. Quod erad demonstrandum.

Also ist ein perfekter Kreis geschlossen und die Juden sehen sich nun einer boshaften Wahl gegenüber: Nennen sie das Kind beim Namen, mit dem die Verleumdungen benutzt werden, um sie zu verunglimpfen und Israel als einziges für Delegitimierung auszusuchen, wird unausweichlich eine Antwort zu weiterer Verunglimpfung führen; oder entscheiden sie sich diese schädigenden Folgen mit Schweigen zu entgegnen, womit sie der Bigotterie ihren widerlichen Sieg erlauben? Nett, nicht? Hat es in der Geschichte dieses Planeten je ein Volk gegeben, das permanent auf diese Art in einem infernalischen Schraubstock zwischen Baum und Borke des Hasses gefangen war?

Eine einfache Frage aber an all die Leser des „Independent“ und andere, die wirklich, ehrlich glauben, dass die Juden einen finsteren globalen Einfluss von kosmisch Schwindel erregenden Ausmaßen ausüben: Wenn ihr Einfluss so riesig ist, wie kommt es dann, dass sie – einzigartig in der Welt – in einem 50-jährigen Überlebenskampf gegen Leute fest stecken, die fest entschieden sind sie auszulöschen, die eine große Zahl von ihnen ermordete und die kein Zeichen erkennen lassen, dass sie jemals damit aufhören, was zu einem großen Teil der unerbittlichen Gleichgültigkeit, Ambivalenz oder dem Hass zu verdanken ist, die ihnen in der ganzen Welt entgegen schlagen und von der berichtet wird, dass sie dort besagten kosmischen Einfluss ausübt? Was für eine Art zweiteiliger, mächtiger Lobby ist das?

Ein alter Witz könnte das erklären: Zwei jüdische Gefangene, die in einem sowjetischen Arbeitslager verhungern, lesen einen Artikel von Robert Fisk darüber, wie die Juden Amerika kontrollieren (okay, hier habe ich mir ein wenig Freiheit genommen). Der erste Jude strahlt und sagt: „Was für ein wunderbarer Artikel! Ich kann gar nicht darauf warten, den seinen nächsten zu lesen! Er ist definitiv mein Lieblingsschreiber!“

Sagt der zweite Jude: „Bist du von allen guten Geistern verlassen? Dieser Artikel ist eine Monströsität! Wie kannst du so etwas sagen?“

“Weil“, sagt der erste, „wenn ich lese, was er schreibt, lässt es mich für einen Moment glauben, dass wir Juden die Welt beherrschen.“


* Eine Anspielung auf die „Stars and Stripes“, die US-Flagge. Auf Deutsch müsste man übersetzen: „Von Sternen und Boshaftigkeiten“

 

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