Welche Gewaltspirale?

Raphael Israeli, Jerusalem Post, 21. März 2002

Die Dynamik der palästinensischen Welle der Gewalt ist derart manipuliert worden, dass die Opfer zu Aggressoren und die Täter zu Opfern werden.

Dass die Palästinenser und die anderen Araber dieser Verdrehung zustimmen würden, ist nicht ungewöhnlich. Das ist für sie Gewohnheit des letzten halben Jahrhunderts und entspricht dem arabischen Sprichwort: „Er schlug mich und brüllte und fing ganz schnell an sich zu beschweren“ (darabni wa-baka, sabakni was-ishtaka).

Westliche Medien sollten allerdings offener gegenüber logischen Argumenten und Tatsachen sein. Es ist für die Medien z.B. offensichtlich, dass, da Israel den jetzigen Krieg nicht erklärte und angesichts der Tatsache, dass es vor seinem Ausbruch keine Belagerungen, Straßensperren, Panzer, Tote gab, die Medien natürlich kein Interesse an all diesen unangenehmen Begleiterscheinungen der Feindseligkeit hatten.

Mehr noch: Nach dem Anschlag auf das Dolphinarium, bei dem 21 Teenager in die Luft gejagt wurden, als sie etwas Spaß haben wollten, hielt sich Premierminister Ariel Sharon einen Monat lang zurück und übte einen Monat lang keine Vergeltung in der „Hoffnung, dass Zurückhaltung Stärke bedeuten“ würde; aber die Palästinenser entschieden sich, gewalttätige Angriffe weiter zu führen und erklärten sogar offen, dass ihre Verpflichtung, dies weiter zu tun, unabhängig davon sei, was die Israelis tun oder nicht tun würden.

Als die Opferzahlen nicht akzeptierbare Höhen erreichten und die Gesellschaft nach Schutz schrie, musste Sharons Regierung handeln und eine Politik der systematischen Vergeltung setzte ein – die der von Yassir Arafat diametral entgegen stand. Reporter selbst müssen erkennen, dass, während die palästinensischen Terrorangriffe darauf abzielen, möglichst viele unschuldige Zivilisten mit „Islamikaze“-Bombern zu töten, deren mit Nägeln und Schrauben gespickte Bomben die quälende Wirkung maximieren sollen, Israel gegen die Täter dieser Akte Vergeltung übt, wenn ihnen ihre Tat misslingt oder gegen ihre Befehlsgeber, die sich hinter Moscheen, Kirchen und Schulen verstecken oder in Flüchtlingslagern Immunität suchen.

Mit anderen Worten: Es wurden nicht nur auf die Kriminellen selbst gezielt, sondern höchste Aufmerksamkeit darauf gelegt, die Kollateralschäden gegenüber Unschuldigen so gering wie möglich zu halten.

Aber die Presse berichtete über die israelische „Invasion“ der Flüchtlingslager, wo diese Mörder sich verstecken und ihre Waffenlager vergrößern, als ob Israel sich entschieden hätte, einfach einen Angriff auf unschuldige Zivilisten zu führen.

Wären die Israelis an einem leichtfertigen Töten interessiert gewesen, wie es ihnen oft von den Medien vorgeworfen wird, müssten sie ihre Jungs nicht in Feindesland schicken und ihr Leben gefährden; sie könnten sich gemütlich in ihre Positionen in Israel setzen und die palästinensischen Städte mit einem Bruchteil ihrer Artillerie und ihrer Luftwaffe bombardieren, ohne irgendein Risiko einzugehen.

Und natürlich hätten die während der Aktionen erbeuteten Waffen erst gar nicht dort gewesen sein dürfen. Von der Autonomiebehörde wurde aber nichts getan, diese zu beschlagnahmen, ganz im Gegenteil: Arafat hat versucht mehr illegale Waffen herein zu schmuggeln (durch die Karine-A und die Tunnel von Ägypten). Aber es wird nicht als Auslöser für die israelischen Aktionen berichtet, dass die Beschlagnahmung dieser Waffen das Ziel war – Maßnahmen, die mit erstaunlich wenigen bis keinen Opfern bei den Palästinensern durchgeführt wurden.

Israelische Artillerie, Panzer und Luftmacht werden in palästinensischen Gebieten benutzt, aber nicht um die Zahl der Opfer in die Höhe zu treiben; statt dessen wird die Luftwaffe dafür benutzt palästinensische Positionen und Gebäude, die gewöhnlich leer sind, nachts zu zerstören. Die Panzer werden eingesetzt, um israelische Opfer in Feindesland so gering wie möglich zu halten, nicht um Opfer bei den Palästinensern zu verursachen. Aber für die Reporter vor Ort scheint Grundbesitz mehr wert zu sein als menschliches Leben; und der Anblick israelischer Truppen, die hinter den Tätern des Terrorismus herlaufen um sie zu verhaften, verhören und vor Gericht zu stellen (statt sie in Stücke zu schießen), erscheint ihnen unerträglich.

Es ist sehr viel einfacher kritisch zu sein als Recht zu haben. Was würde jeder einzelne dieser Reporter vorschlagen, wenn seine Landsleute tagtäglich den selben Schrecken ausgesetzt wären? Zurückhaltung wurde ausprobiert und schlug fehl; die Mörder gezielt ins Visier zu nehmen, wurde von denselben Reportern als „Morde“ bezeichnet, die jetzt Israels Eindringen in die Lager kritisieren, mit denen die Mörder gefangen und der Gerechtigkeit zugeführt werden sollen; die Beantwortung der unaufhörlichen Anschläge wird von ihnen als „Gewaltspirale“ angesehen; leere Gebäude zu zerstören, wird als „übermäßige Gewalt“ verurteilt. Was ist in ihren Augen „angemessene Gewalt“? Getarnte Soldaten zu schicken um unschuldige Palästinenser auf Plätzen und in Cafes in Nablus und Hebron in die Luft zu jagen, wie die es in Jerusalem und Kfar Saba tun? Auge um Auge? Ist das in ihren Augen eine zivilisierte Antwort?

Unter diesen andauernden barbarischen Anschlägen auf die israelische Bevölkerung in zivilisierte Weise zu agieren, bedeutet entweder zu verlangen, dass die Täter und ihre Befehlsgeber von der Autonomiebehörde verhaftet werden oder ihre Auslieferung zu verlangen, damit in Israel juristische Maßnahmen gegen sie ergriffen werden können. Aber die Palästinenser weigern sich das eine wie das andere zu tun.

Israel bleibt nur übrig, selbst zu agieren und in diesem Prozess schmerzlichen, aber unabsichtlichen Kollateralschaden zu verursachen oder aber nichts zu tun, was zu mehr Terrorismus ermutigt, als wir ihn bisher erlebt haben.

Proportional hat Israel dieser Gewalt mehr Opfer zu verdanken als die USA am 11. September (350, was umgerechnet für die USA 17.000 ergäbe). Trotzdem und angesichts der Tatsache, dass es für uns ein Kampf ums Überleben ist – etwas, das die Amerikaner nicht einmal ansatzweise erfahren mussten – hat Israel viel weniger Schaden und Opfer verursacht als die Amerikaner in Afghanistan.

Aber dieselben europäischen Medien verdammen Israel andauernd, während sie den Amerikanern gegenüber blind sind. So lange die europäischen Medien nicht verkünden, dass es nicht die Tötungen und Zerstörungen sind, die wichtig sind, sondern wer sie verursacht, sollten sie lieber ihre unfaire Behandlung Israels noch einmal überdenken.

(Der Autor ist Professor für Islam und den Nahen Osten an der Hebrew University in Jerusalem.)

Anmerkung heplev:
Ich habe weniger den Eindruck, dass die europäischen Medien gegenüber den von den Amerikanern verursachten Schäden in Afghanistan blind sind; eher, dass das ggf. ähnlich, wenn auch nicht genauso kritisch den USA weinerlich und heuchlerisch vorgeworfen wird, während die von den Taliban verursachten Schäden und Gräuel zwar bekannt sind und ansatzweise berichtet werden, aber der amerikanische Ansatz nicht genehm ist. Im Endeffekt wird eher ein ähnlich, wenn auch nicht ganz so stark verzerrtes Bild der Kämpfe dort bevorzugt wie in Israel.

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