Mythen platzen lassen

Warum Israels Krieg gegen den Terrorismus funktioniert

Jonathan Chait, Slate, 13. Mai 2002

Letzte Woche tötete ein Selbstmord-Bomber 15 Israelis bei Tel Aviv. Ein Kommentar in der New York Times reagierte so: „Aber wie gestern wieder einmal auf traurige Weise gezeigt wurde, können keinerlei militärische Aktionen den Selbstmord-Wahnsinn aufhalten. Das kann erst geschehen, wenn es palästinensische Mäßigung, israelische Zurückhaltung und Fortschritte auf eine gerechte Lösung gemacht werden.“

Sie haben wahrscheinlich Gedanken in dieser Richtung so oft gelesen, dass diese Argumentierung sinnvoll erschient. Sie ist aber kompletter Blödsinn. Erst einmal kamen der Bomber aus der radikalen Hamas-Gruppe, die offen jeden Frieden mit Israel ablehnt und immer dann dazu tendiert zuzuschlagen, wenn Fortschritt in Richtung Frieden bevor steht. Eine „gerechte Lösung“ würde also – weit entfernt davon, Selbstmordanschläge der Hamas abzuschrecken – vermutlich mehr davon provoziert haben. Zweitens schlugen Selbstmordbomber vor Israels Offensive in der Westbank fast täglich zu. Seitdem sind sie mit einer Rate aktiv, die eher an einem pro Monat liegt. Drittens kam der Attentäter von letzter Woche aus einem Gebiet (dem Gazastreifen), das Israel nicht angriff. Stellen Sie sich vor, die Regierung würde alle Einwohner außer denen des Staates New York gegen Grippe impfen. Wenn eine Grippewelle New York träfe, würde das zeigen, dass die Grippe-Impfungen die Grippe nicht aufhalten können?

Wenn intelligente Leute (wie die Redakteure der Times) etwas so Verrücktes glauben, dann gewöhnlich deshalb, weil sie sich im Griff einer Theorie befinden, die ihnen hilft, Beweise aus der realen Welt zu ignorieren. In diesem Fall ist die Theorie, dass Palästinenser aus Verzweiflung auf Terrorismus zurückgreifen. Die Folge dieser Theorie ist, dass jede israelische Militäraktion unvermeidlich nach hinten los gehen muss, da sie schlichtweg die Palästinenser verzweifelter und wütend macht. Für diejenigen, die das glauben – eine Gruppe, die meist aus liberalen Zeitungs-Redakteuren, Außenpolitikern und praktisch der gesamten Welt da draußen besteht – ist der Fall gegen israelische Militäraktionen (wie der jüngsten in der Westbank) eine Wahrheit, die nicht geprüft werden muss.

Dieser Irrtum ignoriert die Geschichte. Der palästinensische Terrorismus ist nicht das Ergebnis der israelischen Besetzung von Westbank und Gaza, sondern von Israels Existenz. Der palästinensische Terrorismus geht der Besetzung von 1967 voraus; die PLO wurde 1964 gegründet, drei Jahre früher. Ist aber nicht das neuere Phänomen der Selbstmord-Bomber wegen lange gärender palästinensischer Verzweiflung aufgekommen? Nicht wirklich. Selbstmord-Attentate begannen nach den Oslo-Vereinbarungen von 1993, die den Palästinensern ihre größte Chance für einen Staat boten. Sie wurden massiv intensiviert, nachdem Israel sich aus dem Libanon zurück zog und eine Reihe großzügiger territorialer Zugeständnisse machte.

Wenn also, dann deutet die Geschichte darauf hin, dass palästinensische Gewalt nicht aus Verzweiflung, sondern aus Hoffnung entsteht. Ich behaupte nicht, dass die Lage ganz so einfach ist. Die Gehirne der Menschen arbeiten unterschiedlich. Manche Palästinenser werden durch Verzweiflung radikalisiert und durch Hoffnung befriedigt. Für andere ist das Umgekehrte zutreffend. Aber historische Fakten lassen sich besser mit der Vorstellung in Einklang bringen, dass palästinensische Gewalt das Resultat israelischer Schwäche sind, statt mit der, dass sie aus israelischer Stärke entsteht. Die Palästinenser mögen Israels Existenzrecht nie wirklich akzeptieren, aber sie könnten Frieden machen, wenn sie zu dem Schluss kommen, dass Israel zu zerstören unmöglich ist.

Lassen Sie uns – nur um den Streit auszufechten – einmal annehmen, dass die israelischen Militärschläge tatsächlich die Zahl der Palästinenser erhöhte, die bereit sind, sich als Selbstmord-Attentäter zu betätigen. Das würde immer noch nicht zwingend bedeuten, dass diese Schläge zu mehr Anschlägen führen. Warum nicht? Weil die Zahl der Selbstmord-Attentate von mehr Faktoren abhängt als lediglich von der Zahl der willigen Märtyrer. Erfolgreiche Selbstmord-Bomben benötigen viele Zutaten: die Fähigkeit, an den israelischen Sicherheitskräften vorbei zu kommen (was Training und vermutlich falsche Papiere braucht); die Möglichkeit, versteckte Sprengsätze unter der Kleidung unter zu bringen; und den Sprengstoff selbst. Ja, einige Bomber benutzen selbstgemachte Zutaten, die aber weitaus weniger wirkungsvoll sind als Profi-Material – etwas dem Sprengstoff, den die Autonomiebehörde aus dem Iran importierte. Der entscheidende Faktor der Aktionen ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die Zahl der Freiwilligen. Er besteht in den anderen Zutaten. Und es sind diese Zutaten, die Israel zu vernichten suchte, indem es Terroristenführer verhaftete oder tötete, Bombenbau-Material aushob und seine Grenzen dicht machte.

Natürlich ist das keine perfekte Verteidigung. Aber die andere Strategie – die Palästinenser so lange beschwichtigen, bis keiner von ihnen mehr bereit ist, als Selbstmord-Bomber zu dienen – ist mit fast völliger Sicherheit schlechter. Auch wenn eine israelische Offensive des Charmes die überwältigende Mehrheit der Palästinenser davon überzeugen könnte, die Selbstmord-Bomberei abzulehnen, könnte sogar eine winzige Minderheit von Hartnäckigen – sagen wir 100 oder 200 Freiwillige im Jahr aus einer Bevölkerung von fast 4 Millionen – eine massive Terror-Kampagne aufrecht erhalten. Der Versuch, Israel vor Selbstmordbombern zu schützen, indem man die palästinensische Verzweiflung dämpft, statt den Terrorismus direkt zu bekämpfen, ist ungefähr so, als würde man sein Haus zu schützen versuchen, indem man jedem potenziellen Einbrecher der Stadt eine gut bezahlte Arbeit gibt statt eine Alarmanlage zu installieren.

Warum bestehen dann so viele gut meinende Leute darauf, sich diesem Trugschluss zu verschreiben? Weil es intellektuell bequem ist. „Wenn wir die Debatte über die Ethik der israelischen Politik in den Gebieten aus Israels eigener Sicht praktisch bei Seite außer Acht lassen“, schrieb Times-Kolumnist Nicholas Kristof letzen Monat, indem er den Gedanken zusammenfasste, „ist Mr. Sharons Politik bisher schlimmer als nicht effektiv; sie verstärkt den Terrorismus.“ Der gesamte Appell dieser Vorstellung liegt auf der Teil zu „die Ethik außer Acht lassen“. Die Effektivität der israelischen Militäraktionen zu verleugnen schließt jede Debatte über ihre Moral aus. Es erlaubt die Ignorierung der schwierigen Nebeneffekte zwischen jüdischen und arabischen Interessen, indem man vorgibt, die beiden stimmten perfekt überein: Wenn Israel sein militärisches Eindringen stoppen würde und sich aus den Territorien zurück zöge, würden die Palästinenser ihren Terrorismus einstellen, was beiden Seiten mehr Sicherheit bringen würde. Das ist eine schöne und bequeme Schlussfolgerung. Wenn sie nur wahr wäre.

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