Durch Rückzug den Krieg gewinnen?

Daniel Pipes/Jonathan Schanzer, New York Post, 22. Mai 2002

Wie kann man den Stillstand zwischen den Arabern und Israel aufbrechen? Man hört zunehmend – und das nicht nur von den Palästinensern, sondern aus Universitäten und Kommentaren in den Medien -, dass die Lage sich deutlich verbessern würde, wenn Israel nur seine Streitkräfte sofort aus der Westbank und Gaza zurück zöge.

Würde ein solcher Schritt helfen – oder würde er eine schlechte Lage verschlimmern? Bedenken Sie Israels ähnlichen Rückzug aus dem Südlibanon, diese Woche vor zwei Jahren, für den die Israelis immer noch einen hohen Preis bezahlen.

Zum Hintergrund: Zwei Jahrzehnte lang hielten israelische Truppen einen „Sicherheitsstreifen“ in dem an Israel grenzenden Teil des Libanon unter Kontrolle, um Israels Norden vor Angriffen der militant-islamischen Hisbollah zu schützen. Hisbollah tötete durchschnittlich 25 Israelis im Jahr, was die Operationen der Armee dort in Israel überaus unbeliebt machte. Am 23. Mai 2000 antwortete Premierminister Ehud Barak auf diese Unzufriedenheit durch den einseitigen Rückzug auf eine international anerkannte Grenze.

Barak war überzeugt, dass die Gewalt enden würde: „Die Tragödie ist vorbei“, sagte er. Sein Kollege Shimon Peres war deutlicher: „Die Wahrscheinlichkeit, dass der Norden angegriffen wird, ist gering, da die Syrer, wie auch die Hisbollah, jetzt eine Menge zu verlieren haben.“

Sie waren in ihrem Optimismus nicht allein. Martin Indyk, US-Botschafter in Israel, nannte den Rückzug „eine goldene Gelegenheit“. „Dies ist ein glücklicher Tag für den Libanon und auch für Israel“, zwitscherte UN-Generalsekretär Kofi Annan.

Das Haar in der Suppe: Hisbollah befand, dass das „zionistische Ding“ immer noch vier Gebiete libanesischen Territoriums besetzt hielt.

Und kämpfte weiter.

In den zwei Jahren seit Israels Rückzug hat Hisbollah mehr als 40 unprovozierte Angriffe gegen israelische Ziele unternommen, darunter Armee-Stellungen in dem als Shebaa Farmen bekannten Gebiet und zivile Dörfer entlang Israels Nordgrenze. Sie entführte drei Soldaten und einen Reserveoffizier (und tötete sie vermutlich).

Anfang April heizte sich die Lage weiter auf; es gab fast jeden Tag einen Anschlag der Hisbollah, darunter 1.160 Mörsergranaten, 205 Antipanzer-Raketen und mehrere Boden-Luft-Raketen. Der schlimmste Beschuss fand am 10. April statt, als Katjuscha-Raketen auf zivile Ziele und sechs Militärposten regneten. Im letzten Monat hat Hisbollah mindestens neun weitere Angriffe auf israelische Ziele geführt, bei denen es mindestens fünf Tote gab.

Die Zukunft droht größere Gefahren zu bringen. Hisbollah könnte die israelische Regierung dazu veranlassen, Vergeltung gegen Syrien zu üben (das den Libanon kontrolliert). Die Syrer könnten mit chemischen oder biologischen Waffen antworten oder erfolgreich von den Ägyptern, Irakis oder anderen arabische Staaten Verstärkung anfordern. Der Stratege Gal Luft merkt daher korrekt an, dass Hisbollah „die Möglichkeit hat Israel in einen regionalen Krieg zu ziehen“.

So viel zu Annans „glücklichem Tag“.

„Wir glaubten, als die israelische Armee sich zurück zog, dass wir endlich Frieden bekämen“, klagt vor Kurzem der Bürgermeister eines Dorfes im nördlichen Israel. „Ich kann nicht verstehen, was Hisbollah tut.“

Eigentlich ist das einfach zu verstehen. Israels Rückzug ging nach hinten los, weil Jerusalem seinen Feind unterschätzte. Wie die Autonomiebehörde versucht Hisbollah nicht nur, israelische Soldaten von umstrittenem Land zu vertreiben. Sie versucht nicht weniger als den Staat Israel zu vernichten.

Die Episode zeigt drei Hauptpunkte auf, die bezüglich der Westbank und Gazas wichtig sind:

* Wenn Israel sich vor einem Feind zurück zieht, der seine Zerstörung erreichen will, dann wird es als schwach wahrgenommen. Das ermutigt den Feind dann, seine Angriffe zu verstärken. Die Lehre: Israel sollte sich überlegen, nur dann aus umstrittenen Gebieten abzuziehen, nachdem es eine echte und dauerhafte Anerkennung seiner Existenz durch seine Feinde erreicht hat.

* Mut und Entschlossenheit beeindrucken Israels Feinde, nicht die Größe seines Waffenarsenals. Hisbollahs Führer Hassan Nasrallah erklärte nur Tage nach Israels Rückzug im Mai 2000: „Israel mag Atomwaffen und schwere Waffen besitzen, aber, bei Allah, es ist schwächer als ein Spinnennetz.“

* Auch wenn Israel UNO-Forderungen zu hundert Prozent erfüllt, gewinnt es auf Dauer nichts. So haben 4.000 UN-Friedensschützer im Libanon praktisch nichts getan, um Hisbollah jüngste Gewaltkampagne zu verhindern.

Diejenigen, die Israel zum einseitigen Rückzug aus der Westbank und Gaza aufrufen, unterschätzen wieder einmal die Begierden der Feinde Israels. Ein solcher Schritt würde zu mehr Blutvergießen einladen, nicht zu weniger.


© Daniel Pipes 2002

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