Wie Obama sich selbst sieht

Prof. Abraham Ben-Zvi, Israel HaYom, 12. Januar 2017

Trotz seiner bekannten Eloquenz, den emotionalen Tönen und der Nostalgie, fehlte der der Abschiedsrede des scheidenden Präsidenten, jegliche Selbstkritik und Bereitschaft Verantwortung für Fehlschläge und Aufsicht zu akzeptieren.

Die Abschiedsrede des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama in Chicago am Dienstag wurde schlagartig zu einem untrennbaren Teil seines nationalen Vermächtnisses.

Es handelte sich um einen weiteren Versuch der Person im Weißen Haus sich einen Ehrenplatz in der andauernden Kette der Geschichte zu sichern, indem er die Verstärkung seiner Leistungen und seiner Selbstdarstellung als Wegbereiter und Überbringer riesiger politischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandels zu sichern. Angesichts dieser Tradition sollte es nicht überraschen, dass ein beträchtlicher Teil der Pensionierungsrede  Obamas enthusiastisches Lob seiner eigenen Arbeit beinhaltete. Amerika ist heute ein besserer Ort als am 20. Januar 2009, als Obama erstmals zum Präsidenten vereidigt wurde – zumindest aus seiner Sicht.

Trotz seiner bekannten Eloquenz, der emotionalen Töne und der Nostalgie fehlte seiner Abschiedsrede aber jegliches Zeichen von Selbstkritik oder der Bereitschaft Verantwortung für Fehlschläge und Aufsicht zu übernehmen, besonders in Verbindung mit den Bereichen Diplomatie und Verteidigung. Immerhin verlor die amerikanische Supermacht in den acht Jahren der Amtszeit Obamas ihren hegemonialen Status, während gleichzeitig seine Fähigkeit Glaubwürdigkeit auszustrahlen und sich gegen Rivalen zu wehren ausgehöhlt wurde.

Statt sich der Realität zu stellen, zog Obama es vor das Glas als halb voll zu betrachten. Er streute sogar noch haufenweise Zucker drauf.

Während verständlich ist, dass er seinen Beitrag zur und Einfluss auf die Geschichte der Nation übertrieb und dies in grundlegenden menschlichen Neigungen verankert ist, sahen die Dinge in anderen Teilen seiner Rede ganz anders aus; dort scherte er aus dem Muster aus, das von seinen Vorgängern aufgebaut wurde und ging zum Angriff auf seinen Nachfolger über, den gewählten Präsidenten Donald Trump.

Die Würfel fielen am 8. November 2016, als das amerikanische Volk das Mandat einem neuen Präsidenten gab, der Ansichten vertritt, die denen Obamas und der von ihm gewählten Nachfolgerin Hillary Clinton diametral gegenüber standen. Trotzdem führte Obama von dieser Bühne in Chicago aus weiterhin eine verzweifelte Schlacht gegen Trump. Ihm reichte es nicht Hoffnung zu formlieren, dass seine zentralen Initiativen (z.B. seine Gesundheitsreform) erhalten bleiben, sondern sprach sich vehement gegen die Pläne und Politik aus, die von seinem Nachfolger in fast jedem Bereich formuliert wurde. Er handelte trotz der Tatsache so, dass Trump wegen genau dieser Pläne gewählt wurde.

Und ist, was eine offizielle und prägende Veranstaltung hätte sein sollen, verwandelte sich so eine polarisierende und parteigeistige. Genauso, wie der 44. Präsident den Mantel des leitenden Staatsmannes ablegte und sich Clintons Wahlkampf als zentrale Figur anschloss, versuchte er in seiner Abschiedsrede nicht einmal seine Verachtung und tief sitzenden Frust mit Trumps erklärter Absicht zu verbergen Amerika auf einen neuen und anderen Weg zu setzen.

Angesichts dessen war es eine enttäuschende und sogar hohle Rede, in der all die blumigen Rhetorik über die Notwendigkeit von Einigkeit nicht mit seinen trotzigen Äußerungen gegen den republikanischen Rivalen in Übereinstimmung zu bringen waren. Die erhabenen Worte über Amerikas unerschütterliche Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten bleiben losgelöst von tatsächlichen Verhalten des Weißen Hauses, das untätig daneben stand und nicht einmal einen Finger rührte, nachdem die Streitkräfte des syrischen Präsidenten Bashar Assad ihre mörderische Offensive mit Chemiewaffen gegen eine hilflose Zivilbevölkerung abschlosse.

Abschließend scheint es so, dass Obamas Abgang nach seiner letzten Rede leichter zu akzeptieren sein wird als anfangs gedacht, sowohl innenpolitisch wie auf der internationalen Bühne.

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