Die Auswirkungen des Holocaust in den Gesellschaften der Nachkriegszeit

ManfredGerstenfeldManfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Der Holocaust hat in vielen Bereichen der westlichen Nachkriegsgesellschaften wichtige Auswirkungen. Der Internationale Holocaust-Gedenktag am vergangenen Freitag ist eine angemessene Gelegenheit dieses Thema zu bewerten.

Ein wichtiger Grund dafür, dass das Ausmaß dieser Post-Holocaust-Auswirkungen weitgehend verborgen ist, besteht darin, dass sie vom Holocaust selbst überschattet sind. Dessen Geschichte ist blutgetränkt, industrieller Massenmord, völkermörderische Killer mit vielen Nationalitäten und Millionen Opfer. Vor diesem extrem gewalttätigen und tragischen Hintergrund erregt der fächerübergreifende Post-Holocaust-Einfluss mit seinen schwer zu resümierenden, zahlreichen Facetten weit weniger Aufmerksamkeit. Die vielen Themen und Bereiche der Post-Holocaust-Auswirkungen rechtfertigen allerdings Betrachtung und Fokus.

Obwohl vom Holocaust dominiert, wird an vielen isolierten Themen der Post-Holocaust-Studien geforscht. Eine riesige Zahl einzelner Bücher und Studien sind zu Aspekten des Einflusses des Holocaust auf Nachkriegsgesellschaften veröffentlicht worden. Es gibt auch weitere beträchtliche Auswirkungen im Post-Holocaust-Bereich. Die Universale Erklärung der Menschenrechte ist ein direktes Ergebnis des Holocaust,[1] ebenso die Völkermord-Konvention der Vereinten Nationen.[2]

Eine wichtige Auswirkung des Holocaust ist die Veränderung in den Einstellungen der religiösen Welt. Seit dem Zweiten Weltkrieg veränderte die römisch-katholische Kirche radikal ihre Haltung den Juden gegenüber. 1965 stellte eine Erklärung von Papst Paul VI., Nostra Aetate, die Veränderung in der theologischen Haltung der Kirche gegenüber den Juden;[3] sie lässt sich als „in unserer Zeit“ übersetzen. Verschiedene Päpste haben sich in den letzten 50 Jahren ganz anders zu Juden geäußert als ihre Vorgänger vor dem Krieg es taten. Gleichermaßen haben sich eine Reihe protestantischer Kirchen für ihre Haltung gegenüber den Juden vor und während des Krieges entschuldigt.[4]

Der Holocaust hat viele ethische Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel die Ethik des Gehorsams. Viele Nazi-Verbrecher behaupteten, dass sie nur Befehle befolgten.[5] Das hat fundamentale Fragen aufgeworfen, was Menschen bereit macht verbrecherische Befehle ihrer Vorgesetzten auszuführen und in welchem Maß dies in der Zukunft verhindert werden kann.

Die vielen traumatischen Erfahrungen von Holocaust-Überlebenden haben zu Fortschritten in psycho-sozialer Behandlung geführt, auch bei Traumata, die nicht dem Holocaust entstammen. Epigenetiker studieren heute, ob die Holocaust-Traumata manchmal genetisch an die nächste Generation weitergegeben wurden.[6]

Es gibt eine Vielzahl weitere die Überlebenden betreffenden Themen. Dazu gehört ihr Beitrag zur jüdischen Welt sowie zu Gesellschaften im Allgemeinen.

Entschädigung und wie sie gehandhabt wurde kann als Prisma der mannigfaltigen Einstellungen von Ländern betrachtet werden, die von Deutschland besetzt waren. Eine Studie von Sidney Zabludoff zeigt, dass nur 20% der den Juden vor und während des Zweiten Weltkriegs gestohlenen Vermögenswerte zurückgegeben wurden.[7] Darüber hinaus kann es kaum eine wichtige Entschädigungsdebatte ohne Bezugnahme auf Schuld geben. Man mag sich fragen, warum manche von den Deutschen besetzte Staaten erst während der letzten Jahrzehnte breit waren sich für ihr Verhalten gegenüber den Juden während des Krieges zu entschuldigen. Andere, wie Frankreich, haben sich in ihren Bemühungen darauf beschränkt ihre Vergangenheit der Kriegszeit wahrheitsgemäß zu beschreiben. Unter den westeuropäischen Staaten stechen einzig die Niederlande als das eine Land heraus, das sich beständig geweigert hat jegliche Schuld zuzugeben.[8]

Dem zu gedenken, was während des Zweiten Weltkriegs geschah, ist auch ein wichtiger Aspekt des Post-Holocaust. Viele der ursprünglichen Denkmäler und Mahnmale für jüdische Opfer befanden sich ursprünglich in Synagogen, jüdischen Zentren oder auf Friedhöfen. Erst Jahrzehnte später fanden sie zunehmend ihren Platz im öffentlichen Bereich. Viele Holocaust-Museen sind erst in den letzten Jahrzehnten eröffnet worden. Zudem hat es Bücher zum Entwurf und der Architektur von Holocaust-Mahnmalen und –Museen gegeben. Ein bemerkenswerter Punkt ist, dass in der kommunistischen Welt keine Differenzierung von jüdischen und nichtjüdischen Opfern erlaubt war. Ebenfalls in Verbindung mit der Erinnerung stehen die verbleibenden Gebäude der Lager selbst. Im Vernichtungslager Sobibor grabende Archäologen haben die Gaskammern zutage gefördert.[9]

Die Philosophie ist eine weitere vom Post-Holocaust beeinflusste Disziplin. Ist „Nie wieder“ zu einer leeren Parole geworden? Der führende Holocaust-Philosoph Emil Fackenheim hat gesagt, neben den klassischen 613 Geboten des jüdischen Gesetzes gibt es ein 614. – die Pflicht der Juden zu überleben.[10] Dennoch macht der Philosoph Shmuel Trigano geltend, dass die Art, wie in Frankreich an den Holocaust erinnert wird, zu einer strukturellen Verfälschung der Identität der Juden führt.[11] Und wie kommt es, dass die Erwähnung des Holocaust, statt abzuklingen, in den letzten Jahren in der öffentlichen Debatte zugenommen hat?

Die Verzerrung des Holocaust ist in der Nachkriegsgesellschaft ein wichtiges Thema geworden. Oft liegt der Fokus der Diskussionen auf Holocaustleugnung. Weit wichtiger ist die Umkehrung des Holocaust – Israel mit dem Nazistaat gleichzusetzen. Mindestens 150 Millionen Bürger der Europäischen Union stimmen der absurden Behauptung zu, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt.[12]

Viele Romane haben sich auf Geschichten in Verbindung mit dem Holocaust konzentriert. Das bekannteste Gedicht zum Holocaust ist vermutlich Paul Celans „Die Todesfuge“ mit ihrem eindringlichen Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.[13] Es gibt zudem literarische Analysen von Holocaust-Romanen.

All dies ist nur ein kleiner Ausschnitt eines Feldes, für das es keine Übersicht gibt. Erst wenn eine Reihe von Universitäten anfängt Post-Holocaust-Studien in ihrer Gesamtheit systematisch zu betrachten, werden wir wichtige zusätzliche Werkzeuge bekommen, mit denen wir einige zeitgenössische Entwicklungen in einer zunehmend chaotischen Welt verstehen werden.

[1] http://www.un.org/en/universal-declaration-human-rights/

[2] http://www.ushmm.org/confront-genocide/justice-and-accountability/introduction-to-the-definition-of-genocide

[3] http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_decl_19651028_nostra-aetate_en.html

[4] Hans Jansen: Christelijke theologie na Auschwitz. Den Haag, Boekencentrum, 1985).

[5] http://www.pbs.org/newshour/rundown/how-the-nazis-defense-of-just-following-orders-plays-out-in-the-mind/

[6] http://www.theguardian.com/science/2015/aug/21/study-of-holocaust-survivors-finds-trauma-passed-on-to-childrens-genes

[7] http://jcpa.org/article/restitution-of-holocaust-era-assets-promises-and-reality/

[8] http://www.wsj.com/articles/its-time-for-the-netherlands-to-apologize-1438196083

[9] http://www.spiegel.de/international/zeitgeist/the-archeological-excavations-that-led-to-the-gas-chambers-of-sobibor-a-993733.html

[10] http://www.theguardian.com/news/2003/oct/10/guardianobituaries

[11] Shmuel Trigano: Les Frontières d’Auschwitz. Paris (Librairie General Française) 2005

[12] library.fes.de/pdf-files/do/07908-20110311.pdf.

[13] http://www.celan-projekt.de/todesfuge-englisch.html

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Ein Gedanke zu “Die Auswirkungen des Holocaust in den Gesellschaften der Nachkriegszeit

  1. Die Krankheit der Nachkriegszeit heißt Schuldunfähigkeit. Schuld einzugestehen bedeutete, dass dies Folgen hätte. Die nationale Unkenntnis über das Grauen wurde zum Sprungtuch aus dem nun brennenden Haus. Die Formel“ Ich wusste das nicht“ galt als legalisierte Entlastung. Das brachte uns die Möglichkeit das Grauen zu verurteilen ohne Selbstbeteiligung einzugestehen. So hat sich die Mehrheit aus der Verantwortung gezogen. Das nationale Gewissen wurde unter dem Schutt der Leugnung verschüttet. Aber der Leichengeruch schwebte über dem Land. Kein Wohlgeruch der Wohlstandsgesellschaft vermochte bisher dem Todesgeruch nachhaltig zu wehren. Im Gegenteil: Beides lockt aus weiter Ferne die Geier an. Sie lassen sich nicht täuschen. Sie wissen dass sie sich ungestört an dem Ergebnis der Heuchelei ergötzen dürfen.
    Es sei denn, dass es doch noch solche gibt die sich erinnern können und wollen. Sich erinnern wollen, bedeutet, seine Schuldfähigkeit anzuerkennen und die Folgen zu tragen. Es bedeutet aber auch, dass die Würde des Menschen wieder neu hergestellt wird, der sich seiner Verantwortung bewusst sein will. Es gehört zum Mensch sein dazu, dass er sich seiner Unzulänglichkeit, ja seiner Unfähigkeiten, stellt, um durch ein Umdenken aus seiner Misere zu finden. Das darf nicht in Selbstmitleid ausarten, sondern nur in Selbsterkenntnis. Der Vorteil einer solchen inneren Reise ist der, dass du dich im Spiegel wieder ertragen kannst.
    Ich bin schuldig zu sagen kann ein Weg in die Freiheit werden für den der das wirklich so meint. Vor allem wird unsere Seele dabei wieder gesund. Schuld zu erben ist eine furchtbare Last. Es ist daher lebensnotwendig auch dieses unangenehme Erbe anzutreten, wenn die Generation nach uns noch das Licht der Wahrheit erkennen soll. Es ist immer gut sich Gedanken darüber zu machen was man dem Gewissen der Nachkommen zumuten kann. Der Holocaust war das Ungeheuerlichste Geschehnis, von Ungeheuern vollbracht. Wir können uns dem nur entziehen indem wir uns dem Grauen stellen. Sonst wird er sich wiederholen. Wer das nicht will, darf nicht länger mit den Antisemiten einverstanden sein. Keiner wird jemals wieder behaupten können nichts gewusst zu haben.

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