Palästinenser und Israelis reagieren unterschiedlich auf die Anschläge

Paul Crespo, The Miami Herald, 26. Januar 2004

Während meiner Reise neulich in den Nahen Osten besuchte ich Yassir Arafats Präsidenten-Komplex in Ramallah in der Westbank. Als wir in das Gelände hinein fuhren, hob unsere palästinensische Eskorte die Zerstörung hervor, die der israelische Einmarsch vor mehreren Monaten verursacht hatte.

„Schaut euch an, was die Israelis gemacht haben“, sagte ein Beamter der PA und zeigte auf den Schutt. Drinnen wiederholte Arafat aufgebracht dieselbe Argumentation.

Viele der Gebäude sind außen in der Tat verwüstet und immer noch mit den Pockenmarken der Gewehrkugeln übersäht; einige von ihnen bleiben kaum stehen. Tief im Inneren des Komplexes aber, nach einem Labyrinth von Gängen und Sicherheitstüren, sind die präsidialen Büros gut isoliert und erhalten.

Statt den Schutt wegzuschaffen und das Areal wieder aufzubauen, hat die PA sich offensichtlich entschieden, die Gebäude in dem schlechten Zustand zu lassen, als Monument der israelischen Militäraktionen, die von der PA „Invasionen“ genannt werden. Das ist Teil einer gezielten und im Allgemeinen erfolgreichen palästinensischen Strategie sich als Opfer darzustellen, die in scharfem Gegensatz zu dem stehen, wie die Israelis mit den palästinensischen Terroranschlägen umgehen.

Während die Israelis Dutzende Restaurants und andere Terror-Ziele der Vergangenheit als permanente Symbole des Terrorismus erhalten könnten, entschieden sie sich anders. Sie ziehen es vor, nicht auf den Anschlägen herumzureiten.

Ihre unterschiedlichen Antworten auf Angriffe, gemeinsam mit den gegensätzlichen Mitteln, die jede Seite in ihrem Kampf benutzt, haben auch Auswirkungen darauf, wie die Medien den Konflikt darstellen.

  • Palästinensische Terroranschläge sind gewöhnlich fast unsichtbar. Terrorgruppen wie die Hamas und die Al Aksa-Märtyrerbrigaden benutzen einzelne Selbstmord-Attentäter, die plötzlich in einer vollen Straße in der Stadt, im Bus oder Geschäft auftauchen und in einem Explosionsblitz verschwinden.
  • Israelische Vorstöße des Militärs gegen palästinensische Militante beinhalten regelmäßig massive Zurschaustellung von Macht und dauern oft mehrere Tage. Israelische Vergeltungsschläge sind oft physisch vernichtender und visuell dramatischer als Selbstmord-Bomber. Israel benutzt gepanzerte Fahrzeuge, seine Truppen bewegen sich durch und schießen in Palästinensergebieten, während Kampfhubschrauber darüber stehen und schießen.

Fügen wir die emotionalen Ausbrüche der Palästinenser hinzu, wie sie nach einem israelischen Vorstoß verstümmelte Leichen durch die Straßen tragen, und dann haben wir eine herzzerreißende Story. Egal, dass die Palästinenser eine Kultur des Todes geschaffen haben, die die Selbstmord-Bomber, die Israelis ohne Unterschied umbringen, als „Märtyrer“ glorifiziert.
Choreographierte Abläufe

In der Zwischenzeit haben die stoischeren Israelis eine völlig andere Antwort auf die palästinensischen Anschläge entwickelt.

Bruce Hoffman erklärt in seinem monatlichen Magazin „Atlantic“, wie Israels Ersthelfer hochgradig choreographierten Abläufen folgen. Jerusalem, das kürzlich mit fast 40 Anschlägen in den letzten Jahren zur „Selbstmord-Hauptstadt der Welt“ wurde, hat aus seiner Reaktion eine Kunst gemacht.

Wenn sich ein Selbstmord-Bomber sprengt (oder eine Selbstmord-Bomberin, wie es jüngst an einer Straßensperre in Gaza geschah), antwortet der Magen David Adom (Rote Davidstern, das israelische Gegenstück zum Roten Kreuz, das die Krankenwagen und die Sanitäter ausschickt und die Koordination mit der Polizei und den örtlichen Krankenhäusern übernimmt) innerhalb von 10 Minuten auf den Anschlag.

Die Verwundeten werden rasch in die Krankenhäuser gebracht; Leichen werden sofort aus religiösen wie politischen Gründen weggebracht; Geheimdienste und forensische Teams gehen an die Arbeit; Zeugen werden zur Befragung in die Polizeistationen gebracht. Bald darauf sammeln Mitglieder der ZAKA – einer religiösen Nichtregierungs-Organisation, deren grausiger Auftrag ist, die Katastrophenopfer zu identifizieren – alle auffindbaren Körper-Fragmente ein, die dort verstreut sind.
Die Normalität wieder hergestellt

Innerhalb von ein paar Stunden fegen und schrubben Reinigungsteams (ironischerweise oft Palästinenser aus Ostjerusalem, die von den städtischen Behörden angeworben wurden) die Gegend sauber. Am nächsten Tag sind bereits Reparaturen ausgeführt, Fenster ersetzt, die meisten Zeichen des Anschlags verschwunden und ein Gefühl der Normalität wieder hergestellt.

Wegen dieser schnellen Antwort verbreiten die israelischen Medien im Allgemeinen weniger Bilder von Leichen oder Leichensäcken.

Zwar leiden beide Seiten, aber ihre gegensätzliche Herangehensweisen an den Konflikt geben den Palästinensern oft einen Vorteil in der Öffentlichkeitsarbeit, der ihr Mantra des Opfer seins verstärkt und unsere Wahrnehmung der Ereignisse verzerrt.

Die meisten Israelis reiten nicht auf dem Tod herum, aber zu viele Palästinenser scheinen daran ihre wahre Freude zu haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s