Drei Mädchen, drei Gräber und eine Torah

Daniel Gordis, 14. Mai 2004 (Link existiert nicht mehr)

Am letzten Sonntagabend, der nun schon wie ein Jahrhundert zurückzuliegen scheint, war so gut, wie er hier sein kann. Gemeinsam mit anderen Eltern von Zwölftklässlern an Talis Schule waren wir zu einem „Hachnasat Sefer Torah“, einem „Einführen einer Torahrolle in einer Synagoge“ eingeladen. Ein „Hachnasat Sefer Torah“ ist in Jerualem nicht ungewöhnlich, nicht einmal in Israel. Das findet ziemlich häufig statt. Aber dieses war einmalig.

Vor 14 Jahren, etwa 1990, führte eine Gruppe Mädchen aus dem zwölften Schuljahr aus Pelech, Talis Oberschule, das durch, was heute die jährliche Fahrt der Schule nach Polen ist. Eines Tages in Krakau bemerkten sie einen jungen Mann, der Puppen verkaufte. Es waren „Judenpuppen“, die so hergestellt wurden, dass sie wie traditionelle Juden aussahen. Vielleicht etwas seltsam in Polen, aber nicht sonderlich bemerkenswert, bis einige der Mädchen sahen, dass die „Bücher“, die diese Puppen festhielten, bemerkenswert authentisch aussahen. Sie sahen näher hin und überzeugten sich, dass diese „Bücher“ aus einer echten Torah-Rolle geschnitten worden waren.

Sie fragten den Puppenmacher, woher er das beschriebene Pergament hatte; er sagte ihnen, dass sein Onkel eine große Rolle davon habe, in der nahe gelegenen Stadt Luminova. Gefragt, woher sein Onkel die Rolle habe, sagt er ihnen, dass sie während des Krieges im Haus eines Juden gewesen sei und sein Onkel sie genommen habe, nachdem der Jude verschwunden war. Ob sie sie sehen könnten, wollten sie wissen. Er willigte ein sie am nächsten Tag mitzubringen.

Er hielt Wort, taucht am nächsten Tag wieder auf und zeigte ihnen, was übrig war. Er hatte mehr oder weniger die Bücher Genesis, Exodus und Leviticus. Die anderen beiden Bücher waren offensichtlich für die Puppen aufgebraucht worden. Die Mädchen wussten instinktiv, was sie zu tun hatten. Sie warfen ihr relativ begrenztes Taschengeld zusammen und kauften dem Mann die Torah für alles ab, was sie zusammenkratzen konnten.

Sie schleppten die zerstörte und unbrauchbare Torah den Rest der Reise mit. Als der Abflug aus Polen näher kam, standen sie allerdings vor einem Dilemma. Alles jüdische Eigentum von vor dem Krieg gehörte nun dem Staat. Der Puppenmacher hatte kein Recht gehabt die Torah zu verkaufen, sie hatten kein Recht gehabt sie zu kaufen und sie hatten mit Sicherheit kein Recht, sie außer Landes zu schaffen. Falls die israelischen Jugendlichen beim Schmuggeln von polnischem Eigentum erwischt würden, wären die Dinge, gelinde gesagt, äußerst unangenehm werden.

Sie sprachen das durch und nach einer Weile, wie ihr Lehrer des damaligen Sommers uns diese Woche berichtete, „ha-lev gavar al ha-sechel“ – „das Herz stach die Vernunft aus“. Sie entschieden sich, die Torah aus Polen herauszuschmuggeln und nach Jerusalem nach Hause zu bringen.

Am Flughafen musste allerdings jede von ihnen alle Taschen durchleuchten lassen. Das erste Mädchen in der Reihe legte ihre Taschen auf das Laufband, wie ihr gesagt wurde, und gab die Torah an die nächste hinter ihr weiter. Als diesem Mädchen gesagt wurde, sie solle dasselbe machen, gab sie sie heimlich dem Mädchen hinter ihr. Und so weiter. Die nächsten Minuten ging die Torah heimlich in der Reihe nach hinten, bis es schien, dass sie sie nicht herausschaffen konnten.

Dann ging das Laufband kaputt. Die Maschine funktionierte einfach nicht mehr. Die polnischen Beamten, zu beschäftigt mit der Reparatur des Laufbands, um alle mitgebrachten Taschen zu kontrollieren, winkten die verbliebenen Mädchen einfach durch und die Torah fand ihren Weg hinaus. Sie brachten die Torah an einen Ort in Jerusalem, wo solche Rollen repariert werden; aber diese Arbeit ist wahnsinnig teuer und braucht viel Zeit und für die Mädchen ging das Leben weiter. In die Armee oder [anderen] nationalen Dienst, an die Universität. Sie heirateten, bekamen Kinder und machten Karriere. Die Torah wurde nicht repariert.

Vierzehn Jahre später fuhr eine andere Abiturklasse nach Polen. Zu dieser Gruppe gehörte Talia. Die Mädchen machten eine außergewöhnlich starke Erfahrung; und auf ihrer Reise hörten sie die Geschichte der Torah, die ihre Vorgängerinnen – jetzt zwischen 30 und 40 – aus Europa geschmuggelt hatten. Die aktuelle Klasse entschloss sich das Geld aufzubringen, um die Torah reparieren zu lassen; bei ihrer Rückkehr übernahmen einige von ihnen die Führung und gingen ans Werk. Eine beträchtliche Summe wurde gesammelt, die Torah wurde über einen Zeitraum von vielen Monaten repariert und am letzten Sonntagabend wurde sie tanzend in ihr neues Zuhause in die Synagoge gebracht, wo sie, statt für Puppen zerschnitten zu werden, regelmäßig genutzt wird, gelesen von jungen Frauen, die sie tatsächlich verstehen und nach dem leben, was sie zu sagen hat.

Die Zeremonie selbst war eine religiöse, also waren nur Frauen anwesend. Elisheva und Talia gingen zuerst und ich kam später während des „Reden-Teils“ dazu, der auch für Männer offen war. Trotz der Hitze und dem überfüllten Raum, wo Menschen im Gang und auf dem Flur saßen, an den Seiten standen und vor der Türe, war es unglaublich bewegend. Und als ich zuhörte, wie Lehrer, Schüler und ein Rabbi, wie einige Abiturienten und andere die Geschichte dieser Torah und der beiden Klassen erzählten, die sie gerettet hatten, erwähnten ein paar, dass diese Mädchen „dor schelischi la-schoah“ sind, die dritte Generation seit dem Holocaust. Das stimmt nur allzu sehr.

Während ich darüber nachdachte, fragte ich mich, was es war, das diese Mädchen dazu brachte, das zu tun. Wie kam dieser Sinn der Dringlichkeit, das Gefühl, dass nicht erlaubt werden konnte, dass diese Torah in Leminova verkümmerte und aufgeschnitten wurde, bis nichts mehr übrig blieb, Stück für Stück und in alle Winde verstreut – wie konnte das für diese Mädchen so mächtig werden? Wie konnten sie wissen, dass diese Torah einfach nach Hause kommen musste? In einer Welt, in der die Nachrichten vom letzten Jahr weit zurückliegende Geschichte ist, warum wussten sie, dass die Geschichte der Juden von Leminova, wer immer sie gewesen waren, auch ihre Geschichte ist?

Ich sah zu, wie Tali die Redner beobachtete. Ich konnte keinen Stuhl in ihrer Nähe bekommen, aber ich konnte sie sehen. Sie hörte intensiv zu; ihre Augen füllten sich in manchen Augenblicken mit Tränen. Später, in der Halle der Schule, direkt vor dem Auditorium, sprachen Elisheva und ich darüber, welche Auswirkungen die letzten sechs Monate auf unsere Kinder gehabt haben. Wie sehr auf dem Boden der Tatsachen sie waren. Dass sie wissen, wofür sie stehen. Dass trotz allem, was sie durchgemacht haben, sie sehr wenig (zumindest oberflächlich) sie Angst zu haben scheinen. Und ein Abend wie dieser, sagten wir uns, die Gelegenheit für sie Teil einer solchen Sache zu sein, erinnerte uns daran, weshalb wir herkamen, warum wir blieben, warum es keinen anderen Ort gibt, wo wir unsere Kinder lieber groß ziehen wollten.

Beim Nachdenken darüber wurde ich an eine Unterhaltung erinnert, die ich mit Talie nur ein paar Wochen früher hatte, am Ende von Yom ZaZikaron, dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten. Yom HaZikaron ist in Israel ein stiller Tag. Ein sehr stiller Tag. Die Geschäfte sind geschlossen, die Restaurants zugesperrt. Die Musik im Radio überträgt das Gefühl, dass dies kein Tag wie jeder andere ist und im 3. Fernseh-Kanal werden die Namen aller 21.781 Soldaten, die bei der Verteidigung des Landes gefallen sind, über 24 Stunden hinweg auf dem Bildschirm gezeigt, in der Reihenfolge, wie sie gefallen sind.

Am Ende des Nachmittags, nur Stunden bevor die Feierlichkeiten zu Yom HaAtzma’ut (dem Unabhängigkeitstag) beginnen sollten, saßen Tali und ich draußen auf der Terrasse und unterhielten uns. Ich fragte sie nach der Zeremonie ihrer Klasse am Morgen auf dem Herzl-Berg.

„Sie war richtig schön. Shira (ihre Schulleiterin) sagte uns, wir sollten uns auf dem Friedhof verteilen und nach einem Grab suchen, an dem wir die Psalmen sprechen wollten. Ich entschied mich, in dem Bereich von 1948 zu gehen?“
„Warum?“
„Nun, ich dachte, sie gehören zu den ältesten Gräbern und bei ihnen sei es am unwahrscheinlichsten, dass Familienmitglieder kommen und sie später am Tag besuchen würden.
Ich ging mit zwei anderen los. Ich ging zu einem Grab aus dem Unabhängigkeitskrieg und las einige Tehillim (Psalmen). Dann sagte mir eine meiner Freundinnen, die an einem Grab in der Nähe war, dass der Grabstein, an dem sie stand, eine Inschrift trug, dass dort jemand lag, der in einer Schlacht um Jenin getötet wurde. Und weißt du, Papa“, sagte sie, „es ist schon erstaunlich, nicht wahr, dass wir heute, nach all diesen Jahren, immer noch an denselben Orten kämpfen und nicht aufgegeben haben.“

„Dann kam meine andere Freundin zurück; sie schluchzte. Sie hatte das Grab von jemandem gefunden, der in einer Schlacht um einen der Orte getötet wurde, die wahrscheinlich abgegeben werden sollen [nach Scharons Plan, der dann im Likud-Referendum abgeschlagen wurde]; sie weinte und sagte: „Es ist eine solche Verschwendung. Diese Menschen starben, damit wir diese Orte bekamen und jetzt geben wir sie einfach zurück, ohne etwas dafür zu bekommen? Das ist einfach zu viel.“ Tali war eine Minute still und ich sagte nichts. Dann, nach einer Pause, sagte sie: „Ich hoffe, wir müssen nächstes Jahr nicht wieder hin.“
„Warum?“
„Weil ich Abiturientin bin, Papa. Nächstes Jahr wird es keine Schulausflüge geben. Alle meine Freunde gehen jetzt zur Armee. Wenn ich nächstes Jahr dort hin gehe, dann wird es wegen einer Beerdigung sein. Die von jemandem, den ich kenne.“

Sie hat natürlich recht. Sie ist in dem Alter, wo alle ihre Freunde eingezogen werden, so wie auch sie. Und sie hat recht, dass sie dort enden könnte, wie uns diese Woche elfmal aufgezeigt wurde. Und sie hat recht, dass, wenn sie dort hin gehen würde, der Schmerz unerträglich sein würde, mehr, als eine 18-jährige es wissen sollte.

Was also hält diese Mädchen in der Bahn? Warum wissen sie, dass die Torah einfach nach Hause kommen muss? Warum weinen sie immer noch an Gräbern von Leuten, die sie nie kannten? Warum sind die Geschichten auf diesem Berg für sie so wirklich wie die Geschichten der Leute ihrer eigenen Familie?

Das ist, wenn man alles Überflüssige weg nimmt, die Magie dieses Ortes. Es ist die Magie des Lebens in einem Haus, wo die Kinder und ihre Eltern mit jedem Atemzug Geschichte atmen und zur Geschichte gehören. Die Diskussion dieser drei Mädchen, was der angemessene Preis sei, was uns stolz machen sollte, was uns verzweifelt machen sollte, wie wir die Ereignisse verstehen sollten, die sich um uns herum abspielen, sind das, worum es in diesem Land überhaupt geht.

Diese miteinander konkurrierenden Sichtweisen „kämpfen“ selbst in unserem Kalender miteinander. Wir befinden uns gerade mitten in Omer, dem nächtlichen Zählen der 49 Tage zwischen Passah und Schavuot. Es ist ein Übergang von der Sklaverei und der körperlichen Freiheit (Passah) zum Zählen (Omer), während wir uns auf dem Weg zur geistigen Freiheit (Schavuot) befinden.

Und in die Mitte dieses traditionellen Rahmes fügte die Knesset drei Tage ein. Yom Ha-Shoah (den Holocaust-Gedenktag), eine Art moderner Tag der Versklavung (oder viel schlimmer). Dann, eine Woche später, Yom Ha-Zikaron, den Gedenktag für die gefallenen Soldaten, an dem das Zählen (wie im Omer) sehr real wird. Nur dass wir dieses Jahr nicht, wie im Omer, bis 49 zählten, sondern bis 21.781 (eine Zahl, die seitdem um fast 15 gestiegen ist).

Dieser Kalender selbst scheint einen Dialog zu propagieren, ja eine Debatte, zwischen den zugrunde liegenden Sichtweisen im Herzen dieses Landes. Was sollte der „Fortschritt“ sein, über den wir uns definieren? Die biblische Geschichte, der Übergang von Passah zum Omer und zu Schavuot? Oder das moderne Israel, der Übergang von der Verwüstung in Europa über den enormen Preis, der für den Ort bezahlt wurde, den wir jetzt Zuhause nennen, hin zur Feier, dass wir dieses Zuhause haben?

Viel von der Mythologie des frühen Zionismus beinhaltete eine Ablehnung dieser biblischen Tradition. Gedichte wie Altermans „Die Silberplatte“ und viele, viele andere waren der fast biblische Anspruch, dass die biblischen Traditionen uns im Stich gelassen hatten. Bialik sagt genau dasselbe. Die Juden Europas, davon ließ er sich nicht abbringen, hatten ausgemergelt, wehrlos, erbärmlich geendet (seine Sicht, nicht meine). Wir brauchten nicht einfach nur einen neuen Staat – wir brauchten eine neue Art Juden. Israel sollte ein Ort nicht nur für jüdische Souveränität sein, sondern eine Ort, wohin die kranken und wehrlosen europäischen Juden nach Hause gebracht und dann repariert, in Ordnung gebracht und wiedergeboren werden konnten.

Vielleicht verstanden diese Mädchen in Polen das vor vierzehn Jahren. Vielleicht begriffen sie, dass die Geschichte dieser Torah nicht nur die Geschichte einer Schriftrolle, sondern ihre Volkes ist. Und wer würde einen Juden an einem Ort wie Polen zurücklassen, damit er zerschnippelt und in alle Winde zerstreut wird? Das wäre undenkbar.

Das ist der Grund, dass die so stark zersplitterte Gesellschaft namens Israel mich nicht depressiv macht. Und es ist der Grund, warum die theatralischen Schlagzeilen, die jeden Morgen auf den Titelseiten der Zeitungen prangen, mich nicht zur Verzweiflung bringen. Denn diese Entzweitheit und die inneren Kämpfe, so erschöpfend sie auch sein können, drehen sich oft, so scheint mir, um ein verwundetes, aber sich erholendes Volk, das immer noch dabei ist herauszufinden, was es sein will, wenn es sich eines Tages von den Wunden erholt hat. Es ist kaum vorstellbar, dass diese Heilung schneller erfolgen könnte, als sie geschieht. Und es wäre schwer für mich mir etwas anderes vorzustellen, über das zu streiten wichtiger wäre.

Wenn 17-jährige Mädchen wissen, dass eine Torah nicht in Polen zurückgelassen werden kann oder dass sie nicht unrepariert in einem Lager bleiben kann, weil das nach Hause kommen und Wiederherstellung das ist, weshalb es diesen Ort überhaupt gibt, dann weiß ich, dass trotz allem dieser Ort funktioniert. Wenn meine Tochter vom Militärfriedhof auf dem Herzl-Berg kommt und mir von dem Gespräch mit ihren beiden Freundinnen erzählt, nachdem sie diese Gräber besuchten, dann fühle ich, dass dieses Land funktioniert und gut funktioniert, trotz des Übermaßes an Problemen. Und wenn ich Radio höre, in einer schrecklichen Woche wie der gerade hinter uns liegenden, höre ich trotz all dem Schmerz nicht wirklich eine Debatte über Politik, sondern über Geschichte, Identität, Überleben. Genau das, worum es in diesem Zuhause gehen sollte.

Wie anders können wir die Tatsache begreifen, dass plötzlich, diese Woche, Halakha-Experten (Experten für jüdisches Gesetz) für eine Radiosendung nach der anderen gesucht werden? Die Frage: „Ist es erlaubt Soldaten nach Zeitoun zu schicken und in den Philadelphi-Korridor, auf Haus-zu-Haus-Durchsuchungen und von Dach zu Dach, um sie nach Fragmenten der Leichen ihrer beiden Kameraden suchen zu lassen, die am Tag davor in tausend Stücke gesprengt wurden?“ Wie wägt man ab zwischen dem Gebot, dass einerseits Leben nicht riskiert werden soll, außer um Leben zuretten, und andererseits dem Gebot, dass alles Machbare getan werden soll um sicherzustellen, dass jeder Jude ein jüdisches Begräbnis bekommen soll? Können wir Soldaten einem Minimum von Gefahr aussetzen, damit die Eltern ihrer Freunde etwas haben, wenigstens etwas, das bei der Beerdigung in die Erde gelassen werden kann? Können wir Soldaten Gefahren aussetzen, damit sie und alle ihre Freunde wissen, dass – was der Himmel verhüten möge – wenn ihnen etwas passieren sollte, wir sie nach Hause holen werden?

Das Rabbinat erlaubte die Suche, aber das Land litt. Viele von uns wussten, dass die gegebene Antwort nicht die einzige war. Das Rabbinat sagte im Grunde, dass aufgrund der Wahrscheinlichkeit, dass Körperteile gefunden werden konnten, und der Auswertung des Risikos, ja, „einiges“ Risiko akzeptabel sein könne, um diese Jungs oder alles, was man von ihnen finden konnte, nach Hause zu bringen.

Aber was ist „einiges“ Risiko? Was, wenn bei der Aktion mehr der Jungs getötet worden wären, von Heckenschützen oder eine Bombe am Straßenrand? Was hätten wir dann gesagt? Nun, man hätte fragen können, warum überhaupt Risiken eingehen? Warum hat das Rabbinat schließlich so geurteilt? Und warum sollte irgendein Soldat sein Leben riskieren, um nach kleinen Stückchen Fleisch auf einem Dach in Gaza zu suchen? Aus welchem möglichen Grund?

Ich denke, weil es im Innersten dieser Gesellschaft eine nicht ausdrückbare Verpflichtung zur „inneren Sammelung“ gibt. Die Torah musste nach Hause gebracht werden. Die drei toten Soldaten wurden vor ein paar Monaten getauscht, um nach Hause zu kommen. Und Dutzende über Dutzende junger Leute riskierten Leben und Gesundheit um zu finden, was immer zu finden war.

Die Menschen stritten darüber. Mein Taxifahrer sagte: „Auf keinen Fall.“ Das ist es nicht wert. Elisheva dachte das Gegenteil. Ich war nicht ganz sicher. „Wenn, was Gott verhüten möge, es unser Kind gewesen wäre, das dort starb“, fragte ich sie, „würdest du wollen, das einer seiner Freunde [und ich erwähnte die Namen einer Reihe von jungen Leuten, die sich zur Zeit bei uns Zuhause aufhalten, Hausaufgaben machen und ihre Musik viel zu laut abspielen, aber relativ bald von der Armee gezogen werden] sein Leben riskiert, um seine Überbleibsel zu finden?“ Sie sah mich an, sagte nichts, drehte sich um und ging. Zurecht, denn diese Wahl ist nicht ertragbar. Es gibt nichts zu sagen.

Die Entscheidungen sind zu unmöglich. Es gibt ein Richtig, es gibt kein Falsch. Es scheint keinen Ausweg zu geben.

Die heutige Titelseite von HaAretz hat eine Schlagzeile: „Edrons Schwester hofft sein Tod wird zum Rückzug führen; Aviads Vater: Gaza gehört uns“ Das fasst es ziemlich gut zusammen. Selbst die trauernden Familien können sich nicht einigen, was aus all dem entstehen soll. Und er Rest des Landes? Selbst diejenigen, die raus wollen und jetzt raus wollen, haben keine Ahnung, wie sie die Frage beantworten sollen, über die jeder nachdenkt: „Wenn wir raus gehen und sie machen aus ganz Gaza ein Hamas-Disneyland und fangen an ihre Kassam-Raketen auf Aschkelon und Asachdod zu schießen, müssen wir dann nicht wieder rein gehen und es übernehmen? Und wird das nicht noch gefährlicher sein?“

Das reicht um es dir schummerig werden zu lassen – oder noch schlimmer, um einfach aufzugeben. Aber das geschieht hier nicht. Nur wenige Leute geben hier auf, denn dies ist das Zuhause. Wenn man Menschen sieht, wie sie diese Woche dem Radio zuhören – mit einer Intensität, die ich nirgendwo anders gesehen habe – dann weiß man, dass man Zuhause ist. Wenn man die leeren Gesichter sieht, wie sie zuhören, und die Person neben sich mit Schrecken fragt: „Was meinen Sie, da sind keine Leichen“, als wäre es ihr eigenes Kind gewesen, dann weiß man, dass man Zuhause ist.

Man ist Zuhause, denn man weiß, dass dies der einzige Ort der Welt ist, wo ein ganzes Land von der Frage beschäftigt wird, wie Juden beerdigt werden sollten. Weil dies der einzige Ort ist, wo die nationale Feiertage Mädchen lehren, subtil aber mächtig, dass man sogar eine Torah nach Hause bringen muss.

Am Ende der Zeremonie in Talis Schule wollten einige von uns, die beim Gottesdienst nicht anwesend waren, das Innere des Bogens sehen. Es war schön; auf dem Parochet (dem Tuch, das die Vorderseite bedeckt) gab es einige aufgestickte Verse. Die Menschenmenge stand eine Minute oder zwei so dicht, dass ich keinen Blick auf das Geschriebene werfen konnte. Aber als die Menschen nachgesehen hatten und gingen, konnte ich auch endlich etwas sehen. In schöner Schrift, gestickt mit spürbarer Liebe, standen dort die berühmten Verse aus Jeremia 31,16-17, die ausgewählt worden waren, um die Torah Zuhause zu begrüßen:

Ki yesh sachar li-fe’ulateikh,
Ve-yesh tikvah la-acharitekh
Ve-shavu vanim li-gvulam

Denn es gibt noch einen Lohn für deine Mühe…
Ja, es gibt Hoffnung für deine Zukunft, spricht der Herr,
und deine Kinder werden in ihr Gebiet zurückkehren!

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