Exodus(se), wiederbelebt

Daniel Gordis, 4. Mai 2005 (Linke nicht mehr vorhanden)

Passah ist eine der Zeiten im israelischen Leben, wo es so scheint als ob jeder sich auf die Straße begibt und wandert, mit dem Rad fährt oder in irgendeinem Teil des Landes picknickt. Vielleicht treibt das Seder und das Bild der Israeliten und ihres Exodus in die Wüste jedermann hinaus. Oder vielleicht ist es einfach der Fakt, dass die Menschen das Land nicht einfach für selbstverständlich nehmen und immer noch die Felsen, die Hügel, die Küste lieben.

Dieses Jahr entschieden wir uns, da die Abtrennung, vermutlich irgendwann Ende Sommer, kommt, mit den Kindern nach Gush Katif im Gazastreifen zu fahren, damit sie sich ansehen könnten, was genau wir da verlassen werden. Zumindest ich wollte nicht, dass ihre Eindrücke von diesen Leuten und ihren Gemeinden ausschließlich auf der Presse oder Gerüchten oder Einbildung basieren. Dafür oder dagegen (die Kinder sind da unterschiedlicher Meinung), wollte ich, dass sie wirkliche Leute, wirkliche Häuser, Gärten, Synagogen, Friedhöfe sehen. Und die Palästinenser, die um diese herum leben. Mit anderen Worten: den gesamten Kuddelmuddel.

Also machten wir uns früh am Dienstagmorgen des Passah auf den Weg nach Gaza. Angesichts der Staus, die normalerweise jeden Tagesausflug zu Passah begleiten, brachen wir relativ früh am Morgen auf und entschieden uns den Hinterausgang Jerusalems zu nehmen; das bedeutete, dass wir erst nach Süden fuhren, durch Gilo, Beit Jala (berühmt durch die Intifada) und die „Tunnelstraße“ nach Gush Etzion. Von dort, so hatte ich vor, würden wir südwestlich weiter fahren und hinüber nach Gaza zuckeln.

Wir fuhren an Gush Etzion vorbei, über die Tunnelstraße, die vor ein paar Jahren Ziel all der Heckenschützen aus Beit Jala war und nun auf beiden Seiten von massiven Betonwänden geschützt wird. Als ich während der Fahrt auf die Karte sah, schien es mir, dass es ein wenig weiter südlich eine Straße gab, die eine direktere Linie bot, direkt nach Westen; sie könnte uns etwas Zeitersparnis bringen. Warum nicht?, dachte ich. Also fuhren wir weiter nach Süden, als plötzlich jeglicher Anschein in Israel zu sein verschwand. Die Schilder waren alle auf Arabisch. Es gab sehr wenig Verkehr auf der Straße und der vorhandene bestand aus palästinensischen Taxen und Lastwagen (natürlich mit anderen Nummernschildern, was sich unser Auto ziemlich stark von den anderen abheben ließ). Da waren beiderseits der Straße Kinder, die Schaf- und Ziegenherden hüteten, ältere Männer mit Keffiyes, die neben der Straße saßen oder gingen. Mehr als alles andere aber gab es die uns anstarrenden Menschen, deren Gesichtsausdruck mehr oder weniger sagte: „Was um alles in der Welt macht IHR HIER?“

Ich hoffte, dass die Kinder hinten in ihrer von den Kopfhörern verursachten Trance bleiben würden und dass Elisheva weiter dösen würde, bis ich den richtige Abzweiger gefunden und uns hier heraus gebracht haben würde, aber so viel Glück hatte ich nicht. Einige Minuten später begannen die Kinder zu fragen: „Wo genau sind wir?“

„Südlich von Gush Etzion“, sagte ich, als wäre das beruhigend.

Die Kinder wandten sich wieder ihrer Musik zu, gleichzeitig flüsterte mich Elisheva mir zu: „Ich glaube nicht, dass diese Straße eine gute Idee war. Du hast gemerkt, dass wir die einzigen Israelis in der Gegend hier sind? Und es gibt nicht einmal Anzeichen für die Anwesenheit der Armee hier.“

„Du musst nicht flüstern“, stellte ich heraus. Die Kinder befanden sich hinter einer dicken Mauer aus MP3 und gegen die Gefahr draußen half Flüstern auch nicht. Ich fand mich selbst bei dem Versuch wieder mich zu erinnern, wie lang es her gewesen ist, seit wir die Reifen erneuert hatten und fragte mich, wie lange genau wir auf dieser Straße am Leben bleiben würden, wenn wir anhalten müssten um einen zu wechseln. Ich entschied mich, ihr diesen Gedanken nicht mitzuteilen.

„Wie lange dauert es noch, bis wir an die Grüne Linie [und wieder ins israelische Kernland] kommen“, fragte ich sie und zeigte auf die Karte, die sie hielt.

Sie sah nach. „Eine Weile.“

„Was bedeutet?“

„Es bedeutet, dass ich das nicht weiß. Die Grüne Linie ist auf der Karte nicht eingezeichnet.“

Ach ja. Diese oft vergessene kleine Tatsache israelischer Landkarten. Kaum eine zeigt, wo die Linie war. Als wäre es bis vor Kurzem unsinnig gewesen, dass sie je wieder wichtig werden würde.

„Nun, wie lange noch, bis wir aus diesen palästinensischen Dörfern und zurück in der Nähe von etwas mit einem hebräischen Namen sind?

„Eine Weile.“

„Was heißt?“

„Was heißt, dass ich das nicht weiß. Eine Weile halt.“ Immer noch geflüstert, als würde Flüstern bedeuten, dass sie uns nicht sehen könnten. Ich nahm die Karte und blickte kurz drauf. Sie hatte Recht. Eine Weile. Was auf einer internationalen Landkarte wie nichts aussieht, kann tatsächlich lange Zeit brauchen, wenn du lieber woanders sein würdest. Ich gab Gas, fuhr etwa 125 oder 130 km/h, was normalerweise eine freundliches „du fährst etwas zu schnell, nicht wahr?“ verursacht. Aber diesmal gab es keinen Widerspruch vom Copiloten. Ein unausgesprochenes, im Grunde genommen nur „Sorge einfach dafür, dass wir hier raus kommen“.

Also flogen wir weiter durch das, was nach einem eines Tages kommenden weiteren Exodus Palästina sein wird und trafen schließlich auf eine Straßensperre der Armee. Sie war hauptsächlich dazu da, Palästinenser davon abzuhalten aus unserer Richtung ins israelische Kernland zu kommen. An der Straßensperre gab es eine Linie, wo die Soldaten bei jedem Auto vor uns (das waren alles Palästinenser in israelischen Taxen) die Leute aussteigen ließen, ihre Taschen durchsuchten, die Kofferräume usw. Als einer der Soldaten uns in der Reihe sah, winkte er uns auf die linke Seite hinüber, in die Reihe weiter fahrenden Verkehrs. Ich ließ die Scheibe herunter, um seine Fragen zu beantworten, aber er hatte keine. Er sah uns nur komplett verwirrt an, weil er ein Auto mit Leuten wie uns an einem solchen Ort sah, und winkte uns durch.

„Wo sind wir jetzt?“, kam die Frage von hinten.

„Sicher“, wollte ich sagen, unterließ es aber.

„War das Gush Katif?“, wollte Micha wissen.

„Nein, das war früher Gush Etzion.“

„Was ist der Unterschied?“, als ob „Gush“ alles von Bedeutung sei.

Also hielten wir an der nächsten Tankstelle an. Alle stiegen aus. Ich nahm die zwei Karten, die zusammen den größten Teil des Landes abdeckten, legte sie auf den Boden und zeigte ihnen Gush Etzion, Gush Katif und die Strecke, die wir gefahren waren.

„Wo sind wir gerade durchgefahren?“, wollte eines der älteren Kinder wissen.

„Palästinensergebiete“, sagte ich lässig und zeigte ihnen unsere Route.

„Das war ziemlich dumm, Abba“, sagte eins von ihnen. Worauf Micha sagte: „Wird der Teil, durch den wir gerade fuhren, auch abgegeben?“

„Beim nächsten Mal“, sagte eines der älteren Kinder.

„Welches nächste Mal?“, wollte er wissen.

Die geschwisterliche Erklärung ging weiter: „Jetzt geben wir den Gazastreifen auf. Aber es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir Land zurückgeben müssen. Der Teil, durch den wir gerade gefahren sind, wird der nächste sein, der auf den Hackblock gelegt wird. Sie wollen all das für ihren Staat.“

Ich entschied mich, sie das selbst ausdiskutieren zu lassen und nichts zu sagen. Aber ihr Räderwerk drehte sich, so viel war klar.

45 Minuten später fuhren wir durch Sderot, wo kürzlich die Qassam-Raketen einschlugen; ein paar Minuten später querten wir die Kissufim-Kreuzung und wir fuhren in den Gazastreifen, der nun plötzlich in relativen Begriffen eher sicher erschien. Er war auch ziemlich leer. Der enorme Protestmarsch war für den nächsten Tag angesetzt und wir hatten entschieden einen Tag früher zu kommen, um den Massen zu entgehen.

Die Kinder hatten die MP3-Player jetzt beiseite gelegt und sahen aus dem Fenster, fotografierten. Die Panzer neben der Straße. Die schrecklichen und riesigen palästinensischen Flüchtlingslager ein paar Hundert Meter neben den jüdischen Gemeinden, die bereits in Sicht waren. Das Schild neben der Straße, auf dem stand „Kfar Darom wird nicht wieder fallen“ – ein Spiel mit dem berühmten Satz „Massada wird nicht wieder fallen“. Oder das Schild „Achtung – Panzer kreuzen“ oder das mit „Wir lieben dich, Israel“. Nicht gerade die Straßenliteratur des Viertels, in dem meine Kinder leben.

Wir fuhren eine Weile in Gush Katif herum, dem größten Block jüdischer Gemeinden in Gaza. Erst ging es nach Neve Dekalim, eine recht große Gemeinde mit Straßen, Häusern, Parks und einem kleinen Stadtzentrum mit einem Einkaufszentrum. Und einer Synagoge. Und einem Friedhof knapp außerhalb. Es sah, sagten die Kinder schnell, nicht wie eine „Siedlung“ aus, sondern wie eine Stadt. Was sie im Grund auch ist.

„Welcher Teil wird zurück gehen?“, wollte Mich wissen.

„Alles, was du sehen kannst“, sagte ihm seine Schwester.

„Was, ALLES?“

„Yep. Alles.“

„Und sie werden all die Gebäude behalten?“

„Yep.“

„Und sie werden in den Häusern wohnen?“

„Yep.“

„Was werden sie mit der Schul machen?“, wollte Micha wissen.

„Plündern und verunstalten“, erwiderte ein Geschwisterkind.

„Das wisst ihr nicht“, unterbrach ich und versuchte dieses Gespräch etwas weniger depressiv zu gestalten.

„Doch, das wissen wir“, kam die Antwort. „Abba, du weißt, was mit der Schul in Yamit passierte, nachdem wir sie den Ägyptern zurückgaben, oder?“ Das weiß ich, also entschied ich mich, das Thema ruhen zu lassen.

Jetzt war es sehr ruhig im Auto. Plötzlich war die „Abkoppelung“ mehr als eine politisch heiße Kartoffel. Oder der Grund für Plakate oder einen Streit in den Abendnachrichten. Jetzt ging es um Menschen, die die Kinder auf den Bürgersteigen sehen konnten, die mit ihren Familien dort spazieren gingen, wo Kinderwagen geschoben wurden. Nicht wild drein blickende Verrückte, die mit M-16-Gewehren herumliefen, einfach Menschen, echte Menschen, die genauso aussehen wie wir. Jetzt wurden durch die Abkoppelung gut gepflegte Gärten aufgegeben. Spielplätze. Heime. Es ist eines, das sahen wir, „dafür“ zu sein. Es ist etwas sehr anderes den schrecklichen Preis zu sehen, den eine Menge Leute zahlen werden müssen, die meisten von ihnen Israels leidenschaftlichste Pioniere.

„Was kriegen wir, wenn wir das alles abgeben?“, wollte Micha wissen.

„Nichts“, kam die eisige Antwort.

„Na, müssen sie für die Häuser bezahlen?“

„Nein.“

„Müssen sie irgendetwas tun?“

„Sie müssen nicht einmal Frieden schließen. Sie kriegen es einfach.“

„Das begreife ich nicht.“

Ich war versucht Sharons Sicherheitsgründe für den Auszug zu erklären oder den hohen Preis, den die Armee an Leben und mit Geld bezahlt, um daran festzuhalten oder die Apartheid, der wir uns schließlich ausgesetzt sehen werden, wenn wir nicht aufhören das zu regieren, was bald eine arabische Mehrheit zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer sein wird; aber ich sagte nichts. Nicht davon würde schließlich das ansprechen, was er wirklich sagte. Dass die Kosten des Rückzugs enorm erscheinen. Dass der Schmerz sich überwältigend anfühlt. Dass das Risiko riesig ist. Und dass er recht hat.

Ich fuhr weiter herum, als Elisheva sagte: „Lasst uns hier verschwinden. Ich bin mehr als deprimiert.“ Aber Talia, die vor Kurzem hier gewesen war und sich besser als wir hier auskannten, sagte, wir sollten noch zu einer anderen Gemeinde fahren, Shirat HaYam, die nur ein paar Minuten entfernt war.

Fünf Minuten später, nach einer kurzen Fahrt mit Flüchtlinslagern auf jeder Seite, kamen wir an einen riesigen Zaun, bewacht von einem Soldaten. „Ist das Shirat HaYam?“, fragte ich ihn. Er nickte und öffnete das Tor. Wir fuhren hinein und folgten der einsamen, einspurigen Straße durch das … das Was? Keine Stadt. Nicht einmal eine Gemeinde. Etwa 10 kleine Wohnwagen auf dem schönsten nahöstlichen Strand, den ich je gesehen habe und einige verlassene ägyptische Gebäude, die jetzt renoviert wurden, selbst jetzt, als wir zusahen, vermutlich für die Leute, die vor der Abkoppelung hierher ziehen werden. Durch die Autofenster und die durch den bereits erwähnten hohen Zaun sahen unsere Kinder palästinensische Kinder vorbeigehen. Ein Streifen Sand, ein Zaun, zwei völlig getrennte Bevölkerungen.

Wir blieben einige Zeit dort und fuhren dann zu anderen Gemeinden, verließen sie aber ziemlich schnell wieder. Später, nach ein paar Stunden am Strand von Ashkelon um zu versuchen uns zu erholen, entschieden wir uns zurück nach Jerusalem zu fahren.

„Der Verkehr wird mörderisch sein“, sagte Elisheva.

„Nun, wir könnten den gleichen Weg nehmen, auf dem wir her gekommen sind“, schlug ich vor, aber ihr Blick sagte: „Das war nicht einmal lustig.“

„Wie wäre es mit der 443?“, fragte ich; das war die Modi’in-Straße, die an Ramallah vorbei von Norden nach Jerusalem führt. Die Straße war in den Tagen der Intifada ebenfalls unbefahrbar (zumindest machte man sich dort zum Ziel des täglichen Beschusses), aber auch sie ist jetzt von Betonwänden geschützt, so dass Scharfschützen nicht so einfach auf die Autos zielen können. Und nebenbei: Wir haben jetzt Frieden, oder?

„Gute Idee. Die wird wahrscheinlich freier sein.“

Also nahmen wir die Autobahn 6, Israels neue Straße mit Mautstelle und allem, was sonst dazu gehört, und verließen über die Zufahrt auf die 443. Nach ein paar Minuten Fahrt wurde Micha wieder munter und sagte: „Was ist das für eine Straße?“

Wir sagten es ihm.

„Die gehört uns, oder?“

„Richtig.“

„Die werden wir behalten?“

Wieder der Chor der Geschwister. „Vorläufig. Sie wird zurückgegeben, wenn wird die Straße zurückgeben, auf der wir heute Morgen waren.“

„Abba, stimmt das?“, fragte er, ungläubig, dass anscheinend alles, wo wir hin fuhren, dazu bestimmt war zurückgegeben zu werden.

„Im Prinzip.“

„Aber was WIRD übrig bleiben?“

Dazu gab es nicht viel zu sagen. Glücklicherweise musste er die Batterien seines Musikplayers wechseln und das Gespräch endete.

Aber seine Frage klang in meinem Kopf fort, lange nachdem der Tag vorbei war. Was sagst du deinem Kind, wenn er sagt: „Es wird nicht viel übrig bleiben, nicht wahr?“ Wie erklärst du, dass die meisten Leute in dem Land bereit sind (mit unterschiedlichem Grad an Ambivalenz) alles zurückzugeben, in der Hoffnung, dass etwas Besseres daraus entstehen kann. Oder weil wir lieber die Unsicherheit mit den Palästinensern haben wollen als die Gewissheit der Apartheid. Oder weil wir alle Kinder haben, die jetzt in der Armee sind, und die Kosten, so denken viele, einfach zu hoch sind. Für ein 12-jähriges Kind, das die meisten der Jahre, an die es sich erinnern kann, in einer Intifada lebte, wäre nichts davon sonderlich überzeugend, also versuchte ich es erst gar nicht. Oder könnte es sein, dass nach einem Tag, an dem man tatsächlich da war, der Schmerz, den diese Menschen erfahren werden, so handgreiflich war, dass es keine angemessenen Worte zu geben schient?

Zwei Tage später waren wir dann auf einer anderen Tour, einer langen und kniffligen Wanderung in der Wüste, an einem Ort namens Nahal Deragot, westlich vom Toten Meer. Wir waren eine Gruppe von vier Familien und schlossen uns hunderten anderer in dem überfüllten Wadi an, die die Tageswanderung mit dem Abstieg mit Seilen durch 13 (trockene) Wasserfälle machten. Wir hatten alle eine prima Zeit, obwohl das Wadi allzu voll war (die Verkehrslage hat sich in diesem überfüllten und kleiner werdenden Land ziemlich offensichtlich über die Straßen hinaus ausgebreitet).

Ungefähr auf halbem Weg rutschte eine der Frauen unserer Gruppe aus und stürzte ziemlich böse. Als ich da hin kam, wo ich den „Plumps“ gehört hatte, lag sie auf dem Boden, mit einer klaffenden Kopfwunder und wer weiß, was noch.

Den Rest des Tages konnten unsere und andere Kinder die Antwort auf die Frage „Was wird übrig bleiben?“ erleben. Als die Nachricht des Sturzes sich ausbreitete, eilten einige ehemalige Armee-Sanitäter zu der Stelle, aus beiden Richtungen. Von der Armee ausgegebene Bandagen und anderes medizinische Material begann um uns herum zu landen, bis die Gegend mehr wie eine Militär-Apotheke aussah als ein Wüstenwadi. Da gab es zwei Männer, die keiner von uns kannte; sie waren ausgezeichnete Kletterer und Sanitäter, die ihre Gruppen verließen und den Rest des Tages bei uns blieben (nachdem ein Arzt, der selbst mehrere der Wasserfälle HINAUF klettern musste, um zu ihr zugelangen, nachdem die Nachricht des Unfalls sich Wadi-aufwärts und -abwärts verbreitet hatte, sagte, sie könnte versuchen aufzustehen), während sie mit ihrer Gehirnerschütterung die verbleibenden dreieinhalb Stunden ging. Als wir ein medizinisches Freiwilligenteam trafen, das geschickt worden war um sie zu untersuchen, verabschiedeten sich die Männer und gingen zurück, zu ihren Familien und Freunden. Als ich versuchte ihnen zu danken, wiegelten sie ab. Als ich darauf bestand, verstanden sie einfach nicht, warum solch ein Aufheben darum gemacht wurde.

Als wir endlich in stockdunkler und mondloser Nacht aus dem Wadi heraus und an dem Parkplatz ankamen, entschieden wir uns eine Weile warten wollten, bis die restlichen Familien heraus kamen (wir waren an jedem Wasserfall voraus gegangen, weil sie so schnell wie möglich auf ebenen Boden kommen musste). Aber als es so schien, dass niemand mehr in dieser Nacht heraus kommen würde (und wirklich blieb 60 Leuten nichts übrig als die Nacht im Wadi zu verbringen, weil es im Dunkeln zu gefährlich ist die Wasserfälle zu passieren), war nur ein einziges Auto auf dem Parkplatz übrig geblieben.

Ich ging zu den Leuten, die das Auto hatten und fragte, wohin sie wollten. Hoshaya, war die Antwort (das ist weit oben in Galiläa). Welche Strecke fahren Sie, wollte ich wissen. Durch das Jordantal, direkt nach Norden, war die Antwort.

„Meinen Sie, Sie könnten uns drei zu der Tankstelle am Abzweig nach Jerusalem mitnehmen und uns da raus lassen?“

Sie warfen einen Blick auf die Frau bei uns und fragten: „Wo wollen Sie hin?“

„Jerusalem, in die Terem-Klinik. Der Sanitäter denkt, dass sie zu einem Arzt gebracht werden muss.“

„Steigen Sie ein. Wir bringen Sie hin.“

„Das ist für Sie ein stundenlanger Umweg.“

„Steigen Sie ein.“

„Bringen Sie uns einfach zu der Tankstelle. Wir können von dort ein Taxi nehmen.“ Ich war nicht wirklich sicher, dass das ginge, aber fand, dass wir uns damit zu gegebener Zeit beschäftigten konnten.

„Steigen Sie ein.“

Nach einigem Hin und Her, das wir verloren, stiegen wir ein und sie fuhren uns den ganzen Weg nach Jerusalem, zum Ortseingang am anderen Ende der Stadt, wo die Notfallklinik war. Nach Abschied und Dankeschön, wobei sie versuchten uns Geld zu geben, weil unsere Rucksäcke noch bei unseren Familien im Wadi waren, warteten wir in der Klinik. Ich entschied mich uns dreien etwas zu Essen zu kaufen. „Gibt es hier etwas Koscheres zu Passah?“, fragte ich den Verkäufer mit den vielen Piercings und spitzen Haarbüscheln. „Ist alles koscher“, sagte er und zeigte mir das Zertifikat an der Wand. Ich kaufte ein paar Dinge und er sagte dann „Chag sameach und refu’ah sheleimah.“ Wir waren nicht mehr im Kaiser Permanente, so viel war klar.

Kurz darauf entschied ein Arzt französischer Herkunft, dass genäht werden musste und sorgte dafür, wie auch für eine Tetanusspritze. Am nächsten Morgen, als die Untersuchungen in der Notaufnahme der Hadassah-Klinik weiter gingen, geschah das zuerst durch einen Neurologen spanischer Herkunft, dann durch einen russisch sprechenden Orthopäden. Franzosen, Spanier, Russen, Amerikaner … Die „Ansammlung von Exilanten“ ist an solchen Tagen keine Phrase. Selbst diese Versammlung von Einwanderern, mit all den unterschiedlichen Geschichten, die sie erzählen könnten, zeigt eindringlich, was andernfalls ein ereignisarmer Tag im Hadassah gewesen wäre.

Es stimmt, das Land schrumpft; aber es ist nicht seine Größe, wegen der wir und entschlossen hier zu sein. Es ging darum, was im Innern passiert. Am Grund des Wadi. Oder auf einem Parkplatz in der wüste. Oder im Warteraum einer Notfall-Klinik. Oder im Krankenhaus.

Dann gab es da ein arabisches Kind in der Ambulanz, dessen Eltern kommen sollten, was aber noch eine Weile hin war. Er konnte offensichtlich nicht viel Hebräisch sprechen, denn die Ärzte und Schwestern hatten Mühe mit ihm zu kommunizieren, bis eine Arabisch sprechende Schwester kam. Als sie ihn beruhigt hatten, ging unser Avi, der alles mitbekommen hatte, hin um einen Blick durch die Vorhänge um den Behandlungsbereich zu werfen.

Avi kam zurück und sagte: „Abba, kann ich etwas Geld haben?“

„Wofür?“, fraget ich, als ich es ihm gab.

„Der arabische Junge. Er scheint nichts zu Essen zu haben und seine Eltern sind nicht da. Ich bin sicher, er ist zu scheu um zu fragen. Ich werde ihm in der Cafeteria etwas Süßes und etwas zu Trinken kaufen.“ Und weg war er.

Was das Ende die Antwort auf Michas Frage war. Was wird übrig bleiben, wenn wir alles zurückgeben? Ein Passah wie dieses und du weißt die Antwort. Was übrig bleiben wird, wird ein Land sein, wo „Exodus“ nicht nur ein Bezug zur weit zurückliegenden Vergangenheit ist. Und was übrig bleibt, wird ohne Zweifel ein kleineres Land sein.

Was übrig bleibt, ist ein Land, schwer verwundet durch den Schmerz, das es sich selbst zufügt, durch den Preis, den es seinen besten Pionieren dafür abverlangt, dass sie dem Ruf früherer Regierungen folgten, genau dorthin zu ziehen, wo sie jetzt leben. Aber was übrig bleiben wird, ist eine Bevölkerung, die das Land immer noch liebt, das sie hat, und die es bei jeder Gelegenheit durchwandert und mit dem Rad durchfährt. Das die Straßen im Urlaub bis zur Überfüllung füllt, das die Wadis in Zahlen füllt, die sie unsicher machen. Ein Ort, wo der Sinn für geteilte Unternehmungen greifbar ist, besonders, wenn man ihn braucht. Was übrig bleiben wird sind Menschen, die, wenn jemand verletzt ist, so selbstlos reagieren, dass es dir die Luft weg bleibt. Und die dann nicht verstehen, warum man darum so ein Aufheben macht, ihnen zu danken.

Was übrig bleiben wird, wird ein Land sein, in dem man, wenn man innerhalb von ein paar Stunden ein paar Ärzte besucht, einer von ihnen Aliyah aus Frankreich, einer aus Spanien und einer aus Russland gemacht haben wird. In dem ein Essenswagen im Warteraum die Tatsache widerspiegelt, dass Passah ist. Es wird ein Land sein, indem trotz all der Jahre des Konflikts, die Kinder immer noch für einander da sind, über die Abgründe der Kulturen und der Sprachen.

Am Wichtigsten aber: Was übrig bleiben wird, wird ein Ort sein, für den Menschen alles hinter sich gelassen haben, damit sie dort hin kommen. Es wird ein Land sein, wo, nach diesem Sommer, Menschen bewiesen haben werden, dass trotz des enormen und fast unaussprechlichen Schmerzes, der damit verbunden ist, sich entscheiden haben kurzfristig noch weniger zu haben, statt langfristig gar nichts mehr. Denn sie werden immer noch lieben, was sie haben werden. Weil sie sich nicht vorstellen können ohne es zu überleben.

Was übrig bleiben wird, wenn der Schmerz nachlässt, wird das Zuhause sein.

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