Ort der Hoffnung

Daniel Gordis, 22. Januar 2007 (Link zu: Orthodox Union, 8. Februar 2007)

Vor ein paar Monaten hatte ich einen Termin bei einem neuen Arzt, nur eine Stunde vor dem Abflug in die USA. Wir kannten einander nicht, dieser neue Arzt und ich, aber er schien ein netter Kerl zu sein. Ich war in Eile und musste schnell wieder nach Hause, um zu packen. Ich wollte nur mein Rezept haben, damit ich meine Arzneien bekam, bevor es auf einen 15-stündigen Flug nach Los Angeles ging.

Aber er war in einer Art freundschaftlicher Stimmung. „Warum reisen Sie in die Staaten?“, wollte er wissen. „Arbeit“, sagte ich, nicht gerade überschwänglich. „Was machen Sie?“ Ich fühlte mich viel zu schlecht, um zu erklären, was die Mandel-Stiftung macht und ihn auf unsere Internetseite zu verweisen schien etwas unanständig (und würde mir nicht helfen meine Medikamente zu bekommen). Also log ich ein wenig und sagte: „Ich schreibe.“ „Worüber schreiben Sie?“, bohrte er weiter. Ohne dieses Gespräch wirklich führen zu wollen, sah ich sehnsüchtig auf den Drucker und betete, dass er bald das Rezept ausspucken würde und sagte: „über die Zukunft Israels.“ Woraufhin er von seiner Tastatur hoch blickte, sich mir zuwandte und sagte: „Oh, Sie schreiben Kurzgeschichten.“

Ich lachte, er auch, aber es klar, dass keiner von uns das sonderlich lustig fand. Und in den Wochen seit dieser kurzen Begegnung habe ich mehr als einmal darüber nachgedacht. Denn sie fing, so denke ich, die Stimmung hier ein, eine Stimmung, über die niemand redet, die aber jeder fühlt. Eine Stimmung, eine Art Verzweiflung, in der es nicht um den letzten Krieg geht oder den, der kommen könnte, sondern um etwas tiefer Gehendes.

Ich sprach neulich mit einem IDF-General über etwas, an dem wir gemeinsam arbeiten und unser Gespräch wandte sich den jüngsten Regierungsskandalen zu, die die Regierung so sehr mit ihrer Verteidigung beschäftigen, dass sie kaum funktionieren kann. Ermittlungen gegen zwei Oberrabbiner. Zwei Justizminister, denen Vergehen vorgeworfen werden und die vor Gericht stehen werden. Der jetzt im Ruhestand befindliche IDF-Generalstabschef wird immer noch von Vorwürfen verfolgt, dass er sein Aktienpaket in den ersten Stunden des Krieges verkaufte. Gegen die Leiter der Steuerbehörde wird ermittelt, einige stehen unter Hausarrest. Dem Präsidenten wird Vergewaltigung vorgeworfen. Gegen den Premierminister wird wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt (er besteht, wie all die anderen, darauf, dass er nichts Falsches gemacht hat).

„Wie erklärt man dieses Land?“, fragte mich der General. „In einem normalen Land würden die Leute auf den Straßen sein, Reifen verbrennen, zu Tausenden protestieren. Aber hier passiert nichts. Die Leute machen weiter, als ob es nichts gäbe, über das man sich aufregen müsste.“

Ich bin nicht so sicher, dass es schrecklich ist, dass die Leute keine Reifen verbrennen. Brennende Reifen würde zeigen, dass ein Regierungswechsel ausreichen würde. Aber das würde täuschen. Der Grund dafür, dass die Israelis nicht protestieren, ist, glaube ich, dass sie tief innen drin begreifen, dass das Problem weit tiefer liegt als in der Regierung oder der Korruption oder dem Krieg. Es geht um den Zionismus. Niemand drückt es so aus, aber das ist die wahre Frage. Einhundertzehn Jahre nach dem ersten Zionistischen Kongress fangen die Menschen an sich zu fragen, ob der Zionismus begonnen hat fehl zu scheitern.

Der Zionismus – ein Fehlschlag? Wie, könnte man fragen, kann das sein? Ein Land, das bald den größten Teil der jüdischen Bevölkerung haben wird? Eine Wirtschaft, die brummt, trotz allem, dem wir uns gegenüber sehen. Die Grundstückspreise gehen in Jerusalem und andernorts durch die Decke, international anerkannte Universitäten, eine Armee, mit der man sich immer noch nicht anlegen sollte, das kulturelle und intellektuelle Leben, das für eine Bevölkerung dieser Größe erstaunlich ist. Denken Sie daran, was es vor 75 Jahren hier gab, sehen sie sich an, was heute hier ist – kann man das einen Fehlschlag nennen?

Nein, Israel ist kein Fehlschlag. Der Staat ist ein riesiger Erfolg. Aber, so würde ich sagen, er tut für die Juden nicht, was die ursprünglichen Zionisten sich erhofft hatten. Und Teil der nationalen Angst hat genau damit zu tun.

Vor einem Jahrhundert versprachen die ersten Zionisten den Juden, wenn ein jüdischer Staat geschaffen würde, gäbe es endlich einen Ort auf der Erde, wo die Juden sicher wären. Er würde vielleicht nicht groß sein; er würde vielleicht nicht schön sein; aber er würde sicher sein. Hier, wurde gesagt, würden die Juden in der Lage sein sich zu verteidigen. Hier, wurde gesagt, würden ihnen die Launenhaftigkeit der Welt erspart bleiben.

Eine Weile schien es so, als habe der Zionismus dieses Versprechen eingelöst. Die Dinge standen 1948 schlecht, auch in den Tagen vor dem Juni 1967. Aber der Sechstage-Krieg und andere Feldzüge (und ja, sogar der Sicherheitszaun) schienen das zu verdeutlichen – die Juden würden tun, was nötig ist, um sich zu verteidigen.

Aber der Sommer 2006 beendet diese Illusion der Sicherheit. Vierunddreißig lange Tage ließ die IDF enorme Teile ihrer (konventionellen) Feuerkraft los, aber sie konnte das Abfeuern der Katjuscha-Raketen der Hisbollah auf den Norden nicht stoppen. Während mehr als eine Million Israelis sich in Bunkern versteckten, von denen wenige geglaubt hatten, dass wir sie je wieder benutzen würden, zerstörte die israelische Luftwaffe große Teile Beiruts, blockierte den Libanon, schickte Soldaten in den Norden des Libanon, sogar nahe an die syrische Grenze – aber sie konnte die Sicherheit der israelischen Bürger nicht gewährleisten. Am Ende war das Einzige, was den Beschuss der nördlichen Städte Israels beendete, die UNO.

Während die Raketen in den gesamten Norden flogen, verpassten nur wenige Menschen in Israel die Ironie der Tatsache, dass es jetzt gefährlicher ist ein Jude in Israel zu sein (zumindest in bestimmten Zeiträumen, wie in Jerusalem während der Intifada oder in Haifa während des Krieges), als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Sie entging ihnen, als der Krieg nur zu Ende ging, wie Israel einem von der UNO vermittelten Waffenstillstand zustimmte, die Ironie, dass die Israelis einmal mehr von der internationalen Gemeinschaft abhängig waren, um auch nur ein Mindestmaß and Sicherheit zu haben. Damit begann die nationale Depression einzusetzen.

Und als ob die Hisbollah nicht schlimm genug wäre, fragen die Israelis: Was ist mit dem Iran? Was wird geschehen, wenn der die Bombe bekommt? Was bedeutet es für die Juden, für den Zionismus, dass gerade einmal siebzig Jahre nachdem die Welt sich verschwor die Juden auszulöschen, mehr als die Hälfte der jüdischen Kinder der Welt (d.h. die in Israel leben) schon bald im Fadenkreuz eines atomar bewaffneten, wahnsinnigen muslimischen Fanatikers leben? Ist das eine Zuflucht? Ist das der Erfolg des Zionismus? Was bedeutet es, dass die Welt klar demonstriert, dass sie bereit ist zuzusehen, wie das passiert und nicht einzugreifen? Eine weitere massenhafte Auslöschung des jüdischen Volkes droht und Herzl würde es wagen den Zionismus als Erfolg zu bezeichnen?

Als wäre der Verlust des Gefühls einer Zuflucht nicht genug, finden sich die Israelis auch mit der Tatsache ab, dass der Zionismus bezüglich eines weiteren seiner Versprechen versagt hat. Vor (ungefähr) einem Jahrhundert glaubten die frühen politischen Zionisten, dass einen Staat zu haben auch die Bedingungen für die Juden in der Welt normalisieren würde. Die Juden wurden als einzige ausgesucht, glaubten Leute wie Herzl und Nordau (und viele andere), weil ein Volk, das keine Heimat hat, etwas Unnatürliches hatte. Die Polen hatten Polen, die Italiener hatten Italien. Wenn die Juden einen Staat haben würden, dann würden endlich die (Lebens-)Bedingungen der Juden (die überall, aber nirgends Zuhause waren) sich ändern. Und die Welt würde irgendwann ihre unablässige Aufmerksamkeit für diesen winzige Teil der Weltbevölkerung aufgeben.

Aber das ist – natürlich – auch nicht geschehen. Jugoslawien, Ruanda, Darfur – alles Konflikte, die unendlich viel mehr Leben gekostet haben als der israelisch-palästinensische Konflikt – erhalten nicht ansatzweise die Aufmerksamkeit, die Israel erhält. Tausende werden in Darfur vergewaltigt und abgeschlachtet und Tage vergehen, in denen das in den Zeitungen der Welt kaum erwähnt wird. Es gibt alleine in Sierra Leone 200.000 Kindersoldaten, aber wer weiß das schon? Aber eine einzelne Demonstrantin ignoriert die Warnungen der IDF aus dem Weg zu gehen und wird versehentlich von einem Bulldozer zermalmt und die Welt ist in Aufruhr. Dann produziert der Broadway ein (schlechtes) Stück über sie. Das ist Normalität?

Nordkorea wird Atommacht, der Iran droht dasselbe zu tun und sagt öffentlich, dass Israel vernichtet werden sollte und doch gibt es immer noch nur ein einziges Land in der Welt, über dessen Existenzrecht immer noch debattiert wird. Und das ist nicht Nordkorea. Oder der Irak. Oder Saudi-Arabien, das eifrig mit dem Export des Wahhabismus beschäftigt ist, der der Schlüssel für die Anschläge vom 11.9. war.

Professor Tony Judt von der New York University schreibt in einem Artikel in der New York Review, dass Israel ein Anachronismus ist, weil die Juden zu spät auf den Zug des Nationalismus aufsprangen. Die Tatsache, dass die Palästinenser ihre nationalistischen Anstrengungen ein Dreiviertel Jahrhundert später begannen, scheint in die Gleichung nicht einzufließen. Die Lösung der Nahost-Krise, schreibt Judt, ist ein Ende des jüdischen Staates. „Aber was, wenn es in der heutigen Welt keinen platz für einen ‚jüdischen Staat’ geben würde? Was, wenn die binationale Lösung nicht nur zunehmend wahrscheinlich wäre, sondern auch ein wünschenswerter Ausgang?“, fragt er.

Jimmy Carter schreibt ein Buch, in dem er Israel als Apartheidstaat bezeichnet und trotz der zahlreichen Rezensionen, die die Unfairness und zahlreiche Tatsachenfehler aufzeigen, schießt das Buch auf die Bestsellerliste. In den USA, nicht in Ägypten. Es sollte niemandem entgehen, dass Menschen dazu tendieren Bücher zu kaufen, die Haltungen vertreten, mit denen sie überein stimmen.

Wen kümmert es, wie Jimmy Carter mit dem Apartheid-Wort herumwirft? Es sollte uns aber kümmern. Erinnern Sie sich an die Kommentare von Jostein Gaarder, den Autor von „Sophies Welt“ und ein bekannter norwegischer Intellektueller? Gaarder mochte die israelische Politik während des Sommerkrieges im Libanon nicht. Seine Reaktion? „Wir konnten das Apartheid-Regime nicht anerkennen“, erinnert er an Südafrika, also: „Wir erkennen den Staat Israel nicht länger an. Wir müssen uns an die Idee gewöhnen. Der Staat Israel, in seiner heutigen Form, ist Geschichte.“

Wenn ein anderes Land der Welt etwas tut, gegen das die Leute sind, dann richten sie sich gegen die Führer oder die Politik. Sagt irgendjemand, der gegen den Krieg im Irak ist, dass die USA nicht länger das Recht haben zu existieren? Oder dass Großbritannien zerstückelt werden soll? Oder dass die Türkei wegen der Art gemieden werden sollte, wie sie mit der politischen Opposition umgeht; oder wegen seiner Leugnung des Völkermords an den Armeniern?

Einhundertzehn Jahre nach Herzl hat der Zionismus den Juden keine Normalität gebracht. Nicht in Israel und nicht in Europa. Fragen Sie einfach mal die Juden Frankreichs, wo die Polizei jüdische Kinder von den Champs-Elysées entfernte, weil sie sie nicht vor den Mobs muslimischer Jugendlicher zu schützen in der Lage war (wie wirkt das als Wiederholung eines europäischen Präzedenzfalls?). Oder in Deutschland, wo der erste ordinierte Rabbiner seit dem Krieg vor kurzem feststellte, dass er in der Öffentlichkeit keine Kippa tragen kann, weil die extremen Rechten jetzt wissen, dass die Straßen ihnen gehören?

Israel hat Fortschritte gemacht, aber die Welt hat sich nicht sonderlich verändert. Normalität ist nicht eingetreten. Und sie wird wahrscheinlich nicht kommen. Abgang von Herzl und Nordau. Auftritt der Verzweiflung.

Angesichts des Begreifens, dass der Zionismus dem jüdischen Volk weder eine sichere Zuflucht noch Normalität gebracht hat, wie schwer ist es den Zustand der Moral der Israelis zu verstehen? „Worum geht es in dem Kampf?“, fragen sie. Wenn das Staat Israel genannte Experiment uns immer noch Zuhause wie weltweit verletzbar sein lässt, warum dann den Preis zahlen? Warum Generation nach Generation an die Front schicken, mit Tausenden Müttern und Vätern, die Nacht um Nacht um Nacht warten, Angst erfüllt warten, dass ihr Sohn anruft, damit sie wissen, dass er es wieder einmal geschafft hat zurückzukommen? Hätten wir Sicherheit – oder Normalität – dann wäre es das vielleicht wert. Aber all dies um verwundbar zu bleiben? All dies, nur, um das einzige Land der Welt zu bleiben, das kein Recht hat zu sein?

Es ist nicht schwer die Tatsache zu verstehen, dass es keine Demonstranten auf den Straßen gibt. Das ist für bloße Proteste viel zu groß.

Die Frage ist natürlich nicht wirklich Israel oder selbst der Zionismus. Es sind die Juden. Wieder einmal. Amos Oz hat traurig über die Ironie geschrieben, dass er, als sein Vater in Europa aufwuchs, Schilder sah, auf denen stand: „Juden, geht heim nach Palästina.“ Aber als er, Amos, in Palästina aufwuchs, stand auf den Schildern: „Juden raus aus Palästina.“ Oz, einer der bekanntesten linken Intellektuellen Israels, fasst die unvermeidbaren Botschaft zusammen: „Seid nicht hier. Seid nicht da. Kurz gesagt: Seid nicht.“ Eine Übertreibung? Ich glaube, nicht. Wie nannte Gaarder sein Editorial, mit dem er gegen Israelis Militärpolitik Einspruch erhob und in dem er behauptete, Israel sei jetzt „Geschichte“? „Gottes erwähltes Volk“. Wie um alles in der Welt ist die Frage, wie Israel den Libanonkrieg führte, mit „Gottes erwähltem Volk“ verbunden, außer wenn das wirkliche Problem nicht Israel ist?

Es ist es nicht.

Was uns eine Entscheidung überlässt – die Juden müssen sich – einmal mehr – entscheiden, ob wir überleben wollen. Wenn wir es schaffen wollen, dann müssen wir eine der Grundvoraussetzungen des Zionismus wieder entfachen und die Dinge in die eigenen Hände nehmen. Es reicht nicht aus einfach das Gefühl zu haben, dass wir wieder dort sind, wo wir vor 110 Jahren angefangen haben. Die Frage ist: Was machen wir daraus? Wie stellen wir die Hoffnung wieder her?

Erstaunlicherweise reden sehr wenige Leute davon, weder in Israel noch im Ausland. Die Tragödie der heutigen Lage ist: Fragt man junge amerikanische Juden nach einer freien Assoziation mit dem Wort „Israel“, dann hört man am wahrscheinlichsten „Palästinenser“, „Krieg“ oder „Zaun“. Aber der Staat wurde für keines davon geschaffen. Die meisten Juden, in Israel wie außerhalb, können kein intelligentes Wort dazu sagen, warum der Staat geschaffen wurde. Sie nennen vielleicht die Schoah. Oder die Flüchtlingsfrage. Aber sie gehen am wichtigsten Punkt vorbei – dass der Zweck Israels nicht der Staat war. Sonder es war die Hoffnung.

Sie wissen nicht mehr, dass die zionistische Bewegung – und dann der Staat – als Nationalhymne ein Gedicht wählte: „Die Hoffnung“. Sie kennen die Melodie und die Israelis kennen die Worte. Aber sie haben keine Ahnung, worum es da geht. Sie können nicht einmal ansatzweise die Sichtweise artikulieren, dass Israel für die Juden auf dem gesamten Globus, nach dem schlimmsten Jahrhundert, das wir erlebten, Leben statt Tod repräsentiert. Kontinuität statt Auslöschung. Eine Heimat statt Exil. Wiedergeburt statt Vernichtung.

Sie sind so eingenommen von der misslichen Lage der Palästinenser (offensichtlich eine schreckliche Lage, die angegangen werden muss – sobald die Palästinenser ihr Priorität einräumen), dass bei ihnen nicht im Geringsten der Stolz widerhallt, den die Juden einst wegen der Rettung der äthiopischen Juden empfanden oder wegen der Rettung in Entebbe oder das überlegene technologische Können israelischer Firmen oder der inzwischen stereotypisch sonnengebräunten und gestählten israelischen Jugend, die stark mit der allgemeinen Darstellung europäischer Juden als blass und passiv kontrastiert. Sie begreifen nicht, dass das so ist, weil es Hoffnung – Leben statt Tod – im tiefsten Inneren dieses Landes war, die erklärt, warum es immer noch riesige Buchmessen in diesem Land gibt, die die einfache Tatsache feiern, das jedes Jahr Tausende von Büchern in einer Sprache veröffentlicht werden, die vor 150 Jahr praktisch niemand in der Welt sprach. Deshalb wurde das Tanzen zu einem integralen Teil dieser Kultur und der Grund, dass Juden wegen eines Liedes ganz aufgeregt waren, das einen Sprinkler feierte und geschrieben wurde, als das Projekt des „National Water Carrier“ vollendet wurde. Welcher Mensch mit gesundem Menschenverstand könnte von einem Sprinkler singen? Wer tanzt wegen der Vorstellung, dass ein Sprinkler arbeitet? Juden taten es und tun es, wenn der Sprinkler Wasser aus dem Norden in den Süden bringt, wenn er Leben in die Wüste bringt, wenn er nicht nur vom Fluss des Wassers kündet, sondern von der Möglichkeit der Hoffnung, wenn es nichts als Verzweiflung hätte geben können.

Solche Lieder empfinden unsere Kinder als Kitsch, Relikte einer lange vergangenen Ära. Aber den Zynismus können wir uns nicht leisten. Was ihnen als Kitsch erscheint, war für die Juden von einer Generation eine Wiedergeburt. Wenn die heutigen Juden dem Bilde des Juden als Soldaten ambivalent gegenüber stehen, dann verstanden das bis vor kurzem andere Juden so, dass der Jude als Soldat, mit all der Komplexität, die das mit sich bringt, endlich bedeutete, dass die Juden ihr Schicksal selbst bestimmen konnten. Wenn es etwas gibt, das dem Zweiten Libanonkrieg, de, Iran, Judt, Gaarder, Carter und der ganze Rest gemein ist, dann dies, dass sie uns einmal mehr eine Erinnerung bieten, dass dieser Hoffnung genannte Ort sein Schicksals selbst kontrollieren muss.

Wenn die Regierung hoffnungslos korrupt ist, dann wird es nicht ausreichen sie aus dem Amt zu bringen (das wird sie schon selbst schaffen). Wir sollte lieber eine Institution aufbauen, vielleicht wie die Kennedy School in Harvard oder Frankreichs Ecole Nationale d’Administration, um endlich einen anständigen Kader von Führungspersönlichkeiten auszubilden. Wenn das System nicht in Ordnung ist, dann lasst es uns in Ordnung bringen.

Wenn es undenkbar ist, dass mehr als die Hälfte der Juden der Welt in Ahmadinedschads Fadenkreuz leben, dann sollten wir besser herausfinden, was wir deswegen zu unternehmen gedenken. Die Welt wird ihn nicht auf halten. Werden wir es tun? Welche Mittel würden wir einzusetzen bereit sein, um Irans atomaren Fähigkeiten ein Ende zu setzen? Wäre es moralisch vertretbar Waffen zu benutzen, die wir nie benutzt haben, wenn sie das einzig mögliche Mittel wären? Wäre es moralisch vertretbar, es nicht zu tun, wenn die Zukunft des jüdischen Volkes auf dem Spiel steht? Wie viel sind die Juden bereit zu tun, um zu überleben?

Die Hisbollah hat keine territorialen Streitigkeiten mit Israel, hat aber trotzdem einen Krieg angefangen. Die Hamas erkennt Israels Existenzrecht nicht an und sagt, dass sie es nie tun wird. Warum dann das Händeringen? Lasst uns Grenzen setzen und sie verteidigen. So viel hat zumindest Sharon begriffen. Der Rest der Welt mag einseitiges Handeln nicht? Was, genau, mag die Welt an uns? Die Frage kann nicht sein, was die Welt will. Die Frage ist, ob der Zionismus seine Grundfrage behauptet: Was wollen wir?

Wir wollen einen jüdischen Staat und wir wollen eine Demokratie. Und wir haben eine große arabische Minderheit, die wächst. Unternehmen wir diesbezüglich etwas, etwas moralisch vertretbares? Können wir beides haben, einen Staat, der jüdisch und demokratisch ist? Was ist nötig, damit wir beides haben können? Es wäre nicht einfach und nicht alles wäre schön, aber es ist zu schaffen. Wollen wir so dringend überlegen, um damit anzufangen? Oder gar erst die Frage zu stellen?

Und was ist mit der Armut? Oder mit dem dringend reparaturbedürftigen Bildungssystem? Oder dem Sklavenhandel mit Frauen in diesem Land? Glaubt irgendjemand wirklich, dass ein Staat Hoffnung generieren kann, ohne solche Fragen anzugehen? Haben wir den Mumm unsere Ärmel hochzukrempeln und an die Arbeit zu gehen? Wäre es hilfreich, wenn wir begreifen würden, dass es letztlich nicht nur um arme Menschen oder Alphabetisierung oder hilflose Frauen geht – sondern um Hoffnung, um eine Zukunft? Um das Überleben des jüdischen Volkes?

Nein, das ist nicht übertrieben. Es geht wirklich um das Überleben des jüdischen Volkes. Kann sich wirklich jemand vorstellen, dass die amerikanischen Juden ohne Israel überleben würden? Sind die Leute wirklich naiv genug zu glauben, dass, sollte Israel so schlimm straucheln, dass es sich nicht wieder erholen könnte, das amerikanischen jüdische Leben einfach weiter gehen würde? Es würde vielleicht eine Generation lang klappen, vielleicht zwei. Denn es gibt ein Limit dafür, wie viel Hoffnung ein Volk innerhalb eines Jahrhunderts verlieren und doch wieder zurückkommen kann. Ein Volk kann sich nicht zweitausend Jahre lang nach Souveränität sehnen, sich am Rande der Auslöschung befinden, wieder zurückkommen, einen Staat bekommen und den dann auch verlieren und dann weiterlaufen, als ob alles in Ordnung wäre. Nichts wäre in Ordnung und der Optimismus, der jetzt einen Großteil des Diaspora-Judentums charakterisiert würde bald nach dem Staat verschwinden.

Ich stimme meinem Freund, dem General nicht zu. Ich finde es gut, dass die Leute nicht protestieren. Bei Protesten würde es um die Regierung gehen und die Regierung ist das geringste unserer Probleme. Das Problem ist nicht Olmert; oder Katzav. Dabei geht es nicht um Israel. Nicht einmal um den Zionismus. Es geht um die Zukunft dessen, was wir das jüdische Volk nennen. Die Hisbollah begreift das. Die Hamas begreift es. Ahmadinedschad begreift es. Gaarder begreift es.

Warum wir nicht?

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ort der Hoffnung

  1. Eine großartige Liebeserklärung, die schönste und schmerzhafteste Wahrheit, aktuell auch nach 10 Jahren… wohl auch in 10 weitere Jahren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s