Glaube. Und sei mutig. Und komm heim.

Daniel Gordis, 22. Juni 2007 (Link: Canadian Institute for Jewish Research)

„Hast du den Artikel über Avram Burg in Ha’aretz gelesen?“

Das war natürlich DIE Frage der Woche. Es war dieselbe Woche, in der Shimon Peres gewählt wurde (also DAS war ein Satz, von dem wenige von glaubten, wir würden ihn jemals hören), zu Israels nächstem Präsidenten. Und die Woche, in der der Gazastreifen zu Hamastan wurde. Es war auch die Woche, in der Ehud Barak zum Verteidigungsminister ernannt wurde. Aber wenige Leute, mit denen ich mich so rumtreibe, sprachen über Peres, Gaza oder Barak. Jedermann, so schien es, redete über Burg und den überragenden Job, den Ari Shavit – einer der führenden Journalisten Israels – mit seinem Interview erledigt hatte.

Diesmal aber kam die Frage von meinem Sohn, auf dem Weg zurück von der Synagoge.

„Ich habe es gelesen“, sagte ich ihm. „Du auch?“
„Ich habe es zweimal gelesen“, sagte er.
„Zweimal?“
„Ja, Ich las es einmal und dann, als alle meine Freunde anfingen darüber zu diskutieren, las ich es noch einmal.“
„Und was denkst du?“, fragte ich ihn.
„Nein, was denkst du?“

Die Wahrheit ist, dass ich schon an etwas anderes dachte. Ich versuchte mich zu erinnern, ob, als ich im letzten Jahr vor dem Abitur war, nur Wochen vor dem Abschluss, ein Artikel über Nationalismus, Ideologie oder irgendetwas dieser Art meine Oberstufenfreunde und mich derart aufgeregt hätte. Und ich konnte mir nichts derartiges vorstellen. Wir wuchsen in einer Welt auf, so scheint es mir heute, über die wir nicht viel nachdenken mussten.

Nicht so unsere Kinder. Sie wachsen in einer Welt auf, in der schon die Existenz des Landes, in dem sie leben, eine Frage ständiger Diskussionen ist. Sie begreifen, dass der arabische Hass auf Israel so tief eingegraben ist, dass er blühen wird, auch wenn er jede Hoffnung auf eine bessere Zukunft der Palästinenser vernichtet. Sie sind noch nicht einmal sonderlich überrascht, wenn die britische akademische Welt sich entschließt alle israelischen Akademiker zu boykottieren. Aber wenn jemand wie Avram Burg, ein ehemaliger Parlamentspräsident der israelischen Knesset und ehemaliger Kopf der Jewish Agency, sagt, dass es an der Zeit ist, dass Israel aufgibt ein jüdischer Staat zu sein oder dass der jüdische Staat keine Seele hat, dann nimmt selbst diese junge, aber übersättigte Generation davon Notiz.

Aber Avi verdiente eine Antwort. „Ich fand nicht, dass seine Kritik völlig falsch war“, sagte ich und fragte mich, was er zu so etwas sagen würde.
„Ich auch nicht“, sagte er.
„Aber ich fand, er lag in den meisten Dingen falsch. Und ich fand, seine Schlussfolgerungen waren völlig fehl geleitet.“ Und dann fingen wir an zu reden.

Obwohl man versucht ist Burg und seine Kritik Israels einfach abzutun, würden wir es uns damit etwas zu leicht machen. Burg hat deutlich nicht Unrecht, dass ein Dreiviertel-Jahrhundert ununterbrochener Kriegsführung und Verluste die israelische Gesellschaft in eine recht militaristische verwandelt hat, was einige unangenehme Folgen hat. „Die Israelis verstehen nur Gewalt“, sagte er. Übertrieben, denke ich, aber keine Kritik, die irgendjemand, der sich um diese Gesellschaft sorgt, unbekümmert abtun sollte.

Aber die Frage ist nicht, ob er Recht hat. Die Frage ist, was wir deswegen unternehmen.

Burg hat nicht Unrecht, dass es rassistische Elemente in der israelischen Gesellschaft gibt. Seine Vorhersage, dass die Knesset eines Tages sexuelle Beziehungen zwischen Juden und Arabern verbieten wird, ist lächerlich, hoffe ich; aber es wäre wiederum zu leicht, sich auf Burgs Übertreibungen zu konzentrieren und die Teile seiner Argumentation zu leugnen, die nicht falsch sind. Ein Fünftel dieses Landes besteht aus arabischen Staatsbürgern und die meisten Freunde meiner Kinder sind nie einem begegnet, außer diese Person erledigte irgendeine Arbeit in ihrem Haus. Auch hier liegt Burg nicht völlig falsch. Wir sind (wie viele andere Gesellschaften) der Beweis, das Generation um Generation unter feindseligen Nachbarn zu leben, Xenophobie züchten kann.

Aber wiederum ist auch die Frage, was deswegen unternommen werden kann. Burgs Vorschlag? Übernehmt Gandhis Strategie und entsorgt Israels Atomwaffen. Oh, Israel sollte aufhören ein jüdischer Staat sein zu wollen. Und dann sollte jeder Israeli, dem das möglich ist, sich einen zweiten Pass beschaffen.

Timing ist alles, heißt es. Burgs Buch (das bisher nur auf Hebräisch erhältlich ist) kam heraus, als der Iran unerbittlich atomaren Möglichkeiten näher kommt. Es wurde weniger als ein Jahr herausgegeben, nachdem die Hisbollah – ein Strohmann der Iraner – demonstrierte, dass die IDF nicht länger die unüberwindliche Macht ist, die sie unserer Vorstellung nach war. Und es kam genau in dem Moment heraus, als die Hamas den Gazastreifen übernahm, womit sie die Reichweite der konventionellen Waffen des Iran so weit ausdehnte, dass sie jeden Punkt vieler israelischer Städte erreichen können.

Und angesichts des Iran, Syriens, der Hisbollah und der Hamas findet Burg, wir sollten Gandhi werden.

Dieses Rezept macht natürlich Sinn, wenn man das ganze Unternehmen aufgeben will. Und Burg hat das eindeutig vor. Er besteht darauf, dass wir psychologische Krüppel sind, verwundet von Hitler und nicht in der Lage uns davon zu erholen; und dass unsere Wunden alles färben, was diese Gesellschaft angeht.

Er hat Recht, dass wir verletzt sind. Was die jüdische Welt nicht nur von 1938 bis 1945, sondern auch Jahrzehnte lang davor durchgemacht hat, hat deutlich unsere Weltsicht geformt. Und 60 Jahre Krieg seit 1947 haben da nicht geholfen.

Burg will wissen, wohin wir flüchten sollten. Und ich würde statt dessen fragen, wie wir Heilung erfahren sollten.

Burg glaubt, dass es uns in Brüssel besser gehen würde. Wir brauchen diesen Ort nicht länger, glaubt er. „Ich betrachte die Europäische Union als ein biblisches Utopia. Ich weiß nicht, wie lange sie zusammenhalten wird, aber sie ist erstaunlich. Sie ist komplett jüdisch.“ (Wörtliches Zitat)

Das klingt sehr nach den Juden von Córdoba 1485 oder den Juden Berlins 1920. Oder den heutigen Juden von West Los Angeles, Newton und der Upper West Side in New York.

Was Europa angeht, so finde ich, dass Burg völlig daneben liegt. Aber man kann immer noch hoffen, dass Amerika weiterhin ein Ort lebensprühenden, vitalen kulturellen jüdischen Lebens sein wird.

Und selbst, wenn das eintritt, was ist falsch daran, dass Burg die Hoffnung für unser Überleben an einen anderen Ort bindet und was Burg weiß, aber nicht zugeben will, ist, dass außerhalb dieses Ortes die Wahl, die die Juden zu treffen haben, auf eine sehr bestimmte Gruppe von Gebieten beschränkt ist. Außerhalb dieses kleinen Streifens dieses Planeten muss die überwiegende Mehrheit der Juden ihre außenpolitischen Ansichten nicht mit dem Leben ihrer Söhne und Töchter untermauern. In Amerika können Juden so oder so über die Amnestie für illegale Einwanderer abstimmen, aber nur hier erhält die Frage ausgeprägt jüdische Qualitäten.

Ich glaube nicht, dass ich der einzige war, der dankbar hörte, dass Justizminister Daniel Friedmann darauf bestand, dass Israel die Darfur-Flüchtlinge schlichtweg aufnehmen muss, die sich bis an Israels Grenzen durchschlagen. Die Bibel, sagte er, lässt uns keine andere Wahl. Hätte irgendjemand mich gefragt (was natürlich niemand tat), dann hätte ich hinzugefügt,d ass ein Land, das zum großen Teil auf dem Rücken von Menschen geschaffen wurde, die nirgendwo sonst hin konnten, als die Welt ihre Grenzen schloss und weg sah, darf es nicht einmal wagen diesen Teil seiner Geschichte zu vergessen. Mich interessiert weniger, warum den Juden gewisse Dinge zustießen, als daran, was die Juden, angesichts der Dinge, die passiert sind, zu sein haben.

Ist es fünfundsechzig Jahre, nachdem ganze Schiffsladungen von Juden von einer Küste nach der anderen zurückgewiesen wurden, wirklich eine Frage, was wir tun müssen, wenn Menschen, die aus Darfur fliehen, an unsere Grenze kommen? (Klingt das Wandern durch die Wüste auf dem Weg von Ägypten nach Israel bekannt?)

Natürlich begreift jeder hier, dass dies zu einem großen Problem werden könnte, wenn Abertausende anzukommen beginnen. Das ist nicht zu leugnen. Und es stimmt, dass Israels jüdische Mehrheit (die notwendig ist, damit Israel jüdisch und demokratisch ist) nicht sicher ist, weil 20% der Bevölkerung arabisch ist, viele der russischen Immigranten praktisch nicht jüdisch und die Kinder von Gastarbeitern Petitionen auf Bleiberecht einreichen usw. Und diese Komplexheit, denke ich, ist genau das Problem, das mit staatlicher Souveränität entsteht; und es ist genau das Problem, das wir feiern sollten, denn es ist der Schlüssel dazu, dass das Land eine Seele hat.

Einige Leute stimmen dem nicht zu. Der Oberrabbiner von Hebron, Dov Lior, bestand kürzlich darauf, dass Israel diese Flüchtlinge nicht aufnehmen muss. „Die Armen der eigenen Stadt haben Vorrang vor den Armen anderer Völker“, beharrte er, womit er sich auf das berühmte talmudische Prinzip in Bava Metzia bezog. „Wir haben genug eigene Probleme mit der Eingliederung der Einwanderer. Wir müssen uns um unsere eigenen Flüchtlinge aus Sderot kümmern und wir haben nicht genug Reserven im Staatshaushalt. Wir haben genug arme Menschen in Israel. Es gibt außer uns jede Menge Staaten, die diesen Flüchtlingen helfen können.“

Ich stimme dem nicht zu und ich finde es ironisch (um es milde auszudrücken), dass Liors eigene Eltern verhungerten, nachdem seine Familie aus Polen ausgewiesen wurde und durch die Sowjetunion wanderte. Aber die Ironie ist nicht der wichtige Teil. Bedeutend ist, dass wir einen Disput haben zwischen einem (sehr säkularen) Justizminister, der die Bibel zitiert, und einem recht bekannten Rabbi, der den Talmud zitiert. Und unterdessen nehmen Kibbutzim im gesamten Süden diese Familien aus Darfur auf, ebenso die Stadt Beer Sheva.

Ist das Problem gelöst? Offensichtlich nicht. Aber die Tatsache einer Auseinandersetzung und der Beginn wirklichen Handelns machen es für mich schwierig Burgs Argument zu akzeptieren, dass Israels Seele verloren ist. Schmerz? Absolut. Hartherzig? Vermutlich.

Aber verloren? Niemals.

Burg ist ebenfalls betrübt über die Qualität israelischer Schriften und sieht wiederum die Lösung in der Diaspora. „Es gibt keine wichtige Schriften in Israel. Wichtige jüdische Schriften werden in den USA verfasst.“

Was wirklich wichtige Schriftstücke darstellt, könnte offensichtlich eine interessante Diskussion bilden. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass Burgs Buch in der Hebräischen Buchwoche in Israel heraus kam, dem jährlichen Fest hebräischen Schreibens und Veröffentlichen, das Unterbrechung seit 1926 jedes Jahr statt gefunden hat. Und dieses Jahr, vermerkte die Presse, wurden mehr als 6.000 neue Bücher in Israel verlegt. Nicht schlecht für ein Land mit einer Bevölkerung, die geringer ist als die von Los Angeles.

Quantität ist sicherlich keine Garantie für Qualität und selbst, wenn es ein paar sehr gute Bücher dort gegeben hat, kann man darüber diskutieren, ob wirklich etwas „wichtiges“ dort aufkam. Aber was ist in der letzten Zeit in den USA aufgekommen, das so „wichtig“ ist? Großartige Fiktion, sicher, wie u.a. die Arbeiten von Nicole Kraus, Michael Chabon, Jonathan Safran Foer und dem nimmermüden Philip Roth.

In der Welt der Non-Fiction jedoch, welche wirklich „großen“ Ideen sind dort in der jüngsten Zeit in die jüdische Diskussion eingebracht worden? Um ehrlich zu sein, mir fällt nichts ein. Aber ich bin nicht überrascht. Wir leben in einer verwirrenden Zeit. Obwohl dieses Jahr sehr viele gute Bücher in den beiden Ländern veröffentlicht wurden, ist vielleicht der Grund, dass nichts von wirklich das Denken verbessernder Bedeutung kommt, dass niemand von uns genau weiß, was über die zusammenbrechenden Ideologien gesagt werden soll, in denen viele von uns aufgezogen wurden.

Diejenigen, die von der klassischen zionistischen Sichtweise Israels als einem sicheren Hafen für die Juden genährt wurden, ist es von nicht geringer Bedeutung, dass Israel wahrscheinlich der gefährlichste Ort für einen Juden ist. Mit Ahmadinedschad im Osten, der Hisbollah im Norden, der Hamas im Südwesten und einem ganzen Trupp anderer Mitspieler ist nicht einmal Paris vergleichbar mit der lauernden Bedrohung, mit der die Israelis fertig werden müssen. Dieser Teil der frühen zionistischen Ideologie ist klar zusammengebrochen.

Und was die angeht, die glaubten, der israelische Sieg im Sechstage-Krieg kündigte das Kommen des Messias an, hat Israel dieser messianischen Möglichkeit den Rücken gekehrt. Zugegeben, viele von uns mögen nicht in diesen theologischen Begriffen denken (was das angeht, so ich glaube nicht, dass die meisten Juden überhaupt in theologischen Begriffen denken, da die Theologie eine ex post facto-Sprache für Verpflichtungen ist, die wir bereits anderen Gründen getroffen haben), aber einige Leute hier taten das. Und diese Leute, muss angemerkt werden, waren die Vorreiter des Zionismus. Man mag über die Siedlungen sagen, was man will (und Gershom Gorenbergs Buch über die Siedlungen, Accidental Empire, verdient es von den Menschen auf beiden Seiten des politischen Grabens gelesen zu werden), die Menschen, die sie bevölkerten, waren das neue Blut und die Energie für den Zionismus. So wie diese Ideologen die Welt betrachten, hat Israel sie im Stich gelassen. Als Israel den Sinai und Gaza zurückgab und Schritte unternahm auch noch die Westbank loszuwerden (indem es Olmert wählte), wandten sich die Israelis auch vom Messias ab. Von Gott.

Sind angesichts dessen die Sprünge im ideologischen Engagement der religiös-zionistischen Jugend schwer zu verstehen?

Und was ist mit der „anderen“ Jugend? Sie sind natürlich die Kinder der Peaceniks, derer, die glaubten, alles, was nötig sei, sei ein bisschen territorialer Kompromiss and zwei vernünftige Leute würden dieses Land teilen und Seite an Seite in Frieden leben. Aber dieser Traum von Juden und Arabern, die in den Hügeln der judäischen Wüste sitzen, die Friedenspfeife rauchen und „Kumba-ya“ singen, ist wahrscheinlich weiter entfernt denn je. (Es ist vielleicht ein Zeichen des tief eingegrabenen israelischen Optimismus, dass in derselben Woche, in der die Eroberung des Gazastreifens durch die Hamas das Ende jeder möglichen Übereinkunft mit den Palästinensern für die voraussehbare Zukunft kennzeichnete, wählte die Knesset die einzige lebende Person zu Israels nächstem Präsidenten, der immer noch an die Möglichkeit des „Neuen Nahen Ostens“ glaubt.)

Auch diese Kinder machen gehen ohne den ideologischen Unterbau in die Zukunft, den ihre Eltern im gleichen Alter hatten.

Die Juden der Welt sind nicht länger sicher, an was sie glauben sollen. Die Theologie ist tot. Die Geschichte schmerzt. Der Zionismus ist erschüttert. Israel lebt – „hält durch“ ist wahrscheinlich angemessner – in einer postideologischen Ära mit einer ungewissen und nicht definierten Zukunft. Es wäre schön, wenn einige authentisch wichtige jüdische Bücher heraus kommen, aber ist es, da die Voraussetzungen der jüdischen Welt derart auf den Kopf gestellt sind, überraschend, dass sie spät dran sind?

Also liegt Burg nicht völlig falsch. Diese Gesellschaft wird von vielen Missständen geplagt.

Aber noch einmal: Die Frage ist, was man deswegen unternimmt. Einige Israelis (und viele der Unterstützer Israels in der Diaspora) würden lieber vorgeben, dass die Probleme nicht existieren. Andere Israelis sind bereit das Handtuch zu werfen; sie zeigen, wie Burg, auf die Missstände, die uns plagen und ziehen es vor zu fliehen statt an die Arbeit zu gehen.

Einige von uns jedoch wollen sich immer noch durchhalten und daran arbeiten, weil wir glauben, dass es einen jüdischen Staat, der nicht jüdisch und anständig ist, nicht geben sollte, aber dass ein jüdisches Volk ohne einen jüdischen Staat keine Chance hat zu überleben. Um also nicht nur den Staat zu retten, sondern auch das Volk, werden wir bis zum Ende durchhalten und sehen, was wir aufbauen können. Wir werden versuchen um unser Überleben zu kämpfen und gleichzeitig anständig zu bleiben. Und wir werden versuchen einen Weg zu finden eine weitere Generation Kinder auszubilden – vor wie nach dem Wehrdienst – die sich intelligent über Judentum, Zionismus, Humanismus und Geschichte äußern können, ob sie nun links oder rechts stehen, religiös sind oder säkular. Das ist es, was vermutlich mehr als alles andere, was diesen Ort retten wird.

Aber die Lösungen zu Burgs Liste der Missstände sind langfristige Reparaturen und das hier wird noch eine sehr lange Zeit ein verletzter, gebrochener Ort sein. Deshalb war es eine willkommene Erleichterung – angesichts der letzten Wochen – dass gestern Abend Avis Abschlussfeier in der Schule statt fand. Angesichts der praktisch religiösen Verpflichtung, die die meisten jüdischen Eltern dafür empfinden auf den Schulen ihrer Kinder herumzuhacken, sollt ich anmerken, dass Avi eine der besten Oberschulen absolvierte, die ich je kennen lernte. Ich ging in eine exzellente Oberschule in Baltimore, aber diese war unendlich besser.

In der informellen Zeremonie gestern Abend (ein paar der Kids trugen Krawatten, aber viel mehr trugen Turnschuhe und Shorts – das ist Israel) gab es einen „Refrain“ bei praktisch jedem, der sprach. Lehrer, Schulleitung, ein Elternteil – sie alle sprachen von der Kombination von Offenheit und Engagement, die diese Kids charakterisiert. Die intellektuelle und religiöse Offenheit. Das zionistische und religiöse Engagement. Das Bestehen darauf selbst zu denken. „Unsere Generation hat versagt“, sagte der Elternteil, der sprach, im Grunde genommen, „und es liegt an euch diesen Ort in das zu machen, was wir uns erträumten, wie er sein könnte.“

Und obwohl die Reden alle sehr unterschiedlich waren, endete jede mit einem impliziten Hinweis auf das, was den ganzen Abend über niemand ausdrücklich sagte – einige dieser Kids werden jetzt gleich in die Armee gehen, aber alle werden innerhalb des nächsten Jahres in der Armee sein und es ist heutzutage nicht einfach eingezogen zu werden. Daher endete jeder, der sprach, mit praktisch denselben Worten: Tze’u le-shalom, ve-schuvu scheleimim u-vri’im – „Geht in Frieden und kommt zu Besuch wieder, ganz und gesund.“ Weil angesichts dessen, was diese Kids bald tun werden, nichts davon für selbstverständlich genommen werden kann.

Professor David Hartmann, Schlüsselperson der Gründung der Schule vor rund zwanzig Jahren, sprach auch zu den Kids. „Gebt nicht auf, an was ihr glaubt“, sagte er und erinnerte sie an die Werte, um die es in der Schule geht. Und dann schloss er: „Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber seid nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Und während ich sah, dass ein paar Eltern eine Träne wegwischten und ihre jüngeren Kinder neben sich in den Arm nahmen, da war es klar. Die Ideologien sind verwundet und genauso unsere Seelen. Hier hat Burg eindeutig recht. Aber das ist der Grund, dass die Menschen bei der Feier gestern Abend – und ihre Söhne – das Handtuch nicht werfen. Denn sie begreifen, dass Heilung an keinem anderen Ort statt finden kann außer hier.

Avram Burg kann sich seines zweiten Passes erfreuen. Und er kann kurzsichtig Europa ein „jüdisches Utopia“ nennen. Er kann sich ein Leben in Frankreich aufbauen. Das klingt für sein Wohlergehen großartig, ich bin froh, dass er etwas gefunden hat, an das er glaubt.

Aber unsere Kinder, denke ich, sind aufgezogen worden, um der Wirklichkeit direkt ins Auge zu sehen sowie – gleichzeitig – zu verstehen, dass dieser Ort hier die einzige Chance dafür ist, dass das jüdische Volk jemals Heilung erfahren und gedeihen kann. Sie begreifen das und sie sind an Bord. Gestern Abend war klar, dass trotz Burg dieser Ort hier nicht so schnell den Bach runter gehen wird.

Die Kids haben Burgs Interview gelesen und darüber diskutiert. Einige haben wahrscheinlich mehr, andere wahrscheinlich weniger zugestimmt. Am Ende jedoch war es nicht Burg, einst ein aufstrebender Star der israelischen Politik, der ihnen sagte, was sie hören mussten. Es war ein Rabbi, ein Professor, einer der wichtigsten zeitgenössischen jüdischen Denker des Judentums (der, was Burg bemerken könnte, sich entschloss Nordamerika zu verlassen und hier zu leben) in einer Schule, der ihnen – ziemlich wörtlich – „lebt wohl“ wünschte.

„Erinnert euch, an was ihr glaubt. Seid mutig da draußen. Seid mutig, aber nicht unvorsichtig. Nehmt euch in Acht. Und kommt wieder, gesund und in Frieden.“

Dazu ein Amen.

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