Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt

Daniel Gordis, 3. September 2007

„Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt.” Fünfunddreißig Jahre nachdem ich diesen Satz jeden Morgen des achten Schuljahres in der Aula hörte, erinnere ich mich klar an die Szene. Mehrere Hundert von uns Mittel- und Oberstufenschülern, eher Jungen als Herren, in Anzug und Krawatte, die ihren Tag an der Privatschule begannen, die ich einige Jahre in Baltimore besuchte. Der Schultag begann mit der Zusammenkunft in der Aula, die dann immer mit dem Vater Unser endete. Und unmittelbar vor dem Gebet sagte der Schulleiter ernst, aber nicht unfreundlich: „Meine Herren, neigen Sie Ihr Haupt.“

Ich neigte mein Haupt nicht. In den zwei Jahren, die ich an dieser (sehr guten) Schule verbrachte, experimentierte ich mit eine paar Alternativen. Zuerst versuchte ich den „Zusammensacker“, der es mir erlaubte meinen Kopf oben zu lassen, ihn aber nicht höher zu haben als die geneigten Köpfe der anderen, damit ich nicht so furchtbar auffiel. Das funktionierte eine Weile. Aber die einfachste Methode, entdeckte ich irgendwann, war einfach auf meinem Stuhl zu sitzen und meinen Kopf nicht zu neigen. Immerhin war das, hatten mir meine Eltern gesagt, die Abmachung, die sie in meinem Namen mit der Schule trafen, als ich zugelassen wurde.

Letztere Haltung, die irgendwie ganz gut funktionierte, hatte allerdings den Erfolg, dass ich für ein Gespräch mit dem Kaplan einbestellt wurde. Er war ein netter Kerl mit Kragen und allem, was dazu gehört, und nahm mich eines Tages zur Seite, um mir zu erklären, dass es nicht wirklich Christliches am Vater Unser gab. „Dein Reich komme“, versicherte er mir, war nichts, wofür Juden nicht auch beten können. Es könnte keine schlechte Idee sein, riet er mir beinahe, einfach das Gebet zu sprechen.

Ich war ein ziemlich schüchtern Achtklässler, der gerade von zwei Jahren Leben in Israel zurück gekommen war. Jetzt in dieser sehr augenfällig nicht unbedingt jüdischen Schule eingeschrieben, war mir die Tatsache sehr bewusst, dass ich hier nicht der typische Schüler war. Dennoch, trotz aller Schüchternheit, machte ich klar, dass das Vater Unser nichts für mich war. Ich erinnere mich, dass ich erwähnte – zweifellos in zitterndem Gestammel – dass es angesichts der Tatsache, dass es von Matthäus und Lukas kam, nicht wirklich gar so ökumenisch war.

Vater Wer-auch-immer war sehr nett und ließ das Thema fallen.

In letzter Zeit habe ich an diese Versammlungen und Vater Wer-auch-immer gedacht. Nicht, weil ich mich plötzlich entschieden habe das Vater Unser zum Teil meiner morgendlichen Liturgie zu machen, sondern weil ich inzwischen bewundere, was diese Schule in diesem Versammlungen tat. Sie zwangen mich nicht das Gebet zu sprechen. Sie setzten mich auch nie wirklich unter Druck. Sie ließen mich (und eine Reihe anderer Juden) an der Schule zu und wir wurden mit außergewöhnlichem Respekt behandelt. Gleichzeitig aber war der damalige durchdringende christliche Charakter der Schule (ich habe den Eindruck, dass die Schule sich da seitdem etwas geändert hat) niemals etwas, von dem sie das Gefühl hatten, sie müssten es verstecken, weil wir Juden dort eingeschrieben waren. Sie waren die, die sie waren; wir waren dort zum Lernen willkommen, aber für was die Schule stand, stand nicht zur Debatte.

Das war, dachte ich, ausgesprochen fair.

Warum sind die Versammlungen und Vater Wer-auch-immer plötzlich wieder in mein Bewusstsein gelangt? Es hatte nichts mit Baltimore oder der Mittelschule oder gar dem Christentum zu tun. Eher hat es nur mit den israelischen Arabern zu tun und mit einigen Dokumenten, die sie in der letzten Zeit zu der Art Staat veröffentlicht haben, der Israel ihrer Meinung nach werden sollte. Und ich habe angefangen mich zu fragen, ob die jüdischen Israelis den Mut der Überzeugungen haben, die diese Schule zu ihrem Christsein hatte – zu wissen, wofür sie stand, das mit Stolz zu verkünden und nichts anderes vorzugeben, auch nicht für die, die keine Christen waren.

Vier dieser Dokumente sind in den letzten etwa neun Monaten erschienen. Selbst bevor ich sie las, war klar, dass sie keine Lobeshymnen auf den jüdischen Staat sein würden, die vor Dankbarkeit und zionistischer Leidenschaft überfließen würden. Es gibt keinen Grund, dass sie das tun sollten. Man müsste schon blind oder gefühllos sein, um zu erkennen, dass die israelischen Araber in Israel nicht so behandelt wurden, wie es hätte sein sollen. Sie haben volle Staatsbürgerschaft, aber niemand könnte leugnen, dass es Diskriminierung beim Hausbau, Arbeitsplätzen und einer Reihe anderer Bereich gegeben hat. Es geht ihnen in Israel unendlich besser, wirtschaftlich und was die Bürgerrechte angeht, als es ihnen in den palästinensischen Autonomiegebieten (oder einem irgendwann existierenden Palästina, sollte man annehmen) gehen würde, aber sie verdienen im Durchschnitt weniger als Juden und leben unter wachsamen Augen der Regierung. Sie haben ihre eines Schulsystem, in Arabisch, finanziert von der israelischen Regierung, aber es ist nicht so gut finanziert, wie es sein sollte. Die Infrastruktur in ihren Städten ist nicht so weit entwickelt, wie sie sein sollte. Und sie sind verständlicherweise frustriert – gelinde gesagt.

Aber um das klar zu stellen: Diese israelischen Araber haben natürlich absolut kein Interesse Bürger Palästinas zu werden. So wütend sie manchmal sind, sie wissen, dass der Status zweiter Klasse in Israel immer dem vorgeblichen Status erster Klasse auf der anderen Seite der Grenze gewaltig vorzuziehen ist.

Aber trotzdem sind sie nicht die „glücklichen Camper“, von denen Dan Quayle einst (über die Samoaner) so erinnerungswürdig sprach. Da ich in einem dieser hübschen, typisch demokratischen, liberalen, amerikanisch-jüdischen Haushalte der 60-er und 70-er Jahre aufwuchs, in dem die Bürgerrechte ein wichtiges Thema waren, las ich diese Dokumente, als sie erschienen, nicht nur auf einige härteste Kritik vorbereitet, sondern mit dem Gefühl, dass wir sie verdienten. Vielleicht würden sie uns helfen Fortschritte zu machen, stellte ich mir vor.

Aber selbst meine tief verinnerlichte Bürgerrechts-Veranlagung bereitete mich nicht auf das vor, was ich in „Die Zukunfts-Vision der palästinensischen Araber in Israel“ vorfand. Es stimmt, die Abschnitte über die Beendigung der Diskriminierung und die Garantie gleicher Rechte waren alle vorhanden, wie ich es erwartet hatte. Aber es gab auch etwas Geschichte. Was wählten sie sich aus, um es uns potenziell positiv vorbelasteten jüdischen Israelis zu sagen?

Israel ist das Ergebnis eines Siedlungsprozesses, der von den zionistisch-jüdischen Eliten in Europa und dem Westen initiiert und von kolonialen Ländern verwirklicht wurde, die dazu beitrugen und indem jüdische Immigration nach Palästina im Licht der Ergebnisse des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust beworben wurde. Nach der Schaffung des Staates 1948 führte Israel die Konflikt mit seinen Nachbarn weiter.

OK, ich gebe zu, ich mochte das Wort „kolonial“ nicht. Es ist ein geladenes Wort und nicht dafür gedacht Israel in diesem scheinbar postkolonialen Zeitalter allzu gut aussehen zu lassen. Aber damit könnte leben, wirklich. Immerhin, wenn Ze’ev Jabotinsky zum zionistischen Projekt diese Sprache benutzen konnte, wer bin ich, dagegen Einspruch zu erheben?

Was mich verstörte, war nicht so sehr, was in dem Dokument stand, sondern was nicht darin stand. Denn während Europa und die Juden des Kolonialismus beschuldigt werden, erwähnt das Dokument nicht, warum die Juden sich Palästina ausgesucht haben könnten. Was also, haben wir es uns wegen des gemäßigten Sommerklimas ausgesucht? Den vielen Wasserfällen in den jüdäischen Bergen? Den reichlich vorhandenen Ölbrunnen, die über den Negev gestreut sind? Die idyllischen Nachbarn rundherum?

Es war kein zufälliger Anfang, dachte ich, dass die israelischen Araber in der Darstellung der Zukunft jüdisch-arabischer Beziehungen in Israel sich nicht dazu überwinden konnten anzuerkennen, dass wir ein paar historische, nationale, emotionale, religiöse – such Sie es sich aus – Bindungen zu diesem Land haben. Aber das konnten sie nicht. Was ihre Dokument betrifft, haben wir hier so viel zu suchen wie die Briten in Indien.

Und wir wissen, wie die Geschichte ausging.

Nicht allzu glücklich arbeitete ich mich weiter durch. Aber es wurde nicht besser. „Den israelischen Staat als jüdischen Staat zu definieren“, fährt das Dokument fort, „schließt uns aus… Daher fordern wir ein System demokratischer Übereinstimmung, das es uns ermöglicht am Entscheidungsfindungsprozess voll aktiv teilnehmen.“

Die vorgeschlagene Lösung ist also das Ende des jüdischen Staates als solchem. Israel kann existieren, aber nicht als jüdischer Staat. Das ist die Zukunftsvision der palästinensischen Araber in Israel?

Es dauerte nicht lange, bis die Dinge noch komplizierter wurden. Ein paar Monate später, im März 2007, nicht lange nach dem Erscheinen der „Zukunftsvision“, schlug Adalah, eine andere israelisch-arabische Organisation, eine Verfassung für Israel vor. Und wieder war die Agenda das Ende des jüdischen Staates, wie wir ihn kennen:

Der Staat Israel muss seine Verantwortung für Ungerechtigkeiten der Vergangenheit anerkennen, unter denen das palästinensische Volk gelitten hat und das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge auf Grundlage der UNO-Resolution 194 anerkennen.

Dass die Rückkehr der Flüchtlinge die Juden sofort zu einer demographischen Minderheit in Israel machen würden, bleibt unerwähnt, ist aber offensichtlich. Das ist natürlich immer das wirkliche Problem mit den palästinensischen Flüchtlingen gewesen. Als die arabischen Länder Juden in den Anfangsjahren des Staates etwa 700.000 auswiesen, nahm Israel sie auf und zu Staatsbürgern. Die arabischen Staaten, in die eine ähnliche Anzahl Araber während des Unabhängigkeitskriegs floh (oder hinzugehen gezwungen oder aus Angst hinausgedrängt wurden – alles wichtige Fragen, aber hier nicht unser Thema), taten nichts dergleichen. Weil die Agenda niemals war den Palästinensern zu helfen – sie war das Problem eitern zu lassen, in der Hoffnung, dass es eines Tages dazu genutzt werden könnte den jüdischen Staat zu unterminieren. Und hier ist es, einmal mehr genau für diesen Zweck benutzt – außer, dass die Forderung diesmal nicht von Arafat gestellt wird, sondern von israelischen Staatsbürgern.

Einige Monate später kam ein drittes Dokument: „An Equal Constitution for All?“ Sein Ton erschien mir weit freundlicher und weniger auf Konfrontation angelegt als die anderen, aber wenn man es gründlich liest, ist klar, dass die Agenda dieselbe ist. Die bloße Behauptung, dass der Staat Israel „der des jüdischen Volkes“ ist, wird damit gleich gesetzt, man sage „16% der Bürger des Staates Israel haben überhaupt kein Land“. Und übrigens: die Hatikva muss weg – „Sie ist eine exklusiv jüdisch-zionistische Hymne und es ist jedem klar, das sie nicht als Hymne für arabische Staatsbürger dienen kann.“

Und schließlich kam die Haifa-Deklaration vom Mai 2007. Auch hier eine Lektion in Geschichts:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts initiierte die zionistische Bewegung ihr koloniales Siedlungsprojekt in Palästina … das darauf abzielte unser Heimatland zu besetzen und in einen Staat für die Juden umzuformen. … Die zionistische Bewegung beging Massaker an unserem Volk, machte die meisten von uns zu Flüchtlingen, löschte Hunderte unserer Dörfer aus und vertrieb die meisten der Einwohner unserer Städte.

Und wenn es um die Beziehungen zu den Palästinensern außerhalb Israels geht (vergessen wir übrigens nicht diese vier Jahre Intifada oder dass die Hamas und die Hisbollah immer noch auf die Vernichtung Israels eingeschworen sind), dann kann man schwerlich sagen, was die Haltung dieser Gruppe israelischer Staatsbürger von den Hardcore-Palästinensern jenseits der Grenze unterscheidet.

„Versöhnung verlangt vom Staat Israel, dass er die historische Ungerechtigkeit anerkennt, die er durch seine Gründung gegen das palästinensische Volk verübte, seine Verantwortung für die Nakba zu akzeptieren… Versöhnung verlangt ebenfalls die Anerkennung des Rechts auf Rückkehr und zu handeln, um es in Übereinstimmung mit der UNO-Resolution 194 umzusetzen; die Besatzungs zu beenden und die Siedlungen von allem seit 1967 besetzen arabischen Territorium zu entfernen; die Anerkennung der Rechte des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung und auf einen unabhängigen und souveränen Staat.“

Und wieder fordert das Dokument explizit eine „Veränderung der Verfassungsstruktur und eine Veränderung der Definition des Staates Israel von einem jüdischen Staat zu einem demokratischen Staat, gegründet auf nationaler und bürgerlicher Gleichheit zwischen den beiden nationalen Gruppen“.

Im Kontext der amerikanischen liberalen Demokratie könnte natürlich nichts gerechter klingen. Ich bin sicher, dass, wenn in einer dieser Achtklässer-Versammlungen jemand dies vertreten hätte, all die kleinen „Herren“ in Anzug und Krawatte in feierlicher Zustimmung genickt hätten. Aber hier ist nicht Baltimore und die Herausforderungen hier sehen etwas anders aus, als die, denen sich der große Bundesstaat Maryland gegenüber sieht. Die „Grüne Linie“ ist nicht ganz die historische Fußnote, wie es die „Mason-Dixon-Linie“ ist. Mit scheint, die Frage ist nicht, ob die Argumente dieser Dokumente ein feierliches Nicken im liberalen, friedvollen, sicheren Amerika erhalten, sondern vielmehr, wie anständige, denkende Zionisten darauf antworten sollten. Gibt es wirklich nichts, das wir als Antwort auf die kollektiven Forderungen nach unserem nationalen Selbstmord geben können?

Erstaunlicherweise sagten nur wenige Leute, mit denen ich arbeite oder mich privat treffe viel zu diesen Dokumenten. Ich weiß, die Kritik klang für viele von ihnen vage legitim. Und obwohl die meisten meiner Kollegen emotional die Vorstellung eines jüdischen Staates nicht aufgeben wollten, wussten sie nicht wirklich, wie sie antworten sollten. Wie bringen wir das Jüdische und das Demokratische ins Gleichgewicht? Ist die israelisch-arabische Bevölkerung wirklich eine Fünfte Kolonne, die das Ende des jüdischen Staates verfolgt? So klug und intellektuell fortschrittlich sie sind, nichts von dem, was viele meiner Kollegen in Israel an Bildung erhielten, bereitete sie darauf vor, diese Unterhaltung zu führen. Also lasen sie die Dokumente und sagten nichts, zu niemandem.

Ich aber wollte mit jemandem über all das reden. Eine israelisch-arabische Bekannte fiel mir ein. Wir sind gut Freunde, schon seit Jahren. Meine Frau und ich waren auf ihrer Hochzeit im Scheik Jarakh-Viertel in Ostjerusalem. Ich war im Haus ihrer Eltern und selbst währen der Intifada nahm ich meine Kinder mit, damit sie inmitten all der Gewalt sehen konnten, dass es sehr anständige Menschen auf beiden Seiten der national-religiösen Kluft gab. Sie war zu Shabbat-Essen bei uns Zuhause, wir haben uns privat als Ehepaare getroffen usw.

Und sie und ich hatten nie Probleme miteinander über Politik zu reden. Sie ist eine glühende Feministin, was sie gründlich desinteressiert am religiösen Islam macht. Aber sie ist auch eine stolze Palästinenserin und bezeichnet sich selbst nicht als israelische Araberin, sondern als israelische Palästinenserin. Und sie ist klug, hat einen Doktortitel von der Hebräischen Universität und mehr. Also ist es erfreulich, sich mit ihr zu unterhalten. Und zu mehr als einer Gelegenheit sagte sie mir, das sie „kein Problem“ damit hatte, dass Israel ein jüdischer Staat ist, so lange die Araber als Minderheit ihr Recht bekommt. Sie war, kurz gesagt, eine Person, von der ich dachte, sie könnte tatsächlich auf einer Linie mit mir sein – ist das, was diese Dokumente fordern, wirklich das, was die israelisch-arabische Bevölkerung will?

Sie hat eine Weile im Ausland gelebt, also schrieb ich ihre eine kurze E-Mail. Lange nicht miteinander gesprochen, hieß es darin. Was gibt’s Neues? Und was hältst du von all diesen Manifesten und Dokumenten, die aus der israelisch-arabischen Gemeinschaft kommen? Ich erhielt nach zehn Minuten eine Antwort: „Hi! Schön, dass du schreibst. Es ist viel zu lange her. Es gibt so viel zu erzählen.“ Sie informierte mich über ihr Leben, ihre Arbeit, ihre Forschungen. „Bleib in Kontakt“, schrieb sie und dass wir uns treffen, wenn sie zurück nach Israel kommt.

Aber kein Wort zu den Fragen, die ich ihr gestellt hatte. Also schrieb ich sofort zurück, etwas in der Art von „und was ist mit meinen Fragen?“ Diesmal kam nichts. Ich bekam keine Antwort, auch später nicht. Ich wartete einen Monat und schreib noch einmal. Immer noch nichts. Und bis heute: nichts.

Ich hatte die Linie überschritten. Die Freundschaft, schätze ich, gründete nicht darauf, dass ich sich nicht „oute“, sie nicht zwang zu sagen, was sie wirklich über die Zukunft dieses Staates denkt. Das Schweigen, stelle ich mir vor, ist ihre Art zu sagen: „Du willst nicht wirklich wissen wollen, was ich denke.“

Das möchte aber schon. Offensichtlich nicht, weil wir überein stimmen werden, sondern weil die Haltung meiner Kollegen – lese die Dokumente, leg die Stirn in Falten und schließe den Browser – nicht wirklich die Zukunft von irgendetwas hier garantieren wird. Es gab Momente, da wollte ich ihnen sagen: „Warum redet niemand darüber?“ Habt ihr wirklich nichts darüber zu sagen, warum wird auf dem Überleben eines ausgesprochen jüdischen Staates bestehen? Glaubt die junge Generation der israelischen Intelligenz nichts mehr von dem, was eine liberale Demokratie rein amerikanischen Stils, in der Juden nichts als eine signifikante Minderheit sind, nicht tun wird? Sind wir derart mit dem Wunsch in allem, was wir tun amerikanisch zu sein, berauscht dass die Verpflichtung eine liberale Demokratie zu sein unseren Glauben an das übertrumpft, was Herzl – und zahllose andere, die auf ihn folgten – vor hatten? Hat Amerikas ungezügelter Multikulturalismus unseren Fähigkeit beeinträchtigt irgendetwas darüber zu sagen, warum dieser Ort den Juden wichtig ist?

Aber zu wenig Leute hier wollen darüber sprechen. Wie viele amerikanische Juden wollen sie glauben, dass alles in Ordnung sein wird, wenn die harten Fragen einfach nur nicht stellen. Aber das erscheint mir nicht als sonderlich fruchtbare Strategie für Elternschaft oder in der Ehe. Oder, weil es darum geht: für den Aufbau eines Staates.

Es tut mir leid, dass meine (ehemalige?) Freundin nie zurückschrieb. Wirklich. Ich hätte ihre Wut ihrem Schweigen vorgezogen. Das würde es wahrscheinlich für mich einfacher gemacht haben, ehrlich zu ihr zu sein. Und wäre ich ehrlich gewesen, dann hätte ich in etwa gesagt:

Hör mal, niemand hier mit halbwegs Hirn denkt, dass das einfach ist. Natürlich ist die Gründung Israels sehr hart für die Leute gewesen, die hier einmal die Mehrheit waren. Wer könnte das leugnen? Und ja, dieser Ort ist (bisher) jüdisch bis ins Innerste und ich erkenne, dass euch das an den Rand drängt. Die israelischen Araber stellen inzwischen rund 20% der Bevölkerung, und diese Zahl steigt, also wird die Herausforderung immer akuter werden. Und ja, auf der kleineren Ebene ist die Hatikva für die israelischen Araber problematisch. Natürlich ist eine Flagge, die so geschaffen ist, dass sie wie ein Tallit aussieht, so etwas wie ein beladenes Symbol. All das ist klar.

Aber bei all den Problemen, dass ein ausgesprochen jüdischer Staat entsteht, musst du begreifen, dass er einfach nicht zur Diskussion steht. Die Gründe sind furchtbar komplex, aber wenn du sie auf ein paar knappe Sätze komprimieren willst, würden die sich um die Tatsache drehen, dass es auf dem Planeten einfach keinen anderen Platz gibt, an dem eine jüdische Zivilisation gedeihen kann. Nirgendwo sonst hätte das Hebräische wiederbelebt werden können, wo dreijährige die Sprache der Bibel sprechen können. Es gibt keinen anderen Ort, wo Fragen über Grenzen und Einwanderung (wie sie Israel sich jetzt bei den sudanesischen Flüchtlingen gegenüber sieht) jüdische Fragen werden können, wo jüdische Gesetze, jüdische Ethik und jüdische Geschichte und Erinnerung als Faktoren eingebracht werden können. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, wo das jüdische Volk sich wieder vorstellen kann, was jüdisch sein bedeuten sollte und sie die Mittel haben, das umzusetzen.

Ja, es mag auf gewisse Weise gefährlicher sein, hier Jude zu sein, als irgendwo anders auf der Welt, aber es gibt auch keinen anderen Ort, wo Juden den Kurs ihres Schicksals bestimmen können. Es gibt, kurz gesagt, keinen anderen Ort, wo die Juden haben können, was jede andere, „normale“ Nation zumindest irgendwo hat. Wie kann ein Volk, das auf eine sinnvolle Weise überleben will, das einfach aufgeben? Das kann es nicht.

Also, in vollem Bewusstsein dessen, wie hart es für dich ist und für deine Familie und dein Dorf… eines muss klar sein. Diese Schule in Baltimore – das muss man ihr zugestehen – wofür sie stand und sie war stolz darauf. Ich hoffe immer noch, dass die Israelis eines Tages dasselbe zu dem das Projekt fühlen, das wir den jüdischen Staat nennen. Und, so unangenehm und unbequem es damals war: Ich habe mein Haupt in der Versammlung nicht geneigt und wir werden sicher nicht damit anfangen hier unsere Köpfe zu neigen.

Nun, wie bauen wir gemeinsam ein Leben auf?

Das, denke ich, könnte der Beginn einer Unterhaltung sein. Kein einfacher, aber ein produktiver. Aber die vielleicht größte Herausforderung ist es, eine weitere Generation von Israelis zu bekommen, die sie haben wollen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s