Rest in Pieces

(Ein Gedanke zu Tisha B’Av)

Daniel Gordis, Jerusalem Post, 16. Juli 2010

Vorbei ist die Zeit, als die Welt verstand – und wenn auch nur für einen Moment – dass wir, nicht weniger als jeder andere, einen Ort verdienen, an dem wir sein dürfen.

Khaled ist seit einem Jahrzehnt unser Mann für alle Fälle, wenn etwas kaputt geht. Als er neulich da war, traf ich ihn in unserem Wohnzimmer an, als er eine Pause von seiner Arbeit machte. Er sah sich eine Reihe Fotografien an der Wand an; eine davon hieß „Rest in Pieces“.

„Was ist das?“, fragte er.

„Das ist ein jüdischer Friedhof in Argentinien“, sagte ich ihm. „Sehen Sie die hebräischen Buchstaben auf den Grabsteinen?“

„Aber warum sind die Grabsteine zerbrochen?“

„Leute haben sie zerschlagen“, erklärte ich.

„Aber warum macht jemand das?“

„Weil sie Juden hassen, vermute ich“, sagte ich ihm.

„Warum?“ Und einen Augenblick später: „Aber diese Juden sind tot. Sie hassen auch tote Juden?“ Jetzt war das ganze surreal geworden. Fragte mich da ein israelischer Araber wirklich, warum irgendjemand Juden hassen könnte? Khaled machte keine Scherze. Er schien völlig perplex und studierte weiter die Fotografie.

Ich wusste wirklich nicht, wo ich anfangen sollte. Ich erzählte ihm, dass an einigen Orten in Europa die Menschen immer noch jüdische Friedhöfe zerstören. Er war erstaunt. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich ihm erzählen sollte, was die Jordanier 1948 bis 1967 mit den jüdischen Friedhöfen gemacht hatten; aus welchem Grund auch immer entschied ich mich, es nicht zu tun. Vielleicht wollte ich auch einfach nur einige Augenblicke lang den hoffnungsvollen Moment genießen, in dem ein Araber nicht verstehen konnte, warum jemand die Juden hasst. Es war die Art Augenblick, der einem etwas Hoffnung gibt, wenn auch nur für ein schwaches Aufflackern.

Aber ein solches Aufflackern verlöscht wieder, besonders in dieser Region. A paar Tage später waren meine Frau und ich in Tel Aviv; es gab ein herausragendes Programm zum Thema „Das Rückkehrrecht**: gerecht oder diskriminierend?“, das das von Prof. Ruth Gavison gegründete Metzilah-Zentrum sponserte; Ruth Gavison ist eine der angesehendsten Juristinnen des Landes und eine sehr tiefgründige zionistische Denkerin. Der erste Redner des Abends war Dr. Raif Zreik von der Universität Tel Aviv, den ich nie zuvor gehört hatte.

Zreik, das war auf der Stelle offensichtlich, ist ein Intellektueller, der nicht auf die leichte Schulter genommen werden darf. Ausgebildet an der Hebräischen Universität, Columbia und Harvard ist er außergewöhnlich redegewandt, spricht ein wohlklingendes Hebräisch und übt keine Zurückhaltung. Er verschwendete auch keine Zeit.

Zreik begann mit der Erklärung, warum er weiß, er könne unsere Meinung nicht ändern. Der Unterschied zwischen einem Intellektuellen und einem Ideologen, sagte er, besteht darin, dass der Intellektuelle sich selbst überraschen kann. Intellektuelle sind offen und rational genug, um gelegentlich festzustellen, dass sie Positionen übernehmen, die sich von dem unterscheiden, was sie ursprünglich dachten. Ein Ideologe kann das niemals tun, sagte er.

Wir Einwanderer jedoch, behauptete Zreik, haben „nicht den Luxus Intellektuelle zu sein… Ihr seid alle engstirnige Intellektuelle, nicht weil ihr nicht klug seid, sondern weil eure Körper euch nicht ehrlich sein lassen. Wärt ihr das, müsstet ihr vielleicht zugeben, dass ihr kein Recht habt hier zu sein.“

Von da aus ging Zreik zu etwas über, das er die Makro-Sicht der zionistischen Geschichte nannte. Die Palästinenser waren in Palästina, sagte er, und die Juden in Europa. Die Juden in Europa gerieten in gewaltige Schwierigkeiten, doch dann gab es eine falsche Kombination aus dem Ort des Problems (Europa) und dem Ort der Lösung (Palästina).

Alles Folgende, darauf bestand er, ist das Ergebnis dieser ursprünglichen falschen Kombination.

Erstaunlich war, was Zreik alles nicht erwähnte: dass auch die Juden eine Verbindung zu diesem Ort haben und von dort ins Exil getrieben wurden; dass vor der Gründung Israels die Juden nirgendwo hin konnten; dass die Welt das begriff und letztlich – mit der Balfour-Erklärung, der Peel-Kommission und dem Teilungsplan – kollektiv entschied, dass die Juden einen Staat haben sollten und dass dieser hier sein sollte; dass es ironischerweise der Erfolg des Zionismus war, der den palästinensischen Nationalismus auslöste. Nein, nichts davon passt in seine Theorie, also blieb es unerwähnt. Zreik, so brillant er auch eindeutig ist, war zu genau dem Ideologen geworden, den er gerade definiert hatte.

Letztlich war Zreik eine intellektuelle Variante von Helen Thomas.*** „Sag ihnen, sie sollten verdammt noch mal aus Palästina verschwinden“ – Thomas’ Worte, aber auch Zreiks Haltung. Und da die Welt sich fast überall einmal wieder gegen die Juden wendet, ist die Aussage „macht verdammt noch mal, dass ihr aus Palästina raus kommt“ das Gleiche wie zu sagen: „Rest in Pieces.“ Zreik mag das nicht beabsichtigt haben, aber seine Theorie muss unweigerlich dahin führen.

WIE BEKOMMEN wir mehr Khaleds, fragte ich mich. Anständige Leute, die verständlicherweise mit ihrem Schicksal als israelische Araber nicht immer glücklich sind, aber Leute, die einfach gemeinsam mit uns leben und nicht die Uhr an einen Ort zurückdrehen wollen, an den sie niemals gehen kann.

Ich stellte fest, dass ich Khaleds Verwirrung angesichts des Hasses vermisste. Natürlich benutzen die meisten Leute nicht das Wort „Hass“. Sie nutzen Formulierungen wie, dass Palästina nur den Palästinensern gehört oder davon, dass das Rückkehr-Gesetz unmoralisch ist. Oder von der Nichttolerierbarkeit des Embargos. Aber letzten Endes reduzieren sich ihre Positionen auf diese: Ihr – anders als alle anderen – braucht keine Heimat und verdient sie nicht. Geht. Und Rest in Pieces.

Was uns zu dieser Woche bringt. Es gibt Juden, die sich fragen, ob der 9. Av immer noch Sinn macht. Schließlich schlachtet uns niemand. Israel geht es hervorragend. Und Jerusalem ist wieder aufgebaut. Warum all die Trauer? Für mich sprechen Momente wie ein Abend mit Dr. Zreik, so sprachgewandt und brillant er auch ist, dafür, dass wir diese Trauerzeit halten. Es geht nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um die Zukunft, darum, was immer noch passieren kann und was bereits angefangen haben könnte. „Der HERR entbot gegen Jakob seine Nachbarn als seine Feinde“, heißt es In Klagelieder 1,17. „Jerusalem wurde unter ihnen zum Abscheu.“

Von den Khaleds dieser Welt gibt es zu wenige und sie sind zu weit verstreut. Heute sind wir größtenteils von einer Welt umgeben, die unser einmal mehr müde geworden ist. Sie ist ihrer Schuld müde und ist des Staates müde, den sie wieder geschaffen hatte, als dieses Gefühl der Verantwortung sich auf seinem Höhepunkt befand. Vorbei ist die Zeit, als die Welt begriff, wenn auch nur für einen Augenblick, dass wir nicht weniger als alle anderen einen Ort verdienen, an dem wir sein können. Wir hatten das, eine kurze Zeit lang, aber das ist vorbei.

Was, wie ich annehme, der Grund dafür ist, dass wir die Lesung der Klagelieder immer noch nicht mit dem letzten Vers beenden, sondern mit der Wiederholung des vorletzten Satzes: „Bring uns zurück, HERR, zu dir… Erneuere unsere Tage, dass sie werden wie früher!“

(Foto: Zion Ozeri, http://www.zionozeri.com)

* Rest in Peace (Ruhe in Frieden) ist eine typische Grabinschrift und Segenswunsch für Verstorbene im englischsprachigen Raum; mancher wird die Abkürzung R.I.P,. schon gesehen haben. Der Titel ist ein Wortspiel darauf und bedeutet: Ruhe in Stücken.
** Gemeint ist das Recht jedes Juden der Welt nach Israel einzuwandern.
*** Helen Thomas ist die altgediente amerikanische Journalistin, die einem Rabbiner ins Mikrophon sagte, die Juden sollten gefälligst raus aus Palästina und dahin zurück, woher sie gekommen sind und deshalb ihren Platz im Presseraum des Weißen Hauses verlor.

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