Mein Jerusalem-Ritual

Forest Rain, Inspiration from Israel, 1. März 2017

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Ich habe ein Jerusalem-Ritual.
Wann immer wir zu  Besuch sind, gehen wir vor unserer Abfahrt die Kotel besuchen.
Es spielt keine Rolle, welche Tageszeit gerade ist. Die Kotel ist immer da, wartet.

Die Kotel. Eine Mauer, so wichtig, dass sie keinen anderen Namen braucht außer: „Die Mauer“.

Sie steht. Schneidet durch das Herz Jerusalems.
Golden und geduldig.

Sie ruft, gibt Zeichen.
„Komm zu mir. Du gehörst zu mir. Ich bin deine Vergangenheit, deine Gegenwart, deine Zukunft.
Seit Jahrhunderten erinnere ich mich an dich. Heute warte ich auf dich.“

An der Kotel gibt es immer Leute.
Um 2 Uhr morgens. Wenn es kalt ist. Wenn es heiß ist, wenn es regnet.
Manchmal ist sie so vollgepackt, dass man sich kaum rühren kann. Manchmal gibt es nur ein paar Leute.
Es gibt immer jemanden: singend, tanzend, betend, lernend, lehrend, schlafend, weinend, alt geworden, alleine, mit Freunden, mit Waffenbrüdern… die Nation Israel in all ihren Farben und Varianten.

Und Freunde zu Besuch – nicht aus unserer Nation, aber genauso willkommen.

Wenn ich die Kotel besuche, werde ich benommen.
Jedes Mal.

Je näher ich komme, desto lauter höre ich das Pochen in meinen Venen.
Und wenn ich meine Hände auf die Steine lege, die so viele andere schon berührt haben,
beginnt mein Kopf zu schmerzen.

Wie Blut, das durch verstopfte Arterien gepumpt wird,
ein Herz, das schlägt, stark und kräftig,
Blut, das versucht jeder Zelle des Körpers Sauerstoff zu bringen –
erfolgreich,
aber mit Mühe.

Die Kotel ist nicht das Herz,
sie steht zwischen mir und dem Herzen.

Es ist der Tempel, nicht die Kotel.
Wie die Mauer, da, wo ich bei meinem Haus mein Auto parke, ist nicht der Ort, der mein Herz beruhigt.
Meine Seele atmet auf, wenn ich hinein gehe.

Fast dort zu sein reicht nicht.

Wie lange würdest du neben der Mauer stehen, die außerhalb des Hauses steht, das einst dir gehörte?
Wie oft würdest du zu ihr zurückkommen, einfach nur um dort zu sein?
Nahe an dem Ort, wo dein Herz gestern ruhig war?

Würdest du deinen Kinder das Heim deines Herzens lehren?
Und den Kindern deiner Kinder?
Und deren Kindern?

Dir gestohlen, zerstört, von anderen Leuten genutzt.
Würdest du immer weiter wiederkommen und an der Mauer stehen,
um sie zu berühren, das Sehnen deiner Seele auszusprechen?
Der einzig übrig gebliebene Teil des Ortes, an den dein Herz gehört
oder genauer gesagt: Der einzige Ort, an dem du frei ankommen kannst.

Jahr um Jahr, Generation um Generation…
Würdest du dich erinnern?

Nachdem du einen neuen Ort hast, an dem du lebst, würdest du ich erinnern, dass das nur vorübergehend ist?
So bequem es auch sein mag, dass es nicht dein wahres Heim ist?
Würdest du dich erinnern?
Wie lange?

Wie oft am Tag würdest du von dem Ort sprechen, an den dein Herz gehört?
Wie oft würdest du seinen Namen in deinen Gebeten aussprechen?
Wie oft würdest du deinen Kindern erzählen: „Nächstes Jahr werden wir dort sein und er wird wieder aufgebaut werden“

Generation um Generation, Jahrhundert um Jahrhundert
haben Juden überall gelebt.
Egal, wie leicht oder wie schwer ihr Leben war,
in Europa oder dem Nahen Osten,
Äthiopien,
Russland,
Indien,
Amerika…

Es war immer Jerusalem
und in ihrem Herzen
der Ort, an den unser Herz gehört.

Mein Jerusalem-Ritual ruft mich immer zurück zu Kotel.
Hüter unserer Erinnerung,
Zeuge unseres Sehnens.

Ich berühre die Mauer und spüre das Gewicht von Jahrhunderten.
Meines Volkes
und unseres Sehnens.

Fast dort zu sein reicht nicht.

kotel_20090712_0985(Fotos: heplev)

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Ein Gedanke zu “Mein Jerusalem-Ritual

  1. Lieber heplev,
    danke für diese Zeilen. Ich kann das verstehen, obwohl ich ein Katholik bin.
    Bin zwei mal in Jerusalem und an der Kotel gewesen. Ich musste dort beten. Es war keine Frage des WOLLENS, sondern des MÜSSENS. Meine Emotion ist mit mir „Karussell“ gefahren.

    Seit einiger Zeit, besuche ich über Internet fast täglich die Kotel und bete dort für Israel und seine Bewohner sowie die Juden, das von G’tt auserwählte Volk.

    Herzlich, Paul

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