Typische israelische Teenager

David Frankfurter, 19. August 2005 (vom Autor per E-Mail)

Liebe Freunde,

wenn alle unsere Kinder Zuhause sind, befindet sich an unserem Sabbat-Tisch die volle Bandbreite der religiös-zionistischen politischen Ansichten. Die Diskussion ist lebhaft. Am einen extremen Ende haben wir Tamara und Jeremy, die in Kleidung, Denken und Handeln „Siedler“ sind. Sie leben im Schomron (Samaria in der nordwestlichen „Westbank“) und für sie ist die „Vertreibung“ aus Gaza ein historischer, religiöser und politischer Fehler größten Ausmaßes. Unsere arabischen Nachbarn wollen keinen Frieden mit uns; wir werden dafür mit vermehrter tragischer Gewalt und Blutvergießen zahlen müssen, dass wir Schwäche zeigen. Sara, unsere 18-jährige, befindet sich im anderen Extrem. In zwei Wochen wird sie ihren nationalen Dienst beginnen, in einem Programm für Kinder in stark benachteiligten Wohnbereichen, wo Hilfe nach der Schule und sonstige Aktivitäten angeboten werden; sie ist nicht weniger idealistisch. Sie glaubt, dass wir nicht in den „besetzten“ Gebieten sein sollten. Der Rückzug aus Gaza ist der erste Schritt auf dem möglichen Weg zum Frieden mit unseren arabischen Nachbarn.

Unser Peacenik Sara, die mit den „Siedlern“ nicht einverstanden ist, stand eines Morgens auf, als der Rest des Hauses noch fest schlief; sie nahm sich etwas Geld von uns und hinterließ eine Nachricht, dass sie sich etwas Geld geliehen habe um mit dem Bus nach Nazareth-Illit zu fahren. Dazu müssen wir etwas Hintergrund liefern. Sara ist ein typischer Teenager. Sie nutzt diese letzten Ferien, um all die wichtigen Sachen zu tun, die sie eine Weile nicht mehr wird tun können: mit ihren Freunden bis spät in die Nacht ausgehen und so lange zu schlafen, bis die Mittagssonne sich ihren Weg über den Sommerhimmel gebrannt hat. Bei Morgengrauen aufzustehen um mit dem Bus einige Stunden Richtung Norden in eine schläfrige Stadt in Galiläa zu fahren, wo es keine Unterhaltung für Teenager gibt ist … nun … überraschend.

Spät gestern Abend, zurück in der Küche beim verspäteten Abendessen erklärte sie beiläufig, was los war. Die Familien, die aus Gaza evakuiert worden waren, hätten ein traumatisches Erlebnis durchgemacht. Es war für sie wirklich nicht einfach – besonders für die, die so weit aus dem Süden des Landes in die nördlichen Städte gekommen seien. Bis zur letzten Minute hatten viele nicht geglaubt, dass sie packen und gehen müssen. Also machten sie das sehr schnell und unter großem inneren Druck. Dann wurden sie stundenlang in Bussen durch das Land gekarrt. Sie kamen physisch wie emotional erschöpft an. Sie befinden sich in zu kleinen vorläufigen Unterkünften und sind zweifellos etwas desorientiert. Sara und eine Gruppe ihrer Freunde nahmen einen Tag ihrer letzten Teenager-Ferien und fuhren nach Nazareth-Illit, um zu sehen, ob jemand von den Familien einen Freiwilligen brauchen konnte, der für einen Tag den Babysitter macht. Nur eine Weile auf die Kinder aufpassen, damit die Eltern sich etwas ausruhen und etwas Zeit der Ruhe haben konnten. Eine Chance sich zu erholen und sich auf die vor ihnen liegenden Probleme vorzubereiten.

Liebe Grüße
David

Advertisements

3 Gedanken zu “Typische israelische Teenager

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s