„Ich fürchte, es wird so sein wie jetzt”

Daniel Gordis, 30. Juni 2006

Früh im Herbst besuchte ich eine High School in Sha’ar HaNegev, nicht weit von Sderot und der Grenze zum Gazastreifen, um einige Schüler zu interviewen. Ein Stück weit im Gespräch stellte ich ihnen zwei Fragen: „Ihr werdet mittleren Alters sein, wenn Israel 100 Jahre alt wird“, sagte ich ihnen. „Bitte sagt mir: Wenn ihr euch die Zukunft vorstellt, wovon träumt ihr? Und wovor habt ihr Angst?“

Diese Fünfzehnjährigen waren hoch intelligente, sehr wortgewandte Kids. Aber interessanterweise hatte keiner von ihnen etwas sonderlich Substanzielles über ihre Träume zu sagen. Als sie still dort saßen und versuchten sich etwas auszudenken, das nicht wie eine Plattitüde klingen würde, meldete sich einer der Jungs: „Kann ich Ihnen sagen“, fragte er leicht zögerlich und mit einem vorsichtigen Blick auf seine Mitschüler, „wovor ich mich fürchte?“

Es gab in der Gruppe einen unangenehmen Augenblick und ein unterdrücktes Kichern hier und da. Von 16-järhigen, die in einer Gruppe sitzen, zu der auch Mädchen gehören, erwartet man nicht, dass sie über etwas reden, wovor sie sich fürchten. Aber dieser Junge wollte sprechen und innerhalb von Sekunden war es in dem Raum total still. Jeder sah ihn an und wartete.

„Ich fürchte“, sagte er nach einer Pause, „dass die Zukunft genauso sein wird wie jetzt.“

Das war im November, nachdem die Qassams und das Vorwarnsystem anfangen hatten, aber lange bevor der Raketenregen auf ihre Stadt ernsthaft begann. Es war vor Ariel Sharons Hirnschlag, vor der Wahl der Hamas, bevor die Leute, die den Gazastreifen übernahmen, den wir im August verlassen hatten, erklärten, dass sie so viele Raketen auf Sderot abfeuert würden, dass sie es in eine Geisterstadt verwandeln. Und selbst damals, mit weniger einschlagenden Raketen, hatte dieser Junge Angst – Angst, dass die Zukunft wo aussehen würde wie die Gegenwart.

Meine Sekretärin, die zwei sehr junge Kinder hat, begleitete mich bei diesem Interview. Sobald der Junge das gesagt hatte, sah sie mich an, die Augen vor Schreck geweitet, als ob seine Hoffnungslosigkeit unerträglich sei. Denn egal, was sonst in der israelischen Gesellschaft falsch läuft – und da gibt es viel – so ist sie eine, in der wir für unsere Kinder sorgen. Israel ist ein Land voller Parks und Spielplätze, ein Land, wo Fremde wegen eines auf der Straßen weinenden Kindes anhalten, es an die Hand nehmen und nach Hause bringen. Es ist ein Land, wo junge Teenager auf eigene Faust zelten gehen, weil es ihnen gut gehen wird. Es wird jemand da sein. Und wer immer diese Person ist, wird sich um sie kümmern, wenn unsere Kinder sie brauchen.

Und es ist eine Gesellschaft, die in den seltenen Momenten, in denen wir unsere Kinder nicht in Sicherheit bringen können, auf eine Art und Weise an sie erinnert, bei der es mir immer noch kalt den Rücken hinunter läuft. Jedes Jahr gehe ich beim Gedaliah-Fasten mit engen Freunden auf dem Friedhof des Herzl-Bergs. Zu Rabins Grab. Zu dem von Herzl. Zu einigen im militärischen Bereich. Und jedes Mal finden wir uns auf dem Weg in den halb unter der Erdoberfläche liegenden Bunker der Gräber derer, die während der Belagerung Jerusalems 1948 getötet wurden. Dort gibt es viele Erwachsene.

Aber es gibt auch Kinder dort. Diese Kinder wurden hauptsächlich als Botengänger genutzt, um Nachrichten herein oder heraus zu bringen. Viele von ihnen schafften es, aber einige auch nicht. Und nun wird derer, die es nicht schafften, bei den im Kampf gefallenen Soldaten gedacht; und wie die Soldaten gibt es für sie Tafeln, die an den Preis erinnern, den sie zahlten. Auf den Tafeln stehen ihre Namen, ihr Alter und dann der Satz „naval be-milui tafkido“ – „Er fiel in Ausübung seines Auftrags“. Ein 17-jähriger Junge. Und ein 15-jähriges Mädchen. Und ein Junge namens Nisim Gini, geboren in Jerusalem und im Alter von 10 Jahren getötet „in Ausübung seines Auftrags“.

Was bedeutet es 16 oder 17 zu sein und Angst zu haben, dass die Zukunft so sein wird wie die Gegenwart? Was bedeutet es 10 Jahre alt zu sein und in Ausübung seines Auftrags zu fallen? Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn wir unseren Kindern so viel abverlangen?

Es war die Woche der Kinder, eine unerträglich lange Woche, seit Sonntag. Ich war mit den Mitarbeitern unserer Stiftung an diesem Tag in Zichron Yaakov, eine Stadt etwa eineinhalb Stunden nördlich von Jerusalem. Mittags bemerkte ich, dass eine Reihe von Leuten aufmerksam ihren Handys lauschten und andere, die versuchten die Neuigkeiten auf den kleinen Displays zu lesen. Also rief ich Avi an und bat ihn im Internet nachzusehen. Zwei Soldaten waren getötet worden, sagte er mir. Ein weiterer verwundet. Und schlimmer, einer war entführt worden.

Wir sind eine Gesellschaft, die tragisch daran gewöhnt ist die Kinder in Uniform zu beerdigen. Aber wir sind nicht gewohnt, dass sie gefangen gehalten werden. Der Gedanke, dass sich unsere Kinder – denn das sind sie für uns – in den Händen solcher Leute befinden, ist einfach unerträglich. Und später am Tag, als die Nachrichten das inzwischen allgegenwärtige Foto von Gilad Shalit (falls Sie es noch nicht gesehen haben sollten, ich habe es auf http://www.danielgordis.org/Site/Site_Photos.asp eingestellt) brachten, seine dicke, schwarze Brille, die ihn jünger als seine 19 Jahre aussehen lässt, da waren alle Israelis niedergeschlagen. Das Babyface. In den Händen von wer weiß wem. Wir stellten uns seine Eltern vor und die unerträgliche Ungewissheit. Und Gilad. Wo könnte er sein. Wie unbeschreiblich verängstigt und allein muss er sich fühlen.

Wusste er, dass wir kommen würden um ihn zu holen, fragte ich mich. Denn es war klar, das wir das tun würden. Man kümmert sich nicht um Kinder im Park, um sie aufwachsen zu lassen und vom souveränen Territorium Israels gestohlen zu werden. Das tut man einfach nicht.

Avi und ich sprachen an diesem Tag mehrmals per Telefon. Er überprüfte die Nachrichten und hielt mich auf dem Laufenden. „Nichts Neues“, sagte er einige Male, seine Stimme nicht weniger besorgt als die eines jeden anderen Erwachsenen, mit denen ich den Tag verbrachte.

Und dann rief er eine Stunde später wieder an. „Wollen Emma und du nächste Woche immer noch nächste Woche wegfahren?“ Ich sagte ihm, dass wir das vorhatten. „Warum fragst du?“ „Weil ich gerade einen Anruf von der Armee bekommen haben“, sagte er. „Sie verlegen meinen Termin vor [für die nächste Phase seiner Tests, um in eine bestimmte Sondereinheit zu kommen]. Wenn ich gehe, kann ich nicht auf Micha aufpassen, während ihr weg seid.“ Ich sagte ihm, wir würden ein Arrangement für Micha treffen und dass er gehen sollte, wenn er das wolle. Und ich wunderte mich, wie es sich anfühlen muss, erst sechzehn zu sein, Nachrichten zu hören wie die, die er an diesem Morgen hörte und dann einen Anruf von der Armee über seine Einheit zu bekommen. Und immer noch hingehen zu wollen.

Ich dachte daran ihn zu fragen, tat es aber nicht. Ich konnte nicht.

Und dann begann einen oder zwei Tage später der verwundete Soldat, noch immer im Krankenhaus, mit Reportern zu sprechen, die ihn in seinem Zimmer besuchten. „Als ich begriff, dass ich [im Panzer] in der Falle saß“, sagte er, „wusste ich: Das war’s.“ Und, fügte er hinzu: „Ich begann zu weinen.“

Was auch die Leute machten, die ich auf der Arbeit den Artikel lesen sah.

Und dann, ich fuhr gerade auf der Hebron Road, der Hauptstraße in unserem Stadtteil, und hielt an einer Ampel an. Es war diese Woche heiß, daher hatten alle Autos geschlossene Fenster bei eingeschalteter Klimaanlage. Ein anderes Auto stand links von mir und eines rechts. Der Nachrichtensprecher (wer hatte nicht die Nachrichten eingeschaltet?) kündigte an, dass Gilads Eltern ihm einen Brief geschrieben und ihn öffentlich gemacht hatten. Dann las er den Text vor:

Unserem lieben, süßen Gilad,

Mutti und Vati, Yoel und Hadas sind furchtbar besorgt wegen dir, wollen dich hören und hoffen, dass du gesund bist und du dich gut fühlst, so weit du das unter den Umständen kannst. Wir hoffen, dass du in der Lage sein wirst diese Worte zu lesen und wir möchten, dass du weißt, dass alle Schritte unternommen werden, damit du nach Hila und Galiläa zurückkehren kannst, so schnell wie möglich, zu deiner Familie und in dein Zimmer, das auf dich wartet…

Du sollst wissen, dass wir in jedem Augenblick an dich denken und hoffen, dass du irgendwie klar kommst und dass du diese schwierigen Momente durchstehen wirst. Wir wissen und glauben, dass die Leute, die dich festhalten, auch Familien haben und wissen werden, was wir durchmachen und wissen, wie sie für dich sorgen und deine Gesundheit sicher stellen.

Wir lieben dich und schicken dir Kraft.

Mutti und Vati

Als der Nachrichtensprecher den Brief zu Ende gelesen hatte, schaute ich aus den Fenstern meines Autos. Die Fahrer auf beiden Seiten, ein Mann in seinen Fünfzigern und eine Frau Ende Zwanzig wischten sich Tränen aus den Augen. Die Fenster mussten nicht offen sein, um zu wissen, was sie gehört hatten.

Und dann bestätigten sich die Gerüchte einer zweiten Entführung. In der Westbank behaupteten die Volkswiderstands-Komitees Eliyahu Asheri festzuhalten. Ein 18-jähriger Junge, jetzt in der Hand von Tieren, wegen des Verbrechens zu trampen. Auch sein Bild tauchte auf allen Internetseiten auf. Ein großes Kind. Trug ein T-Shirt, sitzt unter einem Bau. Mit einem breiten Lächeln. Und ein benommenes Land wusste nicht, was es tun sollte. (Eliyahu wurde natürlich noch am Tag, als er entführt wurde, in den Kopf geschossen und wurde gestern beerdigt. Eine weitere Erinnerung daran, wer unsere Nachbarn sind.)

In der Zwischenzeit massierte die IDF Panzer, Truppentransporter und Artillerie entlang der Grenze, nur Minuten von der High School, die ich im November besuchte. Die enorme Ansammlung an Waffen war eine Erleichterung, jedenfalls für die Menschen hier. Denn sie können nicht unsere Kinder stehlen und glauben, dass wir sie einfach weiter machen lassen. Dann, vor ein paar Nächten, begann das Eindringen nach Gaza. Jetzt, Tage später, ist der Feldzug noch immer im Gang. Wir haben hier und da etwas bombardiert, haben einen Großteil der Elektrizität abgeschaltet, einige Brücken zerstört, Gaza hermetisch abgeriegelt, das Sommerhaus des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad mit vier F-16 überflogen. Aber immer noch kein Gilad. Also verhaftete die IDF Dutzende Mitglieder der Hamas-Regierung. Und immer noch kein Gilad.

Der Rest der Welt glaubt wir suchen nach einem entführten Soldaten; deshalb begreifen sie diese massive Reaktion nicht. Die EU beginnt Besorgnis zu äußern. Brücken zu bombardieren war in Ordnung, aber Mitglieder des Hamas-Parlaments festzunehmen, finden sie, ist übertrieben. Assads Palast zu überfliegen, sagt man uns, war provokativ. Vielleicht.

Der Grund, dass sie das nicht begreifen, ist der, dass sie glauben wir suchten nach einem Soldaten. Tun wir nicht. Wir suchen nach Gilad. Jeder, den ich darüber reden höre, benutzt seinen Namen. Niemals „der Soldat“. Immer Gilad. Unsere Handys brummen mit Textnachrichten, die uns daran erinnern einen Psalm für ihn zu sprechen. E-Mail-Postfächer füllen sich mit derselben Erinnerung und selbst dem Text des Psalms, damit du ihn richtig sagen kannst, wenn du die E-Mail öffnest. Und dann sollst du sie weiter leiten.

Die letzten Tage waren die ersten Worte, die morgens den Mund der Kinder verließen: „Haben wir ihn gefunden?“ Sie müssen uns nur ansehen, um die Antwort zu wissen. Noch nicht. Die unerträgliche Woche zieht sich hin.

Die internationale Presse ist in heller Aufregung mit Berichten darüber, was die israelischen Truppen vorhaben. Das ist ein interessantes Wort, der Begriff „Truppen“. Eine von ihnen (wenn auch keiner von denen, die im Gazastreifen sind) hat ihr Zimmer gegenüber von unserem Schlafzimmer, auf der anderen Seite unseres Flures. Sie bekam neulich Post, war aber nicht Zuhause, sondern bei der Armee, also nahm ich sie mit hinauf, um sie ihr hinzulegen. Links neben ihrem Schreibtisch war ein Rucksack, den sie aus irgendeinem Grund nicht mit zurück zur Kaserne genommen hatte. Über dem Stuhl hinter ihrem Schreibtisch eine ihrer Uniformblusen. Und auf ihrem Bett ihr Stofftier, der neugierige George oder „Neugier“, wie wir ihn alle nannten, seit er zur Familie gehört – seit der Woche, in der sie vor 19 Jahren geboren wurde.

Die Zusammenstellung ihrer Uniformbluse über der Stuhllehne und Neugier da alleine auf dem Bett liegend, fast als würde er darauf warten, dass sie nach Hause kommt, war – besonders in dieser Woche – einfach zu viel. Ich musste aus dem Zimmer gehen. Also legte ich die Post auf ihren Schreibtisch, warf Neugier einen letzten Blick zu, verließ den Raum und schloss energisch die Tür.

Gilad, da bin ich sicher, hat ein Zimmer wie ihres. Vielleicht kein Stofftier, aber vielleicht auch das. Wer weiß? Immerhin ist er einfach ein Kind. Ein Blick auf sein Bild und man sieht es.

In ein paar Stunden beginnt der Sabbat. Hoffentlich werden wir Gilad dann zurück haben, aber wahrscheinlich nicht. Und wenn nicht, dann werden die Leute unseres ganzen Viertels mit einem Schmerz, den Worte kaum beschreiben können, ihre Handys abschalten, ihre Computer herunter fahren und die Radios zum Schweigen bringen, in dem Wissen, dass wir am Sabbat von der Welt abgeschnitten sein werden. Das ist natürlich genau der Sinn des Sabbat und normalerweise ist das eine große Erleichterung.

Aber an einem Freitagabend wie diesem wird es mehr als schmerzhaft sein. Nicht zu wissen. Nicht in der Lage zu sein nachzusehen. Sich einfach gedulden und warten zu müssen. Und sobald die Sonne morgen unter geht, werden wir Havdalah machen und das Fernsehen und die Computer anwerfen. Hoffend und betend. Beten, dass er heil nach Hause kommt. Und hoffen, dass wir einen plausiblen Grund haben werden unsere Kinder zu umarmen und ihnen zu sagen: „Weißt du, die Zukunft wird besser sein als das hier. Wirklich, wird sie.“

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