Warum lebst du hier?

Daniel Gordis, 18. März 2009 

Da sitzen wir also am Sabbat-Mittagstisch, Gäste von Freunden, die wir viel zu lange nicht gesehen hatten. Wir sind drei Paare, alles Einwanderer, jedes mit Kindern im Alter von 22 (mit Freund) bis 4 (ohne Freund). Und ein weiteres Paar, die Eltern unserer Gastgeber, die aus den Staaten zu Besuch sind, beide bekannte und hoch angesehene Akademiker. Irgendwann, mitten im Essen, fragte die Mutter der Gastgeberin, deren akademisches Feld „Identität“ ist, uns alle, ohne den geringsten Ansatz von Ironie oder Herablassung: „Könnt ihr mir bitte erklären, warum ihr euch entschieden habt hier zu leben? Was hat euch dazu gebracht zurückzulassen, was ihr hattet, und hierher zu kommen?“

Lange hatte uns niemand, das war klar, diese Frage gestellt. Es dauerte ein paar Minuten, bis einer eine Antwort formuliert hatte, obwohl die Antworten dann flossen. Aber darauf werden wir zurückkommen.

Vor ein paar Tagen … In dieses Land zurückzukehren ist kompliziert. Ich landete letzten Dienstag nach einem Trip in die USA und traf meinen regelmäßigen Fahrer außerhalb der Gepäckausgabe. Als wir das Flughafengelände verließen, fragte er mich: „Willst du die Nachrichten hören?“

Das ist eine gefährliche Frage und er wusste das. Einerseits bist du wieder Zuhause und du willst wissen, was los ist. Also denkst du, du solltest die Nachrichten hören. Andererseits sind die Nachrichten oft nicht allzu gut und es kann etwas zu viel sein, nachdem man gerade einen langen Flug hinter sich gebracht hat. Aber wir schalteten sie sowieso ein und bekamen die volle Ladung: die andauernden Koalitionsverhandlungen, die Möglichkeit, dass Liebermann zum Außenminister ernannt wird, die fortgesetzten, vergeblichen Verhandlungen zur Freilassung von Giald Shalit, die Zahl der Tage, die er jetzt gefangen gehalten wird (zu diesem Zeitpunkt mehr als 990), die anhaltende, ernste Wasserknappheit trotz des Regens, Schätzungen, wie nahe der Iran ist eine Atombombe zu bekommen und was die (langsam) ins Amt kommende Regierung deswegen unternehmen oder nicht unternehmen wird, die fortgeführte Untersuchung des (ehemaligen) Präsidenten Mosche Katzav wegen Vergewaltigungsvorwürfen (ja, Vergewaltigung). Und dann ein wenig Sport – daran erinnere ich mich nicht mehr.

Kein Wunder, dass er mich fragte, ob ich die Nachrichten anhören wollte. Nachdem ich eine Woche weg war und nach einem langen Flug war es eine ziemlich heftige Erinnerung daran, was es bedeutet nach Hause zu kommen. Warum, kann tatsächlich gefragt werden, entscheidet man sich hier zu leben?

Wir kurvten die Straße nach Jerusalem hinauf und im Viertel Rechavia wurde das zu einem Kriechen im immer vorhanden Verkehr. Wir fuhren an dem vorbei, was einmal das Café Moment war, wo, wie ich schon einmal beschrieb, die Schwester meines Fahrers bei einem Bombenanschlag getötet wurde. Ihr Bild befand sich lange auf seinem Armaturenbrett. Jetzt ist es nicht mehr dort. Aber es wird im Wagen immer still, wenn wir dieses Gebäude passieren. Diesmal sprach er. Schnelle fünf Worte auf Hebräisch: „Danny, gestern warn‘s fünf Jahre.“ Ich sagte nichts. Was kann man schon sagen?

Fünfzig Meter weiter hatte gab es eine kleine Ansammlung von Menschen. Es war der fortgeführte Protest, um Gilad Shalit aus der Gefangenschaft zu holen, egal, was es kostet. Seine Eltern, wusste ich, waren in dem Zelt. Und ich dachte, es wäre richtig anzuhalten, auszusteigen und hinzugehen, um ihnen etwas zu sagen. Es war nicht so, als stünden tausende Leute dort. Ich wusste, ich hätte zu ihnen gehen können. Und einfach etwas sagen, irgendetwas. Was, da war ich nicht sicher. Aber es musste einfach etwas gesagt werden.

Aber es gab eine Menge Verkehr, ich war hungrig, weil ich fast den ganzen Flug über gefastet hatte (als wir abhoben, war Esther-Fasten), müde, weil ich nicht geschlafen hatte und ich wollte eine Dusche; und ich war sicher, dass mein Fahrer nicht in der Stimmung war auf mich zu warten. Also sagte ich nichts und er fuhr mich nach Hause.

Doch den ganzen Tag über quälte mich das. Ich war direkt an ihnen vorbei gefahren worden und hatte nicht angehalten. Was war daran richtig, fragte ich mich. Dass ich ein wenig hungrig war? Sie haben mit viel mehr zu tun als ein wenig hungrig zu sein. Dass ich nach dem langen Flug duschen wollte? Sie leben in einem Zelt. Dass mein Fahrer es eilig haben könnte? Sicher versteht er angesichts dessen, was ihm seiner Familie nur ein paar Meter weiter zustieß, wie wichtig öffentliche Unterstützung für eine Familie sein kann.

Am nächsten Tag, im Jerusalem war Purim, dachte ich weiter über die Tatsache nach, dass ich vorbeigefahren war und nicht angehalten hatte. Und immer noch unternahm ich nichts. Und dann ging ich zurück an die Arbeit. Und dann war Sabbat. Ich dachte daran jetzt hinzugehen, aber wir hatten das oben erwähnte Mittagessen, danach regnete es leicht und wir hatten versprochen meine Eltern besuchen zu gehen. Also ging ich auch am Sabbat nicht hin.

Am Montag gingen mir dann die Entschuldigungen aus. Ich konnte mich immer noch in dem Taxi sehen, einfach vorbeifahrend und mit jeder Stunde, die verging, fühlte ich mich zunehmend schlecht. Gegen Ende des Arbeitstages rief ich also meine Frau an. Der Wagen, sagte sie, stand Zuhause. Ich ging nach Hause, stieg ins Auto und fuhr zum Haus des Premierministers. Überraschenderweise – und traurigerweise – hatte ich keine Probleme damit einen Parkplatz zu finden. Nur ein paar Meter weiter befand sich der „Protest“, so wie er stattfand, in Hochgeschwindigkeit. Es gab zahlreiche Plakate; ein Verwandter eines Terroropfers hielt ein Schild hoch, auf dem stand: „Befreit die, die unsere Lieben umbrachten, um Gilad Shalit zurückzuholen.“ Dazu ein paar Dutzend Leute. Ich sah Shalits Vater nicht, aber seine Mutter war da und sprach mit jemandem. Ich wartete ein paar Minuten und als sie frei war, ging ich zu ihr.

Was kann man sagen, das nicht völlig banal ist? Ich sagte das, von dem ich glaubte, dass es am wenigsten absurd sein würde und wir unterhielten uns ein paar Minuten. Sie dankte mir, dass ich gekommen war, ich wünschte ihr alles Gute, nahm ein paar Aufkleber vom Tisch und gab einer jungen Frau meine Telefonnummer – sie wollte SMS-Nachrichten schicken können, wenn sie kurzfristig eine massive Demonstration brauchten. Dann ging ich zurück zum Auto.

Als ich in die Innenstadt fuhr, um etwas abzuholen, das wir für das Haus bestellt hatten, konnte ich das Gesicht von Shalits Mutter nicht aus Kopf bekommen. Obwohl ich mir vorstellen konnte, dass sie in etwa in meinem Alter ist, sieht sie alt genug aus, um meine Mutter zu sein. Als ich versuchte mir vorzustellen, wie es sein würde das Leben zu leben, das sie leben, begannen sich die Zweifel, die ich lange wegen des Handels hatte (die meine Frau nicht teilt) zu verflüchtigen. Als ich in das Geschäft in der Innenstadt erreichte und der Mann, von dem wir die Dinge gekauft hatten, sie einwickelte, erzählte ich ihm, wo ich gewesen war. Wir kennen ihn locker, seit Jahren, aber ich weiß nicht allzu viel von ihm. Er ist ein Einwanderer (und er glaubt offensichtlich an dieses Land). Er ist ein außerordentlich netter Typ. Er trägt keine Kippa. Und er ist ein außergewöhnlicher Künstler. Das ist alles, was ich weiß.

Er wickelte die Dinge ein, hörte mir zu und sagte: „Nun, ich bin wahrscheinlich in der Minderheit in diesem Land, aber ich bin gegen diesen Austausch. Wir hören auf mit solchem Handel, sie hören auf Soldaten zu entführen. Wir machen diesen Handel und wir betteln einfach darum, dass sie einen weiteren entführen.“ Er wickelte alles fertig ein, nahm meine VISA-Karte, sah mich an und sagte: „Aber Gott sei Dank muss ich das nicht entscheiden. Das ist zu schlimm.“ Und dann machte er im Grunde klar, dass er nicht weiter darüber reden wollte, dass er nicht weiter darüber reden konnte. Normalerweise unterhalten wir uns in seinem Geschäft etwas. Diesmal fast gar nicht. Was gab es auch zu sagen?

Er stempelte meinen Parkschein und ich verließ das Geschäft mit einem kurzen Dank.

Micha kam kurz nach mir nach Hause und sah die Aufkleber auf meinem Schreibtisch. „Wo hast du die her?“, wollte er wissen. Ich erzählte ihm von meinem Nachmittag. „Du hast mit seiner Mutter gesprochen?“ Ich sagte ihm, dass ich das hatte. „Was hast du gesagt?“ Was gab es zu sagen? Das fragte ich ihn mehr oder weniger.

„Kann ich diesen haben?“, fragte er und hielt den Aufkleber hoch, auf dem „Hatzilu“ stand – „Rettet mich!“ – in Hnadschrift, die von einer Notiz übernommen war, die Shalit vor vielen Monaten aus der Gefangenschaft geschrieben hatte. „Sicher“, sagte ich, ein wenig überrascht, dass er ihn haben wollte.

„Wie war seine Mutter so?“, fragte er mich plötzlich. Ich sah von meinem Computer auf. „Ich habe sie nicht richtig kennen gelernt“, sagte ich ihm. „Sie ist ziemlich traurig. Aber heute sieht es gut aus. Er könnte tatsächlich frei kommen. Die Verhandlungen gehen weiter, Aschkenazi [der Generalstabschef] kommt früher aus Amerika zurück, wer weiß also, was passiert? Vielleicht kommt er raus. Sie ist voller Hoffnung, denke ich. Verängstigt, aber voller Hoffnung.“

Er war eine Minute still. „Ich finde nicht, dass wir den Handel eingehen sollten“, sagte er. „Es ist fürchterlich, dass er dort ist, aber Hunderte Mörder freizulassen, wenn wir wissen, dass sie einfach weiter Menschen umbringen werden? Das ist gefährlich für das Land.“

Ich sah ihn an und stellte ihm die Frage, die jede israelische Familie sich stellt, gewöhnlich ohne sie auszusprechen: „Was wäre, wenn es Avi wäre?“ [Sein älterer Bruder, der jetzt in der Armee dient.]

Er starrte mich an. „Das wäre beschissen.“

Gut, mein Sohn wird also wahrscheinlich seinen Lebensunterhalt nicht mit seiner Dichtkunst bestreiten, aber er kann immer noch denken. „Das ist alles?“, fragte ich.

Er war einen Moment still. „Ja“, sagte er. „Das wäre echt beschissen.“ Und damit erklomm er die Treppe und ging in sein Zimmer, vermutlich um Hausaufgaben zu machen.

Dann dachte ich darüber nach. Vielleicht ist sein Ausdrucksvermögen nicht so begrenzt, wie ich fürchtete. Vielleicht ist es einfach die Lage. Es wäre wirklich beschissen. Was kann man eigentlich sonst noch sagen?

Der Abend schritt voran und ich ging die verschiedenen Nachrichtenseiten durch, während ich versuchte Arbeit zu erledigen; ich kam nicht daran vorbei einen allmählichen Anstieg von Optimismus im Web festzustellen. In Kairo geschah etwas. Die Zahl der Reporter und Fotografen um das Protestzelt der Shalits nahm etwas zu. Elisheva, schon lange für den Austausch – jeden Tausch – ging schlafen, voller Hoffnung. Ich blieb auf und arbeitete.

Und dann, irgendwann zwischen 23 Uhr und 23.30 Uhr wurde alles anders. Nichts würde passieren. Die Verhandlungen waren vorbei. Die Hamas hatte sich verhärtet. Oder Israel hatte sich herausgestohlen. (Das ist davon abhängig, welche Internetseite man liest.) Aber Gilad Shalit sollte nicht nach Hause kommen, jedenfalls jetzt noch nicht. Ich konnte es kaum glauben. Ich wartete etwa eine weitere halbe Stunde um zu sehen, ob die Nachrichten sich wieder drehen würden, aber das taten sie nicht. Ich musste früh aufstehen und hatte einen langen Tag vor mir. Ich brauchte etwas Schlaf.

Also ging ich ins Bett. Aber die kurze Unterhaltung mit seiner Mutter und der Blick in ihre Augen wollten einfach nicht verschwinden. Es gibt eine Grenze dafür, wie lange man an die Decke starren kann, bevor man weiß, dass an Schlaf einfach nicht zu denken ist. Also ging ich nach unten und zurück ins Internet. Nichts. Die Verhandlungen waren tot. Ich versuchte zu lesen, erfolglos. Und ich war zu müde um zu arbeiten. Also nahm ich eine Flasche Scotch und schenkte mir mehr ein, als ich vielleicht hätte tun sollen. Eine halbe Stunde später, nachdem ich das Web abgesucht hatte, nur um festzustellen, dass sich nichts geändert hatte, ging ich schlafen.

Am Morgen, als Elisheva herunter kam, sah sie den Scotch und jetzt auch das Tylenol. Sie hatte offensichtlich die Nachrichten gehört. „Schlimme Nacht, was?“ Ich sah kaum von der Tastatur auf und sagte ihr, ich habe nicht einschlafen können, dass ich nicht aufhören konnte an diese Mutter zu denken und an diesen Sohn. „Ich weiß, es klingt verrückt“, sagte ich zu ihr.

Sie kam herüber und sah mich an. „Das ist nicht verrückt“, sagte sie. „Auf seltsame Weise ist er auch in gewissem Sinn unser Sohn. Darum ist es so schmerzhaft. Aber das bedeutet es, hier zu leben. Hier zu leben bedeutet, dass man einen inneren Kreis hat, der unglaublich groß ist. Das Leben hier ist manchmal zu roh, zu mächtig. Und das ist der Grund, dass man niemals weggehen wird.“

Sie hatte natürlich recht, wie üblich. Endlich hatte jemand etwas gesagt, das etwas Sinn machte.

Und plötzlich wünschte ich mir, dass wir dieses kurze Gespräch vor dem Sabbat-Mittagessen gehabt hätten. Denn das war, mehr als alles andere, das einer von uns auf die nachdenkliche Frage dieser Mutter gesagt hatte, die wirkliche Antwort. Man lebt hier und man fühlt Dinge, die man nirgendwo sonst fühlt. Das ist einfach so. Man ist Teil von Dingen, von denen man nirgendwo sonst Teil wäre. Man sorgt sich um Leute, um die man sich nirgendwo sonst in dieser Weise kümmern würde. Die Geschichten anderer Leute sind die eigenen Geschichten in einer Art, wie sie das nirgendwo sonst sein könnten. Man weint und man lacht und man trauert und man feiert, mit Leuten, die einem andernorts überhaupt nichts bedeuten würden.

Man mag sogar nicht sicher sein, dass wir den Austausch machen sollten, um ihr Kind da rauszuholen, aber man weint, wenn wir das nicht tun können. Und wenn man uns die Wahl gibt auf diese Weise zu leben oder nicht auf diese Weise zu leben, dann gibt es nur eine Frage, die von Bedeutung ist:

Warum sollte ich darüber nachdenken irgendwo anders leben zu wollen?

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