„Ein Heimtrainer, zwei Flüchtlinge, ein College”

Daniel Gordis, 14. Oktober 2007 (Link existiert nicht mehr)

Beginnen wir mit zwei Geschichten.

Die erste ereignete sich vor acht Jahren: Wir waren gerade in unsere Wohnung in Jerusalem gezogen. Nach fast zwei Jahren in drei verschiedenen Mietwohnungen waren wir mehr als bestrebt uns niederzulassen, unsere eigenen Möbel wieder zu haben, unsere Bücher auszupacken und ein „echtes“ Zuhause einzurichten. Wir wollten auch einen Heimtrainer haben, was wir aufgeschoben hatten, so lange wir umherzogen.

Kurz nach unserem Einzug fuhr ich mit Levi, einem sehr guten Freund, der schon einige Jahre hier war, zu „MegaSport“. Nachdem wir die Wahl auf eine kleine Auswahl reduziert hatten, rief ich mit dem Handy meine Frau an und fragte sie, welches Gerät sie haben wollte. Wir unterhielten uns noch ein paar Minuten und trafen eine Entscheidung. Ich zahlte, arrangierte alles für die Lieferung und wir gingen zurück zum Auto. Als er rückwärts aus seinem Parkplatz fuhr, dreht Levi sich zu mir um und sagte: „Weißt du, als ich hierher zog, habe ich nun wirklich nicht meine Frau mit meinem Handy angerufen, um sie zu fragen, welches Heimtrainer-Modell ich kaufen sollte.“

Ich habe keinen Zweifel, dass Levi, als wir den Parkplatz hinter uns ließen, seinen Kommentar bereits wieder vergessen hatte. Ich allerdings nie. Ich sehe immer noch den Ort vor mir, wie das Schaufenster durch die Windschutzscheibe hindurch aussah. Das Bild ist in meiner Erinnerung eingebrannt. Levi mag das gemeint haben oder auch nicht, aber wie ich ihn verstand, hatte er gesagt, dass wir zu spät hier angekommen waren. „Ihr seid in ein schon fertiges Land gezogen“, sagte er im Grund genommen. „Geldautomaten, Handys, eine anständige Oper, Museen und Streichquartette; sechs Universitäten; ein guter Job in einer stabilen Wirtschaft. Aber ihr seit zu spät gekommen um tatsächlich etwas aufzubauen. Ihr seid zu alt für’s Militär. Die Hule-Sümpfe sind trocken gelegt. Andere Leute haben all das gemacht und jetzt kommt ihr.“

Gut. Vielleicht hat er das nicht so gemeint, aber so hat es sich angefühlt. Stimmt, er sang nicht das alt zionistische Liedchen, Anu Ba’nu Artza – „Wir kamen in das Land, es zu aufzubauen und darin aufgebaut zu werden“, aber er hätte es genauso gut tun können. Sein Punkt war klar: Was bedeutet es hier zu leben, wenn ihr nicht tatsächlich etwas aufbaut?

Deshalb habe ich mich oft gefragt: „Sind wir wirklich zu spät gekommen, um etwas aufzubauen, um einen echten Beitrag dazu zu leisten, was dieses Land werden kann?“ Ich habe versucht mein Unbehagen zu lindern, indem ich mir sagte, dass hier anständige, nachdenkliche und engagierte Kinder aufzuziehen auch eine Art eigener Beitrag ist. Oder dass meine Arbeit sehr wichtige Dinge für die israelische Führung beiträgt. Und doch, diese Bemerkung auf dem Parkplatz zu Handys und Heimtrainern hat nie ganz aufgehört an mir zu nagen.

Die zweite Geschichte stammt aus diesem Sommer: Zusammen mit meinem Sohn Avi und einem Freund, der aus Los Angeles zu Besuch war, fuhr ich in den Norden, um zwei sudanesische Flüchtlinge zu besuchen, die kürzlich aus einem israelischen Gefängnis entlassen wurden, gerade als die Darfur-Geschichte begann hier die Schlagzeilen zu bestimmen. Zu der Zeit, als wir in dem Moschaw ankommen, in dem sie leben und als Tagelöhner arbeiten, wird es ein wenig dunkel. Wir sitzen vor dem umgebauten Frachtcontainer, in dem sie wohnen (es ist nur ein metallener Frachtcontainer, aber ich bemerke, dass er eine Klimaanlage und eine Satellitenschüssel auf dem „Dach“ hat) und sie fangen an uns ihre Geschichte zu erzählen.

Einer, dessen Englisch ein wenig besser war (und den wir für unsere Zwecke Ibrahim nennen wollen), übernahm meistens das Reden. Er hatte im Sudan eine Herde von 400 Rindern und ich gehe davon aus, dass ihn das zu einem wohlhabenden Mann machte. Er war außerdem auch Lehrer und hatte Zuhause eine Bücherei recht ansehnlichen Ausmaßes. Er war eines von elf Kindern einer angesehenen Familie. Aber sein Wohlstand und seine Position brachte ihm nichts Gutes ein. Die Janjaweed griffen sein Dorf an, töteten die meisten seiner Geschwister, zwangen ihn mit seinem Vater zur Flucht in die Wildnis. Sein Vater starb dann und er selbst wurde später gefangen genommen.

Seine Entführer, sagte er uns, verbrannten jeden Abend zwei oder drei der Gefangenen bei lebendigem Leibe vor den anderen, angeblich um von ihnen „Informationen“ zu bekommen. Am Abend, bevor er lebendig verbrannt werden sollte, ging den Entführern das Holz aus. Also wurden die Gefangenen unter den wachsamen Augen ihrer bewaffneten Wächter, ins Dickicht geschickt, um mehr Holz zu holen. Ibrahim wusste, was passieren würde, wenn er in das Lager zurückkehrte. Also planten er und ein anderer die Flucht, während sie im schulterhohen Busch arbeiteten. Die Details sind komplex, es sollte reichen zu sagen, dass sie ihren Entführern entkamen und drei Tage lang mit aneinander geketteten Füßen unterwegs waren, bis sie jemanden fanden, der ihnen half die Ketten aufzusägen.

Irgendwann schaffte es „Ibrahim“ bis nach Ägypten. Dort traf und heiratete er eine Frau, die auch aus Darfur geflohen war. Einige Monate später was sie schwanger und sie beantragten bei der UNO Flüchtlingsstatus. Im Dezember 2005 nahmen sie an einer großen Demonstration vor dem UNO-Sitz in Kairo teil und drängten die UNO ihre Fälle schneller zu bearbeiten. Aber die ägyptische Armee brach die Demonstration auf, indem sie Wasserwerfer mit eiskaltem Wasser einsetzte (im Dezember). In dem Durcheinander wurde Ibrahim von seiner Frau getrennt und während er in einen Bus geschoben wurde, sah er, wie sie in ein Polizeifahrzeug gezwängt wurde.

Nach einigen Tagen in einer ägyptischen Gefängniszelle mit 60 anderen Insassen (der Platz war reichte gerade aus, dass 30 gleichzeitig schlafen konnte (also schliefen 30 einige Stunden auf dem Zementboden, während der Rest stand und dann wurde gewechselt), wurde Ibrahim aus dem Gefängnis entlassen und suchte nach seiner Frau. Zuerst gab es von ihr kein Zeichen. Irgendwann, nachdem er die ganze Stadt abgesucht hatte, fand er ihren Namen auf einer Liste Toter, die an eine Kirchentür geheftet war.

Nun konnte Ibrahim kaum noch sprechen. Wir natürlich auch nicht. Denn es war eine Geschichte, wie wir sie früher schon gehört hatten, nur dass diese von uns handelte. Familien, in Sicherheit und respektiert, plötzlich auseinander gerissen und ermordet. Ehemänner von Ehefrauen getrennt. Grausamkeit, die jeder Beschreibung spottet. Ganze Gemeinden in alle Richtungen zerstreut und ermordet.

Ibrahim fuhr fort: „Ich wusste, ich muss nach Israel gehen. Ich habe in der Bibel gelesen, dass die Juden Fremde gut behandeln. Israel wird sich um mich kümmern, wusste ich.“

Er machte ein Pause; und plötzlich war ich nicht in der Lage meinen Sohn anzusehen. Ich wünschte ich hätte ihn nicht mitgebracht. Weil ich wusste, was kommen würde. Ibrahim würde uns erzahlen, dass die Bibel sagt, dass die Juden gut zu Fremden sind, aber schau, was wir in Wirklichkeit tun. Wir stecken sie ins Gefängnis, nicht wahr? Ich stellte fest, dass ich die Armlehnen des Plastikstuhls, auf dem ich saß, fest umschloss, dass ich Ibrahim zuhörte, aber direkt auf den Boden starrte.

Er beschrieb, wie er und ein anderer Flüchtling (der stille Mann, der hier neben ihm saß) langsame ihren Weg durch die Wüste Sinai fanden, ohne Taschenlampen oder Kerzen. Tagsüber schliefen sie und verhielten sich still, um nicht entdeckt zu werden; nachts schlichen sie weiter, immer im Versuch nicht zu weit nach Westen zu kommen (und im Gazastreifen zu landen) oder zu weit nach Osten und damit (nach ihren geografischen Kenntnissen) in Jordanien zu landen. Schließlich kamen sie nach Wochen nächtlichen Wanderns an einen Stacheldrahtzaun. Sie wussten, dass es eine Grenze war, aber sie waren sich nicht sicher welche. Sie krochen ohne Probleme hindurch, sagte er, standen auf und schauten sich in dem neuen Land um, in dem sie angekommen waren.

Innerhalb von Sekunden, erzählte uns Ibrahim, strömten Armee-Jeeps auf sie zu, Scheinwerfer tränkten die Gegend in grelles Weiß. Soldaten sprangen heraus, ihre Gewehre schussbereit. Es muss Angst einflößend gewesen sein, stellte ich mir vor. Aber Ibrahim sagte ruhig und deutet auf den Fleck auf seinem Hemd, oberhalb der Brusttasche: „Ich sehe die Schrift der Soldaten, die ich nicht kenne. Und ich weiß, dies ist Israel. Ich weiß, für mich ist alles in Ordnung.“

Ich lachte fast. Er sieht Hebräisch, also glaubt er, alles ist in Ordnung. Aber ich wusste, dass Ibrahim verhaftet worden war und ich wusste, dass es eine scheußliche Geschichte über diese Soldaten geben würde. Ich schielte zu Avi hinüber; er sah das und sah mir in die Augen. Gerade aus der High School entlassen, dauert es nicht mehr lange, bis er selbst einzogen wird und ich fühlte mit ihm. Sie würden uns von der Armee erzählen, der er schon bald beitreten würde, un ddas würde nicht schön werden.

Ibrahim erzählte weiter. Die Soldaten hatten keine Ahnung, was sie mit diesen Männern anfangen sollten (das war, bevor die Flut an Flüchtlingen kam), setzten sie in ihren Jeep und nahmen sie mit auf ihre Basis. Dort sagten sie Ibrahim und seinem Freund: „Wir werden morgen überlegen, was zu tun ist.“ In der Zwischenzeit gaben sie ihnen Abendessen, machten ihnen Betten und ließen schlafen gehen.

Nun, das war nicht das, was ich zu hören erwartet hatte.

Der Rest der Geschichte ist kompliziert. Weil er illegal ins Land gekommen war (und als sudanesischer Staatsbürger ist er Bürger eines Landes, das sich formal mit Israel im Krieg befindet), wurde Ibrahim schließlich verhaftet. Als unser Freund aus Los Angeles ihn fragte, wie es im israelischen Gefängnis war, lächelte er und sagte: „Ja, sehr gut.“ „Nein“, sagte unser Freund in der Annahme, er habe die Frage nicht verstanden. „Im Gefängnis. Wie war es im Gefängnis?“ „Ja“, blieb Ibrahim dabei. „Gut. Sie geben uns Essen. Die Wachen sind freundlich.“ Schließlich erlaubte ich mir einen kurzen Blick auf Avi.

Irgendwann ließ ein Richter ihn aus dem Gefängnis und ihm wurde erlaubt in diesem Moschaw zu arbeiten, der eine Anzahl von Flüchtlingen übernommen hatte. In ein paar Wochen, erzählte er uns, würde es keine Grenzen für seine Bewegungsfreiheit geben. Er würde nach Tel Aviv gehen, sagte er, um zu versuchen einen Job zu finden und sein neues Leben zu beginnen.

„Denken Sie, man wird Ihnen erlauben in Israel zu bleiben?“, fragte mein Freund ihn. Ibrahims Lächeln verschwand. „Ich muss“, sagte er. „Dies ist ein wunderbares Land. Menschen hier sind sehr freundlich. Ich würde lieber in Israel sterben als zurück nach Ägypten oder in den Sudan zu gehen. Sie würden mich dort töten.“ Er hat sie das tun sehen, sollten wir uns erinnern.

Wir machten ein paar Fotos, tauschten Handynummern aus. Ibrahim hatte den Namen meines Sohnes vergessen und fragte ihn danach. „Avi“, sagte Avi. Ibrahim sah zu seinem Freund und sie lächelten. Er wandte sich zu uns und sagte: „Avi war der Name eines Wächters im Gefängnis. Er war sehr netter Mann.“

Allein auf der Straße die Küste entlang sprachen wir über das, was wir gehört hatten. Wie können einige Israelis nicht sehen, dass wir die Darfur-Flüchtlinge einfach hinein lassen müssen? Spricht die Geschichte über die Durchwanderung der Wüste von Ägypten in das gelobte Land uns nicht länger an? Warum kriegen wir die UNO nicht dazu ihre Streitkräfte an der Grenze durch Experten zu verstärken, die sagten können, wer wirklich Flüchtling vor Völkermord ist und wer einfach ein besseres Leben sucht (wobei Letztere wahrscheinlich zu zahlreich sein dürften, als dass Israel sie aufnimmt)? Warum bringt das Außenministerium nicht Geschichten wie diese in die Presse, statt der Versuchung nachzugeben absurd spärlich bekleidete Frauen dazu zu nutzen, um angeblich Israels Image im Ausland zu verbessern?

Aber mich sorgte etwas anderes. Nicht die armselige Nicht-Politik der Regierung bezüglich dieser Flüchtlinge oder gar die Verzweiflung des Außenministeriums. Es war ich selbst. Warum war ich so sicher gewesen, dass Ibrahim uns erzählen würde, wie misanthropisch die Israelis seien, dass die Soldaten ihn misshandelt hätten. Warum nahm ich an, dass die Soldaten etwas Falsches getan hätten, wo sie doch in Wirklichkeit außergewöhnlich freundlich gewesen waren? Warum war ich mir so sicher, dass Israel auch hier versagt hätte? Das Israel, das Ibrahim kennt, ist ein freundlicher, anständiger Ort. Wenn er wo sicher war, warum war ich so unsicher?

Zynismus ist eine gefährliche Seuche, ein Krebsgeschwür der Seele. Oft wissen wir nicht, dass es in uns ist, bis es zu spät ist, bis ein Teil von uns gestorben ist. Er ist auch ansteckend. Und dieses Land hat einen Zynismus in drei Stufen. Mit Zynismus meine ich nicht den gelegentlichen höhnischen Witz auf einer Cocktailparty. Ich meine einen niedriggradigen, aber konstanten Selbstekel vieler Leute, die ich in der Elite der intellektuellen und akademischen Kreise Israels kenne, für die eine Diskussion des jüdischen Staates mehr als vorbei ist.; es ist absurd. Wenn man etwas über die Werte sagt, die dem Zionismus inne wohnen, klingt man seltsam. Wenn man darauf besteht, dass die Juden etwas Einzigartiges zu sagen haben und dass einen Staat zu haben unsere Plattform ist, auf der wir anfangen können, dieses „Etwas“ zu artikulieren, schauen sie einen an, als wäre man „niedlich“. Als wenn man von einem jungen Paar, das sich verabredet, als „hofierend“ bezeichnet oder als ob man gerade Jeans „Nietenhosen“ genannt hätte. Du bist ein Anachronismus und niemand der „Wissenden“ wird dich oder deine Ideen sonderlich ernst nehmen.

Dieser Selbstekel manifestiert sich in einer unbarmherzigen Diskussion über die Besatzung, ohne Bezug dazu, warum die Besatzung begann oder zu der Tatsache, dass Israel nicht unbedingt viele vernünftige Optionen hat, die sie beenden könnte. Man sieht das, wenn Leute darauf bestehen, dass Israel „jetzt einfach einen Friedensvertrag unterschreiben“ sollte, ohne zu berücksichtigen, was sich in Gaza entwickelt, in vollständiger Leugnung der offensichtlichen Tatsache, dass es keine Möglichkeit gibt, dass Abu Mazen bei irgendetwas von dem Wort halten kann, was er vor oder während Annapolis verspricht. Es ist die Kultur, in der Postnationalismus als offensichtliche Wahrheit gilt, ohne Erkennung der Tatsache, dass nur bei der Diskussion des Staates der Juden ist, bei der die Leute darauf bestehen, dass der Nationalstaat abgeschafft werden sollte. Es ist der Plauderstil, in dem jeder Erwähnung eines israelischen Soldaten eine Geschichte von einem barbarischen Akt folgen muss, damit man nicht übermäßig nationalistisch erscheint.

Man kann das auch hier finden: In den letzten Jahren hat mir mehr als ein Kollege – mit einem Zwinkern und einem Lächeln – davon erzählt, wie sein/ihr körperlich gesunder Sohn eine Möglichkeit gefunden hat, seinen Militärdienst nicht abzuleisten. „Das ist nichts für ihn“, sagten sie. Er will Musik machen, seiner Kunst folgen, seinem athletischen Können. Denn es ist nicht so, als sei die Verteidigung des ersten Heimatlandes, das die Juden in zweitausend Jahren gehabt haben, tatsächlich ein Wert ist, nicht wahr? Aber das Saxophon? Nun, das ist etwas von Wert.

Sie waren mir unter die Haut gegangen, bemerkte ich, als wir vom Mittelmeer ins Landesinnere abbogen und den langen Aufstieg nach Jerusalem begannen. An diesem Abend, als ich Ibrahim zuhörte, wusste ich einfach, dass wir ihm Unrecht getan hatten – selbst wenn wir das nicht getan hatten. Natürlich war ich entsetzt von diesen Geschichten um die Umgehung des Wehrdienstes und ja, ich wusste, welche Freunde und Kollegen ich nach einem Bombenanschlag meiden sollte, damit ich mir die Kommentare darüber ersparte, wie „das Böse der Besatzung“ rechtfertigt, dass Frauen und Kinder in einem Café in tausend Stücke zerfetzt werden. Aber was, außer diese Leute zu meiden, fragte ich mich, würde ich deswegen unternehmen? Nichts.

In der Stille im Auto dachte ich über dieses Land nach und darüber, wie man eine Gesellschaft kurieren kann, die nicht länger an einem ernsthaften Diskurs darüber teilnimmt, warum seine Existenz wichtig ist. Und ich dachte über diesen Heimtrainer nach – und über Levis Frage: „Ist nicht etwas aufzubauen der Grund dafür, dass du hier bist?“

Und dann – es ist unglaublich – klingelte das Telefon (näher an der Wahrheit ist, dass eine E-Mail sich den Weg in meinen Posteingang bahnte). Es war das Shalem Center, ein Jerusalemer Forschungs- und Bildungsinstitut, das Forschung, Bildung und Veröffentlichung zu jüdischem moralischem und politischem Denken, zionistischer Geschichte und Ideen, demokratischer Theorie und Praxis, strategischen Studien und noch mehr betreibt. „Wie wäre es, wenn Sie uns einen Besuch abstatten“, schlugen sie vor. Da ich ihre Journale und Bücher seit Jahren mit großer Bewunderung gelesen hatte, stimmte ich hastig zu. (Um den E-Mail-Newsletter des Shalem Center zu bekommen, klicken Sie hier.)

Ein Gespräch folgte dem anderen und ziemlich schnell wurden mir einige der aufregendsten Dokumente gezeigt, die ich seit langem gelesen hatte: der Vorschlag für ein College. Ein vierjähriges geisteswissenschaftliches College (ein Modell, das in Israel noch nicht existiert), mit einem Kerncurriculum, zu dem Geschichte, Philosophie, Wissenschaftsphilosophie, griechisches Denken, jüdisches Denken, jüdische Geschichte, zionistische Geschichte und Denken, Religion und Moral und mehr gehört. „Das ist recht erstaunlich“, sagte ich ihnen. „Es könnte das Land verändern.“ „Wie wäre es denn, wenn sie an Bord kommen und uns helfen es aufzubauen?“, schlugen sie vor.

Wie ich es bei dem Heimtrainer getan hatte, fragte ich meine Frau, was ich tun sollte. „Was, ich sollte alles aus heiterem Himmel fallen lassen und einen prima Job bei einer super Stiftung hinwerfen, mit tollen Leuten, die gute Freunde geworden sind, und alles hinter mir lassen? Wer mit gesundem Verstand würde so etwas tun?“, fragte ich sie. „Du“, sagte sie. „Du solltest das tun. Wieso stellst du dich überhaupt so an? Erinnerst du dich, dass du immer sagtest, das Einzige, was du daran bereust Amerika verlassen zu haben, sei, dass unsere Kinder nicht die Art von geisteswissenschaftlicher Bildung bekommen würden, die wir erhielten? Was, wenn dieses Projekt das ändern könnte?“

„Was, wenn“, tatsächlich. Was wäre, wenn wir Generationen von Studenten hervorbringen könnten, die nicht dem Zynismus erliegen, die tatsächlich glauben, dass der größte Beitrag der Juden für die Welt im Bereich der Ideen liegt und die diese Ideen studieren und diskutieren wollen? Was wäre, wenn wir Studenten hervorbringen könnten, die gründlich darauf vorbereitet sind Bürger des jüdischen Staates, des jüdischen Volkes und der Welt zusein, die intelligent über Nationen und Staaten sprechen könnten und über politische Philosophie und Religion und Moral und die die irgendwann dahin wachsen Israels politische Führung zu werden, seine großen Juristen, Akademiker und Unternehmer? Wäre das möglicherweise kein Beitrag von weniger Wert sein als die Arbeit früherer Generationen?

Ich weiß nicht, was die meisten Eltern in einer solchen Situation tun, aber wir bezogen unsere Kinder in unsere Überlegungen ein, was wir tun sollten. Sie sind alt genug, dachte ich, um etwas darüber zu lernen, wie man diese Art Entscheidungen durchdenkt. Wir sprachen über Karrieren und Gehälter, Arbeitsplatzsicherheit und das ständige Bedürfnis nach Herausforderungen. Und am wichtigsten: einmal mehr sprachen wird darüber, warum wir überhaupt hierher gezogen waren.

In ein paar Monaten steht hier ein wichtiger Jahrestag an. Und ich glaube, dass dies eine gute Gelegenheit sein würde sie daran zu erinnern, dass, obwohl 60 Jahre in ihrem Alter eine lange Zeit zu sein scheint, dies für ein Land kaum der Anfang ist. Was ein Segen ist, wenn man darüber nachdenkt. Weil es bedeutet, dass selbst, wenn das Land bereits aufgebaut zu sein scheint, das nur eine Illusion ist. In Wirklichkeit formt es sich noch. Und wenn man wirklich an diesen Ort glaubt, dann wollte ich, dass sie das verstehen; und wenn man wirklich glaubt, dass die Zukunft des jüdischen Volks davon abhängig ist den Staat immer noch zu formen, dann ist es eigentlich relativ einfach einige große Entscheidungen des Lebens zu treffen. Man nimmt ein Projekt, von dem man glaubt, dass man etwas wirklich Entscheidendes beitragen kann, das vielleicht sogar alles verändert. Und dann rollt man die Ärmel auf und geht an die Arbeit.

Ist das nicht immerhin genau das, warum wir hier sind?

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