In den USA gibt es mehr Antisemiten als Juden in der Welt

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Es gibt in den Vereinigten Staaten weit mehr Antisemiten als es in der Welt Juden gibt. Das war schon vor der aktuellen Flut an Drohungen gegen jüdische Einrichtungen, Schändungen von Friedhöfen und anderen Bezeugungen von Antisemitismus durchaus bekannt.

Schon mehrere Jahre lang hat die Anti-Defamation League in vielen Ländern rund um die Welt Meinungsumfragen zu Antisemitismus durchgeführt.[1] Menschen wurden Fragen gestellt, die sich fast vollständig auf klassischen Antisemitismus konzentrierten und keinen Bezug zum neuesten Typ des Antisemitismus haben: dem Antiisraelismus.

Die Studie der ADL wollte von den Befragten wissen, ob elf negative Stereotype „wahrscheinlich wahr“ oder „möglicherweise falsch“ seien. Befragte, die sagten, dass mindestens 6 der 11 Äußerungen „wahrscheinlich wahr“ seien, wurden als antisemitische Haltungen eingestuft.[2] Die ADL-Studie von 2015 stellte somit fest, dass es in den USA 24 Millionen erwachsene Antisemiten gibt, was 9% der Bevölkerung entspricht. Es sollte festgehalten werden, dass es weltweit höchstens 11 Millionen erwachsene Juden gibt.

Die negativen Haltungen sind weit schlimmer, wenn wir uns die Antworten auf eine der Fragen der Umfrage ansehen. Das am meisten festgehaltene Stereotyp zu Juden in den USA lautet: „Juden sind Israel gegenüber loyaler als den Vereinigten Staaten gegenüber.“ Die ADL stellte fest, dass mehr als 80 Millionen Amerikaner (33%) diese Meinung teilen. An den nächsten Stellen der üblichen Stereotype stand: „Juden reden immer noch zu viel über den Holocaust.“ (22% der Befragten) und „Juden haben im Geschäftsleben zu viel Macht“ (18% der Befragten).[3] In einer früheren Studie stellte die ADL fest, dass 26% der amerikanischen Bevölkerung Juden für den Tod von Jesus verantwortlich machen.[4]

Etwa sieben von zehn Juden in den USA sagen, dass sie entweder sehr (30%) oder etwas (39%) an Israel hängen, während acht von zehn sagten, sich um Israel zu kümmern sei ein entweder grundlegend wichtiger (43%) oder wichtiger (44%) Teil dessen, was Jude zu sein ihnen persönlich bedeutet.[5] Das bedeutet nicht, dass diese Leute Israel gegenüber loyaler sind als den Vereinigten Staaten gegenüber. Da die beiden Länder enge Verbündete sind, gibt es hier keine Spannungen.

Zu fragen, ob der Amtsantritt der Trump-Administration zu verstärktem Antisemitismus geführt hat, gehört zum Standard. Die Antwort ist komplizierter als es scheint. Die Erfahrung zeigt, dass Juden in ruhigen Zeiten weniger Probleme durch Antisemitismus begegnen als in unruhigen Zeiten. Die Vereinigten Staaten machen gegenwärtig eine Zeit der Polarisierung durch. Während des Präsidentschaftswahlkampfs trugen die Lager von Sanders, von Trump und von Clinton allesamt zu dieser Polarisierung bei, die sich nach der Wahl nicht auflöste.

Es sollte auch gesagt werden, dass vor dem aktuellen Ausbruch an Antisemitismus bei weitem nicht alles gut war. Nach Angaben der FBI-Statistiken zu Hassverbrechen richteten sich mehr als die Hälfte der mehr als 1200 religiös motivierten Vorfälle gegen Juden,[6] doch Juden stellen nur 2% der US-Bevölkerung.

Unter der Obama-Administration gaben die Medien anderen, gedeihenden Formen des Antisemitismus viel zu wenig Aufmerksamkeit. Eine Studie der AMCHA-Initiative von 2016 zeigte für die erste Hälfte von 2016 gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 eine Zunahme der Antisemitismus an Universitäten um 45%.[7]

In einer Meinungsumfrage unter jüdischen Studenten, die im Sommer 2015 für Taglit-Geburtsrechtreisen des Center for Modern Jewish Studies der Brandeis University teilnahmeberechtigt waren, berichteten mehr als die Hälfte, dass sie 2014 und 2015 Antisemitismus am eigenen Leib erfahren oder Zeuge davon gewesen waren.[8] Mehr als ein Viertel der Bachelor-Studenten beschrieben Feindschaft gegenüber Israel bei ihren Kommilitonen als ein „ziemliches“ oder „sehr“ großes Problem.[9]

Auch andere linke antisemitische Initiativen blühten unter der Obama-Administration auf. Diese maskieren sich gewöhnlich als Antiisraelismus. Die Bewegung Black Lives Matter hat in ihrer sozialen und politischen Agenda Gründungsdokumente, die Israel des „Völkermords“ und der „Apartheid“ beschuldigen.[10] Diese Bewegung hat zudem die Kampagne Boykott, De-Investitionen und Sanktionen (BDS) gegen Israel befürwortet.[11] Diese Kampagne ist allgemeiner gesagt ein weiteres Beispiel für Antisemitismus, der aus der politischen Linken stammt. Die BDS-Kampagne ist ausdrücklich gegen Israel aktiv, um es wirtschaftlich, kulturell und politisch zu isolieren.

Das Außenministerium hat eine Arbeitsdefinition für Antisemitismus, ebenso die Internationale Holocaust-Gedenkallianz.[12] Für Letztere war die Anerkennung durch die USA notwendig. Gemäß beiden Definitionen ist BDS antisemitisch.[13]

Derzeit sehen wir weitere Phänomene dessen, was mutmaßlich rechter Antisemitismus ist. Diese Art Antisemitismus ist seit langer Zeit vorhanden. Einen der schlimmsten Vorfälle gab es 2014, als ein weißer Rassist, der Neonazi Frazier Glenn Miller Jr., drei Menschen ermordete – zwei vor einem jüdischen Gemeindezentrums und einen an einem Ruhestandzentrums in Overland Park in Kansas.[14] In Seattle schoss 2006 der Muslim Naveed Afzal Haq auf die Jewish Federation; er tötete eine Frau und verletzte fünf weitere Personen.[15]

Das Simon Wiesenthal Center hat US-Generalstaatsanwalt Jeff Sessions zurecht gedrängt einen Sonderarbeitsstab zu bilden.[16] Zu diesem Zeitpunkt hat es mehr als 100 Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen gegeben. Es ist besonders wichtig herauszufinden, wer hinter diesen Drohungen steckt, denn selbst wenn es die Bomben nicht tatsächlich gibt, bringen sie das jüdische Gemeindeleben zum Erliegen. Gleichzeitig schafft man durch schwach begründete Beschuldigungen in der Sache nur Verwirrung.

Juden haben oft amerikanisch-jüdische Einzigartigkeit erwähnt, obwohl Juden seit vielen Jahrzehnten diskriminiert werden. In der Realität der Nachkriegszeit gibt es viel dazu zu sagen, dass das nach und nach so geworden ist. Anders als in europäischen Ländern sind die Vereinigten Staaten multikulturell. Juden sind dort ein „Stamm“ unter vielen, während die Juden in europäischen Ländern im Vergleich zum dominierenden Stamm ein sehr kleiner Stamm sind.

Es wäre ein Fehler zu schlussfolgern, wegen der jüngsten Ereignisse sei diese Einzigartigkeit nicht länger existent. Was in diesem Zusammenhang Hoffnung gibt, sind die vielen Solidaritätsbekundungen, die die jüdische Gemeinschaft in dieser bedrängten Lage erhalten hat. Darunter befinden sich einige muslimische Gruppen. Vizepräsident Pence besuchte nach der Schändung eines jüdischen Friedhofs Missouri und sagte: „Wir verurteilen diesen abscheulichen Akt des Vandalismus und diejenigen, die ihn begingen, in schärfster Form.“[17]

[1] http://global100.adl.org/

[2] http://global100.adl.org/public/ADL-Global-100-Executive-Summary2015.pdf

[3] ebenda

[4] http://www.jpost.com/Jewish-World/Jewish-News/Poll-26-percent-of-Americans-believe-Jews-killed-Jesus-330341

[5] http://www.pewforum.org/2016/03/08/comparisons-between-jews-in-israel-and-the-u-s/

[6] https://ucr.fbi.gov/hate-crime/2015/tables-and-data-declarations/1tabledatadecpdf

[7] http://www.algemeiner.com/2016/12/26/campus-antisemitism-the-year-in-review/

[8] http://www.brandeis.edu/cmjs/pdfs/birthright/AntisemitismCampus072715.pdf

[9] ebenda

[10] http://www.washingtontimes.com/news/2016/aug/15/black-lives-matters-anti-israel-platform-blindside/

[11] http://forward.com/news/345623/watch-atlanta-mayor-pushes-back-against-black-lives-matter-push-for-israel/

[12] http://www.holocaustremembrance.com/media-room/stories/working-definition-antisemitism; https://2001-2009.state.gov/g/drl/rls/56589.htm

[13] http://www.israelnationalnews.com/Articles/Article.aspx/19646

[14] http://www.independent.co.uk/news/world/americas/frazier-glenn-miller-us-white-supremacist-sentenced-to-death-a6729861.html

[15] http://www.nytimes.com/2006/07/30/us/30seattle.html

[16] http://www.wiesenthal.com/site/apps/nlnet/content.aspx?c=lsKWLbPJLnF&b=8776547&ct=14985757

[17] http://www.latimes.com/politics/washington/la-na-essential-washington-updates-vice-president-pence-visits-desecrated-1487798441-htmlstory.html

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