Das Ausmaß des Elends der Araber hat nichts mit Israel zu tun

Petra Marquardt-Bigman, The Warped Mirror, 12. März 2017

„Jeder Araber, der raus will, wird hier weg sein.“

Mehrere Artikel aus der jüngsten Vergangenheit bieten eine Fülle an Daten, die darauf hindeuten, wie wahrhaft elendiglich die Bedingungen in vielen arabischen Ländern sind und wie düster die Perspektive für einen Großteil der arabischen Welt ist – und nein, das ist nicht Israels Fehler. Die schockierendsten Daten kommen aus Syrien (obwohl die Lage im Jemen wahrscheinlich ähnlich schrecklich ist). Ein aktueller Artikel der New York Times umreißt die Verwüstung, die fünf Jahre Krieg in Syrien angerichtet haben:

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen. (Die folgenden Statistiken sind zwar Schätzungen, sie werden aber womöglich mit der fortgesetzten Matrix an Kriegen in Syrien schlimmer werden.) Mehr als 80 Prozent der Syrer leben unterhalb der Armutslinie. Fast 70 Prozent der Syrer leben in extremer Armut, was bedeutet, dass sie ihre Grundbedürfnisse nicht sicherstellen können, heißt es in einem Bericht von 2016. Diese Zahl hat sich seitdem höchstwahrscheinlich verschlechtert. Die Arbeitslosenrate liegt nahe an 58 Prozent, wobei eine beträchtliche Zahl derer, die Arbeit haben, als Schmuggler, Kämpfer oder sonst in der Kriegswirtschaft tätig sind. Die Lebenserwartung ist seit Beginn des Aufstandes 2011 um 20 Jahre gesunken. Etwa die  Hälfte der Kinder geht nicht mehr zur Schule – eine verlorene Generation. Das Land ist zu einer öffentlichen Gesundheitskatastrophe geworden. Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose, Hepatitis A und Cholera, die früher unter Kontrolle waren, grassieren wieder. Und Polio – die in Syrien einst ausgerottet war – ist wieder eingeschleppt worden, wahrscheinlich von Kämpfern aus Afghanistan und Pakistan.

Mehr als 500.000 sind durch den Krieg umgekommen und eine Unzahl Syrer ist indirekt durch den Konflikt gestorben […] Mit mehr als zwei Millionen Verletzten sind rund 11,5 Prozent der Vorkriegsbevölkerung zu Opfern geworden. Und fast die Hälfte der Bevölkerung Syriens ist entweder intern oder extern heimatvertrieben. Eine 2015 von der Flüchtlingsagentur der UNO durchgeführte Studie, die die syrischen Flüchtlinge in Griechenland untersuchte, stellte fest, dass eine große Zahl an Erwachsenen – 86 Prozent – eine höhere Schulbildung oder eine Universitätsausbildung hat. Die meisten von ihnen waren unter 35 Jahre alt. Wenn das stimmt, dann deutet das darauf hin, dass Syrien genau die Menschen verliert, die es am dringendsten brauchen wird, wenn es irgendeine Hoffnung auf Wiederaufbau in der Zukunft gibt.“

Doch die Zukunft sieht auch für den Rest der arabischen Welt nicht rosig aus. MEMRI fasste gerade einige der relevanten Ergebnisse des jüngsten Berichts Entwicklung der menschlichen Entwicklung in Arabien (AHRD – Arab Human Development Report) der UNO zusammen, der sich auf „Herausforderungen und Möglichkeiten, denen sich die Jugend in der arabischen Region gegenüber sehen“ konzentriert. Völlig unnötig zu erwähnen, dass der umfassende UNO-Bericht sorgfältig „ausgewogen“ ist, was bedeutet, dass er alle Mühe gibt alle schlechten Nachrichten mit einigen ein wenig besseren Nachrichten oder mit optimistischem Gerede über Möglichkeiten zusammenzupacken, die darauf warten wahrgenommen zu werden.

MEMRIs Zusammenfassung stellt fest:

„Wir hätten uns zwar etwas anderes gewünscht, stellen aber in Durchsicht des Berichts fest, dass die Kritiker des ‚Arabischen Frühlings‘ in ihrer Bewertung der Ereignisse von 2011 realistischer waren als die, die geneigt waren am Himmel helle Sterne zu sehen. […] Arabische Jugendliche stecken im Sumpf der Armut fest, sind politisch marginalisiert und ohne Stimme, wirtschaftlich entrechtet und tendieren sozial zu Radikalisierung und Gewalt. Ihre Existenz ist fragil und oft brisant.

Der UNO-Bericht hebt die Tatsache heraus, dass die Region im letzten Jahrzehnt im Vergleich mit anderen Regionen der Welt ‚die schnellste Zunahme an Krieg und gewalttätigen Konflikten‘ erlebt hat. Die arabische Welt hat zudem ‚den zweifelhaften Ruf‘ die größte Zahl an gescheiterten Staaten umfasst, was ein hohes Maß an ‚Zerbrechlichkeit und Versagen‘ darbietet, zusätzlich dazu dass sie die Quelle der größten Zahl an Flüchtlingen und Vertriebenen ist. Der Bericht sagt nichts über das Niveau der Konflikte in der Region aus, aber er rechnet hoch, dass die Zahl der Menschen, die in Konfliktregionen leben, sich von 250 Millionen im Jahr 2010 auf mehr als 305 Millionen im Jahr 2020 zunehmen wird.“

Wenn Sie den Bericht selbst überprüfen, dann gibt es jede Menge Befunde, die andeuten, wie düster die Lage in vielen arabischen Ländern ist und wie wenig Chancen es für eine baldige Verbesserung gibt – tatsächlich scheint ein weiterer Niedergang wahrscheinlicher.

„Die Region liegt im Durchschnitt des Menschlichen Entwicklungsindex (Human Development Indes – HDI) immer noch niedriger und bereits hinter dreien der sechs Regionen der Welt zurück, die in nämlich Ostasien/Pazifik, Europa/Zentralasien, Lateinamerika/Karibik. Bis 2050, so die Hochrechnung, wird die Region an fünfter Stelle liegen, nur kurz vor dem Afrika südlich der Sahara.

Belege zeigen, dass die Aussichten junger  Leute in der Region heute mehr als je zuvor durch Armut, wirtschaftliche Stagnation, Regierungsversagen und Ausgrenzung, vermischt mit Gewalt und Zerbrechlichkeit des Gemeinwesens gefährdet sind.

Insgesamt befindet die Qualität der Bildung auf niedrigem  Niveau. Standardisierte internationale Bildungstests wie die Trends in Mathematik und wissenschaftlichen Studien (TIMSS – Trends in Mathematics and Science Study) und dem Programm für Internationale Bewertung von Studenten zeigen, dass Ergebnisse arabischer Länder deutlich unter dem Durchschnitt liegen.

Der Aufstieg von Frauen in arabischen Ländern ist untrennbar und ursächlich mit der Zukunft der menschlichen Entwicklung in der arabischen Region verbunden. Die vorherrschende Entmachtung der Frauen in arabischen Ländern ist in kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Faktoren begründet. Wie die AHDRs von 2005 und 2009 feststellten, sind die Samen der Diskriminierung in kulturellen Überzeugungen und Traditionen bei der Kindererziehung, Bildung, religiösen Strukturen, den Medien und Familienbeziehungen eingebettet.“

Zu den besonders bemerkenswerten Zahlen des Berichts gehört die folgende, die zeigt, dass die überwältigende Mehrheit der Araber Religion, d.h. hauptsächlich den Islam, als „einen wichtigen Teil“ ihres täglichen Lebens betrachtet:

Das ist auch im Zusammenhang mit der andauernden Massenimmigration in das sehr säkulare Europa – eine Migration, die von Linken wärmstens begrüßt wurde, die von ihren eignen religiösen Mitbürgern nicht viel halten und auf die religiösen Amerikaner herabsehen – eine interessante Feststellung. Die Bedeutung der Religion für Araber ist auch im Kontext eines anderen Ergebnisses des UNO-Berichts beachtenswert:

„Hauptsächlich aufgrund des hohen Niveaus an sozialer und religiöser Intoleranz steht die Region unter den Ländern mit ähnlichem Entwicklungsniveau weltweit heraus. Toleranz ist ein Kernwert pluralistischer Gesellschaften und fehlender Fortschritt in Sachen Toleranzwerten sorgen in Bezug auf die Zukunft der Demokratie in der Region für Sorge.“

Während Israel es bisher geschafft hat „eine Villa im Dschungel“ zu bleiben – wie Ehud Barak es einst berühmt formulierte – sind es eindeutig schlechte Nachrichten, dass es für die Region so aussieht, dass sie in Konflikt stecken bleibt und dass so viele fundamentale Faktoren den sozialen Fortschritt und die wirtschaftliche Entwicklung vermutlich behindern werden. Vor einem Jahr umriss ein immer noch wichtiger Artikel in der New York Jewish Week die daraus resultierenden Probleme für Israel, wie sie von altgedienten politischen Analysten Ehud Yaari erklärt wurden. Der Artikel beginnt mit einer Anekdote:

„Ehud Yaari charakterisiert seinen Freund Bernard Lewis, den berühmten Nahost-Wissenschaftler [der im letzten Mai 100 Jahre alt wurde] als jemanden, der ‚diese Fähigkeit hat in die Zukunft zu sehen‘. Vor kurzem fragte Yaari Lewis bei einem Dinner in Israel, wie der Nahe Osten seiner Meinung nach in fünfzig Jahren aussehen wird. Ohne zu zögern lehnte sich Lewis über den Tisch und sagte entschieden: ‚Jeder Araber, dem der raus kann, wird dort weg sein.‘“

Leider dürften viele von denen, die der Hoffnungslosigkeit des arabischen Nahen Ostens nicht entkommen können, damit enden Religionskrieg und Blutvergießen zu verstärken. Und was frustrierte junge Palästinenser angeht, so ist es offensichtlich verführerisch Terroranschläge zu begehen. In einem sehr interessanten Text, der Anfang Januar 2017 veröffentlicht wurde, schreibt Yaari über Israels Bemühungen die Welle der Anschläge einzudämmen, die im Herbst 2015 begann; es stellt sich heraus, dass die Motivation der meisten jungen Täter eindeutig eine tiefe Unzufriedenheit und Frust spiegelt, ebenso den religiösen Eifer, den der UNO-Bericht über die arabische Welt beschrieb:

„die meisten Anschläge kamen aus den Rändern des Gesellschaft der Westbank: junge Leute, die mit sozialer Marginalisierung kämpfen, die wiederholte Rückschläge im Privatleben erlebt haben oder sich unüberwindlicher persönlicher oder finanzieller Bedrängnis gegenüber sahen. Das kollektive Profil der Angreifer identifiziert die meisten als frustrierte Einzelne, die das Gefühl hatten ihr Leben sei in einer Sackgasse gelandet, bis zu dem Punkt, an dem sie Rettung durch Martyrium suchten. Viele der bei Anschlägen Gefassten erzählten den Vernehmungsbeamten, dass sie glaubten der Tod um des Jihad willen würde sie mit Anerkennung belohnen, die im Leben zu erlangen ihnen misslang.“

Bezüglich der Motivation der überraschend hohen Zahl weiblicher Angreifer schreibt Yaari:

„Untersuchungen zeigten, dass fast alle diese Frauen – einschließlich einer 72-jährigen Großmutter aus Hebron – Familienelend wie außerehelichen Schwangerschaften, arrangierten Ehen, Gewalt in der Familie und so weiter entkommen wollten. Nicht selten schien es so, dass diese Frauen den Tod oder die Verhaftung suchten, um aus ihrem Umfeld zu entkommen. In mehr als einem Fall schwenkte eine junge Frau ein Küchenmesser oder eine Schere schon in großer Entfernung von israelischen Soldaten, stellten keine wirkliche Gefahr dar, im Wissen, dass sie sofort in Gewahrsam genommen würden.“

Um etwas mehr über den palästinensischen Frust und die Unzufriedenheit zu erfahren, können Sie sich dieses neue Lamento auf „A Life of Degradation and Bitterness under Fatah Rule“ (Ein Leben der Erniedrigung und Bitterkeit unter der Herrschaft der Fatah) und diese Verfluchung „Israels, der Hamas und der Fatah“ – letzteres von einem Palästinenser, der „als stolzer Flüchtling aus dem Lager Jabalia im Gazastreifen geboren und aufgezogen wurde“ – ansehen. So viel die Palästinenser sich selbst als Teil der arabischen Welt betrachten, ist es definitiv einzigartig in einer palästinensischen Stadt unter Palästinensern „als stolzer Flüchtling geboren und aufgezogen worden zu sein“.

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