Eine sehr außergewöhnliche Falle

Melanie Phillips, Jewish Chronicle, 28. September 2007 (Link existiert nicht mehr)

Ist das jüdische Volk in der Lage sich angemessen zu verteidigen? Das mag eine absurde Frage sein, nachdem Israel eine eindrucksvolle, bewaffnete Gesellschaft geschaffen hat, in ausdrücklichem Verzicht auf die Machtlosigkeit der jüdischen Diaspora.

Israel steht aber wegen unter internem und externem Druck wegen seiner Entscheidung den Gazastreifen zu „feindlichem Gebiet“ zu erklären und der Möglichkeit, Treibstoff und Strom abzustellen; daher sollten wir ein wenig über die Absurdität nachdenken, das nicht zu tun.

Immerhin liegt Israel unter ständigem Raketenfeuer aus dem Gazastreifen. Von welchem anderen Volk wird erwartet, dass es seinen Feinden die Mittel liefert, um deren mörderische Angriffe auszuführen? Mehr noch: Welches andere Volk erwartet von sich selbst, solche Lieferungen zu tätigen?

Solche Überlegungen werden von Jews and Power (Juden und Macht) ins Visier gebracht, einem neuen Buch von Ruth Wisse, Professorin für Jiddisch und vergleichende Literaturwissenschaft in Harvard. In dieser feinsinnigen und gelehrten Reflexionen über die politischen Auswirkungen des Exils und der Zerstreuung der Juden argumentiert Wisse, dass ausgerechnet ihr Erfolg bei der Anpassung an die Gesellschaften, in denen sie sich nieder ließen, auch eine Quelle schwer wiegender Schwäche gewesen ist.

Sie glaubten, dass das Exil vom Land Israel die Strafe für die Abkehr von Gott war. Weit davon entfernt ihre Feinde zu bekämpfen, konzentrierten sich die Juden daher darauf eine Übereinkunft mit ihren Diaspora-Gastgebern zu erzielen, die ihnen erlauben würden Gottes Gesetze besser zu befolgen. Ihre Erlösung würde nicht dadurch bekommen, dass sie ihre Verfolger besiegen. Es war Gott, der das tun würde – aber nur, wenn die Juden ihr eigenes Verhalten in Ordnung brachten.

Während sie sich immer mehr nach innen, auf ihr spirituelles Versagen, konzentrierten, verloren sie entsprechend weniger Gedanken über die Schuld ihrer Feinde und verweilten statt dessen bei der Schuld, die sie sich selbst anlasteten.

Wisse liefert drei moderne Beispiele dieses „moralischen Solipsismus“. 1939 rettete eine jüdische Mutter in Warschau ihren kleinen Sohn vor zwei brutalen deutschen Soldaten. „Komm in den Hof und zei a mentsch“, sagte sie und sagte damit dem Kind auf Jiddisch zu werden, „wie ein menschliches Wesen sein sollte“.

Dieselbe Tendenz – die wirkliche Gefahr in sich selbst zu sehen, statt in ihren Verfolgern – wurde in Golda Meirs berühmtem Vorwurf an Anwar Sadat zur Schau gestellt, dass sie der ägyptischen Armee vergeben könnte, dass sie israelische Soldaten tötete, aber Sadat niemals vergeben könnte junge israelische Soldaten dazu zu zwingen junge Ägypter zu töten.

Wisses drittes Beispiel war Israels Drang die Oslo-Vereinbarungen zu unterschreiben – mit einem Feind, der angesichts des jüdischen Sehnsucht ihm zu vergeben, damit sie ihn nie wieder angreifen müssten, die Gelegenheit nutzte, die sich ihm bot, die Juden mit doppelter Grausamkeit anzugreifen.

Eine solche selbstmörderische Politik des Entgegenkommens macht die Juden für internen Verrat anfällig – wie wir an den heutigen Israel-Bashern sehen können, die – in Wisses Worten – „den korrupten Versuchungen der Machtlosigkeit“ nachgeben, indem sie persönliche Vorteile auf Kosten ihrer eigenen Gemeinschaft suchen.

Der verhassten Falschmeldung der illegitimen globalen jüdischen Macht Vorschub leistend, behaupten sie, dass Israels Militäraktionen beweisen, dass die Macht die jüdischen Werte korrumpiert habe, so dass die Juden sich von Opfern in Unterdrücker verwandeln.

Wisse stellt heraus, dass dies den Fakten völlig widerspricht. Die Macht des kleinen Israel sich gegen Millionen arabische und muslimische Feinde zu verteidigen, wird nicht nur von internationalem Druck immens eingeschränkt, sondern von der eigenen Abneigung diejenigen zu bekämpfen, deren Akzeptanz man statt dessen sucht. Die Juden sind offenkundig nicht stärker geneigt die Araber zu unterdrücken, als bei den Nationen der Diaspora, unter denen sie lebten.

Die Juden sind auf den sprichwörtlichen Hörnern eines Dilemmas gefangen. Effektive Verteidigung bedeutet, dass ihnen erlaubt sein muss sich wie jedes andere Volk zu verhalten, das angegriffen wird. Aber die Juden sind nicht wie alle anderen Völker. Die jüdische moralische Außergewöhnlichkeit bringt eine Verehrung des menschlichen Lebens und die Sorge des Schutzes der Unschuldigen mit sich, selbst bei den grausamsten Feinden. Daher die grundlegende humanitäre Hilfe für die Menschen im Gazastreifen.

Aber gleichzeitig haben die Juden die moralische Verpflichtung ihr eigenes Volk zu verteidigen. Zu versäumen sich zu verteidigen, so dass die eigenen Unschuldigen dem Tod und der Zerstörung überlassen werden und die Existenz des jüdischen Volkes dem Risiko der Vernichtung ausgesetzt wird, ist eine Negierung jüdischer Ethik.

Das ist der Grund, dass die „asymmetrische Kriegsführung“ der Palästinianismus eine solche Bedrohung für Israel ist. Angriffe durch die Armeen der Nachbarstaaten stellen eine solch direkte existenzielle Bedrohung Israels dar, dass es kaum Bedenken zur Verteidigung gibt. Aber aus einem elenden Volk in eine Kriegswaffe zu machen, spielt mit den der Schwäche, die durch die jüdische Außergewöhnlichkeit und den „moralischen Solipsismus“ verursacht wird, so dass die Juden sich wegen des Wohlergehens ihrer Angreifer sogar schuldig fühlen, wenn aus dem Gazastreifen die Raketen auf sie niederregnen.

Die Araber wissen das und spielen mit den Juden wie mit einem Fisch an der Angel. Es gibt für dieses Dilemma keine einfache Lösung; aber Ruth Wisses Buch hilft uns die außerordentliche Scheußlichkeit dieser Falle zu verstehen.

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