Freunde an weit entfernten Orten

Annika Hernroth-Rothstein, Israel HaYom, 20. März 2017

Oresto war Leher an einer Privatschule, als es diese noch gab, aber heute arbeitet er im Hotel Nacional in Havanna, versorgt Touristen mit Wasser und Kaffee und gelegentlich einem guten Rat.

Oresto hat eines dieser offenen und freundlichen Gesichter, von denen man sofort angezogen wird und ich stellte fest, dass ich jeden Tag zu einem kleinen Plausch zu ihm zurückkehrte, neugierig bezüglich seines Lebens und was ihn hierher geführt hatte. Während eines dieser Gespräche sieht er meine Kette mit dem Davidstern und er fragt mich, ob ich aus Israel bin. Als ich ihm sage: „Ja, gewissermaßen“, nimmt er eine Serviette und beginnt etwas zu zeichnen, wobei er mich drängte zuzusehen.

„Das ist der Gazastreifen, richtig? Und das ist Israel.“

Oresto zeigt auf die Serviette und ich sage nichts; aus Erfahrung weiß ich, dass das auf jede Weise enden kann und so lehnt er sich sehr aufgeregt zu mir und betont jedes Wort.

„Schau, ich weiß, wegen der Politik sagt meine Regierung mir, dass Israel schlecht und Palästina gut ist. Aber ich war Lehrer und ich lese viel. Ich weiß alles über Fatah und Hamas und ich weiß genau, wie nahe an Israel der Gazastreifen ist. Deshalb weiß ich auch, dass du, wenn du Zivilist bist und dort lebst und die Hamas Raketen auf dich schießt, dein Land sich verteidigen muss.“

Ich lache aufrichtig überrascht und frage ich, warum und wie er in der Lage ist der Darstellung der Regierung zu widerstehen. Er erzählt mir, dass er einmal Bilder im kubanischen Regierungsfernsehen sah, wie israelische Soldaten in das Haus einer palästinensischen Familie eindrangen und dass das, was er sah, tiefen Eindruck auf ihn machte, aber nicht so, wie es beabsichtigt war.

„Diese Familie, diese Palästinenser hatten ein schönes Haus. Sie hatten hübsche Möbel; Mikrowelle, einen Fernsehe und draußen stand ein nagelneues Auto. Hast du eine Vorstellung davon, was ich dafür geben würde eine Mikrowelle zu besitzen oder einen Fernseher?“

Oresto zeigt durch den Raum und sagt mir, dass die Annehmlichkeiten dieses Hotels nicht das Kuba darstellen, das er kenn und dass er es schwierig findet der Propaganda zu glauben, die Israel zum Unterdrücker macht und die Palästinenser in ihrem Land in Elend und Armut leben lässt.

„Vielleicht ist es leicht euch diese Lügen zu verkaufen, die ihr reich seid und nicht wisst wie es ist tatsächlich arm zu sein und tatsächlich nichts zu haben. Ihr glaubt, das sei Armut und ihr fühlt euch schuldig wegen der Dinge, die ihr habt. Ich weiß, was Unterdrückung ist und ich weiß, wie es ist arm zu sein, also kann man mir viel weniger etwas vormachen.“

Orestos Worte hauten mich um; nicht weil sie so viele meiner Erwartungen zerschlugen, sondern auch, weil sie mich etwas über Vorrechte lehrten und wie sie die Art beeinflussen, wie wir den Konflikt und diese Welt betrachten. Nicht die Bevorzugung von Weißen oder die von Männern, sondern die von der altmodischen Art, die mit Klasse und Demokratie zu tun haben. Für uns in dem Teil der Welt, der den Vorzug von Luxus wie Freiheit und Lebensmitteln hat, ist es leicht in Schuld gewickelt zu sein und die Wahrheit und unsere Gefühle durcheinanderzubringen. Für Oresto ist es viel einfacher: Auf dem Gipfel von nichts zu stehen lässt alles um dich herum viel klarer sehen. Seine Regierung sagt ihm, dass Israel ein Unterdrücker ist und dass die Palästinenser nicht nur unterdrückt sind, sondern Not leiden; und so ist es für Oresto mehr als klar, dass dies weit weg von der Wahrheit ist.

Es ist schön unerwartet und an neuen Orten Freunde zu finden; vielleicht noch schöner ist es, wenn dir deine eigenen Vorurteile widerlegt werden. Mein Instinkt sagt mir immer in die Defensive zu gehen, bereit eine Diskussion zu führen, wo ich dazu gebracht werde in einer feindseligen Welt Israels Wert und Rechtschaffenheit zu beweisen. Diesmal wurde ich überrascht und mein Privilegiertsein wurde auf unerwartete Weise entlarvt; es zeigte mir, das ich weder über Vorurteil noch Herablassung erhaben bin.

Mein Gespräch mit Oresto lehrte mich, das Israels Verbündete am ehesten in Ländern zu finden sein könnten, die echte Not begreifen und erleben, weil sie diejenigen sind, die am wahrscheinlichste frei von linkem Orientalismus sind, der diese Debatte zu beherrschen schient. Moralische Relativismus ist ein Luxus, etwas, das das Gemüt besetzt, wenn alle anderen Notwendigkeiten und Bedürfnisse gestillt sind, aber wenn das Böse und das Leid an deiner Türschwelle steht, dann hast du wenig Geduld für solche ausschweifenden Spiele.

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