Holocaust-Missbrauch: Ein weiteres Jahr

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

In einer zunehmend chaotischen Welt haben der Missbrauch des Holocaust und damit verbundene Fragen im Verlauf der letzten zwölf Monate weiterhin zugenommen. Falsche moralische Gleichsetzungen von Ereignissen und Themen zu Auschwitz, Hitler, den Nazis oder dem Leiden der Juden sind so üblich geworden, dass einen recht genauen Überblick dazu zu schreiben nicht länger möglich ist.

Diese Vergleiche sind Phänomene des Verfalls. Diejenigen, die sie ziehen, versuchen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen, um ihr Ego oder Persönliches zu stärken. Das ist am deutlichsten bei den Hitler-Vergleichen zu sehen. Die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten hat zu einer Serie solcher Beleidigungen geführt. „Trump mit Hitler zu vergleichen ist die schlimmste Art von Hassreden“, lautet der Titel eines Artikels des Kolumnisten und Schriftstellers Marshall Crotty. Er schreibt: „Diese Vergleiche mit Hitler und dem Holocaust sind grob verantwortungslos.“[1] Tatsächlich ist das eine Untertreibung. Diese Vergleiche sind bösartig.

Mexikos Präsident Enrique Pena Nieto verglich Trump vor dessen Wahl mit Hitler und Mussolini. Ein paar Monate später sagte Nieto, er zog den Vergleich nur als Erinnerung an das in der Vergangenheit angerichtete Unheil.[2] Zwei ehemalige Präsidenten Mexikos verglichen Trump mit Hitler. Felipe Calderon, Präsident von 2006 bis 2012, sagte, Trump „nutzt Gefühle aus, wie es Hitler seinerzeit tat“. Sein Vorgänger Vicente Fox sagte gegenüber CNN, Trump „erinnert mich an Hitler“.[3]

Während seines Wahlkampfs um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner veröffentlichte John Kasich, der Gouverneur von Ohio, eine Anzeige, die Trumps Rhetorik mit dem Nationalsozialismus verglich. Wäre diese Behauptung, Trump dämonisiere Muslime und Mexikaner wie Hitler Juden dämonisierte, wahr, dann hätten diese beiden Gruppen der US-Bevölkerung inzwischen einen beträchtlichen Teil ihrer Bürgerrechte verloren.[4]

Ein Mitglied der Trump-Administration sorgte mit einem weiteren Hitler-Vergleich für einen Aufschrei. Sean Spicer, Sprecher des Weißen Hauses, behauptete der syrische Präsident Bashar al-Assad habe schlimmer als Hitler gehandelt, als er Chemiewaffen einsetzte. Spicer behauptete Hitler habe so etwas nicht getan. Er ignorierte damit den massiven Einsatz von Chemikalien zur Ermordung hauptsächlich von Juden in den deutschen Konzentrationslagern. Spicer entschuldigte sich später.[5]Auf Twitter hat Trump den amerikanischen Geheimdienst mit den Nazis verglichen: „Geheimdiensten sollte niemals erlaubt haben, dass man diese Fake News in die Öffentlichkeit hat ‚durchsickern‘ lassen. Ein letzter Schuss gegen mich. Leben wir in Nazi-Deutschland?“[6]

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist ein ansehnlicher Produzent von Holocaust- und Nazi-Verzerrungen. Im November 2016 sagte Erdoğan gegenüber dem israelischen Fernsehen, er könne sich nicht entscheiden, ob der Holocaust oder die israelische Militäroffensive im Gazastreifen „barbarischer“ seien.[7] Seitdem hat er seine beleidigenden Äußerungen auf andere Länder ausgedehnt; er nannte den NATO-Verbündeten der Türkei, die Niederlande, ein „Überbleibsel der Nazis“.[8]

Deutschland, ein weiterer NATO-Verbündeter der Türkei, entkam Erdoğans Nazis-Vergleichen nicht. Im März stoppte die deutsche Regierung türkische politische Kundgebungen vor der Volksabstimmung zur Erweiterung der Macht der türkischen Präsidenten. Erdoğan sagte: „Eure Methoden unterscheiden sich nicht von denen der Nazis in der Vergangenheit.“[9]

Zur Europäischen Union sagte Erdoğan: „Ohne jede Scham ignorieren sie ihre eigenen blutbefleckten Hände und ohne ihre eigenen, gefühllosen Herzen zu bedenken ziehen sie Vergleiche zwischen uns und den Nazis. Wenn es irgendwo Nazis gibt, dann seid ihr die Nazis.“ Das war eine Reaktion auf eine Äußerung des luxemburgischen Außenministers Jean Asselborn, der Handeln gegenüber den türkischen Medien und der Opposition mit Ereignissen in Nazideutschland vergliche.[10] Erdoğans Missbrauch des Holocaust und die verzerrenden Gleichsetzungen mit dem Nationalsozialismus blieb nicht unwidersprochen. Künstler bildeten ihn auf Mauern der türkischen Botschaft in Berlin als Hitler ab.[11]

Es gibt zudem falsche Vergleiche zu Naziopfern. Die brasilianische Präsidentin Dilma Roussef verglich Versuche sie wegen ihrer Korruptionsskandale vor Gericht zu stellen mit der Verfolgung der Juden durch die Nazis.[12]

Der Holocaust war ein komplexes und hochentwickeltes, industrialisiertes Vernichtungsprogramm, das sich in erster Linie gegen Juden richtete. Eine Art des regelmäßigen Missbrauchs besteht darin eine bestimmte Sache zu kritisieren und das dann mit Nazimethoden gleichzusetzen. Der Vergleich selbst mag bereits falsch sein, aber darüber hinaus schafft die Nazis mit hineinzuziehen weitere Verfälschung. Ein Beispiel dafür gab es, als Christina McKelvie, Sprecherin der Scottish National Party für Menschenrecht, sagte, ein Vorschlag der britischen Regierung, Firmen des Vereinten Königreichs sollten Listen ihrer Auslandsarbeiter anlegen, erinnere an die Nazipolitik der 1930-er Jahre.[13] Mhairi Black, eine weitere SNP-Abgeordnete, schrieb eine Zeitungskolumne, in der auch sie behauptete die Immigrationspolitik der Konservativen Partei „erinnert an das Nazideutschland der frühen 1930-er Jahre“.[14]

Nach einem Besuch in Auschwitz befand sich Papst Franziskus in einer heiklen Lage, als er die allgemeine Grausamkeit und Gewalt in der Welt mit der des Holocaust gleichsetzte. Er sagte: „Als ich die Grausamkeit der Konzentrationslager sah, dachte ich an die heutige Grausamkeit, die ähnlich ist; nicht so konzentriert an diesem Ort, sondern rund um die Welt.“[15] Das war ein bedeutendes Beispiel des Holocaust als Mittel der Vermittlung einer Botschaft, während man die Tatsache ignoriert, dass es sich um ein systematisches Vernichtungsprogramm handelte. Die meiste Grausamkeit von heute ist nicht damit vergleichbar.

Die Trivialsierung des Holocaust ist ein immer wiederkehrendes Thema und beschränkt sich nicht auf falsche moralische Äquivalenz durch Führungskräfte und Politiker. Im März 2017 entkleideten sich elf Personen in Auschwitz und schlachteten ein Schaf. Ein Sprecher der Gedenkstätte sagte, ihr Motive seien nicht klar, weil sie kurz standen und sich dann neben dem berüchtigten „Arbeit macht frei“-Tor in der südpolnischen Stadt Oswiecim hinsetzten.[16]

Das oben Geschriebene ist nur eine kleine Auswahl zu einem Thema, das ohne Weiteres in einen Aufsatz erweitert werden könnte. Was am meisten Sorge bereitet, ist die rapide Vervielfältigung falscher moralischer Äquivalenz, die den Holocaust und damit verbundene Aspekte verwenden.

[1] http://www.huffingtonpost.com/james-marshall-crotty/comparing-trump-to-hitler_b_9334668.html

[2] http://www.reuters.com/article/us-usa-canada-pena-nieto-idUSKCN0ZF2JD

[3] http://www.reuters.com/article/us-mexico-trump-idUSMTZSAPEC2S8JNRJU

[4] http://www.politico.com/magazine/story/2016/03/trump-hitler-comparisons-213711

[5] http://www.nytimes.com/2017/04/11/us/politics/sean-spicer-hitler-gas-holocaust-center.html

[6] https://www.nytimes.com/2017/01/11/us/donald-trump-nazi-comparison.html?_r=0

[7] http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/erdogan-turkish-president-israel-hitler-more-barbarous-gaza-interview-palestinians-decide-holocaust-a7431311.html

[8] http://www.independent.co.uk/news/world/europe/recep-tayyip-erdogan-europe-facist-cruel-turkey-president-powers-referendum-a7641171.html

[9] http://www.theatlantic.com/news/archive/2017/03/turkey-erdogan-nazis/519528/

[10] ebenda

[11] http://www.independent.co.uk/news/world/middle-east/turkish-president-erdo-an-projected-with-hitler-suit-and-moustache-onto-embassy-in-berlin-a7033191.html

[12] http://www.jta.org/2016/04/01/news-opinion/world/brazils-president-likens-impeachment-calls-to-nazi-treatment-of-jews

[13] http://www.heraldscotland.com/news/14801471.SNP_MSP_sparks_Nazi_row_at_conference/

[14] http://www.telegraph.co.uk/news/2016/10/18/can-leftists-please-stop-comparing-everything-they-dont-like-to/

[15] https://cruxnow.com/vatican/2016/08/03/francis-says-violence-auschwitz-ongoing/

[16] http://www.independent.co.uk/news/world/europe/naked-group-kill-sheep-auschwitz-death-camp-nazi-a7649306.html

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