Über einen Fotografie-Kurs treffen sich israelische und palästinensische Kinder zum ersten Mal

In der Westbank sorgt das Koexistenzprogramm ROTS für eine wichtige Zusammenkunft von Teenagern aus dem Gush Etzion und dem nahe gelegenen Dorf Al-Khader

Brett Kline, The Times of Israel, 19. April 2017

Die Teenager sammeln sich um ihren Referenten Bruce, als sie ihren Fotokurs beginnen. Die Gruppe 13- bis 15-jähriger, zu gleichen Teilen jüdische Israelis aus der örtlichen Siedlung und Palästinenser von weiter runter an der Straße 60, meiden einander scheu.

Bruce stammt aus Denver (Colorado) und lebt jetzt in Jerusalem. Er klickt auf dem Computer durch Fotos und erklärt auf Englisch die optischen Techniken. Shaul Judelman, einer der Gründer und der Direktor von Roots (Wurzeln), übersetzt für die Kinder der Siedlungen Efrat und Alon Shwut simultan ins Hebräische, während Ghada, eine dynamische, lächelnde junge Dame aus dem Dorf Al-Khader in der Area A (rund 6 km entfernt) ins Arabische übersetzt.

Ghada Mutter hat betreibt die kleine Küche vor Ort, den sie die Ard oder das Land nennen. Sie spricht nur Arabisch, lernt aber hebräische und englische Worte, während sie Tee und Kaffee für die Dutzenden Besuchergruppen aus Israel, Europa und den Vereinigten Staaten macht.

„Sehr her, die optische Perspektive nach oben zu sehen ist toll“, fährt Bruce fort, „und diese nächste Foto bietet uns Distanz.“

Wenn sie die bekannten Worte in der Übersetzung hören, beginnen die Jugendlichen, zumeist Mädchen, sich zu entspannen und schauen einander zaghaft lächelnd an. Bruce weiß, was er tut. Innerhalb von Minuten sind die Kids dicht und behaglich um ihn herum versammelt.

Und dann ziehen sie los, sind paarweise im Grad, machen mit qualitativ hochwertigen Digitalkameras Fotos von einander und ihrer Umgebung. Sie lachen, während sie die Aufgabe erledigen Gefühle wie Angst, Wut und Glück in ihren Gesichtern einfangen.

Diese Zusammenkunft von Teenagern mag ziemlich gewöhnlich erscheinen. Aber die Chance dieser Nachbarn sich je zu treffen sind schwach.

„Das passiert nie“, sagt Judelman. „Nirgends in der Westbank treffen israelische Teenager und jüngere Kinder aus Siedlungen palästinensische Kiner aus nahe gelegenen Städten und Dörern. Sie leben in zwei verschiedenen, absurden Parallelwelten.“


Shaul Judelman sagt, ohne die von Roots gestützten gemischten Fotokurse würden die meisten dieser israelischen und palästinensischen Jugendlichen die andere Seite nicht treffen. (Brett Kline/Times of Israel)

Es gibt im ganzen Land verschiedene Koexistenzprogramme, darunter Kids4Peace, das Jugendliche aus Ost- und Westjerusalem und den umliegenden Dörfern und Siedlungen zusammenbringt, um den Glauben des jeweils anderen zu erkunden. Andere Programme wie Seeds of Peace bringen Teilnehmer zu Leiterausbildung an „neutrale“ Orte im Ausland.

Das Programm Roots jedoch hat ein bescheideneres Ziel: regelmäßige, gemeinsame Zeit in Kursen.

„Kids aus Familien in linken Gruppen aus Tel Aviv oder sonstwo haben im Verlauf der Jahre immer palästinensische junge Leute getroffen“, merkt Judelman an, der in der Siedlung Tekoa lebt. „Und wir haben nicht den Anspruch hier eine riesige Menge Menschen zu erreichen – bisher jedenfalls nicht. Aber die Kinder von Siedlern und Palästinensern in einer Kursstruktur wie dieser? Nie im Leben. Was Sie hier sehen ist ein erstes Mal.“

Und die Kids scheinen glücklich zu sein. „Das ist etwas Tolles“, sagt die 13-jährige Samia aus Al-Khader, einem Vorort von Bethlehem in Area A. Ihr Dorf liegt in einem Teil der Westbank, den Israelis nicht ohne Erlaubnis der Israelischen Verteidigungskräfte betreten dürfen. „Nein, ich habe vor dem hier nie mit einem Israeli gesprochen.“

„Sie ist echt süß“, sagte Maya (14 Jahre) aus Efrat. „Das ist toll. Nein, ich habe noch nie mit Palästinenser in meinem Alter gesprochen.“

Wegen dieser gleichartigen Reaktionen von Teenagern gewinnt die Initiative Roots – Schorashim in Hebräisch, Jedour in Arabisch – an Boden – und Spenden. Judelman und palästinensische Partenr, die Familie Abu Awad, der die 3 Dunam (3000 Qudratmeter) Land gehört, auf dem die Gruppe direkt neben der Schnellstraße 60 tagt, möchte unbedingt regelmäßige Arabisch- und Hebräischkurse für Kinder und Teenager anbieten.

Die meisten palästinensischen Kinder lernen Englisch, aber kein Hebräisch, weder in öffentlichen noch in Privatschulen. Einige Frauen und viele Männer lernen die Sprache durch Arbeit in Siedlungen oder dem Staat Israel. Einige Männer lernen Hebräisch in israelischen Gefängnissen.

Theoretisch lernen Israelis in der Schule etwas klassisches „Fuscha“-Arabsich, aber viele, wohl die meisten, kommen über „Hallo, wie geht es dir, was machst du?“ nicht hinaus.

„Es geht uns bisher nicht um die Entwicklung politischer Lösungen“, betont Judelman. „Aber wir glauben, dass die Sprache des anderen zu lernen Teil eines Aussöhnungsprozesses ist, ohne den man sich eine politische Lösung schwerlich vorstellen kann.“

Judelman selbst spricht Umgangsarabisch.

Sein Mentor in Tekoa, der verstorbenen Rabbi Menachem Froman, kehrte die klassische Maxime der ausschließlichen Eigentums am Land durch das jüdische Volk um und erkannte eine gemeinsame Zugehörigkeit an. Das Land gehört nicht dem jüdischen Volk, sagte er. Die Menschen gehören dem Land, die jüdischen und palästinensischen Menschen, auf Hebräisch und auf Arabisch.

Rabbi Menachem Froman mit Muslimen 2011 bei einem Gebet um Regen. (Foto: Yossi Zamir/Flash90)

Derweil verabschieden sich die Kinder des Fotokurses. Eltern kommen und holen sie ab, Männer mit Kippot aus Efrat und Frauen im Hijab aus Beit Ummar. Die meisten ignorieren einander höflich. Da Team aus Al-Khader steigt für die Fahrt nach Hause in Khaled Abu-Awwads SUV.

Alle Kids auf beiden Seiten sagen, sie sollen nächste Woche für die nächste Stunde wiederkommen – und sie wollen die Sprache der anderen lernen.

„Für uns besteht das wichtigste Ziel darin die Kids als Zielgruppe für einen Teil einer Aussöhnung zu erreichen“, erklärt Abu-Awwad. „Wir wollen ihnen die Mittel an die Hand geben, um in der Zukunft mit anderen Kids mit der Situation besser umzugehen, mit der Angst und der Wut, die definitiv Teil ihrer Realität sein werden.“

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