Die Palästinenser und 100 Jahre Balfour-Erklärung: Widerstand gegen den Frieden

Dr. Alex Joffe, BESA Center Perspective Papers Nr. 433, 26. März 2017

Die Balfour-Erklärung in der Times of London, 9. November 1917 (via Wikimedia Commons)

Kurzfassung: Zum 100. Jahr der Balfour-Erklärung haben die Palästinenser eine Kampagne gestartet, mit der sie eine offizielle britische Entschuldigung und Entschädigung ordern. Diese Bemühungen illustrieren die Art, wie Ehre, Internationalisierung, Symbolismus und Spiel mit westlichen Schuldgefühlen die palästinensische Kultur der Verweigerung formen, die Fortschritt hin auf einen stabilen Palästinenserstaat oder Frieden mit Israel behindern.

Ein bemerkenswerter Aspekt der palästinensischen Kultur ist ihr Widerstand gegen die Realitäten der Vergangenheit.

Am 22. September 2016 sprach PA-Präsident Mahmud Abbas vor der UNO. Er sagte: „100 Jahre sind vergangen, seit die berüchtigte Balfour-Erklärung abgegeben wurde, mit der Großbritannien ohne jegliches Recht dazu, ohne Befugnis oder Zustimmung von irgendjemandem das Land Palästina einem anderen Volk gab.“ Er fuhr mit der Forderung nach einer Entschuldigung von Großbritannien fort. Abbas hatte früher schon gedroht London wegen der Aus der Erklärung und der Gründung des Staates Israel entstandenen Schäden zu verklagen.

Dieser Sturm gegen die Vergangenheit zeigte sich auch gerade bei einer Konferenz am University College London, die britische Islamisten und revisionistische Israelis zusammenbrachte, die forderten, dass die britische Regierung sich für die Balfour-Erklärung entschuldigt; das ultimative Ziel besteht darin „die Illegalität des Staates Israel offenzulege, während man praktische Schritte im Kampf hin zu einer Beendigung der israelischen Besatzung Palästinas aufzeigt“.

Was sagen uns solche Bemühungen über palästinensische Kultur und die Friedensaussichten?

Die Balfour-Erklärung ist für Israelis wie Palästinenser ein einzigartiges Datum. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen der britischen Regierung und der Zionistenbewegung gab der britische Außenminister Arthur Balfour am 2. November 1917 seine berühmte Erklärung aus. Balfours Brief an den Zionistenführer Lord Rothschild, in dem er darlegte, dass das Kabinett „die Gründung einer nationalen Heimstatt für das jüdische Volk in Palästina mit Wohlwollen“ betrachtet, war nur eine in einer Reihe britischer Kriegsmitteilungen zum Schicksal der Levante. Die Korrespondenz zwischen dem britischen Hochkommissar für Ägypten, Sir Henry, McMahon, und Hussein Ibn Said, dem Scherif von Mekka, sowie die geheime anglo-französische Vereinbarung zwischen Sir Mark Sykes und Charles Georges-Picot waren nicht weniger folgenreich für die Formung des zeitgenössischen Nahen Ostens.

Die Araber brauchten einige Zeit, bis sie ihre Opposition gegen die Erklärung zu äußern. Der britische Bericht zu den Krawallen in Palästina 1921 stellte fest: „Der Bürgermeister von Tulkarem reden von der Balfour-Erklärung und ob er eine klarere Vorstellung ihrer Bedeutung hat als andere Leute oder nicht, er kann sicherlich seine Meinung darüber sehr bestimmt zum Ausdruck bringen.“ Palästinensische Einwände gegen Balfour werden vom Historiker Bayan al-Hut säuberlich zusammengefasst: „Das ist ein Kompromiss, der von jemandem gemacht wurde, der kein Recht hatte es denen zu geben, die kein Recht hatten es zu bekommen.“

Das britische Establishment selbst war geteilt und begann in den frühen 1920-er Jahren negativ auf den Zionismus und die Balfour-Erklärung zu reagieren. Das spiegelte die Verschmelzung des traditionellen Antisemitismus des Establishments mit seiner wachsenden Erkenntnis, dass das Mandat des Völkerbunds zur Durchsetzung der Balfour-Erklärung für ein vom Krieg ausgeblutetes und finanziell erschöpftes Empire eine unausführbare Belastung war. Diese Haltung wurde während der Mandatsjahre zum unausgesprochenen Strom unter der Oberfläche. Nach Angaben des palästinensischen Historikers Walid Khalidi ließ der britischee Beamter Blankinsopp, der geschäftsführende Distriktbeauftragte für Galiläa, jedes Jahr am 2. November eine „Anfechtung“ der Balfour-Erklärung an seine Kollegen zirkulieren.

In der Vergangenheit haben die Palästinenser das Mandat als illegitimes Manöver des britischen Imperialismus dargestellt, bei der, wie al-Hut es formulierte, „ein Volker einem anderen Volk etwas gewährte, was einem dritten Volk gehörte“. Heutzutage beschreibt die Gegnerschaft zur Balfour-Erklärung das als den Anfang von „Siedlerkolonialismus“.

Diese Neuerung sattelt geschickt auf Großbritanniens sorgfältig kultiviertes Gefühl der postimperialen Schuld mit Verantwortung für „israelische Verbrechen“ auf, einschließlich „Mittäterschaft“ bei der angeblichen kulturellen Unterdrückung“ der Palästinenser. Gleichzeitig verspricht der Ansatz das langjährige palästinensische Gefühl der besudelten Ehre zu tilgen, dass sie versagt hatten dem Zionismus „Widerstand zu leisten“.

Abe die aktuellen Bemühungen gegen Balfour veranschaulichen auch andere palästinensischen Standardreaktionen. Zum einen betonen sie ohne jede Ironie die palästinensische Machtlosigkeit und arabische Schwäche sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. „Widerstand“ gegen das britische Empire und die Zionisten, gewaltlos wie gewalttätig, schlug fehl – und dhaer muss er, in Übereinstimmung mit historischer palästinensischer Praxis, internationalisiert werden.

Die Ironie liegt allerdings darin, dass Balfours gesamte juristische Bindung, 1920 vom Völkerbund ratifiziert, auf so ziemlich die gleiche Weise bombardiert wird, wie 1947 der Palästina-Teilungsplan der UNO verurteilt wurde: als illegitim und unfair. Für die Palästinenser muss Internationalisierung das Ergebnis herstellen, das sie haben wollen, trotz der historischen Bilanz, dass sie dies selten tut.

Es gibt in der Kampagne gegen die Balfour-Erklärung weitere traditionelle Elemente, nicht zuletzt die Verwechslung von Symbolismus mit praktischem Tun. Eine Entschuldigung würde vermutlich eine teilweise Wiederherstellung des nationalen Ehre der Palästinenser erreichen und einen weiteren Schritt hin zur völligen Ausrottung Israels beinhalten. Doch trotz vagen Geredes palästinensischer Aktivisten, die „Entschädigung für Balfour“ fordern – denen konkurrierende Entschädigungsansprüche seitens jüdischer Flüchtlinge aus arabischen Ländern gegenüber stünden – ist es schwierig zu erkennen, welchen direkten Wert eine Entschuldigung bei der Gründung eines Palästinenserstaats haben würde.

Forderungen nach Entschuldigungen und Entschädigung haben sich wenig verändert, seit eine Wirtschaftsdelegation der UNO einen Überblick zu einem Besuch im Gazastreifen 1949 berichtete: „In einem der Lager veranstalteten die Flüchtlinge eine ziemliche Demonstration. Ein großes Schild in Englisch wurde aufgestellt, auf dem das Folgende nummeriert wie folgt aufgeführt war: 1. Schickt uns nach Hause. 2. Entschädigt uns. 3. Unterstützt uns, bis wir uns erholt haben. Was genau sie mit „erholt“ gemeint hatten, überlasse ich Ihrer Fantasie.“

Das Gefühl der aktuellen Palästinenserführung für Timing und ihre Hingabe an Symbolismus verdienen kommentiert zu werden. Während Yassir Arafat seit den e1960-er Jahren die Palästinenserbewegung durch die wechselnden Strömungen der Dritte-Welt-Bewegung und des Kalten Krieges navigierte, ist dieses Geschick heute nirgends zu bemerken. Die Proteste aus Anlass des Jahrestags der Balfour-Erklärung kommen gerade zu der Zeit auf, in der das System der arabischen Staaten sich an einem Tiefpunkt befindet. Syrien, der Jemen und Libyen gibt es praktisch nicht mehr; der Irak ist zwischen einem iranischen Rumpf, einem schrumpfenden ISIS-Gebilde und einem unabhängigen Kurdistan (bis auf den Namen) geteilt und der Libanon ist ein von Schiiten beherrschtes Gehäuse. Die PA ist ein Pseudo-Staat, der nur dank Auslandshilfen und israelischer Sicherheitsunterstützung existiert.

Der Ton der Proteste gegen die Balfour-Erklärung – „Was in Palästina geschieht, ist die größte soziale Untergerechtigkeit unserer Zeit“, formulierte einer der Organisatoren – ist daher nicht einfach ein Lamento nach einer Zeit, in der die Palästinenser anscheinend im Zentrum arabischer und muslimischer Politik standen, sondern Widerstand gegen empirische Wirklichkeit.

Die Kampagne zur Entschuldigung für Balfour ist nur ein weiteres Element in den Kriegen der Palästinenser gegen unangenehme historische Fakten, die geleugnet, angegriffen, umgeschrieben oder sonstwie bestürmt werden müssen, statt dass man sie diskutiert, eingesteht oder teilt. Diese Herangehensweise ist für solch merkwürdige palästinensische Behauptungen verantwortlich wie dass Arafat bestritt, dass es in Jerusalem je einen jüdischen Tempel gegeben hat; Saeb Erekats Äußerung, dass die Palästinenser die Nachkommen der Einwohner während des Epipaläolithikums und damit die „wahre“ indigene Bevölkerung des Landes; und das noch überheblichere Beharren darauf, dass Juden einzig die Anhänger einer Religion sind und nicht Mitglieder eines Volkes.

Hier gleitet „Widerstand“ in halsstarrige Fabeldichtung ab. Die Wirklichkeit muss auf Grundlage sowohl religiöser Ideologie als auch fantastischer erfundener Elemente angepasst werden. Palästinensische Beispiele müssen in einen größeren Kontext gesetzt werden, von religiösen Ansprüchen bezüglich perfider und verfluchter Juden bis zu wehleidigen historischen Behauptungen, dass Muslime Amerika entdeckten, die Fliegerei erfanden und – finsterer – zionistischer Angriffshaie oder der „Verschwörung zur Vernichtung des Islam“

Diese Konzepte – gefallene Ehre zu tilgen, immerwährendes Opfertum, internationale Verantwortlichkeit und über Schuldgefühle zu erreichen, was Politik und Waffenkraft nicht schaffen – sind kulturelle Ideen, die von Palästinenserführern sowie ihr Bildungssystem und die Medien endlos vermittelt werden. Aber sie spiegeln sich auch der palästinensischen Politik. Auf Schritt und Tritt erreichen Verhandlungen ein Stadium und halten dann an, weil Kompromisse die volle „Wiederherstellung“ dessen ausschließen, das es niemals gab. Jahrhunderte alte Ereignisse zu bekämpfen und zu hoffen einen anderen Ausgang zu erzeugen, entspricht diesem Muster. Es wird eher keine stabile palästinensische Gesellschaft oder Frieden mit Israel aufzubauen.

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