Der Vorteil des Bösen gegenüber dem Gewissen

Warum der Westen Yassir Arafat endlos neue Chancen gibt

Norman Doidge, The Weekly Standard, 15. April 2002

Wie kommt es, dass die Bush-Administration, der es mit dem Widerstand gegen Terroristen und diejenigen, die ihnen Gastfreundschaft gewähren, todernst ist, Colin Powell letzte Woche erklären lassen konnte dass Arafat überhaupt kein Terrorist sei? Und das an demselben Tag, an dem herausgefunden wurde, dass der Altterrorist Yassir Arafat die Al-Aksa-Selbstmordbomber finanziert. Am 4. April forderte Präsident Bush Israel auf, seine Angriffe auf Arafats terroristische Infrastruktur einzustellen. Was kann in ihren Köpfen vorgehen? Meinen sie es nun Ernst oder nicht?

Tatsächlich ist es ihnen mit der Bekämpfung des Terrors Ernst. Sie befinden sich aber auch in einer psychologischen Klemme, die sie nicht verstehen. Arafat davon kommen zu lassen ist ein Verhaltensmuster, das derart oft wiederkehrt, dass es einfach nicht mehr nur als Fehler beschrieben werden kann. Es ist dasselbe Muster, das George Bush Senior veranlasst hat davor zurückzuschrecken Saddam Hussein fertig zu machen, als er ihn schon überwältigt hatte. Diese Woche hoffen Europa, die arabische Welt und die Bush-Administration darauf, dass sich eine diplomatische Initiative entwickelt, die sicher stellt, dass Israel denselben Fehler macht, den George Bush Senior im Irak machte; deshalb verboten sie Israel, Arafat und sein Regime zu zerschlagen.

Keiner überlebt so lange wie Yassir Arafat – vierzig Jahre als Terrorist -, wenn er nicht etwas über die Schwachstellen der westlichen Psychologie weiß. Der israelische Außenminister Abba Eban spöttelte einmal, dass die Palästinenser unter Arafats Führung „niemals die Gelegenheit auslassen eine Gelegenheit auszulassen“. Der Bemerkung ist das Alter nicht bekommen. Näher an der Wahrheit liegt, dass der Westen mysteriöserweise niemals eine Gelegenheit verpasst hat Arafat wiederzubeleben. Arafat konnte seinen Kampfgeist aufrecht erhalten, weil der versteht, wie die westliche Psyche in derartigen Situationen auf der Grenze zum Tod funktioniert. Das ist so, weil er als Terrorist ohne Gewissen Dinge erkennt, die diejenigen mit Gewissen nicht sehen können. Diese Einblicke haben Yassir Arafat am Leben erhalten.

Es wäre einfach, Arafats endlose neue Chancen einfach einer irre geführten politischen Linken zuzuschreiben, da die Linke es vorzieht, mit Arafat nicht als Kriminellem, sondern als Gleichberechtigtem umzugehen. Aber heute ist in Israel wie den USA die Rechte, nicht die Linke an der Macht. Außerdem waren, geschichtlich betrachtet, nicht alle, die Arafat wiederbelebten, Linksextreme oder ideologische Feinde Israels. Viele von ihnen haben gewusst, dass Arafat ein Lügner und Terrorist ist. Arafats psychologischer Zauber wird vor allem offenbar, wenn er ihn auf solche Leute anwendet.

Aber zuerst sollten wir den Fall klar stellen. Es gibt eine bemerkenswerte Liste ehrenwerter Bekämpfer des Terrorismus und der Tyrannei, die sich in der Situation wieder finden, dass sie ihre eigenen Prinzipien über Bord werfen, damit Arafat davon kommt, statt ihn der Gerechtigkeit zuzuführen. Ronald Reagan duldete keine Kompromisse mit dem „Reich des Bösen“ und bombardierte Muammar Gaddafis Haus und tötete ihn beinahe. Trotzdem übte Präsident Reagan in den 80-er Jahren Druck auf Menachem Begin aus, Arafat und seine Kämpfer entkommen zu lassen, als die israelische Armee sie in West-Beirut in die Ecke gedrängt hatte. Begin, der damit Karriere gemacht hatte, liberalen Demokratien zu widerstehen, die Israel schlechte Ratschläge gaben, gab nach. Nachdem er Arafat durch den größten Teil seines Erwachsenenlebens hindurch bekämpft hatte, entkriminalisierte und bewaffnete ihn Yitzak Rabin durch Oslo genau in dem Moment, als er am schwächsten war – frisch nach seiner Unterstützung des geschlagenen Saddam Hussein. Ehud Barak machte eine außergewöhnliche Karriere durch die Bekämpfung von Terroristen, bevor Arafat die Beendigung seiner Karriere verursachte. Der jetzige Präsident Bush übernahm das Amt und weigerte sich mit Arafat zu sprechen oder ihn wie ein normales Staatsoberhaupt zu behandeln. Bushs Haltung wurde gestärkt, als Palästinenser am 11. September in den Straßen feierten; und seine Eingeweide revoltierten im letzten Dezember angesichts der palästinensischen und Fatah-Selbstmordbomber in Israel.

Aber wenn solche Männer mit Arafat zu tun haben, gibt es gelegentlich eine Kehrtwendung. Bei Präsident Bush passierte das im März. Als Israel Truppen in das Nervenzentrum der Terroristen in Ramallah schickte, um weitere Anschläge auf Zivilisten zu verhindern – als es also letztlich genau das tat, was die USA in Afghanistan tun -, sagte Präsident Bush, die israelischen Aktionen seien „nicht hilfreich“. Wenn sie mit Arafat zu tun haben, werden selbst die Feinde des Terrors widersprüchlich und inkonsequent.

Der Urtyp des Befreiers Arafats ist ein politischer Führer, der ihn viele Male kritisiert hat, sich als ausdrücklich fähig zur Benutzung von tödlicher Gewalt in anderen Situationen erwiesen hat und – wie Reagan, Bush, Begin, Sharon, Rabin und Barak – andere kritisiert hat, dass sie Terroristen laufen ließen. Der typische Befreier in letzter Minute ist ein zögernder und bald reuiger Erlöser, der oft gegen Terror gekämpft hat. In der Regel ist er furchtbar beunruhigt davon, dass er Arafat laufen lässt, aber er fühlt sich durch eine stärkere Kraft in die Falle gelockt. Es passiert immer etwas, über das das Wissen, dass es gefährlich ist, solche Leute ungestraft davon kommen zu lassen, nicht in wirkungsvolles Handeln umgesetzt wird. Es ist, als würden diese Politiker einem Zauber erliegen.

Dieser „Zauber“ ist Teil der Dynamik, die aktiv ist, wenn das Böse, dem man entgegen tritt, unverschämt und unbarmherzig ist. Das passierte, als der erste Präsident Bush Saddam Hussein am Ende Golfkriegs davon kommen ließ. Dass Bush Saddam der Niederlage zu entkommen erlaubte, als er praktisch so gut wie erobert war, ist entscheidend. Derjenige, der sich dem schlechten Rat des Freilassens zu folgen entscheidet, handelt nicht aus einer Position der relativen Schwäche. Neville Chamberlain und die anderen, die Hitler in München (1938) entkommen ließen – einen weiteren Repräsentanten des unverschämt Bösen -, taten das, bevor der Führer seine Kriegsmaschine perfektioniert hatte. Es ist, als gäbe es ein ungeschriebenes psychologisches Gesetz, dass, wo das Böse sich so schamlos wie nur irgend möglich verhält – mit den barbarischsten Morden an Kindern und Zivilisten, den unglaublichsten Behauptungen und Lügen -, es irgendwie noch um fünf vor zwölf als Ausnahme für eine Begnadigung behandelt wird.

In jedem Fall der Geschichte gibt es natürlich ein politisches Gebot, das angeführt wird um zu rechtfertigen, dass die Niederlage den Händen des Sieges entrissen wird. In Arafats Fall stellte sich heraus, dass das politische Gebot jedes Mal auf einer falschen Kalkulation basierte. Im März war der US-Druck auf Israel, seinen Zugriff auf Arafat zu lockern, gerechtfertigt, um arabische Unterstützung für Washingtons Versuch zu sammeln, Saddam zu stürzen. Diese arabische Unterstützung kam nicht zustande, genauso wenig wie die Versprechungen von Oslo. Washingtons arabische „Freunde“ erklärten im Gegenteil auf dem Beiruter Gipfel, dass jeder Angriff auf den Irak ein Angriff auf sie alle sei. Darauf antwortete Außenminister Powell, Arafat, der sich mit der Ermordung des amerikanischen Botschafters und seines Vertreters in Khartoum brüstete, sei kein Terrorist.

Der Student der menschlichen Natur, der am besten die Bedeutung dieser bizarren Dynamik erkannt zu haben scheint, in der ein gewissenhafter Held sich als unfähig erweist, einen als bösartig erkannten Feind aus dem Weg zu räumen, war kein Geringerer als Shakespeare. The Bard war tatsächlich davon besessen, das Phänomen zu verstehen. Hamlet zögert, Claudius der Gerechtigkeit zuzuführen und bezahlte das mit seinem Leben und dem derer, die ihn liebten. Aber es ist „Richard III.“, aus dem man am meisten über Personen lernen kann, die das Böse sehen, aber im entscheidenden Moment zögern. Die Hauptfiguren sind sich voll bewusst, dass Richard unzweifelhaft bösartig ist; trotzdem lassen sie ihm seinen Willen. Richard ist die systematisch böseste in allen Stücken Shakespeares. „Ich kann lächeln und lächelnd morden“, sagt er und schwört, dass er alle Schurken der Welt übertreffen „und den mörderischen Machiavelli zurück auf die Schulbank schicken“ will.

Die wichtigste Erkenntnis, die Richard hat, lautet: Während das Gewissen uns erlaubt, die gewöhnlichen Verbrechen zu verstehen, macht es uns den außergewöhnlichsten gegenüber blind.

Der Gedanke, dass das Gewissen uns blind macht, uns weniger fähig macht, den unverschämtesten Formen des Bösen entgegen zu treten, ist sehr verstörend; denn das Bewusstsein ist das sine qua non der zivilen Gesellschaft. Das Gewissen soll die Kraft sein, die uns hilft, uns der Wirkung auf andere bewusst zu werden, wie auch unserer Motive ihnen gegenüber, besonders unserer niederen Motive. Im elisabethanischen Englisch ist „Gewissen“ ein zweideutiges Wort, das entweder die Kraft bezeichnet, die uns erlaubt Schuld zu empfinden, oder ein „Bewusstsein“ (wie in „Gewissen“). Wenn Hamlet sagt: „Das Gewissen mach uns alle zu Feiglingen“, dann meint er damit das Bewusstsein, das uns auf die Möglichkeit des Todes aufmerksam macht, uns feige macht.

Das Gewissen, das dazu gemacht ist, das Böse in uns aufzuspüren, kann aber auch unser Bewusstsein für das Böse verringern. Das passiert nach Freud, weil die Person mit einem Gewissen automatisch lernt seine destruktivsten Neigungen zu unterdrücken, um nicht nach ihnen zu handeln. Er beginnt z.B. den Nervenkitzel des Bösen zu ignorieren, den ein Sadist wie Richard III. empfindet, wenn er Gott spielt und Menschen nach eigenem Gutdünken tötet. Aber der Preis dafür, die zerstörerischsten eigenen Gefühle zu unterdrücken, ist eine Unfähigkeit, ohne bedeutende Anstrengungen diejenigen zu verstehen, die diesen Gefühlen freien Lauf lassen.

Dies ist in „Richard III.“ wieder und wieder zu sehen, besonders als Richard Lady Anne verführt, deren Ehemann er ermordet hat; und es ist wieder und wieder in unserem Umgang mit Terroristen zu sehen. Richard bringt Anne dazu ihr Schwert fallen zu lassen, als sie ihn töten will. Obwohl sie weiß, dass er böse ist, kann Anne nicht sehen, dass er kein Gewissen hat. Sie sagt ihm, er solle sich aufhängen für das, was er getan hat. Sie begreift gar nicht, was los ist. Er fühlt keine Schuld. Schließlich heiratet sie ihn und er ermordet sie.

Das Gewissen, wenn es gut funktioniert – automatisch und ohne das Eingreifen der Vernunft, so dass wir das Richtige tun ohne nachzudenken – ist nicht einfach rational. Es ist eine Kraft, schlichtweg ein Instrument, vor dem die gewissenhafte Person schuldig bis zum Beweis des Gegenteils ist. Als vorbeugendes Organ des Geistes blockiert das Gewissen erst und lässt das Denken erst später zu. Männer wie Arafat und Richard wissen das. Das ist der Grund, dass beide Männer ständig andere beschuldigen Verbrechen zu begehen – um sie zu paralysieren. Beide wissen, dass es keine Rolle spielt, ob die Anschuldigungen falsch sind oder nicht. Richard beschuldigt Anne schamlos, sie habe den Mord an ihrem Ehemann angestiftet, wie Arafat den Westen beschuldigt, den Terrorismus zu verursachen.

Es ist diese Kraft in der Psyche seiner Feinde, die die Person ohne Gewissen so effektiv als Fünfte Kolonne einsetzen kann. Da er selbst keine solche innere Stimme hat, die ihn immer hinterfragt, kann er sie bei anderen deutlich erkennen – weitaus besser als diejenigen, die ihr Knecht sind und jeden ihrer Vorwürfe ernst nehmen. Arafat wird ständig eine (weitere) neue Chance gegeben, weil das Gewissen des Westens tut, was ein Gewissen tut: es hinterfragt das Handeln des Westens. Deshalb spricht Arafat ständig mit dem Gewissen des Westens, besonders durch seine endlose Zuflucht zu „internationalem Recht“ und die Anrufung der „Menschenrechte“, eine unglaublich unverschämte Masche aus dem Mund eines Terroristen.

In der Demokratie ist das Gesetz wie ein staatsbürgerliches Gewissen. Und wie ein Gewissen ist es ein sehr grobes Instrument. Weil das Gesetz in der Demokratie vom Volk gemacht ist, hat es dessen Respekt. Demokratische Staatsbürger neigen zu der illusorischen Hoffnung, dass das Gesetzt auf internationale Angelegenheiten zwischen Regierungen erfolgreich angewendet werden kann, egal, ob es sich dabei um Demokratien oder Diktaturen handelt, ob sie stark oder schwach sind. Der Name dieser Hoffnung lautet „Völkerrecht“. Da aber das Gesetz in Diktaturen letztlich das Ergebnis der Laune eines einzelnen Menschen ist, lediglich das Ausdrucksmittel des vorherrschenden Willens der Macht, kann es diesen vorherrschenden Willen und die Macht nicht einschränken. Gewissenhaftigkeit verbindet sich in Diktaturen auf keinerlei Weise mit dem Gesetz. Internationale Abkommen mit Tyrannen sind bedeutungslos, aber die Erzielung solcher Abkommen ist genau das, was das (US-) Außenministerium unterstützt, indem es versucht Israel dazu zu bewegen sich mit Arafat an einen Tisch zu setzen.

„Was ist schon das Gesetz?“, fragte Saddam Hussein einmal. Dann beantwortete er seine eigene Frage: „Die beiden Zeilen über meiner Unterschrift.“

Wenn ein Terrorist wie Arafat oder bin Laden Bomben und Sprache gemeinsam benutzt, dann ist sein Ziel, die von ihm ins Visier genommene Gesellschaft zu schwächen, indem er sie nicht nur über Angst manipuliert, sondern auch über ihr Gewissen. Er versucht in jedem Einzelnen eine Fünfte Kolonne zu schaffen, die seinen Idealen mit Sympathie begegnet, sowie eine Fünfte Kolonne in der Gesellschaft, eine Anti-Selbstverteidigungs-Bewegung, die rechtschaffene Lobby, die die Regierung dazu veranlassen will die Tore zu öffnen, damit der Terrorist sein Ziel mit Leichtigkeit zerstören kann. Die Mechanismen aber, durch die Gesellschaften zusammenbrechen, müssen weitgehend unbewusst ablaufen. Schließlich können sich nur wenige Menschen im Spiegel betrachten, wenn sie von sich sagen: „Ich breche unter der Angst zusammen.“

Der Terrorist muss seine Opfer daher überzeugen, dass sie „das Richtige tun“, wenn sie unter der Angst zusammenbrechen. Um das zu tun, muss der Terrorist das Gewissen des Opfers rekrutieren oder übernehmen und verändern. Das geschieht stufenweise.

Terror funktioniert nicht einfach durch Morde: Er ist boshaft theatralisch. Terror will nicht nur seine unmittelbaren Opfer verstümmeln, sondern auch ein damit verbundenes Trauma beim „Publikum“ herbeiführen, um dieses gegen seinen Willen zu verändern. Die Kerntaktik des Terrorismus ist der Gebrauch wahlloser Gewalt im „Wohnzimmer“ der Bevölkerung. Sie flößt das Gefühl ein, dass man das Schlachtfeld niemals verlassen kann, weil das eigene Zuhause das Schlachtfeld ist. Das geniale am Terrorismus ist, dass er unregelmäßige, wahllose Gewalt einsetzt, um das Gefühl zu erzeugen, dass der Terror allgegenwärtig ist.

In den 70-er Jahren, als regelmäßig Flugzeuge und Menschen entführt wurden, tauchte ein bizarres Phänomen auf. Das Gewissen wurde ebenfalls entführt. Menschen, die vor einer geladenen Waffe stehen und um ihr Leben betteln mussten, deren nächster Atemzug von ihren Geiselnehmern abhing, beschrieben später ihre Geiselnehmer als gerechte Leute, von denen sie gut behandelt wurden. Ehemalige Geiseln hielten ihren eigenen Regierungen rechtschaffene Vorträge über die Notwendigkeit, die Forderungen der Terroristen zu unterstützen. Unaufhörlicher Terror ließ ein fast psychotisches Wunschdenken aufkommen, das die Terroristen zu guten Menschen umdefinierte, nein, sogar zu Erlösern.

Der betreffende psychologische Mechanismus wird „Identifikation mit dem Aggressor“ genannt und wurde erstmals von Anna Freud beschrieben. Wenn diese Identifikation geschieht, dann ist das so, als würde der Terrorist seine Ideale und seine Moralvorstellungen in das Gewissen des Opfers einpflanzen.

Das Musterbeispiel dafür spielte sich 1973 in Stockholm ab, als vier Schalterbeamte 131 Stunden lang in einem Banktresor mit vorgehaltener Waffe festgehalten wurden. Schon bald zeigten die Gefangenen mehr Angst vor der Polizei, die versuchte sie zu retten, als vor den Geiselnehmern. Ein Gefangener sagte in einem Telefonat mit dem schwedischen Premierminister Olaf Palme: „Die Räuber beschützen uns vor der Polizei.“ Nachdem die Schalterbeamten befreit wurden, äußerten sie keinen Hass gegen die Geiselnehmer und sagten sogar, sie seien ihnen emotional verpflichtet. Durch die 70-er Jahre hindurch wurde das Stockholm-Syndrom wieder und wieder demonstriert. Amerikaner, die von Terroristen im Libanon entführt wurden, kamen frei und priesen ausgerechnet die arabischen Terroristen, die ihre Mitgefangenen ermordeten. Patty Hearst, die in Kalifornien von der Symbionese Liberation Army gekidnappt wurde, machte das Gleiche.

Das Stockholm-Syndrom ist kein bewusster Versuch sich bei den Geiselnehmern lieb Kind zu machen, sondern eine automatische emotionale Reaktion, die bei vielen, wenn auch nicht allen Gefangenen zu finden ist. Mit der Hilfe des Fernsehens schafft der Terrorismus etwas, das man ein „Second-hand-Stockholm-Syndrom“ der Politik nennen könnte. Ziel ist es, die Bevölkerung, auf die man zielt, in ein Wunschdenken zurück fallen zu lassen, so dass sie sagt: „Wenn wir ihren Forderungen zuhören, dann werden sie vielleicht aufhören. Vielleicht liegt das Problem darin, wie wir die Krise handhaben. Vielleicht verlangen wir zu viel. Vielleicht kann man mit ihnen reden. Vielleicht sollten wir nicht weiter auf sie feuern und dem Frieden eine Chance geben.“ Die Staatsbürger werden zunehmend passiv und konfus und sind bereit zu beschwichtigen. Diese Konfusion wird immer dann deutlich, wenn Experten, die Terror verteidigen, davon reden, dass terroristische Gewalt nicht von den Tätern verursacht ist, sondern durch eine abstrakte „Spirale der Gewalt“; damit suggerieren sie eine moralische Gleichstellung zwischen dem Terroristen und seinen Opfern und blenden die Wirklichkeit des Barbarismus und der menschlichen Psychopathie aus. Wie viel angenehmer ist es doch, in einer Welt der Abstraktionen zu leben als der der Richards, Arafats, Saddams und bin Ladens.

Wie Richard ist der Terrorist unverschämt und unbarmherzig. Für Amerika ist Terror im eigenen Land neu und es muss die Rücksichtslosigkeit erst noch in Aktion erleben. Es sind Gesellschaften wie Israel, Ziel beständiger Terrorkampagnen, die für das Second-hand-Stockholm-Sydrom besonders anfällig sind.

Israel stand während der gesamten Oslo-Phase deutlich schlecht da. Das ist die Zeit, in der die israelische Linke die israelischen Schulbücher umschrieb, die meisten Bezüge zum Holocaust und seiner Rolle in der Gründung des Staates fallen ließ; die Bezüge zu den Angriffen der arabischen Armeen von 1948, 1967 und 1973; die Bezüge zum totalen Versagen der liberalen westlichen Demokratien wie Frankreich bei der Hilfe zur Rettung der Juden (was eine der Hauptrechtfertigungen des Zionismus wurde); und sie setzten den israelischen Jugendlichen, die bald darauf in der Armee dienen mussten, die palästinenserzentrierte Sichtweise der Ereignisse vor. Während Shimon Peres argumentierte, im „neuen Nahen Osten“ (einem Ort, wo es keinen Antisemitismus geben würde) würde es die Notwendigkeit eines jüdischen Staates nicht geben, akzeptierten israelische Intellektuelle wie der Romanautor David Grossman die Ansicht des Aggressors, dass die jüdische Selbstverteidigung bösartig sei:

„Von den Juden in Israel wird jetzt nicht nur verlangt, Territorium im geographischen Sinn aufzugeben. Wir müssen genauso eine Umgruppierung – oder sogar einen vollständigen Rückzug – von ganzen Regionen unserer Seele vornehmen… Langsam, über Jahre hinweg, werden wir entdecken, dass wir beginnen sie aufzugeben:… Macht als Wert aufgeben; die Armee als Selbstwert aufgeben;… aufgeben, dass es Hut ist, für sein Land zu sterben‘; das Our das Beste für die Luftwaffe‘ aufgeben,… und das �Mir nach‘ aufgeben [die Doktrin, dass kommandierende Offiziere ihre Truppen in gefährliche Situationen führen].“

Die wiederholte Botschaft dieser kurzen, beschwörenden Formel: Israel, gibt dein Schwert ab.

Terroristen können mit Hilfe der Sprache arbeiten, wie es Richard tat, bis er die Gewalt benutzen konnte – oder sie arbeiten nur mit Gewalt. Was Arafats Karriere im Terrorismus so bemerkenswert macht, ist, dass er, als er nur begrenzte Möglichkeit zum Einsatz von Gewalt hatte, die gleichen Mittel wie Richard nutzen konnte seine Feinde zu überzeugen ihn nicht durch die Mangel zu drehen.

Arafat war es möglich, sich und das palästinensische Volk als Opfer darzustellen, weil er – da ohne Gewissen – palästinensische Kinder geschickt dazu ermutigen konnte, sich als menschliche Schutzschilde für seine Scharfschützen aufzustellen. Einen solchen Feind zu bekämpfen verursachte Israel solche Gewissensbisse, dass viele Israelis das Gefühl hatten, sie könnten nicht mehr damit leben – obwohl sie wussten, dass Arafat sie manipulierte. Das war ein weiterer Grund, dass die Israelis den normalen Menschenverstand ignorierten und sich entschieden, der Oslo-Illusion nachzugeben, dass Arafat vertraut werden könnte.

Es ist interessant, dass die einzige Person, die schließlich Richard III. in Shakespeares Stück schlägt, Richmond ist, die einzige Schlüsselfigur, die niemals mit Richard spricht oder ihm Gehör schenkt und so nie in seinen Bann gerät. Mit Arafat zu sprechen, was nach allen Experten getan werden muss um Frieden in den Nahen Osten zu bringen, ist der genau falsche Weg, denn es gibt keinen Dialog mit einem Mann ohne Gewissen. Ein weiterer falscher Ansatz ist das Spiel der Entkriminalisierung Arafats. Indem es ablehnt, ihn für seine horrenden Verbrechen zu bestrafen, wie eine ernst zu nehmende Nation es tun würde, lässt Israel die Welt, die Araber und sich selbst glauben, dass seine Verbrechen vielleicht gerechtfertigt werden können und dass seine Versuche, ihn von weiteren kriminellen Taten abzuhalten, selbst schon kriminelle Exzesse sind. Israel wäre besser dran, wenn es der Welt schonungslos die Bilder von Arafats Opfern zeigen würde, einschließlich des amerikanischen Botschafters, den er ermordete.

Nicht alle Kriminellen sind gleich unverschämt. Arafat scheint die Macht zu haben, genau die Feinde zu neutralisieren, die ihn als den Bösesten ansehen – vielleicht deshalb, weil sie ihm dadurch, dass sie ihn praktisch als Inkarnation des Teufels betrachten, eine übernatürliche Unzerstörbarkeit zuschreiben. Solcher Aberglaube hat viele, die weitaus mächtiger als Arafat sind, zögern lassen, seine Karriere zu beenden. Er hat im Endeffekt seine eigene Unverschämtheit dazu benutzt, die Welt zu überzeugen, dass ihn der Gerechtigkeit zu überantworten eine Katastrophe sei, die mehr Arafats schafft, wenn man ihn zum Märtyrer macht (als ob es im Nahen Osten heute an Märtyrer mangelte).

Im Bann dieses Geistes ist Amerika nicht bereit Israel zu erlauben Arafats Terrorherrschaft ein Ende zu machen. Washington hat sich darauf zurückgezogen ihn mit einer Art primitiver Verhaltenstherapie anzugehen, die besagt, dass „wenn er dem Terror entsagt“ oder „wenn er den Terror kontrolliert“, dann werden wir mit ihm reden. Es ist als ob nur zählte, ihn dazu zu bringen, die richtigen Worte zu sagen – ohne Rücksicht auf seine Absichten, als müsse man keinen Unterschied machen zwischen seinem strategischen Ziel (der Zerstörung Israels) und der taktischen Bereitschaft zu verkünden, er sei gegen Terror.

Arafat hat entdeckt, wie auch Shakespeare es verstand, dass je unverschämter und rücksichtsloser man seine Brutalitäten betreibt, es desto wahrscheinlicher ist, dass man eine weitere Chance bekommt und sogar mächtige Menschen mit Gewissen findet, die auf einen zukommen und Vergessen und Vergeben anbieten und der Versöhnlichkeit einen schlechten Ruf verschaffen.

Norman Doidge schreibt für die National Post of Canada und ist Psychologe an der Columbia University und der University of Toronto.

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