Die Opfer als Opfer übertrumpfen

Rava Eleasari, tellinglies.org, April 2002 (Link fehlt)

Es begann alles damit, dass Arafat den Verhandlungstisch in Camp David praktisch umwarf. Worüber regte er sich auf? Meistens wird gesagt, er konnte es nicht übers Herz bringen eine Vereinbarung zu unterschreiben, die nicht das „Rückkehrrecht“ mit einschloss. Immerhin hatte er seinen Leuten über all die Jahre versprochen, dass sie ihre Häuser in Galiläa, Akkra und Jaffa eines Tages zurück bekommen würden.

Aber ich glaube, was er in Wirklichkeit nicht aufgeben konnte, war der palästinensische Opferstatus.

Dieser Opferstatus war intakt gewesen, solange die Palästinenser in Hütten in Flüchtlingslagern lebten, durch eine Besatzungsarmee regiert und mit ihrer Führung im Exil und auf der Flucht. Als aber Arafat die Oslo-Verträge unterschrieb, begann der Opferstatus der Palästinenser zu schwinden. Sie waren jetzt Friedenspartner, internationalen Lobes wert. Sie bekamen Autonomie, ein Parlament, Gewehre, um ihre eigene zivile Ordnung durchzusetzen. Geld floss aus Europa – und komfortable Mittelklasse-Wohnprojekte schossen in einem zuvor nicht gekannten Bauboom aus dem Boden. Zu der Zeit, als die zweite, die Al-Aqsa-Intifada, im Oktober 2000 ausbrach, hatten die Palästinenser eine der höchsten wirtschaftlichen Wachstumsraten der Welt, um die 10 Prozent.

Gleichzeitig war Arafats Popularität an einem Tiefpunkt angelangt. Sowie die Palästinenser ihr Image als Opfer ablegten und als selbstständige Bürger an einem bald bestehenden Staat interessiert wurden, griffen viele Arafat wegen der weit verbreiteten Korruption seiner Vertreter und dem Muskelprotz-Verhalten seiner Sicherheitskräfte an. Er stand auch zunehmender Opposition radikal-islamischer Fundamentalisten gegenüber.

Zu dem Zeitpunkt, als Arafat dann in Camp David saß, sah er sich vor zwei Alternativen gestellt: entweder einen Staat für sein Volk zu unterschreiben und sich selbst als veraltet zu erklären oder „einfach Nein zu sagen“ und den Opferstatus der Palästinenser wieder zu beleben – und damit sich selbst.

Wir wissen, was er wählte und was geschah. Interessant ist aber, wie zynisch, manipulativ und systematisch Arafat darin gewesen ist, die palästinensische Opferrolle aufzupolieren.

Zuerst schickte die Führung Kinder auf die Straßen, damit sie Steine auf israelische Soldaten warfen. Die daraus resultierenden Bilder von getöteten Jungen (und wer sind Opfer mit mehr Effekt als Kinder?) trugen viel dazu bei, die Sympathie für die palästinensische Sache zu schaffen. Das dauerte, bis die Menschen einige Monate später erkannten, dass die Kinder als Deckung für Gewehrschützen dienten (bei uns nimmt man das bis heute nicht zur Kenntnis!); sie begannen sich zu wundern (Ausnahme wieder: Deutschland/Europa), was für eine Art Menschen ihre neun- oder elf-jährigen Kinder für Straßenkämpfe opferten anstatt sie zu beschützen.

Diese Reaktion spornte die Palästinenser zu einem Wechsel der Taktik an. Jetzt wurde das Licht auf die sich vermehrenden israelischen Straßensperren gelenkt, die schwangere Frauen davon abhielten das Krankenhaus zu erreichen (und welche effektiveren Opfer gibt es als Kinder, die noch nicht einmal geboren worden sind?). Ganz egal, dass die Palästinenser selbst den Israelis die gerechtfertigten Gründe für die Straßensperren gegeben hatten, indem sie Krankenwagen zum Transport von Terroristen benutzten oder Autos für Explosionen präparierten. Die öffentliche Meinung ergriff diese neuen Tiefpunkte der palästinensischen Erniedrigung und Not und der Druck auf Israel erhöhte sich einmal mehr.

Aus Arafats Sicht war diese Opferrolle immer noch nicht stark genug. Die USA waren strikt gegen Terror und gegen Araber eingestellt, die Europäer begannen wegen des Nahen Ostens gelangweilt zu werden und die palästinensischen Führer sagten hinter geschlossenen Türen, dass Arafat die Dinge so richtig verpfuscht hätte.

Also ließ Arafat die bis dahin größte Gewaltwelle los – beinahe tägliche Selbstmord-Bomben – und hielt den Israelis solange die Köder hin, bis diese keine andere Wahl mehr hatten, als dagegen zu kämpfen, indem sie wieder in die gesamte Westbank eindrangen. Mehr noch: Er stellte sicher, dass palästinensische Kämpfer in den am dichtesten besiedelten Wohngebieten Schutz suchten und die Zivilisten als menschliche Schutzschilde benutzten und sie praktisch als Geiseln nahmen. Auf diese Weise konnte Arafat garantieren, dass – selbst angesichts der relativ langsamen und vorsichtigen Vorgehensweise in den Kämpfen – eine Höchstzahl an zivilen Todesfällen verursacht werden könnte oder, sollte das fehl schlagen, maximale Zerstörungen. Um das zu erreichen versahen die palästinensischen Guerillas Flüchtlingslager mit Sprengfallen, mit Dutzenden Bomben, die die israelische Armee dann sprengen musste, damit die Einwohner sie nicht bei ihrer Rückkehr auslösten; das verursachte weitere Dutzende zerstörte Häuser und Straßen.

In gewissem Sinn marschierte die israelische Armee genau in diese PR-Falle. Sie hätten sicher mehr Schaden verursachen können, hätten sie die palästinensischen Städte einfach aus der Luft bombardiert, statt bei der Suche nach Terroristen von Tür zu Tür zu gehen. Trotzdem gibt die Bilder von Leichen, platt gewalzten Autos, zerstörten Häusern und zerschlagener Kanalisation. „Gräuel“, sagen die Palästinenser, „Massaker“. Der auf Besuch befindliche portugiesische Schriftsteller Jose Saramago, Nobelpreis-Träger, schaute über das belagerte Ramallah und sprach das schicksalhafte Wort aus: „Auschwitz“.

Und damit kommen wir zur Sache: Dieses Wort bezeichnet Arafats Endziel. Er will offensichtlich nicht weniger als einen Holocaust seines Volkes, damit die Palästinenser genauso einen Staat verdient haben werden wie die Juden nach der Schoah. Damit die Palästinenser einen neuen und verbesserten Staat verdient haben werden, einen Staat, der viel besser ist als das, was ihnen bisher angeboten wurde. Wie sonst kann man dieses Verhalten erklären? Selbst jetzt, während die Israelis noch palästinensische Städte besetzt halten und weitere Gebäude einebnen, rufen Arafat und seine Gang immer noch zu Jihad und Selbstmordbomben auf. Arafat selbst will „ein Märtyrer, ein Märtyrer, ein Märtyrer“ sein -das nobelste, heldenhafteste Opfer – und für die unterdrückten palästinensischen Massen sterben. Tatsächlich ist sein Beliebtheitsgrad unter den Palästinensern und in der arabischen Welt wie noch nie vorher in die höchsten Höhen geschossen.

Das Problem in Arafats Denken besteht in Zweierlei:

Auf der rhetorischen Ebene erzielen die Vorwürfe des Nazismus nicht die Wucht, die sie haben sollten. Der Grund dafür: Palästinenser-Sprecher haben bereits den Wert der Sprache der Gräueltaten herab gesetzt. Sie haben den Begriff „Kriegsverbrechen“ bereits zu sehr für die Beschreibung der Erniedrigung hochgespielt, die die Palästinenser an den Kontrollposten erleben; „ethnische Säuberung“ zur Beschreibung der Verhaftung von Terror-Verdächtigen (von denen die meisten innerhalb von Stunden oder Tagen wieder frei gelassen wurden); und der Begriff des Völkermords zur Beschreibung einiger hundert toter Zivilisten, die meist tragisch ins Kreuzfeuer zwischen israelischen Soldaten und palästinensischen Milizen gerieten. Was der durchschlagende Hit „Auschwitz“ sein sollte, fällt auf ermattete Ohren.

Auf der historischen Ebene wichtiger: Die Palästinenser scheinen vergessen zu haben, mit wem sie es zu tun haben. Die Juden wissen selbst sehr gut, was ein Holocaust ist; sie haben nämlich am eigenen Leib die systematische und kaltblütige Ausrottung eines Volkes erlebt. Was den Opferstatus angeht, haben die Juden die imposanteste Visitenkarte der modernen Geschichte, auf der das Blut von sechs Millionen eingraviert ist, was ihnen die Schuld der Welt und deren Sympathie sichern sollte. Die Juden werden nicht für Angeber Platz machen, sie werden sich nicht als Opfer auf den zweiten Platz verdrängen lassen. Und nachdem sie ihren Sinn für Proporz auf die harte Tour gelernt haben, werden sie das letzte Volk auf der Erde sein, das einen neuen Holocaust an einem anderen Volk verüben wird.

So kann also Arafat weiter versuchen die Israelis zu ködern, er mag seine Bereitschaft zu sterben verkünden, er kann weiter sein Volk aufhetzen. Er kann versuchen, dem palästinensischen Volk den grausigsten, tragischsten und quälendsten Opferstatus zu verschaffen, den es jemals hatte und das auch erreichen. Aber er wird niemals den kalten Schauer der Endlösung erhalten, egal, wie viel die Palästinenser das so hinzudrehen versuchen. Die Welt wird sich nicht schuldig fühlen. Den Israelis werden sie nicht leid tun. Und die Palästinenser werden als Opfer vor allem einer Sache enden: der Fehlurteile und der Selbsttäuschung ihrer eigenen Führung.

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