Zu Arafats Rede vom 15. Mai 2002 (1)

Yassir Arafat hielt am 15. Mai 2002 eine weithin beachtete Rede. In dieser Rede – so berichteten unsere Medien – kündigte er Reformen in der PA und Wahlen an. Das wurde besonders hervor gehoben. Aber was hat er tatsächlich gesagt? (Abgesehen davon, dass er in der Folgezeit vor allem darauf hinwies, dass Wahlen nur stattfinden könnten, wenn die Israelis abziehen – als wenn das etwas miteinander zu tun hätte!). Michael Widlanski analysiert nicht nur die englische, sondern auch die arabische Version der Rede, wie sie von Arafat gehalten wurde.

Michael Widslanski, The Media Line, 19. Mai 2002 (nicht mehr online)

Analyse: Arafats politische Rede legt die westlichen Medien und die Bush-Administration wieder einmal erfolgreich herein

Yassir Arafat wichtige politische Rede dieser Woche wurde vom Weißen Haus als „positiver Schritt“ in Richtung Neustart des arabisch-israelischen Friedensprozesses begrüßt, war aber alles andere als das.

Eine tiefer gehende Untersuchung der vorbereiteten Rede in arabischer Sprache wie auch die Videoaufzeichnung der 40-minütigen Ansprache zeigen, dass die Rede Teil eines sorgfältig ausgearbeiteten und erfolgreichen Vertrauensspiels war, das von den Autonomiebehörde mit den westlichen Medien und der Bush-Administration gespielt wurde.

Präsident Arafat: „Frieden war und wird unsere strategische Wahl sein und wir werden diese Wahl des Friedens nicht aufgeben“, las sich die Schlagzeile der englischen Zusammenfassung von Arafats Rede, die von WAFA, der offiziellen palästinensischen Nachrichtenagentur verbreitet wurde.

Aber der arabische Text hatte eine andere Botschaft:

„Unser nationaler Kampf wird in allen seinen Formen fortgeführt, um den Traum unseres Volkes zu erfüllen, einen unabhängigen palästinensischen Staat zu errichten“, sagte Arafat. Seine Betonung von „allen Formen des Kampfes“ war ein Signal an seine Zuhörer, dass „bewaffneter Kampf“ weiterhin eine Option war, die genutzt werden würde.

Die englischsprachige Zusammenfassung, die die Basis der „positiven“ Aufnahme der Rede Arafats sein mag, hebt drei Punkte hervor:
*– Arafats fortgesetzte Entschlossenheit zum Frieden;
*– Arafats Entschlossenheit zu internen palästinensischen Reformen;
*– und Arafats Aufruf zu neuen palästinensischen Wahlen.

Aber die Untersuchung der vorbereiteten arabischen Rede wie auch der Fernsehaufzeichnung im arabischen Fernsehsendungen zeigen, dass die Rede selbst in Wirklichkeit drei völlig andere Punkte betonte:
*– „Alle Formen des Kampfes“ gegen Israel werden fortgesetzt, wobei „bewaffneter Kampf“ mit diplomatischen Bemühungen kombiniert wird;
*– palästinensische Wahlen und Reformbemühungen werden versprochen, aber eine Weile verschoben, sagt Arafat mit einem Lächeln;
*– Israel und besonders sein Premierminister Ariel Sharon – und nicht Arafat – waren verantwortlich für alle Gewalt und die Blutbäder.

Zusätzlich gab es verschiedene Sätze in der Rede, die von der Wiederaufnahme des „nationalen Dialogs“ sprachen – ein Hinweis auf die quasi-offizielle Vereinbarung zwischen Arafat und der islamischen Terrorgruppe, die als Hamas bekannt ist.

Einige westliche Medienberichte zu Arafats Rede sprechen von einem ernüchterten Arafat, der „Verantwortung übernimmt“ für Politik, die Vernichtung über Palästinenser und Israel gebracht hat, aber eine Untersuchung der Videoaufzeichnung und des arabischen Textes zeigen einen völlig anderen Ton und Inhalt.

Der Leitartikel der New York Times (vom 16. Mai) sagt z.B.: „Arafat reagierte heute auf wachsende palästinensischen und internationalen Druck zu Reformen, indem er Fehler einräumte und Änderungen seiner Verwaltung und Neuwahlen versprach, obwohl er nur spärliche Details vorlegte.“

Was Arafat zugab und was er versprach war unterschieden sich erheblich davon.

„Ich übernehme volle Verantwortung für das, was passierte“, sagte Arafat an einer Stelle der Rede, aber er bezog sich auf die Vereinbarungen, die die israelische Belagerung seines eigenen Hauptquartiers und der Geburtskirche in Bethlehem beendeten.

Arafat ist von vielen Arabern kritisiert worden, weil er in beiden Vereinbarungen zustimmte, dass bewaffnete Palästinenser ins Gefängnis kamen (von Ramallah in britisches Gewahrsam in Jericho) oder aus dem Land ausgewiesen wurden (aus der Kirche über Gaza nach Europa).

Viele Minuten der Rede wurden Arafats Verkündung der „Geschichte“ des derzeitigen palästinensisch-israelischen Abnutzungskriegs verwendet. Arafats Version dieser Geschichte betonte drei Punkte:
*– Israel begann den Krieg, als Sharon heilige islamische Stätten betrat und israelische Soldaten auf wehrlose muslimische Beter schossen.
*– Der Krieg war Teil einer Serie von israelischen Verschwörungen um die palästinensische Unabhängigkeit zu verhindern.
*– und die jüngste israelische Militäroperation wurde ohne Provokation gestartet.

„Seit dem Abend des 29. März sind wir das Ziel einer umfassenden israelischen Aggression“, sagte Arafat mit Verweis auf die israelische Operation, die begann, nachdem ein palästinensischer Terrorist sich auf einer öffentlichen Passah-Feier in Netanya in die Luft jagte.

Arafat nutzte die Gelegenheit nicht, um den Terroranschlag zu verurteilen, er erwähnte ihn nicht einmal.

Nur einmal in seiner Rede machte Arafat eine in etwa kritische Bemerkung über palästinensische „Operationen“ (d.h. Terroranschläge) in einer Art, die Arafats Stil geworden ist:
*– das Wort Terror wurde im Zusammenhang mit arabischen Aktionen nicht benutzt;
*– die Kritik wurde auf größtmöglich indirekte Weise geäußert;
*– und Israel selbst wurde letztlich für die Terrorakte der Palästinenser verantwortlich gemacht.

„In dieser Beziehung“, sagte Arafat, „verkündeten wir vor einiger Zeit und verkündigen heute wieder unsere Ablehnung der Operationen, die israelische Zivilisten angreifen, wie auch die, die auf palästinensische Zivilisten zielen, wie es in Jenin, oder besser ‚Jeningrad‘ der Fall war.“

Arafat sagte nicht, dass Jenin ein Stützpunkt der Selbstmord-Attentäter seiner eigenen FATAH-Organisation war, die für die Ermordung der meisten der 120 Israelis verantwortlich war, die im März getötet wurden. (Anmerkung: Palästinensische Unterlagen, die Israel in Arafats Hauptquartier in Ramallah wie auch im Orienthaus in Jerusalem in die Hände fielen, zeigen einen klaren Befehlsweg und Finanzierungskanäle zwischen Arafat und verschiedenen Terror-Operationen.)

Arafat feierte die palästinensischen Kämpfer in Jenin und verglich sie mit den Russen, die der Nazi-Belagerung von Stalingrad im Zweiten Weltkrieg widerstanden.

„Wir reden nicht länger von Stalingrad, sondern von ‚Jeningrad‘. Lasst das die ganze Welt hören“, schlug Arafat auf die Pauke, als er von seinem vorbereiteten Text abwich.

„Wir reden hier von etwas viel schrecklicherem als Stalingrad, wir reden von ‚Jeningrad’“, wiederholte der den Ausdruck mehrmals um des Effekts willen.

Aus Arafats Kommentierung wurde tatsächlich klar, dass er ethisch oder moralisch gegen Terroranschläge auf israelische Zivilisten war, aber nur aus Sorge, dass diese den palästinensischen Interessen schaden könnten:

„Die palästinensische öffentliche Meinung und die arabische öffentliche Meinung sind überzeugt, dass diese Operationen nicht unseren Zielen dienen, sondern große Teile der internationalen Gemeinschaft gegen uns aufbringen“, sagte er und fügte hinzu: „Auch wenn es diese Gemeinschaft war, die Israel schuf und es mit Geld, Waffen, Schutz usw. usw. versorgte.“

Arafat nannte die Terroranschläge „diese Operationen“; er benutzte nie das arabische Wort für Terror, „irhab“, das er regelmäßig benutzt, um israelische Aktionen zu beschreiben. „Diese Operationen verursachen Streit“, erklärte Arafat.

Neben Arafats rhetorischem Ansatz, war der „ideologischen Kern“ seiner Rede eine islamische begründete Verteidigung seiner eigenen Strategie des „bewaffneten Kampfes“ und der Diplomatie.

„Lasst uns den Waffenstillstand von Hudabiyya ins Gedächtnis rufen. Lasst uns den Waffenstillstand von Hudabiyya ins Gedächtnis rufen“, sagte Arafat und bezog sich auf ein ähnlich erniedrigendes Abkommen, das von Propheten des Islam, Mohammed, im Jahr 628 in Hudabiyya bei Mekka unterschrieben wurde. Die „Sulh“ von Hudabiyya, wiederholte Arafat, kam nach einigen unentschiedenen Kämpfen zwischen Mohammed und seinen Feinden in Mekka, hauptsächlich dem Stamm der Qureish. Die Bedingungen der Vereinbarung – in der Mohammeds Titel „Prophet“ gelöscht wurde – wurden von Mohammeds Anhängern kritisiert. Mohammed aber, so erinnerte Arafat seine Zuhörer, war der, der zuletzt lachte.

Zwei Jahre nach der Unterzeichnung der Vereinbarung und nachdem er an Stärke gewonnen hatte, nutzte Mohammed einen Vorwand, um den Waffenstillstand zu brechen und siegreich in Mekka einzuziehen. „Und du sollst geduldig sein, denn deine Geduld kommt von Allah“, zitierte Arafat mehrmals in seiner Rede den Koran, das heiligen Buch des Islam.

Arafat zog sich eindeutig die Schuhe des Propheten des Islam, Mohammed, an, der auch ein brillanter Stratege und Feldherr war. Daher erwähnte er mehrere Punkte, die allen Muslimen bekannt sind, die Mohammeds Karriere als Politiker und General kennen:
*– heutige Waffenstillstände können und werden morgen gebrochen, wenn sich die Gelegenheit ergibt;
*– Diplomatie und Krieg werden abwechselnd genutzt;
*– und die Zeit ist auf Seiten der Palästinenser.

An mehreren Stellen seiner Rede bezog sich Arafat mit einem Ton der Sehnsucht auf einseitige palästinensische, nationale Entscheidungen oder deutete sie stark an, die in der „Periode vor dem Frieden“, bevor Israel und die Palästinenser ihre Prinzipienerklärung von 1993 unterschrieben, getroffen wurden.

Eine was die Erklärung der palästinensischen Unabhängigkeit in Algier 1988; die andere, die in weit gefassten Begriffen angedeutet wurde, war die „Strategie der Phasen“ von 1974, in der der Palästinensische Nationalrat (im Februar) und die gesamte Arabische Liga (auf dem Oktober-Gipfel in Rabat) eine „Schlacht in Phasen“ unterstützten, in der jedes Gebiet, das man von „befreit“ in einen palästinensischen Staat eingeschlossen würde.

„Die neue Phase der Entgegentretens gegen die (israelischen) aggressiven Angriffe (auf uns) geht unvermindert weiter“, schloss Arafat.

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