Hört auf die Realität zu ignorieren

2005 wagte es der französische Philosoph Alain Finkielkraut die gefährlichen Sympathien der französischen Linken für den ethnisch-religiösen Angriff des Islam auf den Westen zu entlarven. * Obwohl der ein entschiedener Linker war, wurde er wegen seiner Betrachtungen gekreuzigt.

Dror Eydar, Israel HaYom, 28. April 2017

Demonstration gegen Israel in Paris (Archiv; Foto: AP)

1.

Ok, gut. Die französische Präsidentschaftskandidatin Marin Le Pen ist eine Extremistin. Eine Antisemitin. Fremdenfeindlich. Eine Gefahr für die Demokratie. Sie kann nicht an die Macht gewählt werden. Jetzt, wo wir das aus dem Weg haben, können wir da von dem reden, was wirklich auf dem Spiel steht? Jedes Mal, wenn ein großes Volk mit einer absolut demokratischen Wahl eine Partei oder einen Kandidaten wählt, der sich nicht im Einklang mit den politischen Plattform der Medien befindet, wird sofort das „dumme“ Volk verhöhnt. Jedes Mal, wenn eine Demokratie tatsächlich ihr grundlegendstes Prinzip umsetzt – Wahlen, bei denen jede Stimme, ob sie nun von einem Adligen oder einfachen Bürger abgegeben wird, einem Philosophen oder einem Analphabeten, hat bei der Stimmabgabe dasselbe Gewicht – wird die Wahl in Frage gestellt.

Wir sind im Predigen sehr gut. Wir sind hochqualifiziert im der Öffentlichkeit nicht zuhören. Wir sind großartig darin uns zu rühmen aufgeklärter zu sein als die Massen, die für populistische Kandidaten stimmen. Aber das Volk, das „populus“, sind das „demos“, das der Demokratie ihren Namen gibt – die Herrschaft des Volkes.

Stimmt, manchmal werden gefährliche Tyrannen gewählt und zerstören ihr Land. Aber im Allgemeinen sind es nicht offensichtliche Tyrannen, die in die Kategorie der „gefährlichen Kandidaten“ fallen. US-Präsident Donald Trump, Verfechter des britischen Brexit und sogar Premierminister Benjamin Netanyhau werden von den Medien allesamt als solche bezeichnet. Und das sind nur die letzten zwei Jahre. Es gibt noch jede Menge weitere Beispiele für die Verachtung und Arroganz, die sich wegen ihrer demokratischen Wahl gegen das Volk richten.

Nachdem wir jetzt Le Pen mit Beleidigungen überhäuft und die Welt vor ihren gefährlichen Gepflogenheiten gewarnt haben, werden Millionen französischer Wähler sie trotzdem noch wählen. Sie könnte immer noch gewinnen. Aber nehmen wir mal an, dass alle politischen Lager für ihren Rivalen stimmen – wird das den extremistischen Geist zurück in die Flasche stecken und alles zurück zur Normalität bringen? Was werden dann die Millionen französischer Bürger, die für sie gestimmt haben, umprogrammiert sein? Werden sie uns die Aufgabe ersparen den Versuch zu unternehmen zu verstehen, warum um alles in der Welt Millionen Franzosen zu dem Schluss kamen, dass Le Pen die Antwort auf ihre Probleme ist? Wir lernen einfach nie etwas daraus.

Wie sieht der Zustand Frankreichs aus? Wie der Zustand des demokratischen Traums der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, der seit dieser Revolution 1789 wie ein Geist über der französischen Republik hängt?

2.

Im Oktober 2005 brachen außerhalb von Paris Krawalle aus und verbreiteten sich schnell in andere Teile Frankreichs. Ansammlungen aus muslimischen und afrikanischen Immigranten gingen zu gewalttätigen Demonstrationen auf die Straße, setzten Autos in Brand, warfen Brandsätze auf öffentliche Institutionen und sorgten für zwei Tote. Auf der Höhe der Krawalle interviewte Ha’aretz den jüdisch-französischen Philosophen Alain Finkielkraut, der lange Zeit ein offensichtlicher Sprecher für die Linke war. Fast 12 Jahre sind seit der Veröffentlichung des Interviews vergangen und rückblickend klangen seine Worte fast prophetisch. Genauso die Reaktion, die sie auslösten.

2005 sagte Finkielkraut, die französische Presse „würde sehr gerne diese Krawalle auf ihre soziale Dimension reduzieren, um sie als Revolte von Jugendlichen aus den Vororten gegen ihre Lage, gegen die von ihnen erlittene Diskriminierung, gegen die Arbeitslosigkeit zu begreifen.“

„Das Problem besteht darin, dass die meisten dieser Jugendlichen Schwarze oder Araber mit einer muslimischen Identität sind. Sehen Sie, in Frankreich gibt es auch andere Immigranten, der Lage schwierig ist – Chinesen, Vietnamesen, Portugiesen – und sie machen bei den Krawallen nicht mit. Daher ist klar, dass dies eine Revolte mit einem ethno-religiösen Charakter ist“, sagte er.

Er argumentierte, dass es nicht Rassismus ist, der die Wut auslöste. „Sie [die Krawalle] als eine Reaktion auf französischen Rassismus zu betrachten bedeutet gegenüber dem breiten Hass blind zu sein: den Hass auf den Westen, der als für alle Verbrechen schuldig angesehen wird.“ In diesem Zusammenhang wird Frankreich als klarer Repräsentant des Westens betrachtet.

Im kulturell-politischen Klima der Zeit war eine solche Äußerung gleichbedeutend mit beruflichem Selbstmord und Finkielkraut wusste das. Aber er erwartete keinesfalls die Intensität der von seinen Worten hervorgerufenen Gegenreaktion.

„Wir neigen dazu aus ‚edlen‘ Gründen die Sprache der Wahrheit zu hören. Wir ziehen es vor ‚Jugendliche‘ zu sagen statt ‚Schwarze‘ oder ‚Araber‘. Aber die Wahrheit darf nicht geopfert werden, egal, wie edel die Gründe auch sein mögen“, sage er gegenüber Ha’aretz. „Und natürlich müssen wir Verallgemeinerungen vermeiden. Es geht nicht um Schwarze und Araber als Ganzes, sondern um einige Schwarze und Araber.“ Vor zwölf Jahren kannte Frankreich die radikal-islamistischen Terroranschläge der letzten Jahre noch nicht. Finkielkraut beschrieb die Krawalle als „ein antirepublikanisches Pogrom“, begangen von „Menschen in Frankreich, die Frankreich als Republik hassen“. Vielleicht legte das die Grundlage für die Schrecken, die später folgten.

Teile der arabisch-muslimischen Welt haben „dem Westen den Krieg erklärt“, sagte er und erklärte: Zu „sagen, dass dies aus dem kolonialen Zusammenbruch entstanden ist“ sei nur eine Ausrede. Das wahre Problem gehe viel tiefer. „Wir sind Zeugen einer islamischen Radikalisierung, die in ihrer Gesamtheit erklärt werden muss, bevor wir zum Fall Frankreich kommen, zu einer Kultur, die, statt sich mit ihren Problemen zu beschäftigen, nach einer schuldigen Seite von außen sucht. Es ist leichter eine externe schuldige Seite zu finden. Es ist verlockend sich zu sagen, dass man in Frankreich vernachlässigt wird und zu sagen: ‚Gib, gib‘.“

3.

Was der jüdisch-französische Philosoph noch alarmierender fand als diesen Hass auf den Westen, war, was er so beschrieb: „seine Verinnerlichung im französischen Bildungssystem und die Identifikation mit ihr durch die französischen Intellektuellen.“ Diese Intellektuellen, stellte er fest, hatten ein Verständnis für die Gewalt entwickelt und betrachteten die Randalierer in einem romantischen Licht als unterdrückte Revolutionäre.

„Stellen Sie sich einen Moment vor, das wären Weiße wie in Rostock in Deutschland. Jeder hätte sofort gesagt: ‚Faschismus wird nicht toleriert.‘ Wenn ein Araber eine Schule in Brand steckt, ist das Rebellion. Wenn ein Weißer das tut, ist es Faschismus. Ich bin ‚farbenblind‘. Böse ist böse, egal in welcher Farbe. Und das ist böse, für den Juden, der ich bin, ist das völlig untragbar“, sagte er.

Es gibt eine antisemitische Sichtwiese, dass Juden beim Geschäft der Sklaverei eine Schlüsselrolle spielten Finkielkraut zeigte schon 2005 auf, dass „der Hauptsprecher dieser Theologie in Frankreich heute Dieudonne ist [ein schwarzer Standup-Künstler, der mit antisemitischen Äußerungen einen Aufruhr auslöste]. Heute ist er der wahre Förderer des Antisemitismus in Frankreich und nicht Le Pens Front National.“ Lasse Sie nicht außer Acht, dass Finkielkraut und Le Pen an den entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums stehen.

Eine von Finkielkrauts wichtigsten Beboachtungen war, dass wir uns in einem Zustand des „fortwährenden Kriegs gegen Rassismus“ befinden. Jedes problematische Phänomen wird sofort als rassistisch erklärt und das seit jeder ernsten Diskussion des Themas ein Ende. Das ist der Grund, warum „das Wesen dieses Antirassismus auch überprüft werden muss“, drängte er.

„Ich denke, dass die hochtrabende Idee des ‚Kriegs gegen den Rassismus‘ sich allmählich in ein abscheulich unaufrichtige Ideologie verwandelt.“ Paradoxerweise „wird Antirassismus für das 21. Jahrhundert das werden, was der Kommunismus für das 20. Jahrhundert war. Eine Quelle der Gewalt.“

„Heute werden Juden im Namen des antirassistischen Diskurses angegriffen“, sagte er. Das soll nicht heißen, dass es Diskriminierung und Rassismus nicht gibt – natürlich gibt es sie. „Aber die Darstellung von Ereignissen als Reaktion auf französischen Rassismus ist komplett abwegig.“

Er war pessimistisch, was Frankreichs Fähigkeit angeht das Problem zu überwinden. „Es gibt in Frankreich etwas – eine Art Leugnung, deren Ursprung in der bobo [bourgeois und bohemien] liegt, bei den Soziologen und Sozialarbeitern – und niemand wagt es etwas anderes zu sagen. Dieser Kampf ist verloren. Ich bin zurückgelassen worden.“ Er wusste ganz genau, wovon er redete.

Die Reaktion auf das Interview war 2005 ähnlich zur aktuell von Le Pen-Wählern ausgelösten (mit den offensichtlichen Unterschieden). Finkielkraut wurde des Rassismus beschuldigt und in Frankreich sowie ganz Europa praktisch gekreuzigt. All seine Menschenrechtsbemühungen und unverblümte Liberalismus halfen ihm nicht im Geringsten. Letztlich gab er nach, ging zur linken „Kirche“ zur Beichte und entschuldigte sich. Aber was ist mit der Wahrheit? Haben wir das Problem gelöst, indem wir Finkielkrauts Beobachtungen zurück in die Flasche stopften? Wurde Frankreich ein besserer Ort? Was es besser darauf vorbereitet sich dem Bösen entgegenzustellen, das es herausfordert?

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