Zu Arafats Rede vom 9. September 2002 vor dem Palästinensischen Legislativrat (1)

Repräsentative deutsche Berichte zu Arafats Rede

Schlagzeilen vom 10. September 2002:

1. Frankfurter Rundschau: Palästinenser-Chef gibt sich verhandlungs- und reformbereit

Von Inge Günther

Ungewohnt klar hat Palästinenser-Chef Yassir Arafat Selbstmordattentate und andere Anschläge auf israelische Zivilisten verurteilt. In einer Rede vor palästinensischen Parlamentariern in Ramallah grenzte Arafat jede Art des Terrors von legitimem Widerstand gegen Israels Besatzung ab. Er präsentierte sich als verhandlungs- und reformwillig, machte aber keine ernsthafte Zusage, selbst Macht abzutreten…

(Bemerkung am Rande: In der Folge ist sich Frau Günther einmal mehr nicht zu schade, die Israelis für alle möglichen Unannehmlichkeiten verantwortlich zu machen, denen die Palästinenser ausgesetzt sind, wie auch für die Gewalt im Nahost-Konflikt. Und natürlich muss Ariel Sharon wieder als der unbarmherzige Kriegstreiber da stehen.)
2. Kölner Stadtanzeiger: Arafat verurteilt Selbstmordattentate

von Inge Günther

Unter Israelis und Palästinensern hat eine Debatte um die Irrwege des bewaffneten Kampfes eingesetzt.

Jerusalem – Die persönliche Erklärung des PLO-Chefs verbreiteten am Donnerstag alle palästinensischen Zeitungen und Rundfunkstationen. Jassir Arafats zentrale Aussage darin: Selbstmordattentate sind keine legitimen Mittel des Widerstands gegen die israelische Besatzung. Skepsis aber bleibt. Zum einen, weil die Einsicht eher taktisch motiviert ist, zum anderen, weil die militanten Brigaden sich wenig darum scheren.

… Doch der Terror diskreditiert auch die politischen und moralischen Ansprüche der Palästinenser auf staatliche Unabhängigkeit. PLO-Führer Arafat hat das spät, vielleicht zu spät erkannt. Sein Appell, „alle Aktionen gegen israelische Zivilisten sofort zu stoppen“, fiel zwar deutlich aus.

(Frau Günther bringt im Weiteren die Skepsis der Wirkung dieses Aufrufs zum Ausdruck, die in Israel und international geäußert werden. Sie zeigt aber keineswegs auf, dass palästinensische Verurteilungen von Terror zwei Fehler haben: Sie werden nicht aus moralischen Gründen gegeben werden, auch wenn sie mit der Wortwahl „taktische Gründe darauf hin deutet. Außerdem wird in ihrer Berichterstattung nie erwähnt, dass die Palästinenserorganisationen alle Israelis, die im Militär gedient haben, nicht als Zivilisten anerkennt und 17-jährige als baldige Soldaten auch zu militärisch legitimen Zielen erklärt. Mit einer solchen Definition kann Arafat leicht zu einem Ende der Selbstmordanschläge gegen israelische Zivilisten aufrufen – es ändert sich praktisch nichts!
Im Folgenden ist auch weiterhin die Darstellung Israels als gewalttätig und mörderisch vorherrschend.)
3. Rheinische Post: Arafat deutet Bereitschaft zu Amtsaufgabe an

Jerusalem (rpo). Der palästinensische Präsident Jassir Arafat hat dem Terror eine klare Absage erteilt. In seiner ersten Rede vor dem palästinensischen Parlament seit 18 Monaten deutete Arafat zudem eine Bereitschaft zur Aufgabe seines Amtes an.

Er verurteile „jeden Akt des Terrorismus gegen israelische Zivilisten“, erklärte Arafat am Montag. Zugleich deutete er an, er sei zu einer Aufgabe seiner Ämter bereit, wenn er dazu aufgefordert werde. Die Versammlung, bei der die Bestätigung der jüngsten Kabinettsumbildung sowie Reformen und Neuwahlen auf der Tagesordnung standen, galt auch als Test für Arafat. Im Gazastreifen gingen israelische Truppen wieder gegen mutmaßliche Extremisten vor.

Die Welt erwarte von den Palästinensern einen klaren Standpunkt bezüglich der Friedensbemühungen mit Israel und der Reformen innerhalb der Autonomiegebiete, sagte Arafat. Entgegen seinem ursprünglichen Redeentwurf forderte der palästinensische Präsident nicht ausdrücklich ein Ende der Selbstmordanschläge. Er rief aber zu neuen Friedensgesprächen auf und erklärte an Israel gewandt: „Wir wollen Sicherheit und Stabilität für uns und für euch.“
4. Süddeutsche Zeitung: Rede vor dem Parlament in Ramallah

Arafat verurteilt Selbstmordattentate auf Israelis

Palästinenser-Präsident erklärt Bereitschaft zu Machtübergabe und kündigt Neuwahlen für Januar an

Von Heiko Flottau

Kairo – Der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde, Jassir Arafat, hat in Ramallah zu einem Ende jedweder Gewalt gegen israelische Zivilisten aufgefordert. Gleichzeitig kündigte Arafat für den kommenden Januar Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an. Dabei erklärte er sich – allerdings mit einem ironischen Unterton – zur Machtübergabe bereit. Ausdrücklich verurteilte Arafat Selbstmordattentate gegen Israelis. Ein gesetzliches Verbot von Selbstmordanschlägen forderte der Palästinenser-Präsident – in Abweichung von seinem vorbereiteten Redetext – allerdings nicht…

——

Es ist schon sehr erstaunlich. Eine Abweichung von seiner Rede registrierten viele „Berichterstatter“ erst gar nicht. Der Grund dafür dürfte sein, dass sie sich nur den vorab verbreiteten englischen Text der einstündigen Rede angesehen haben. Sie verbreiteten also die Unwahrheit – dass Arafat dem Terror gegen Israel abschwörte.

Einmal abgesehen davon, dass offensichtlich die „feinen“ Unterschiede zwischen israelischen Zivilisten und militärischen Besatzern im palästinensischen Sprachgebrauch keinem der Korrespondenten und Redakteure bekannt zu sein scheinen, weichen die Behauptungen über Arafats Absage an den Terror auch kräftig von einander ab. Sie gehen von „klarer Distanzierung vom Terror“ bis zur „Ablehnung von Selbstmordattentaten“. Was Arafat tatsächlich gesagt hat, das bringt wohl keine Zeitung konkret.

Am erstaunlichsten die Unterschiede auch zwischen Rheinischer Post und Süddeutscher Zeitung: Die Süddeutsche lässt Arafat Selbstmordattentate gegen Israelis verurteilen, aber ein GESETZLICHES Verbot ablehnen (Terror nicht gesetzlich verbieten? Reichlich seltsam.), während die RP kategorisch sagt, er forderte ausdrücklich kein Ende der Selbstmordanschläge.

Was hat er denn nun wirklich gesagt? Es gibt tatsächlich Leute, die sich darum gekümmert haben.

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