In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (1/5)

David Samuels, The Atlantic Monthly, September 2005

Der Krieg um Jerusalem, der nach Premierminister Ehud Baraks fehl geschlagenem Friedensangebot in Camp David im Sommer 2000 los ging, ist Objekt von Legenden und Fabeln geworden, von denen jede einzelne in bestimmten Schattierungen des politischen Spektrums gefärbt ist, aus dem es entstammt: Yassir Arafat versuchte die Gewalt zu kontrollieren. Arafat war hinter der Gewalt. Arafat war Ziel der Gewalt, die er auf die Israelis ablenkte. Abhängig vom Wochentag, könnte jede Kombination dieser Äußerungen wahr gewesen sein.

In seiner Flicken-Uniform, die ein militärisches Gewand mit einer traditionellen Keffiye kombinierte, war der „alte Mann“, wie ihn die nennen, die Arafat am längsten kennen, eine seltsame und herausfordernd widersprüchliche Person. ER war der Vater der palästinensischen Nation und der Nachfolger der muslimischen Eroberer Jerusalems, Omar Ibn al-Khattab und Saladin. Sein offizieller Titel war „Rais“ der palästinensischen Autonomiebehörde, ein Titel, der unklar als „Vorsitzender“ oder „Präsident“ übersetzt werden kann. Arafat war also der Vorsitzende der Palästinensischen Befreiungsorganisation und Kopf der Fatah, der Hauptfraktion der PLO, die er in Kuwait in den späten 50-er Jahren gründete. Der Titel, der als erstes auf seinem Briefpapier stand, war der des Chefs der Fatah, die „Eroberung“ bedeutet – ein rückständiges Akronym für Harakat al-Tahrir al-Falistiniya, Palästinensische Befreiungsbewegung. Vorwärts buchstabiert, wird aus dem Akronym „Hataf“, was „Tod“ bedeutet.

Arafats Scheitern bei der Eroberung Jerusalems erschütterte seine Überzeugung nicht, dass die Geschichte unter Druck von innen und außen zu seinen Gunsten voran geht, isoliert von der Welt würde der Staat Israel schließlich auseinanderbrechen und sich auflösen, um vom arabischen Palästina ersetzt zu werden. „Wir werden unseren Kampf fortsetzen, bis ein palästinensischer Junge oder ein palästinensisches Mädchen unsere Flagge auf den Mauern, Moscheen und Kirchen Jerusalems, der Hauptstadt unseres unabhängigen Staates, aufziehen wird, ob das nun ein paar Leuten gefällt oder nicht“, versprach er. „Wem das nicht gefällt, der kann ja das Wasser des Toten Meeres trinken.“ Arafat verstand sein Handeln als Teil einer Entwicklung innerhalb der langen Dauer des geschichtlichen Ablaufs statt als körperlose Schlagzeilen auf CNN. Die Unfähigkeit seiner diplomatischen Gesprächspartner zu begreifen, worauf er hinaus wollte, deckt die fatalen Grenzen der westlichen Vorstellung von Politik als Weg auf, einen glücklichen Mittelweg zwischen konkurrierenden Interessen zu finden.

Arafats Geburtsname Mohammed Abd al-Rahman Abd al-Raouf Arafat al-Kidwa al-Husseini versieht aufmerksame Leser mit der Kurzbiographie eines Mannes, der eine Nation aus arabischen Flüchtlingen des arabisch-israelischen Krieges von 1948 schuf. Der Mohammed Abd al-Rahman genannte Junge wurde am 24. August 1929 in Kairo geboren und wuchs im Sakakini-Distrikt dieser Stadt auf. Seine Eltern waren beide Palästinenser. Sein Vater Abd al-Raouf war ein ein Händler aus Gaza. In den späten 20-er Jahren verließ Abd al-Raouf Gaza um einen Anspruch auf einen großen Teil von Kairo einzuklagen, von dem er glaubte, dass er rechtmäßig Eigentum seiner Familie sei. Die Klage war vergeblich und beschäftigte ihn bis zu seinem Todestag. Arafat erwähnte seinen Vater selten und ging nicht zu seiner Beerdigung. Seine Mutter Zahwa, nach der er sein einziges Kind nannte, war eine Tochter der al-Saud-Familie, deren Haus in der Altstadt von Jerusalem war Teil des Viertels, das von den Israelis nach dem Krieg von 1967 abgerissen wurde, um den Platz vor der Westmauer des Tempelbergs zu schaffen. Obwohl er nicht, wie er oft behauptete, in Jerusalem geboren war, lebte Arafat mit seinem Bruder Fathi einige Jahre im Hause der Familie al-Saud, nachdem seine Mutter 1933 starb. Arafats Großvater hieß Arafat und sein Familienname war al-Kidwa. Sein Clan waren die al-Husseinis aus Gaza, nicht die berühmte Jerusalemer Familie. „Arafat“ war der einzige Teil seines ihm gegebenen Namens, den er ins Erwachsenenalter mitnehmen würde; „Yassir“ war ein Spitzname aus der Kinderzeit, der Bezug zum Wort „wohlhabend“ oder „leicht“ hat. Er mochte die Schule nicht und zeigte früh Talent die Kinder des Viertels zu organisieren. „Er formierte sie in Gruppen und ließ sie marschieren und drillte sei“, sagte seine Schwester Inam einem Biographen. „Er trug einen Stock, um die zu schlagen, die seinen Kommandos nicht folgten. Er liebte auch Lager im Garten unseres Hauses aufzuschlagen.“

Es machte Sinn, dass ein Volk ohne Heimat, das nur eine kurze gemeinsame Geschichte der Vertreibung, Flucht, Katastrophe, Schande und Niederlage hatte, um es zusammenzuhalten, in Arafats Bann geraten würde. Er war berühmt für seine meisterliche Beherrschung der „al-taqiya“, der Fähigkeit Bedrohungen zu entgehen, und der „Muamara“, der Verschwörung. Wer ihn traf, selbst die ihm nahe standen, beschrieben sich unausweichlich als „rahba“, von Ehrfurcht ergriffen. Der Mann, den sie trafen, war „mutawaadi“ und „baseet“ – bescheiden und anspruchslos. Arafat war mehr mindestens so viel wie andere für die Formung des modernen Nahen Ostens verantwortlich. Die Überfälle, die er von Gaza, Syrien, Jordanien und dem Libanon in den 60-er Jahren gegen Israel begann, halfen den arabisch-israelischen Krieg von 1967 herbeizuführen, der den arabischen Regimen ihre Glaubwürdigkeit nahm und die Bühne für Arafats Aufstieg als arabischer Che Guevara vorbereitete. Dass Arafat in den 70-er Jahren einen palästinensischen Para-Staat im Libanon schuf, machte ihn zu einem wohlhabenden Mann und einer Stütze der sowjetischen Strategie in der Region. Nachdem er 1982 von Ariel Sharon aus Beirut vertrieben wurde, ging er in Tunis ins Exil, wo er überrascht zusah, wie eine jüngere Generation Palästinenser sich 1987 gegen die israelische Besatzung erhob. Seine Unterstützung für Saddam Hussein während des Golfkriegs (1991) ließ ihn in den frühen 90-er Jahren ruiniert und ohne seine politischen Karten zurück, genauso ohne Kontakt mit den jungen Revolutionären in der Westbank und dem Gazastreifen. 1993 unterzeichnete Arafat die Oslo-Vereinbarungen, die Israel und die Vereinigten Staaten zu einem Prozess verpflichteten, dessen Endpunkt die Gründung eines palästinensischen Staates sein würde. Er kehrte am 1. Juli 1994 über Ägypten nach Gaza zurück.

In einer weit gehend traditionellen Gesellschaft stach Arafat heraus, weil er sein durch eigene Kraft hoch gekommen war, die symbolische Inkarnation eines Volkes, das seine bestehende Existenz ihm verdankte. Jahrzehnte bevor sich sein Alter auch in der Öffentlichkeit zeigte – seine bebenden Lippen, seine zitternden Hände, sein aufgeblähter Bauch – war er bereits als der „Alte Mann“ bekannt. Seine Reden waren lange Listen von Schlagworten und ermahnenden Phrasen wie „Ya jabal ma yahzak reeh“ (Oh Berg, der Wind kann dich nicht erschüttern) und „Li-l_Quds rayyihin, shuhada bi-l-malayyin“ (Wir marschieren nach Jerusalem, Millionen von Märtyrern), durchsetzt mit Koran-Versen. Der symbolische Führer der palästinensischen Nation sprach mit einem deutlichen ägyptischen Akzent. Seine Lippen flatterten, wenn er redete. Einigen erschien diese Kombination hoffnungslos komisch. Er zeichnete sich innerhalb der palästinensischen Nationalbewegung aus durch seine grenzenlose Energie für die Sache, „alqadhiya“, was auch als „der Fall“ übersetzt werden kann, ein Begriff, der für das Vorgehen in einem Gerichtssaal angemessen ist. Eine der Besonderheiten der Nation, die Arafat schuf, war, dass sie auf einem gärenden Groll gegründet war, statt auf irgendeiner positiven Vorstellung von der Zukunft; je schlimmer die Dinge in der Gegenwart wurden, desto stärker wurde die palästinensische Sache.

Den Diplomaten der Europäischen Union, deren Traum von der Schaffung einer neuen Art politischer Organisation, die den USA im globalen Einfluss Konkurrenz machen könnte, durch die historische Schuld des Kolonialismus und den Holocaust belastet war, war das von Arafat der Welt angebotene Bild des Juden als Unterdrücker sowohl neu als auch befreiend; Der Staat Israel würde der Andere einer utopischen neuen Weltordnung werden, die von destruktiven nationalen, religiösen und Sonderstellungs-Leidenschaften.

Vielleicht ist es der clownhafte Aspekt von Arafats Verhalten, das es den Führern Israels, der USA und Europas leicht machte zu glauben, dass Arafat ein weniger wichtiger Stammesführer war, dessen wahres Ziel es war die Empfänge mit rotem Teppich im Weißen Haus und bei anderen zivilisierten Regierungen zu genießen. Der palästinensische Führer mochte Zeit sparende Maßnahmen und konnte die genaue Anzahl der Stunden nennen, die das Rasieren alle fünf Tage, wie er es tat, dem Leben eines Mannes hinzufügen konnte. Er verbrachte seine freie Zeit damit Zeichentrickfilme im Fernsehen anzusehen. Seine Lieblingsfilme waren Road Runner, Bugs Bunny und Tom und Jerry. Arafat brauchte morgens mehr als eine Stunde um das Ende seiner Keffiye in die Form Palästinas zu bringen und an der Schulter seiner Uniform anzubringen, die seine Leibwächter ihm in Militaria-Läden der Städte kauften, die sie besuchten. Er vervollständigte sein ausgefallenes Outfit mit einer Nadel in Form eines Phönix, was den Aufstieg des palästinensischen Volks aus der Asche der Geschichte symbolisiert, dazu eine Vielfalt militärischer Ordensbänder und Dekorationen, die Zeugnis für seinen selbst verliehenen Status als „einziger ungeschlagener General des Nahen Ostens“ gaben. Hinter den Dekorationen befanden sich Reihen von Filzschreibern verschiedener Farben, denen das Hof-Geflüster entscheidende Bedeutung zuzuordnen liebte. Grüne Tinte stand für seine Berichte. Rot bedeutete, dass jemand eine bestimmte Summe Geld bekommen würde; andererseits konnte rote Tinte auch heißen, dass seine Unterschrift ignoriert werden sollte. In den Taschen seiner Jacke waren kleine, schwarze Hefte, in die er Notizen über die Gelder machte. Wenn er sich einer Summe nicht sicher war, würde er mit schwungvoller Gebärde das Heft herausziehen, eine bestimme Zahl nennen und dann das Heft zurück in die Tasche stecken. In den Heften standen die Codes, die die geheimen Bankkonten aufschlossen, zu denen nur er Zugang hatte. Als sein Privatflugzeug 1992 in der libyschen Wüste nieder ging und dreizehn Stunden lang nicht lokalisiert werden konnte, erfasste eine große und erinnernswerte Panik die PLO-Führung angesichts des Gedankens, dass die Überbleibsel des riesigen Finanzimperiums der Organisation in den Trümmern verschwunden sein könnte.

Nachdem Arafat am 11. November 2004 starb, gab es einige, die glaubten, dass das Chaos und die Gewalt, die er mit sich in die Palästinensergebiete gebracht hatte, ihm ins Grab folgen könnte und dass der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern endlich greifbar sei. Es gab andere, die das Fehlen einer klaren Todesursache in den umfangreichen Akten notierten, die das Militärhospital südlich von Paris ausgab, wo er starb. Einige seiner engsten Helfer und Berater sprachen offen von ihrer Überzeugung, dass er vergiftet worden sei. Der Vergiftung wurden Israelis, die Palästinenser, die Jordanier, die Ägypter und die CIA verdächtigt, genauso ein Team Radfahrer für den Frieden, das Arafat im September besucht hatte. Nur die Vorstellung, dass Arafat eines natürlichen Todes gestorben sein könnte, wurde als zu weit her geholt für ernsthafte Betrachtung angesehen.

Es gab auch solche unter den engen Mitarbeitern, die die Diskussion über den Tod des Alten Mannes unziemlich und ablenkend. Der Alte Mann war eine große Figur der Geschichte, glaubten sie. Es war der Alte Mann, der das palästinensische Volk aus einer Masse armseliger Flüchtlinge geschaffen hatte. Es war der Alte Mann, der die Palästinenser nach Palästina zurückgebracht hatte.

Einige Wochen nach Arafats Tod besuchte ich die Muqata, seinen Gebäudekomplex in Ramallah, der Stadt in der Westbank, die als palästinensische Hauptstadt dient. Dort fand ich Gruppen von Arbeitern Müll aus den ruinierten Gebäuden tragen, als würden sie den Bau eines Tieres ausgraben. Wie ich dort so zusah, tauchte eine Gruppe von 100 Soldaten in gleichartigen braunen Uniformen aus ihrer Kaserne auf und stand mehr oder weniger in Habt-Acht-Stellung, während sie von einem hochrangigen Offizier begutachtet wurden. Das sind die Gesichter Palästinas, dachte ich, die Gesichter der Eroberer und der Eroberten der letzten tausend Jahre – Araber mit scharfen Gesichtszügen, grimmig drein schauende Türken, hellhäutige Europäer, dunkelhäutig ägyptisch aussehende Soldaten aus Jericho und Gaza. Auf den Befehl des Offiziers hin drehten sie sich um und standen vor einem mit Geröll übersäten Feld, über dem ein Poster von Arafat in sowjetischem Mantel hing, der zum Abschied winkt. Der arabische Text auf dem Bild: „Auf dem Weg den palästinensischen Traum zu erfüllen.“ Hinter ihm die goldene Kuppel der Omar-Moschee.

Der Leibwächter

In den Wochen nach Arafats Beerdigung auf dem Parkplatz der Muqata, unterhalb einer Ehrengarde umgepflanzter Olivenbäume, entscheiden Mitglieder von Arafats innerem Zirkel einer nach dem anderen, dass es wichtig ist, dass seine Geschichte erzählt wird und entscheiden sich mit mir zu reden.

In Erwartung ihrer Gefälligkeit arrangiere ich, dass ich in einer Privatwohnung in Ostjerusalem bleiben kann, die einem Freund gehört und das sonst während des Winters leer steht. Morgens, wenn ich draußen im Regen auf ein Auto wartete, das mich mitnehmen sollte, beobachtete ich die Kinder auf dem Weg zur Schule – die Jungen hielten Händchen mit Jungen, die Mädchen im Hijab gingen in eine nahe gelegene Mädchenschule, die jüdische Möchtegern-Terroristen mit einer Bombe in die Luft zu jagen versuchten. Die Mädchen tragen den Hijab eng am Schädel, auf eine Art, dass die Haut ihrer Stirn nach hinten gezogen wird und verhindert, dass Haare darunter hervor kommen. Sie tragen auch Jeans unter ihren Röcken. Auf der anderen Straßenseite ist das Familienrestaurant Don Derma , merkwürdigerweise für „Cocktails“ wirbt und abends Eiskrem und Kaffee serviert.

Ich habe unterschiedliche Autos und Fahrer, abhängig davon welcher Tag ist und wohin ich will. Wenn ich nach Gaza will oder zu den Flüchtlingslagern, reise ich in einem weißen Land Rover mit einem Aufkleber einer internationalen Hilfsorganisation, wo drei meiner Freunde Arbeit gefunden haben. Die meisten meiner offiziellen Treffen werden für mich von örtlichen Übersetzern arrangiert, ohne die ich oft so hilflos bin wie ein Kind. Der geltende Satz für einen Übersetzer mit anständigen Kontakten ist 150 bis 200 Dollar pro Tag. N., eine Hardcore-Unterstützerin der Fatah, spricht sieben Sprachen, darunter Deutsch, Italienisch, Arabisch und Hebräisch. Sie wurde in Haifa geboren und hat einen israelischen Pass. Sie wurde mir von einem palästinensischen Funktionär in Ramallah empfohlen, der die Gelegenheit begrüßte, meine Bewegungen und Kontakte zu überwachen. N.s Loyalität zur Fatah bedeutet, dass sie Verbindungen hat, die Defizite beim Übersetzen ausgleichen; wenn sie unauffällige Päckchen an Männer weiter gibt, die aus Geschäften und Gassen in der Gegend des al-Manara-Platzes in Ramallah stürzen, entscheide ich mich, am besten den Dummen zu spielen. Ihr Lieblingsspiel ist es, an Straßensperren durch den Gegenverkehr zu fahren, wo die Soldaten ihre Gewehre anlegen und uns zum Anhalten auffordern. „Sahafia – Journalist!“, schreit sie dann und überlässt es mir, unser Anliegen zu erklären.

Eines Abends treffe ich einen von Arafats Bodyguards, Abu Helmi, in seinem gut gesicherten Apartment in Ramallah. Um den Qalandiya-Checkpoint zu erreichen müssen die Besucher durch die grässliche Betonmauer, die die äußeren arabischen Dörfer von Ostjerusalem abtrennt und dann über eine offenes Feld Geröll. Links von dem Geröll gibt es einen Verkehrsstau am Checkpoint. Nach vier Jahren Krieg bleibt der Wechsel von der einen Seite auf die andere ein gefährliches Unterfangen. Die Straße ist von Zähne fletschenden Betonblocks und Stacheldraht geteilt, deren vorgebliches Erscheinen die Tatsache Lügen straft, dass sie eine dauerhafte Einrichtung der Landschaft sind. Den Checkpoint von Jerusalem nach Ramallah zu queren, braucht etwas 30 bis 45 Minuten. Die Rückfahrt nach Jerusalem kann bis zu vier Stunden dauern. Nachdem meine Tage mit N. vorbei sind, fahre ich manchmal mit Q. wieder hinaus, einem Übersetzer, der Mitgliedern aus Arafats privater Leibgarde nache steht. Q. wuchs in Jerusalem auf und hasst die Fatah; er ist eine exzellente Quelle für Gerüchte und Klatsch. Nachts sind die Schlaglöcher schwieriger zu erkennen und die Straße stinkt nach brennendem Müll.

In der Nacht, in der Arafat beerdigt wurde, blieb Abu Helmi beim Rest der Garde des Alten Mannes, um zu sehen, wer kommen und seinen Respekt erweisen würde. Er war erstaunt, dass so wenige aus dem inneren Kreis nicht kamen.

Abu Helmi ist ein einfacher Mann mit unerschütterlicher Stammesloyalität. Seien Augen füllen sich bei der Erwähnung des Alten Mannes mit Tränen, als er uns die Fotografien aus den alten Tagen zeigt. Dreißig Pfund schwerer als auf den frühesten Fotos, aber mit demselben dunklen Haar und buschigen Schnurrbart, hat Abu Helmi eine deutliche Ähnlichkeit zu Saddam Hussein. Es war Abu Helmis Job voraus zu reisen und die Arrangements zu treffen, wenn der Alte Man fremde Länder besuchte. Als das Flugzeug des Alten Mannes in der libyschen Wüste abstürzte, erlitt Abu Helmi eine Verletzung am Rücken. Er geht steif hinüber zu einer breiten Kommode, die einige Tausend Fotografien des Alten Mannes auf Flugpisten in Mali, Uganda, den Komoren und anderen weit entfernten Orten zeigt, wo die PLO ihr Geld investierte und der Alte Mann als Staatsoberhaupt willkommen geheißen wurde. Es gibt Fotos des Alten Mannes mit Muammar Gaddafi in Tripoli und in einer Pilgerkluft in Mekka.

„Ich möchte nicht über Abu Ammar als Präsident oder Revolutionsführer sprechen; ich möchte über Abu Ammer, den Vater sprechen“, beginnt Abu Helmi und nennt den palästinensischen Führer bei einem anderen seiner bekannten Spitznamen. („Abu Ammar“, was „Vater von Ammar“ bedeutet, ist ein fossiler Beiname für „Yassir“, der sich auf einen treuen Gefährten des Propheten Mohammed bezieht.) Während er spricht, rührt Abu Helmi seinen Kaffee mit einem Zuckerlöffel, den er sanft zwischen Zeigefinger und Daumen drückt.

„Viele Jahre lang sind wir nachts aufgewacht, weil er zu uns kam um nachzusehen, ob wir auch zugedeckt waren, wenn wir schliefen oder uns ausruhten“, sagt Abu Helmi. „Während des Essens, wenn keine Gäste da waren, aßen wir immer gemeinsam. Er bestand immer darauf uns Essen zu geben, es zu unter uns zu verteilen, es uns zu schneiden und sagte: Esst, esst. Wenn er wegen jemandem wirklich glücklich war, bestand er darauf, dass er ihm das Essen vom Teller in den Mund führte. Er hielt uns immer zur Geduld an und sagte uns: Geduld wird nicht in Zeit gemessen.

Er bemerkte immer sehr kleine Details – selbst, wenn sich jemand an dem Tag nicht rasiert hatte, bemerkte er das und sagte: Warum hast du dich nicht rasiert? Er bestand darauf, dass wir Krawatten tragen und dass wir gut aussehen und dass wir der Welt als das erscheinen, was wir sind, als zivilisierte Leute.“

„Mochte es Abu Ammar, dass die Leute in seiner Umgebung verschwenderisch ausgestattet waren, obwohl sein eigenes Leben so bescheiden war?“, frage ich.

„Er war sehr zufrieden“, antwortet Abu Helmi. „Ihm machte das nie etwas aus. Er pflegte zu sagen: Diese Leute verdienen es zu leben – sie sollten ihr Leben genießen.“

„Erinnerte er sich an Fehler, die lange zurücklagen?“, frage ich.

„Er vergisst nicht. Nicht das Richtige und nicht das Falsche. Uns verweigerte er nie etwas. Einmal sollte meine Nichte, die Tochter unseres Märtyrers, meines Bruders, heiraten und ich ging hinein um die Erlaubnis zu bekommen an dieser Hochzeit in Jordanien teilzunehmen und Abu Ammar stimmte sofort zu und er bestand darauf, dass ich ein goldenes Geschenk mitnahm. Wann immer es eine Feier oder Hochzeit gab und wir ihn offiziell einluden, schickte er Glückwünsche.“

Abu Helmis jüngster Sohn, der fließen Englisch spricht und vom Hals abwärts gelähmt ist, wird durch das Wohnzimmer getragen und in ein Krankenhaus-Bett gelegt, wo er die Unterhaltung hören kann. Abu Helmis Tochter bringt mehr Kaffee aus der Küche.

Abu Ammar begann seinen Tag um 9 Uhr morgens bis halb zwei mittags“, sagt Abu Helmi und wischt etwas Kaffee aus seinem schwarzen Schnurrbart. „Halb zwei war die Zeit für seinen Mittagsschlaf, Mittagessen ging bis halb fünf. Dann ging es weiter bis spät in die Nacht. Wann immer er für die Morgengebete aufwachte, das war gegen halb vier morgens, kam er raus um nach uns zu sehen und zu schauen, was los war. ‚Muss ich irgendjemanden anrufen?’ Er hatte stets die Übersicht über seine Arbeit. Jede Frage oder Anforderung, die die Hand von Abu Ammar erreicht – sie muss sofort gelöst werden.“

Nachdem die Israelis die Muqata während der Operation Schutzschild 2002 angriffen, legte der Alte Mann Sandsäcke in die Fenster, weil er Angst hatte, er würde von israelischen Scharfschützen erschossen. Er erklärte sich selbst für belagert und weigerte sich, die Muqata zu verlassen, bis zu seiner letzten Krankheit im Oktober 2004. An sonnigen Nachmittagen stellte er einen Stuhl in den Luftzug zwischen den Ruinen des Hauptgebäudes des Komplexes, einem ehemaligen britischen Gefängnis, und dem modernen Bürogebäude nebenan. Hier telefonierte er mit seinem Handy und las die Telegramme der Außenminister Europas, der afrikanischen Staatsoberhäupter und anderer Würdenträger, die ihre Solidarität mit der palästinensischen Sache bekundeten, deren sorgfältige Aktivierung auf seiner präsidialen Internetseite erhalten sind. „Nahnu la al-hunud al-humr“ [Wir sind nicht wie die roten Indianer], erklärte er oft den Reportern, die kamen um ihn zu sehen. An ruhigen Nachmittagen saß er gerne mit seinen Wachleuten außerhalb der Muqata.

„Wir waren immer um ihn versammelt“, erinnert sich Abu Helmi. „Manchmal brachten wir Früchte mit und schälten sie für ihn oder machten Zuhause Kekse. Er fragte dann: ‚Woher bringt ihr das mit?’ und wir sagten: ‚Wir machten sie Zuhause, das ist billiger als sie auf dem Markt zu kaufen.’ Er sagte: ‚Schaut euch diesen Kerl an, schaut, wie er angezogen ist.’ Er sagte immer, wenn er Schokolade sah: ‚Das sind zu viele Kalorien’ oder ‚zu viel Fett’.“

Was fühlte Abu Ammar zu Yitzhak Rabin?

„Er liebte ihn“, sagt Abu Helmi mit aller offensichtlichen Ernsthaftigkeit. „Wenn ich Rabin erwähnte, sagte ich: Möge Gott seine Seele segnen. Das bedeutet großen Respekt und große Zuneigung.“

„Erinnern Sie sich, was Abu Ammar zu den israelischen Führern empfand, die Rabin folgten – Peres und Netanyahu und Barak?“

Bei dieser Frage lacht Abu Helmi und macht eine scharfe, schneidende Geste mit seiner Hand.

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